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27.3.2019

Damals war's: Wie ich den Bau der Berliner Mauer erlebte
Sonderbeitrag zum 50. Jahrestag des Berliner Mauerbaus

Peter Ulrich, Jg. 1936 Berlin, Lichterfelde Süd


Foto: www.Lichterfelde-Süd.de

"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!" tönte Walter Ulbricht im Juni 1961 auf einer Pressekonferenz, als er von einer westdeutschen Journalistin darauf angesprochen wurde. Ihm sei nicht bekannt, dass eine solche Absicht bestehe, die Bauarbeiter der DDR seien mit Wohnungsbau beschäftigt, und dafür werde ihre Arbeitskraft voll eingesetzt. Diese Ausführungen schienen aber gerade das Gegenteil zu beweisen, denn die Zahlen der Flüchtlinge, die sich damals schon jahrelang aus der DDR nach Westberlin oder Westdeutschland wälzten, hatten inzwischen Rekordhöhen erreicht. Irgendetwas über eine bevorstehende Schließung der Grenzen muss also schon durchgesickert sein, und dass die SED-Führung den anhaltenden Exodus auf Dauer tatenlos hinnehmen würde, war kaum zu erwarten. Hauptsache, erst einmal dementieren! Doch die Geheimhaltung klappte bis zum 12. August so vorzüglich, wie das eben nur im totalitären System möglich ist. Und in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961, eines Sonntags, war die ganze westliche Welt – und die östliche nicht minder – völlig geschockt. (Alle geschilderten Situationen authentisch!)

"Wisst ihr schon das Neuste? Die Grenze ist zu!" Mit diesen Worten überraschte uns die Mutter am Sonntagmorgen. "Eben habe ich es auch in den Nachrichten gehört. Seht mal aus dem Fenster, was vorn an der Ecke los ist!"

Mein Bruder und ich fuhren wie von der Tarantel gestochen aus den Betten; auch unser Vater war gerade erst aufgestanden. Als Bewohner der Schwelmer Straße waren wir unmittelbare Grenzanwohner, und so bekamen wir das aktuelle Geschehen gleich aus erster Hand mit. Wir blickten zur Straße hinaus und bemerkten an der Ecke Ostpreußendamm eine größere, erregt diskutierende Menschenmenge, die in Richtung Teltow-Seehof hinüber schaute. Vereinzelt wurden Fäuste geschwungen und zornige Verwünschungen nach "drüben" gesandt.

Als wir zur Hofseite hinaus sahen, bot sich uns ein erschreckendes Bild. Direkt hinter dem Gartenzaun, fast unmittelbar unter unserem Fenster, tummelte sich ein unglaubliches Aufgebot von Uniformierten und Arbeitern. Stacheldraht wurde ausgerollt, neue Pfosten eingeschlagen, ein Stück weiter wurden "Spanische Reiter" in den Boden gerammt, und im Hintergrund stand eine Reihe von Lastwagen und Armeefahrzeugen. Letztere dienten vermutlich zur Bewachung. Wenn die Lastwagen entladen waren, fuhren sie weg, und dafür kamen wieder andere, die neues Sperrmaterial brachten. Laute Stimmen erfüllten das ganze Terrain, Befehle, Anordnungen und zum Teil recht barsche Worte flogen hin und her.

Unser Hof bildete hier nur einen relativ schmalen Streifen, dessen hintere Begrenzung bereits mit der DDR-Grenze identisch war. Halb rechts auf der Philipp-Müller-Allee, jedoch in wesentlich größerem Abstand als auf westlicher Seite, bemerkte man ebenfalls eine Anzahl von Menschen hinter einer provisorischen Absperrung; auch sie schauten herüber, durften aber nicht näher an den Grenzverlauf heran.

Wir alle waren maßlos entrüs-tet, aber es blieb uns nichts anderes übrig, als in ohnmächtigem Zorn zuzusehen, was sich direkt vor unseren Augen abspielte. "Haben denn die überhaupt das Recht dazu, hier alles dichtzumachen?" rief mein Bruder wutentbrannt aus.

"Ach, wer fragt danach!" entgegnete Vater. "Macht geht vor Recht! Wenn etwas befohlen wird, dann wird es durchgesetzt, ob es uns passt oder nicht. Das ist in allen Diktaturen so!" Ein Gefühl von Resignation machte sich breit.

Später gingen wir ebenfalls alle hinunter, reihten uns in die immer größer werdende Ansammlung ein, diskutierten mit Nachbarn und Bekannten und erörterten die Lage. Ziemlich weit vorn, in unmittelbarer Nähe der Grenzlinie, bemerkten wir einen jüngeren Mann, der laut rufend hinüberwinkte. Und drüben, vielleicht hundert oder hundertfünfzig Meter entfernt, sah man die andere "östliche" Gruppe, aus der eine einzelne ältere Frau zurückwinkte und auch etwas rief, was aber nicht genau zu verstehen war.

