Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.9.2019

Geiz ist geil!?
Die vermeintliche Wiederkehr eines Lasters als Tugend

von Lutz Poetter


Bruegel d. Ä., Pieter: Ausschnitt aus der Zeichnung zur "Lasterfolge": Geiz (Avaritia)

Philarguria, avaritia, git – nur mit Abscheu ist in den alten Sprachen vom Geiz, von der Habgier die Rede. Er fehlt in keinem Lasterkatalog der griechisch-römischen Antike, der biblischen Bücher und der frühen christlichen Ethik bis zum Mittelalter. Als zweites der sieben Hauptlaster gilt der Geiz als Wurzel der Todsünde.

Warnung vor Geiz und Habsucht

Als Mose in der Wüste am Gottesberg die Streitfälle des Volkes ganz alleine schlichtete und dabei müde wurde, empfahl ihm sein Schwiegervater Jethro, doch mehrere geeignete Richter einzusetzen. Wie mussten die sein? "Sieh dich um nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig und dem Geiz feind sind!"

Auch in der Zeit der Ansiedlung im Lande Kanaan hatte immer ein Richter die Führungsposition. Der letzte Aufrechte seiner Art war Samuel. Seine Söhne wurden auch Richter, aber sie waren habgierig und deshalb korrupt: "Aber seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen, sondern neigten sich zum Geiz, nahmen Geschenke und beugten das Recht."

In der Königszeit hörten die Propheten nicht auf, das Volk Gottes und besonders seine Elite vor dem Geiz zu warnen und Habsucht und Raffgier anzuprangern. Jesaja empört sich über die Reichen, die Arme, Witwen und Waisen um ihren Besitz bringen. Er lässt Gott selber sprechen: "Ich war zornig über die Sünde ihrer Habgier, ich schlug sie, verbarg mich und zürnte. Aber sie gingen treulos die Wege ihres Herzens." Ähnlich kritische Worte über den Geiz finden wir auch bei den Propheten Jeremia und Hesekiel. Johannes der Täufer forderte die Ausbeuter und Geldgierigen zur Umkehr auf. Auch Jesus warnte vor dem Geiz: "Hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat." Jesus fand viele Nachfolger, die mit ihm auf den Weg waren. Auch ein junger Mann war interessiert. Als er von Jesus erfuhr, dass er zuvor seinen gesamten Besitz an die Armen verschenken sollte, ging er traurig weg. Der junge Mann war sehr reich. Und er hatte sein Herz an den Reichtum gehängt. "Eher passt ein Kamel durch das Nadelöhr, die kleine Luke neben dem Stadttor, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt", sagte Jesus.

Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb

Was ist das positive Gegenstück zum Geizigen? Gott erwartet von seinen Menschenkindern Großzügigkeit. Wahrer Reichtum erweist sich im Geben, im Teilen. Wer sich vom barmherzigen Gott mit vielen guten Gaben beschenkt sieht, der kann auch abgeben. In der Bergpredigt proklamierte Jesus von Nazareth ein neues Leben in der Freiheit der Kinder Gottes: "Macht euch keine Sorgen, denn euer himmlischer Vater sorgt für euch!" Das neue Leben erweist sich in der Weite des Herzens und an der zum Geben geöffneten Hand. Sorgen, Raffen und Gieren aber richten sich gegen die Barmherzigkeit und Güte Gottes und sind Götzendienst. Man kann laut Jesus nicht gleichzeitig dem lebendigen Gott dienen und dem Gott des Geldes, Mammon.

Geizige sind krank

Auch in der weltlichen Literatur finden wir den Geiz als böse, abartige Krankheit dargestellt. Geizhälse und Geizkragen sind tragikomische Figuren, die sich und andere an ihrer knauserigen Missgunst leiden lassen. Sie gönnen anderen nichts und sind dabei einsam und unzufrieden.

Pantalone stolzierte mit seinen roten Strumpfhosen und der Schnabelmaske als reicher alter Kaufmann umher und machte sich überall zum Verlierer. Ebenezer Scrooge wurde von Charles Dickens als bösartiger Menschenfeind und übler Geizhals stilisiert.

William Shakespeare ließ seinen Geizhals Shylock auftreten, einen engherzigen venezianischen Kaufmann. Jean Baptiste Molière beschrieb mit seiner Romanfigur Harpagon l‘avare – den Geizigen.

