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24.3.2019

Heinrich Seidel – Ingenieur und Schriftsteller

von Thomas Schleißing Niggemann

Am 27. Oktober liest Thomas Schleissing-Niggemann aus Seidels Werk:

Haus Morgenland,
Finckensteinallee 23-27,
19.30 Uhr


Gedenktafel in der Boothstraße


Anhalter Bahnhof, Hallendachkonstruktion

"1. Dem Ingenieur ist nichts zu schwere:
Er lacht und spricht: Wenn dieses nicht, so geht doch das!
Er überbrückt die Flüsse und die Meere,
Die Berge unverfroren zu durchbohren ist ihm Spaß.v Er türmt die Bögen in die Luft,
Er wühlt als Maulwurf in der Gruft!
Kein Hindernis ist ihm zu groß –
Er geht drauf los! –

2. Er macht den Riesen sich zum Knechte,
Des wilder Mut, durch Feuersglut aus Wasserflut befreit,
Zum Segen wird dem menschlichen Geschlechte, –
Und ruhlos schafft mit Riesenkraft am Werk der neuen Zeit.
Er fängt den Blitz und schickt ihn fort
Mit schnellem Wort von Ort zu Ort,
Von Pol zu Pol am Eisenstrick
Im Augenblick!

3. Was heut sich regt mit hunderttausend Rädern
Und Schätze gräbt und Stoffe webt und hastet weit und breit,
Was sich bewegt mit Riemen und mit Federn
Und Lasten hebt, in Lüften schwebt und stampft und dampft und speit,
Was durch die Länder donnernd saust
Und durch die fernen Länder braust,
Das alles schafft und noch viel mehr
Der Ingenieur!

4. Die Ingenieure sollen leben!
In ihnen kreist der wahre Geist der allerneusten Zeit!
Dem Fortschritt ist ihr Herz ergeben,
Dem Frieden ist hienieden ihre Kraft und Zeit geweiht!
Der Arbeit Segen fort und fort,
Ihn breitet aus von Ort zu Ort,
Von Land zu Land, von Meer zu Meer –
Der Ingenieur."

Dennoch hat Heinrich Seidel seinen Ingenieurberuf an den Nagel gehängt und sich ganz der Schriftstellerei gewidmet.

1880 war er ein höchst erfolgreicher Konstrukteur bei verschiedenen Bahngesellschaften: Er schuf eine hydraulische Lokomotiv-Schiebebühne in der Berlin-Potsdamer Bahnhofshalle, wofür es kein Vorbild gab und das Hallendach des Anhalter Bahnhofs mit einer Spannweite von 62,5 Metern – breiter als "Unter den Linden".

Mit seinen 38 Jahren wollte er sich nun ganz der Poesie widmen.

Er rechtfertigte das gegenüber Theodor Storm: Er habe kein Abschlussexamen, solches aber werde heutzutage gefragt

"Dies nachzuholen, war ich zu alt. So wäre mir nur übrig geblieben unter Baumeistern, denen ich an Wissen und Können weit überlegen war, gegen geringes Gehalt weiter zu arbeiten in einer Stellung, welche meinen Fähigkeiten nicht im geringsten entsprach, oder selbständiger Civilingenieur zu werden und dies wollte ich nicht, denn dann hieß es aufzugehen in dem Beruf und mit der freien Zeit und mit der Poesie war es vorbei."

Und Storm stand den Dichtungen Seidels zwar wohlwollend, aber durchaus nicht unkritisch gegenüber.

"Sie vermögen den Leser leicht in die entsprechende Stimmung zu versetzen; aber dabei bleibt es meistens, es fehlt Ihnen die Erfindungsgabe, es fehlt der Conflict in ihren Sachen, oder wo ein Ansatz davon da ist, fehlt die Lösung und es verläuft im Sand."

Heinrich Seidel wurde 1842 in dem kleinen mecklenburgischen Städtchen Perlin geboren, er erlebte dort eine unbeschwerte Kindheit. Der Pfarrersohn lernte früh lesen und verschlang alles, was ihm in den Weg kam.

Nach dem Umzug nach Schwerin, sein Vater wurde als erster Prediger an die Nikolaikirche berufen, besuchte Heinrich das Gymnasium – ohne großen Erfolg. Deutsche Aufsätze, Sport, die Naturwissenschaften fielen ihm leicht, aber auf die kam es nicht an: Latein und Griechisch galten als die wichtigsten Fächer. Da versagte er kläglich. "Seidel, wann gehen Sie ab?" fragte man ihn ständig.

Wer das Gymnasium verließ, ging gemeinhin zur Steuer oder Post, allein Seidel wollte Maschinenbauer werden, und nach einer Lehre in einer Lokomotiv-Werkstatt studierte er in Hannover ab 1860 auf dem Polytechnikum. Nach dem Tod des Vaters konnte die Familie das Geld für sein Studium nicht mehr aufbringen. Heinrich Seidel arbeitete in einer Maschinenfabrik in Güstrow.

1866 fand man einen Weg, den Sohn doch weiter zu unterstützen und er schloss sein Studium an der Gewerbeakademie in Berlin ab.

Weit wichtiger als die Arbeit war ihm jedoch die Literatur – er schloss sich dem literarischen Sonntagsverein "Tunnel über der Spree" an und veröffentlichte erste Texte: Vorstadtgeschichten und Geschichten aus der Heimat. Mit "Leberecht Hühnchen" – den idyllischen Geschichten über einen liebenswerten Kleinbürger erreichte er den literarischen Durchbruch.

Während Gerhart Hauptmann das Elend des Jahrhunderts mit seinen "Webern" auf die Bühne bringt, beschreibt Seidel die kleinen Freuden des Alltags.

Der renommierte Cotta-Verlag bringt Seidel heraus: Seine Lebenserinnerungen "Von Perlin nach Berlin" und den stark autobiographischen Roman "Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande".

Das Wagnis, das Seidel einging, als er vom sicheren Brotberuf Ingenieur in das Leben eines freien Schriftstellers wechselte, schien geglückt.

Allein er übernahm sich finanziell, als er sich ein Haus in der Villensiedlung Groß-Lichterfelde in der Boothstraße kaufte (Nr.29, dort wo heute ein Pflegeheim steht).

Wiederholt musste er seinen Verleger um Vorschuss bitten, seine Frau konnte er nicht beruhigen.

1902 erhielt Heinrich Seidel die Ehrendoktorwürde der Universität Rostock.

In der Begründung heißt es: "Sie haben das heimlich stille Glück auch im Getriebe der Großstadt und der Berufsarbeit festzuhalten gewusst und aus dem Nährboden Ihrer Heimat die Kraft der Dichtung gewonnen, sie vertreten unser Mecklenburg in ehrenvoller Weise unter den deutschen Schriftstellern."

Ende Oktober 1906 musste er sich einer Operation wegen Magenkrebs unterziehen, er starb am 7. November.

Das Ehrengrab von Heinrich Seidel befindet sich an der Westmauer des Friedhofs Lichterfelde in der Moltkestraße 42.

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