Da legte der Mann die hohlen Hände an den Mund und rief mit kräftiger Stimme: "Dein Brief ist angekommen!" Und zu uns gewandt fügte er hinzu: "Sehen Sie die Frau dahinten? Das ist meine Mutter. Ich bin schon vor Jahren aus der Zone geflüchtet, aber sie ist dage-blieben. Zurück konnte ich seitdem nicht mehr – und jetzt darf sie auch nicht mehr hierher..." Dann versagte ihm die Stimme, und er wandte sich schnell ab.

Die Leute "drüben" erschienen uns in diesem Augenblick wie Gefangene, die nur gerade mal ans Gitter kommen durften; ansonsten waren alle persönlichen Kontakte verboten. Am Straßenrand hatten die bewaffneten Posten noch ein kleines Schlupfloch gelassen; wir sahen verschiedentlich DDR-Bürger, die wahrscheinlich die Nacht bei Verwandten im Westen verbracht hatten und nun zurückkehrten. Manche werden vielleicht diese letzte Gelegenheit wahrgenommen haben und gleich im Westen geblieben sein ...

Straßenbahnen und Busse passierten schon seit Jahren nicht mehr die Grenze, jetzt waren auch S- und U-Bahn, die bis gestern noch durchgefahren waren unterbrochen. Auf den Grenzbahnhöfen war automatisch Endstation. Allerdings gab es einige Ausnahmen. Bei der S-Bahn aus Richtung Lehrter Bahnhof fuhren die Züge bis Friedrichstraße, und dort war dann offizieller Grenzüber- gang für Passierschein- oder Visuminhaber. Ebenso wurde die Tunnelstrecke der Nord-Südbahn weiter befahren, nur mit dem Unterschied, dass außer bei Friedrichstraße nirgends mehr gehalten wurde. Das Gleiche galt auch für die beiden nordsüdlich verlaufenden U-Bahnlinien C und D (heute U6 und U8).


Die Straßenbahn 96 fuhr von der Machnower Schleuse bis zum Bahnhof Tempelhof. Ab Oktober 1950 mussten Fahrgäste an der Stadtgrenze am Ostpreußendamm die Bahn wechseln, da Grenzüberschreitender Verkehr von der BVG eingestellt worden war. Grund dafür waren Verhaftungen von BVG-Personal durch die Volkspolizei. Foto: Heimatverein Steglitz

Am Nachmittag dieses denkwürdigen Sonntags wollte ich nicht zu Hause bleiben. Was ich bis jetzt erlebt hatte, würde sich in ähnlicher Art auch an der innerstädtischen Sektorengrenze abspielen, doch ich wollte wenigsten noch einmal durch den jetzt abgesperrten Teil unserer Stadt fahren, bevor auch das nicht mehr möglich war. Mit der "96" fuhr ich nach Tempelhof und von dort weiter mit der U-Bahn Richtung Tegel.


Foto: www.Lichterfelde-Süd.de

Die Züge waren ungewöhnlich voll; immer wieder hörte man aufgeregte Diskussionen, und jeder wollte, wenn auch vielleicht nur aus Sensationsgier, sehen, was sich seit der vergangenen Nacht tat.

Ich stellte mich gleich neben die Eingangstür und fuhr los. Auf der fünften Station leerte sich der Zug auffällig, und alles wälzte sich zu den Ausgängen. Wie bisher gewohnt, hörte man hier die Lautsprecherdurchsage: "Kochstraße! Letzter Bahnhof im Westsektor!" Nur wenige Fahrgäste befanden sich noch im Wagen; es war also reichlich Platz vorhanden, doch ich blieb dort stehen wo ich stand.

"Zurückbleiben!" hieß es, die Türen schlossen sich, und dann ging es hinein in den gefürchteten "Osten". Nächste Station war "Stadtmitte". Hier hätte man normalerweise umsteigen können in Richtung Alexan-derplatz und Pankow, aber damit war seit heute Schluss! Der weiß gekachelte, sonst helle Bahnhof zeigte sich nur noch in einem diffusen Dämmerlicht, er lag wie ausgestorben da, außer dass zwei uniformierte Posten zu erkennen waren, die im Halbdunkel neben einem verlassenen Kiosk standen. Man konnte den Eindruck haben, dass sie nicht gesehen werden wollten, doch was sie dachten oder empfanden, war für niemanden zu ergründen. Langsam glitt die helle Lichterkette des Zuges an ihnen vorüber, dann tauchten wir wieder in den finsteren Tunnel ein und nahmen etwas mehr Fahrt auf

"Französische Straße" – wiederum das gleiche Bild! Eine mehr als sparsame Notbeleuchtung erfüllte die hellbraun getünchte Station, und wieder blickten uns aus anonymen und verschwommenen Gesichtern zwei Wachposten nach.