Walt Disney schließlich bescherte uns den notorisch Geizigen als Comicfigur: Der Kapitalist Dagobert Duck verfügt über einen Geldspeicher voller Goldstücke in Entenhausen. Für seinen ständig klammen Neffen Donald und die übrige Verwandtschaft hat er allerdings nie einen einzigen Taler übrig.

Geiz ist geil

2003 startete die Elektronikhandelskette Saturn mit diesem Slogan eine erfolgreiche Werbekampagne. Scheinbar sollte extreme Sparsamkeit nun geadelt und obendrein noch reich belohnt werden. Es hagelte von nun an werbewirksam Sonderangebote und Superrabatte. Alles wurde angeblich billig, beinahe kostenlos verramscht. Aus Kunden wurden geile Geizhälse, ein Heer von Schnäppchenjägern triumphierte scheinbar über die Händler, die ja bei kleinsten Preisen quasi ausgeplündert wurden. Eine Frauenstimme jubilierte in höchsten Tönen: "Jetzt kann sich jeder alles leisten!"

Schnell stellt sich Ernüchterung ein. Schnäppchen, Sonderangebote, Restposten und Auslaufmodelle – kaum erworben, sind sie schon veraltet und überholt von frischem Nachschub aus der Unterhaltungsindustrie. Der Preisverfall geht rapide weiter, schon nach einer Saison will niemand mehr ein "altes Modell" haben. Also muss man wieder auf die Jagd gehen, eine neue Beute muss her... Der Werbetrick hatte in Wirklichkeit nichts mit Geiz, sondern mit der Ankurbelung von Konsum zu tun. Die Kunden haben es irgendwann begriffen. Dann haben ja auch die Erfinder des Slogans reagiert und ihn geändert.

Wertig

Wo bleibt der Wert einer Ware, eines Gebrauchsgegenstandes, wenn nur der kleinste Preis zählt? Wie berechnet sich eigentlich der Gebrauchswert für den Nutzer und Besitzer? Sind eine Kamera oder ein Fernsehgerät wirklich "veraltet", wenn nach einigen Monaten neue Modelle auf dem Markt erscheinen? Und muss dann sofort neu kaufen?

Wenn Geiz zum Antrieb des Konsums wird, dann werden wir kopflos und atemlos. Die Fülle der Angebote in den Kaufhallen und Warenpalästen ist gewaltig. Geiz und Habsucht jagen uns da durch und machen uns arm.

Früher war das anders. Meine Großeltern haben bei ihrer Hochzeit 1926 ihre Wohnungseinrichtung gekauft: Eichenmöbel von höchster Qualität, hervorragend verarbeitet sollten sie ein Leben lang halten. Sie wurden dann weitervererbt wie die goldene Uhr des Urgroßvaters. Teure Möbel waren für meine Großeltern preiswert, man brauchte sie ja nur einmal zu erwerben. "Wer billig kauft, der kauft zweimal", höre ich meinen Großvater sagen. Aber er ist schon lange tot und seine Zeit ist mit ihm vergangen. Die Gegenwart gehört dem Geiz und den billigen Schnäppchen. Aber jeder große Trend erzeugt auch gegenläufige Strömungen.

Und wirklich tauchten am Rand des Marktes und der großen Handelsketten wieder kleinere Spezialgeschäfte auf, die langlebige Artikel in höchster Qualität und zeitlosem Design anbieten – gegen den allgemeinen Trend des schnellen Veraltens. Selbst ein großer deutscher Automobilbauer wirbt wieder anders für seine Limousine: Sie ist nicht billig, sondern wertig. Damit man als Besitzer und Benutzer lange Freude an diesen Dingen hat und sie einem vertraut werden können im Umgang. Freude und Geiz vertragen sich übrigens nicht. Geiz ist ein Feind der Freude.

Das wünsche ich mir als Käufer und Konsument: Ich möchte mit meinen Bedürfnissen ernst genommen und nicht für dumm verkauft werden. Ich möchte bei der Werbung um mich als Kunden Tugenden und Werte erleben. Es soll um Freude, um Genuss, um gute Qualität und echte Nachhaltigkeit gehen. Keiner soll an meine niederen Triebe wie Geiz und Habsucht appellieren und sich davon einen Verkauferfolg versprechen.

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