Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Gedanken zum Monatsspruch

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"Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt…"

So beginnt Josef Roths wohl bekanntester Roman "Hiob", der 1930 erschien, wenige Jahre bevor die damalige Welt in Leid und Zerstörung versank. Der Roman erzählt die Geschichte des Dorfschullehrers Mendel Singer, der in Ostgalizien ein bescheidenes Leben führte, bis ihn Unglück auf Unglück traf.

Die Vorlage für diese bewegende Geschichte bildet das biblische Buch "Hiob" aus dem Alten Testament. Schmerz und Trauer haben sich in das Leben Hiobs hineingefressen. Einst war er ein wohlhabender Mann. Aber er verlor seinen gesamten Besitz, viele seiner Bediensteten sind gestorben. Und als ob dies nicht genug sei, verlor er auch noch seine Kinder bei einem schrecklichen Unglück. Nun ist er selbst krank, über und über mit Geschwüren übersät.

Er kann nicht mehr weiter. "Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin", so bricht es aus ihm heraus. Es ist wohl nur zu verständlich, dass Hiob, der so viel Leid und Unglück in seinem Leben erfahren hat, nach Gerechtigkeit zu Gott schreit.

Was Hiob noch geblieben ist, das sind seine Freunde. Sie kommen zu ihm, wollen ihn trösten. Und dann sagt sein Freund Elifas mitten in Hiobs Verzweiflung hinein diesen Satz: "Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?" Und wenig später fügt er noch hinzu: "Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist." Nach Elifas Meinung ist Hiob selbst schuld an dem Unglück, das ihn getroffen hat. Krankheit, Verlust der Kinder und des Eigentums ” all das sind nach seiner Auffassung eine Strafe Gottes oder Zeichen mangelnden Glaubens. Hiob soll sich selbst prüfen und entdecken, wo er etwas falsch gemacht hat. Im Moment des tiefsten Leids ein solcher Satz. Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr!

"Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?", so ein allgemein gesprochener Gedanke, den auch Hiob kennt, lädt zum Philosophieren ein. Wer aber ” wie Hiob knietief im Leid steckt ” der braucht solche Sätze nicht, denn diese Worte trösten nicht, sondern sie belasten.

Irgendwann wird es auch Hiob zu viel; er empfindet die Worte des Freundes als anmaßendes Richten. Der an Gott glaubende Hiob kennt nur Gott als den gerechten Richter. Deshalb antwortet Hiob dem ihm tröstenden Freund und weist ihn zu recht: "Von dieser Art habe ich genug gehört! Nur Last ist euer Trost für mich, nicht Hilfe! Machst du nun endlich Schluss mit dem Gerede?" (Hiob 16, 1-3)

Was aber ist dann zu tun? ” Hiob verweist auf das Schweigen und ermahnt zum Schweigen.

Das gute alte Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wo hätte es einen tieferen Sinn, als an diesen "guten Freund" Elifas gerichtet.

Manchmal kann es beim Besuch eines von Leid getroffenen und in Trauer gefangenen Menschen angebrachter sein zu schweigen, um so zu zeigen: "Ich trage dein Leiden ein Stück mit Dir, ich bin bei dir und stehe an deiner Seite, du bist nicht allein".

Gewiss, es gibt Situationen und Abschnitte, da ist schwer Gottes Wege mit uns zu verstehen. Wer hätte das besser wissen können als Hiob. Und wenn es uns schlecht geht, brauchen wir Menschen, die uns den Blick auf einen liebevollen Gott offen halten, die nicht beschuldigen und vorschnelle Antworten geben. Sie sollen zuhören, solidarisch sein, uns mit unserem Leid und der Trauer annehmen. Vielleicht können wir gerade nicht verstehen, wieso und warum die Dinge so und nicht anders sind. Aber die Frage nach der Schuld dürfen wir getrost in solchen Augenblicken außen vor lassen und dem überlassen, an dessen Gerechtigkeit Hiob nie wirklich zweifelte.

Die Tage werden nun wieder kürzer, die Gedanken hier und da vielleicht auch wieder schwermutiger. Die vor uns liegende Zeit lädt auch ein, mal wieder ein Buch zu lesen. Warum nicht Joseph Roths Roman "Hiob" oder auch das Original aus der Bibel? Es lohnt sich, weiter zu lesen und nachzudenken, wie Gott auf das Gerede der Freunde Hiobs reagiert und was Gott tut.

Pfarrer Michael Busch

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