Als man kurz darauf die Straße Unter den Linden (wo sich kein Bahnhof befand) unterquerte, dachte ich mit Bedauern daran, dass mir der Weg zur Staatsoper und zu den anderen Ostberliner Theatern nun wohl für immer versperrt war. Würde ich dort jemals wieder eine Vorstellung besuchen können?

Und dann kam Friedrichstraße. Hier hielt die Bahn zum ersten und einzigen Mal im "Osten", aber welch ein Unterschied war es zu den beiden vorigen Stationen! Von den hellgrünen Wandfliesen reflektiert erfüllte gleißendes Licht den ganzen Bahnsteig, und dieser wimmelte von Uniformierten, die sämtliche Aus-, Ein- und Umsteigenden scharf überprüften. In den Zug kamen sie jedoch nicht, und ich hütete mich, ihn zu verlassen, denn ich war ja nur "Transitreisender". Soweit ich beobachten konnte, war es draußen keinem Fahrgast möglich, unkontrolliert in den Zug zu steigen oder den Bahnhof zu verlassen, denn auch vor den Ausgangs-treppen stand in langer Kette die Volkspolizei.

Und noch etwas anderes fiel auf, was jedoch zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich war. Hielt man die Nase aus der geöffneten Wagentür, dann spürte man deutlich, dass die Luft hier anders roch als im Westen! Des Rätsels Lösung waren die Auspuffgase der Autos, deren Spuren bis herunter in die U-Bahnhöfe drangen. Wenn man daran gewöhnt war, merkte man den Geruch wahrscheinlich gar nicht mehr; passierte man aber die Grenze, egal in welche Richtung, dann war es schon unverkennbar, dass auf beiden Seiten verschiedene Arten Benzin verwendet wurden.

Nun kam "Oranienburger Tor", "Nordbahnhof" und "Stadion der Weltjugend", das damals noch "Walter Ulbricht-Stadion" hieß. Hier, kurz vor der "Ausreise" aus dem Ostteil der Stadt, wurde bisher über Lautsprecher ausgerufen: "Letzter Bahnhof im demokratischen Sektor!" Später, als die "Hauptstadt der DDR" zu etwas mehr Ansehen gekommen war und man von "Sektoren" nichts mehr wissen wollte, änderte man die Ansage und formulierte: "Letzter Bahnhof im demokratischen Berlin!" Aber auch das war mit dem heutigen Tage hinfällig geworden, da für Ein- und Ausreise nur noch ganz bestimmte Übergänge vorgesehen waren.

Jetzt kam die Station Reinickendorfer Straße, und hier im "freien Westen" füllte sich der Zug wieder mehr als während der etwa fünfzehnminütigen "Transitfahrt". Hinter Kurt-Schumacher-Platz taucht die U-Bahn empor ans Tageslicht und fährt auf einem offenen Damm über Scharnweber-, Seidel- und Holzhausener Straße, von wo sie dann das letzte Stück über Borsigwerke bis Tegel wieder in den "Keller" hinabtaucht.

Ich machte anschließend einen längeren Spaziergang durch den Tegeler Forst und am gleichnamigen See entlang; erst am späteren Nachmittag kehrte ich wieder zur U-Bahn zurück, um auf gleichem Wege die Heimfahrt anzutreten. Und wiederum empfand ich die eigentümliche Spannung, den ungewissen Reiz, durch den "gefährlichen Osten" zu fahren – obwohl ich natürlich wusste, dass dabei gar keine Gefahr bestehen konnte!

Im Laufe der folgenden Woche war mit dem Bau der ersten provisorischen Mauer begonnen worden. Von unseren Fenstern aus konnten wir täglich beob-achten, wie der "antifaschistische Schutzwall" in die Höhe wuchs. Die ersten notdürftigen Stacheldrahtverhaue hatte man teilweise wieder entfernt, doch dafür wurde oben auf der Mauerkrone durchgehend Stacheldraht gezogen. Ein breiter Streifen wurde umgepflügt und dahinter ein asphaltierter Postenweg angelegt. Später folgten Minenfelder und Selbstschussanlagen, und hinzu kam der Schießbefehl, den man dann dreißig Jahre später einfach zu leugnen versuchte. Bewohner von Seehof oder Teltow, die am ersten Tag noch herübergeschaut hatten, sah man bald nicht mehr, da das Sperrgebiet beträchtlich erweitert worden war.

