ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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16.1.2019

Flüchtlinge als Vorboten gesellschaftlicher Veränderungen
25 Jahre PRO ASYL

Dr. Jürgen Micksch

Seit der Gründung von PRO ASYL im September 1986 hat sich das Bild von Flüchtlingen geändert.

Damals kamen viele aus dem Osten und stellten Asylanträge in Deutschland. Heute kommen sie häufig aus südlichen Ländern. Flüchtlinge sind Botschafter von politischen, kulturellen oder sozialen Umbrüchen. Damals spürten die Menschen, dass sie in kommunistischen politischen und gesellschaftlichen Systemen keine Zukunft haben. Die Flüchtlinge waren Vorboten für den bevorstehenden Zusammenbruch kommunistischer Staaten. Sie wollten Freiheit und Demokratie und wurden deshalb verfolgt. Sie flüchteten vor sozialistischen Diktaturen oder den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien. Tausende Flüchtlinge aus der damaligen DDR suchten Zuflucht in der westdeutschen Botschaft in Ungarn. Und genau der dadurch entstandene politische Druck hat entscheidend dazu beigetragen, dass die DDR später zusammenbrach. Flüchtlinge haben zu Innovationen beigetragen.

Gegenwärtig sieht viel danach aus, dass wir eine Zeit mit ähnlichen Umbrüchen erleben. Viele islamisch geprägte Länder werden durch Militärdiktaturen beherrscht. Die Menschen werden dort seit Jahrzehnten unterdrückt und gedemütigt. Die Systeme sind korrupt, undemokratisch und ohne Meinungsfreiheit. Insbesondere die junge Generation stellt sich dem entgegen. In immer mehr arabischen Ländern gibt es demokratische Revolutionen. Die Menschen wollen in Würde, Freiheit und demokratischen Verhältnissen leben.

Sie wollen weder durch Diktatoren noch durch religiöse Führer in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Insbesondere die Menschen in Staaten um das Mittelmeer kommen uns dadurch näher – sie fühlen sich den auch in Europa verbreiteten Werten verbunden. Junge Menschen wollen in säkularen Gesellschaften leben.

Die europäischen Staaten sind auf diesen Umbruch ebenso wenig vorbereitet wie die Diktatoren selbst. Man glaubt, mit den Staaten auf dem Weg zur Demokratie im Grunde umgehen zu können wie zuvor: Sie sollen sich an der Flucht- und Migrationsverhinderung beteiligen und Rohstoffe liefern. Dies ist eine gewaltige Unterschätzung der historischen Wende, die dieses Jahrhundert prägen könnte: Die Aufstände in der arabischen Welt können einmal die gleiche Rolle spielen, wie die Französische Revolution für Mitteleuropa.

Angesichts der damit verbundenen Auseinandersetzungen flüchten Menschen aus ihrer Heimat. Sie suchen zuerst Zuflucht in den Nachbarstaaten – die arabischen Länder tragen die Hauptlast für diese Flüchtlinge und Migranten. Manche von ihnen kommen auch nach Europa – und da vor allem in südliche Staaten. Wenn Europa eine Wertegemeinschaft ist, dann müssen wir uns für diese Menschen engagieren. Wir haben der Stimmungsmache entgegen zu wirken, die bei manchen Politikern gegenüber Arabern und Muslimen zu beobachten ist. Diese Flüchtlinge und Migranten sind Vorboten gesellschaftlicher Veränderungen. Wir sollten sie unterstützen und uns als Europäer für sie einsetzen.

Europa muss nach jahrzehntelanger Kumpanei mit Diktatoren alles dafür tun, dass dort stabile demokratische und freiheitliche Strukturen entstehen können. Zu unseren eigenen demokratischen Strukturen gehört das unverbrüchliche Eintreten für den Flüchtlingsschutz und die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen. Das Hin- und Herschieben der Verantwortung für Flüchtlinge zwischen den EU-Staaten muss zugunsten einer solidarischen Teilung der Verantwortung beendet werden.

Die europäischen Staaten haben sich beim Kampf um die Demokratie und die Menschenrechte zu engagieren. Auch für PRO ASYL entstehen dadurch 25 Jahre nach der Gründung neue Herausforderungen. Durch die Arbeitsgemeinschaft PRO ASYL, den Förderverein PRO ASYL mit über 14.000 Mitgliedern und die vielen Förderer sowie die STIFUNG PRO ASYL haben wir heute ein hilfreiches Instrumentarium, mit dem wir uns diesen Aufgaben widmen können.

Dr. Jürgen Micksch,
Vorsitzender von PRO ASYL