Für DDR-Bürger bzw. Ostberliner war die Ausreise völlig unmöglich gemacht worden. Wie wir Westberliner behandelt werden sollten, darüber war sich das Regime offenbar noch nicht schlüssig. Zunächst hieß es, dass "friedliebende" Westberliner auch weiterhin in die "Hauptstadt der DDR" einreisen dürften. Doch die Presse warf die Frage auf, wer denn als "friedliebend" gelten konnte und wer nicht, und wie wollte man diejenigen herausfinden, die diese Eigenschaft nicht besaßen? Immerhin war es im Augenblick noch möglich, als "Wessi" nach Ostberlin zu gehen, doch es dauerte gar nicht lange, da wurde auch das rigoros unterbunden.

Als gerade noch die letzte Gelegenheit dazu bestand, machte ich mich abermals auf und fuhr mit der U-Bahn in Richtung Gesundbrunnen. Zu Fuß näherte ich mich der Bernauer Straße, die in voller Breite, also mit beiden Bürgersteigen zum "Westen" gehörte. Nur die Häuser auf der südlichen Straßenseite waren "östlich", und hier hatte man inzwischen begonnen, die Bewohner mit Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Selbst miterlebt habe ich es zwar nicht, aber gerade hier war es wiederholt vorgekommen, dass Menschen vor Verzweiflung aus dem Fenster sprangen und sich zu Tode stürzten, wenn sie das aufgespannte Sprungtuch der Feuerwehr verfehlten. Die Straßenbahnschaffnerin der Linie 2, die hier ihren Endpunkt hatte, war dieser Tage vom Fernsehen interviewt worden, und berichtete unter Tränen, dass in einem dieser Häuser ihre Schwester gewohnt habe; jetzt sei sie mit anderen Bewohnern abtransportiert worden, und niemand wisse wohin. In den Parterrewohnungen waren verschiedene Fenster bereits zugemauert; sehr bald folgten auch die oberen Stockwerke, doch schon nach wenigen Monaten ging man dazu über, all diese Häuser, die genau an der Grenzlinie standen, rücksichtslos abzureißen, um freies Schussfeld zu bekommen. Durch diese Ereignisse hatte die Bernauer Straße damals traurige Berühmtheit erlangt.

An der Brunnenstraße, die hier die "Bernauer" kreuzt und von Wedding in den Bezirk Mitte übergeht, stand bis jetzt noch keine Mauer. Dafür waren lediglich Eisenträger ins Pflaster gerammt, und ein provisorischer Stracheldrahtverhau versperrte die Durchfahrt. Nur auf einem der Bürgersteige war noch eine schmale Passage freigelassen, die ich dann im Strome der Passanten durchschritt. Wie überall, so konzentrierte sich auch hier ein großes Aufgebot von Volkspolizei und Kontrolleuren in Zivil. Ein bullig aussehender Typ in Räuberzivil trat mir in den Weg. "Bitte Ihren Ausweis!"

Ich reichte ihm meinen Westberliner Pass. Er sah kurz hinein und fragte: "Wo wollen Sie hin?" "Zur Staatsoper Unter den Linden," gab ich wahrheitsgemäß Auskunft. Er sah mich überrascht an. "Was wollen Sie denn da? Jetzt sind doch überall Theaterferien." "Ja, das stimmt schon," sagte ich. "Aber dort habe ich vor Jahren meine ersten Opern gehört. Ich wollte mir das Haus wenigsten noch einmal von außen anschauen, denn wer weiß – vielleicht kann ich es bald nicht mehr ..."

"Und sonst? Haben Sie noch weitere Ziele?" "Nein, habe ich nicht." Da er immer noch zögerte, mir den Weg freizugeben, fügte ich mit möglichst sanftmütigem Ton hinzu: "Aber es ist ja für uns nicht verboten, den demokratischen Sektor zu betreten." Das konnte er nicht bestreiten, und da er offensichtlich keine Handhabe hatte, mir den Grenzübertritt zu verwehren, brummte er nur etwas Unverständliches und gab mir den Ausweis zurück. Dann wandte er sich dem Nächsten zu.

Ich setzte meinen Weg fort und kam bis zur Invalidenstraße, in die ich rechts einbog. Es waren ungewöhnlich viele Menschen auf den Straßen; hier und da fing ich im Vorbeigehen ein paar Gesprächsfetzen auf, die sich zumeist mit der aktuellen Lage befassten. Und vor allem: Nie zuvor auch nicht danach habe ich so viel Militär gesehen; Polizei und Soldaten samt Fahrzeugen müssen aus weiten Teilen der DDR zusammengezogen und hier in Grenznähe konzentriert worden sein. Vermutlich hatte man Sorge, es könnte in der Bevölkerung zu Unruhen oder gar zu einem Aufstand kommen wie am 17. Juni 1953. Aber da die meisten dieses Datum wohl noch in zu guter Erinnerung hatten, zogen sie es vor, ruhig zu bleiben und die Faust nur in der Tasche zu ballen. Dennoch spürte man den Unmut und eine gewisse Aufgeregtheit, die über allem lag.

Ich kam am Nordbahnhof (der früher einmal Stettiner Bahnhof hieß) vorbei, schaute einer alten klapprigen Straßenbahn der Linie 46 nach und bog dann links in die Chausseestraße ein. Vor einem Hauseingang standen ein paar Leute, die sehr leise und gedämpft miteinander sprachen. Ich ging in kurzem Abstand an ihnen vorbei und wandte nur einmal den Kopf – und schlagartig verstummte die ganze Gruppe. Erschrocken starrten sie mir alle nach; ich hätte ja ein Spitzel sein können!

Dann näherte ich mich dem Bahnhof Friedrichstraße und blickte vorher noch einmal in den Hof des Metropol-Theaters, wo ich schon verschiedene Operettenvorstellungen besucht hatte. Hier werde ich wohl sobald nicht wieder herkommen können, wenn überhaupt noch jemals – darüber war ich mir klar.

Auf diesem ganzen Weg sprach mich niemand an, und ich habe es von mir aus auch vermieden. Mir lag nichts daran, als "Westler" erkannt zu werden; wer weiß, an wen man geriet, und ehe man sich versah, galt man als feindlicher Spion und wurde womöglich festgenommen! In dieser bedrückenden Atmosphäre, wo jeder jedem misstraute, wäre das gar nicht so ausgeschlossen.

Mittlerweile war ich an der Ecke Unter den Linden angelangt und sah nach der Uhr. Sollte ich wirklich noch einmal bei der Deutschen Staatsoper vorbeischauen und so quasi Abschied nehmen – wer weiß auf wie lange? Dort, wo ich meine ersten unvergesslichen Wagner-Aufführungen erlebt hatte! Aber nach einigem Bedenken verzichtete ich nun doch darauf. Abgesehen davon, dass mein Weg sich dadurch noch verlängert hätte – aber mir wurde unbehaglich zumute, und ich wollte möglichst bald aus diesem mir so feindselig gewordenen Teil unserer Stadt herauskommen. Ich ging also schnurstracks auf der Friedrichstraße weiter, und als ich dann die einst so belebte und jetzt so trostlose Leipziger Straße überquerte, sah ich in kurzer Entfernung schon wieder das mächtige Aufgebot von Uniformierten und Militärfahrzeugen, die für die "Sicherheit" an der "Staatsgrenze" sorgten.

Auf diesen letzten dreihundert Metern dachte ich daran, wie ich noch vor zwei Jahren mit meinem Vater den gleichen Weg gegangen war. Wir kamen spät abends aus der Oper und gingen zu Fuß bis zur Kochstraße, wo Vater seinen Wagen geparkt hatte. Die Mauer gab es ja noch nicht, aber mit dem Fahrzeug die Sektorengrenze passieren wollten wir auch nicht, weil wir dann unweigerlich angehalten und kontrolliert worden wären. Als Fußgänger hingegen – auch als Radfahrer – kam man (fast) immer ungehindert durch, und zwar in beiden Richtungen. Ein Doppelposten der Volkspolizei hatte genügt. Und wie einsam es damals an dieser Stelle gewesen war! Das Berliner Stadtzentrum war ja im Krieg arg zerbombt worden, und auch jetzt noch hatte es eine Menge Ruinen und Trümmerflächen gegeben. Sicher, sie waren schon weitgehend abgeräumt, aber dafür dehnten sich an vielen Stellen weite und öde Brachflächen, die gerade bei Dunkelheit wenig einladend wirkten. Das Ganze war dann bloß von ein paar matten Straßenlaternen erhellt, die die Gegend noch trostloser erscheinen ließen. Jede andere Metropole hat in ihrem Zentrum quirliges Leben, ob London, Paris, Rom oder welche auch immer. Was wir hier sahen, das war eben "Berlin bei Nacht". So machten wir damals unsere Glossen.


Foto: bundesarchiv

Ein ungehindertes Passieren – das war einmal! Ich näherte mich also wieder der Sektoren-, pardon, Staatsgrenze an der Zimmerstraße, (wo gerade der "Checkpoint Charlie" entstand) und sah, dass man hier bereits begonnen hatte, die erste provisorische Mauer hochzuziehen. Ich schlängelte mich also zusammen mit anderen Passanten durch die Gruppen von Polizei und Militär, zeigte meinen Ausweis und konnte dann, ohne gefragt zu werden, wo ich herkam, wieder in den "freien Westen" übertreten.

Mit der Zimmerstraße verhielt es sich hier ähnlich wie mit der "Bernauer", bloß umgekehrt. Die gesamte Straßenbreite gehörte zum "Osten", lediglich die Häuser auf ihrer Südseite waren "westlich". Und da man den Leuten hier nicht einfach Haustüren und Fenster vermauern konnte, hat man "großzügigerweise" einen Teil des Bürgersteigs freigelassen, damit die Bewohner wenigstens noch einen Zugang zu ihren Häusern hatten. Ich schlenderte nun ein Stück die Zimmerstraße entlang und blieb in der Nähe einer kleinen Gruppe stehen, die in den anderen Teil der Stadt hinüberschaute. Ein Mann aber hatte sich unmittelbar vor die Mauer gestellt, die gerade nur bis zur Schulterhöhe eines Erwachsenen reichte, und hielt lässig die Hände in den Taschen.

Da näherten sich von links her aus Richtung Wilhelmstraße zwei Grenzposten, ein älterer und ein jüngerer. Wir sahen nur ihre Köpfe über der Mauerkrone entlangwandern, dann pflanzten die beiden sich genau dort auf, wo der einzelne Mann stand. Auge in Auge standen sie sich gegenüber.

" Bitte gehen Sie von der Mauer zurück!" sagte der Ältere der beiden, vermutlich ein Offizier. Aber trotz des "Bitte" klang die Aufforderung so, als dulde sie keinen Widerspruch.

"Weshalb?" gab der Mann zurück. "Ich kann hier genauso gut stehen wie dort wo Sie stehen."

"Haben Sie mich nicht verstanden?" schnauzte der Posten. "Ich habe gesagt, Sie sollen von der Mauer zurückgehen!"

"Ich denke nicht daran!" Da schaute der Uniformierte ein paar Sekunden lang nach unten, ohne weiter ein Wort zu sagen; scheinbar bereitete er etwas vor, was wir zunächst nicht sehen konnten. Plötzlich hob er einen Gummiknüppel über die Mauer, holte kurz aus und schlug ihn dem Mann mit vollen Wucht seitlich gegen den Hals. Dieser zuckte zusammen, hielt sich den schmerzenden Hals und sprang einen Schritt zurück.

"Wir lassen uns nicht provozieren!" hörte man den Posten noch sagen, dann wandten die beiden sich ab und setzten ungerührt ihren Weg fort.

Bei uns, die wir direkt Zeugen dieses Vorfalls waren, erhob sich sofort ein wütender Protest. "Unerhört, was die sich erlauben! Sind nicht besser als die Faschisten früher! Ihr seid doch bloß Handlanger vom Russen!"

So schimpften wir noch eine Weile hinter den beiden Posten her und machten unserem Ärger Luft. Dann zerstreuten sich die Leute allmählich, und auch ich wandte mich zum Gehen, nachdem ich ihnen noch freundschaftlich zugenickt hatte. Ich begab mich zum U-Bahnhof Kochstraße, um heimzufahren.


Foto: Heimatverein Steglitz

In unserer Nähe wohnte damals ein älterer, uns nicht näher bekannter Mann, der gelegentlich gerne einen über den Durst trank. Der war verständlicherweise über die östlichen Maßnahmen ebenso erbost wie wir alle und pflegte diesem Unmut immer genau dann kräftig Luft zu machen, wenn er nicht mehr ganz nüchtern war. Er stellte sich dann auf unserem Hof an den Gartenzaun, von wo aus man über die zunächst noch niedrige Mauer hinwegschauen konnte, und begann mit ebenso lauter wie lallender Stimme nach Teltow hinüberzuschimpfen. Die Grenze war bis jetzt so weit "gesichert", dass Arbeiter und Wachmannschaften schon größtenteils abgezogen waren. Was dieser Mann dabei von sich gab, das hörte sich ungefähr so an:

"Ihr Schweine – wer hat‘n det bestimmt, hier ´ne Mauer zu bau‘n? – Und Stacheldraht zu zieh‘n? – Det hier keener mehr durchkann? – Meine Schwester in Weißensee, die sitzt nu janz alleene da! – Deutsche schießen uff Deutsche – ´ne Schande is det! Jawoll – eine Schande ist det! Pfiu Deibel kann ich da nur sagen! – Feiglinge seid ihr – allesamt!" Und in dieser Art, sich öfters wiederholend, ging das noch ein Weilchen so weiter.

Als er genug hatte, trollte er sich wieder. Aber schon am nächsten Tag – es war am frühen Abend – erschien er von neuem und begann seine Leier von vorn:

"Ihr Idioten – hier einfach ´ne Mauer zu bau‘n! Meine Schwester in Weißensee..." und so weiter wie gehabt. Aber dann kam etwas Neues:

"Und wat soll‘n wir sein? Frontstadt? Wat soll‘n det heißen? Wieso denn Frontstadt? Ham wir denn Kriech mit‘nander – oder wat? Wir wollen in Frieden leben – jenau wie ihr – det woll‘n wa und nischt andret! Frontstadt – wer erzählt euch denn so‘n Quatsch? Wat ham wir euch eigentlich jetan?"

Genau wie gestern, so blieb auch dieser "Vortrag" ohne jegliche Resonanz. Und am folgenden Abend erschien der Betrunkene abermals und gab zum dritten Mal seine Galavorstellung.

"Wat soll‘n die Mauer hier? – Meine Schwester in Weißensee.... Frontstadt – Blödsinn – woll‘n in Frieden leben – jawoll!" Nun kam eine kleine Pause, dabei holte er tief Luft und setzte zum Endspurt an:

"Und der olle Spitzbart – von wejen: Niemand hat die Absicht, eene Mauer zu errichten – lächerlich! Na dem möchte ick ja mal gegenüberstehen! Wat meint ihr, wat ick dem ins Jesicht sagen würde? Aber der läßt sich ja nich blicken..."

Weiter kam er nicht, denn plötzlich schallte aus einem der grenznahen Teltower Gärten eine resolute Frauenstimme: "Jetzt reicht‘s aber! Halt endlich dein dreckiges Maul, du besoffener Kerl da drüben! Du weißt ja gar nicht mehr, was du da redest! Mach dass du wegkommst, wir wollen unsere Ruhe haben!"

Das schien gewirkt zu haben. Der Mann verstummte. Ein paarmal grunzte er noch vor sich hin, dann drehte er sich schwerfällig um und tappte mit unsicheren Schritten davon.

"Allet Schweine – pfui Deibel kann ick nur sagen...." So hörten wir ihn noch lallen, dann verschwand er vom Hof und tauchte hier bei uns nie wieder auf.

Es kann etwa gegen Ende August gewesen sein, da erlebten wir eine neue Überraschung. In unserer Straße ertönte plötzlich, zwischen den Häuserblocks widerhallend, eine dröhnende, gellend laute Musik. Zuerst dachten wir, irdendwo sei ein Fenster weit offen und jemand spiele übermäßig laut Radio – oder ein Verrückter habe sein Autoradio auf "volle Pulle" gestellt. Aber sehr bald merkten wir, wo die Quelle dieses unerträglichen Lärms zu suchen war: Ein Stück hinter der Mauer und Stacheldraht war ein Lautsprecherwagen aufgefahren, der uns nun laufend mit Nachrichten, Propaganda und politischer Agitation "versorgte". Die Initiatoren nannten sich "Studio 13.August" oder auch "Welle dreizehn acht"; ihre Sendungen dauerten schätzungsweise eine Viertelstunde oder mehr, dann drehte der Wagen wieder ab und fuhr woanders vor. Schließlich beschränkte sich dieses "Studio" nicht mehr bloß darauf, uns mit Hetz- und Hasstiraden zu nerven; es wurden Spottlieder gesungen, in denen sie das hervorstehende Gelingen ihrer "Grenzschutzmaßnahmen" bejubelten und sowohl uns Westberliner als auch die eigene DDR-Bevölkerung regelrecht verhöhnten,,

Diese aggressiven Lautsprechereinsätze, die jetzt überall an der Tagesordnung waren, hatten sich dann bis in Senatskreise herumgesprochen. Und was war der Erfolg? Auch auf Westberliner Seite erschienen Lautsprecherwagen (Studio am Stacheldraht), die nun ihrerseits zurückbrüllten, und wenn beide Seiten zugleich in Aktion traten, ergab das ein entsetzliches Höllenkonzert! "Wenn der Osten einen Lautsprecherkrieg will, dann kann er ihn haben...." so gab sich die westliche Presse recht kämpferisch; doch wir, die unmittelbaren Grenzanwohner, waren dabei die Leidtragenden. Wir waren diesem ohrenbetäubenden Getöse wehrlos ausgeliefert; uns fragte niemand, ob es uns gefiel. Und dieses gegenseitige Überschreien, bei dem man sein eigenes Wort nicht mehr verstand, das waren dann sozusagen die ersten "gesamtdeutschen Gespräche".

Besonders zu bedauern waren diejenigen, die nicht berufstätig und daher meist zu Hause waren, wie Hausfrauen oder Rentner. Wir drei Männer, also Vater, Dieter und ich, gingen ja tagsüber unserer Arbeit nach und hatten dadurch immer etwas Abstand – anders dagegen unsere Mutter! Und irgendwann in diesen Tagen hatte sich auch mal hoher Besuch aus Bonn angesagt: Bundeskanzler Adenauer wurde vom Regierenden Bürgermeister Brandt empfangen. Aber es war wohl kaum mehr als nur ein kurzer widerstrebender Pflichtbesuch in dem ungeliebten Berlin, dem der Kanzler sich unterzog. Als er in der Stadt herumkutschiert und selbst Zeuge davon wurde, was sich an der Mauer abspielte, "da wandte sich der Gast mit Grausen..."

Aber das war noch längst nicht alles! Wenn die Übertragungswagen auffuhren, sowohl hüben als auch drüben, dann wussten wir ja zumindest, dass sie in Kürze auch wieder verschwinden würden, um anderweitig ihren Krach zu vollführen. Anders – und noch schlimmer – wurde es erst, als die DDR dazu überging, Lautsprecher fest zu installieren! Auf der Querstange eines ehemaligen Oberleitungsmastes der Straßenbahn saßen fünf oder sechs dieser Schalltrichter nebeneinander. Sie waren genau auf das Gebiet Westberlins gerichtet, und nun konnte man ganz bequem vom Funkhaus die Sendungen steuern. Es brauchte also kein Wagen mehr vorzufahren. Und so gab es Tage, an denen wir acht oder zehn Stunden hindurch — pausenlos — beschallt wurden — und an anderen Tagen war überraschend wieder völlig Ruhe; eine unberechenbare Taktik war das, die uns zermürben sollte. Doch nicht bloß Nachrichten oder Kommentare gab es, sondern auch einfach nur Tanzmusik, mit der man glaubte uns unterhalten zu müssen; mal lauter, mal leiser, wie es eben gerade kam. Und nicht nur tagsüber ging das so; es kam vor, dass es spät abends um 22 Uhr immer noch hinter der Mauer quäkte, jaulte und brabbelte.... Diese Praxis wurde fast drei Jahre lang fortgeführt; erst im Laufe des Jahres 1964 hat man uns allmählich wieder Ruhe gegönnt.

Im Sommer 1963 hatte der amerikanische Präsident John F. Kennedy der Stadt Berlin seinen denkwürdigen Besuch abgestattet; wobei seine unvergessenen Worte fielen: "Ich bin ein Berliner". Doch dieser Ausspruch ist eigentlich aus dem Zusammenhang gerissen, denn im Altertum hieß der stolzeste Satz, den einer sagen konnte: "Ich bin ein Römer!" Davon hatte Kennedy gesprochen, und er hat dieses Zitat lediglich abgewandelt und auf das gegenwärtige Berlin bezogen. Im Osten aber muss der Kennedy-Besuch auf große Resonanz gestoßen sein, denn nicht lange danach erschien Nikita Chruschtschow, derzeit Chef im Moskauer Kreml, in Ost-Berlin, um die inzwischen weiter ausgebauten Grenzsperren zu besichtigen. Und dabei hatte er mit großer Freude und Zufriedenheit geäußert, er "liebe" die Mauer....

Ein Jahr nach dem Mauerbau, im Sommer 1962, hielt ich mich während meines Urlaubs in der Schwäbischen Alb auf. In der örtlichen Stammgruppe des Touristenvereins "Die Naturfreunde" (Heidenheim) wurden zu meiner Freude noch viele alte deutsche Volkslieder gesungen wie z.B. dieses: "Wenn alle Brünnlein fließen, dann muß man trinken. Wenn ich mein Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken..." Da konnten ich den biederen Schwaben gleich erzählen, dass es dort, wo ich herkam, eine Mauer gäbe. Aber das Rufen und Winken über diese Mauer hinweg sei strengstens untersagt, auch wenn man auf der anderen Seite einen Schatz habe. Denn das wäre ungesetzliche Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind und somit ein staatsfeindliches Vergehen, das schwere Bestrafung nach sich zog!

Und als einer mich fragte, ob Ost- und West-Berlin denn überhaupt noch Gemeinsamkeiten hätten, konnte ich nur sagen: "Leider nein! Es sind zwei getrennte, einander völlig fremde Städte, die nebeneinander liegen und zufälligerweise beide Berlin heißen ..."

Dieser Beitrag erschien 2001 im Steglitzer Heimatverein, der uns freundlicherweise die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilte.

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Gisela Meyer, Jg. 1946, Berlin, Lichterfelde Süd

Ich bin 1946 geboren und meine Kindheit verbrachte ich in unserer Gemeinde, in Lichterfelde-Süd in unmittelbarer Nähe der Stadtgrenze zu Teltow/Seehof.

Rückblick: Hunderte Teltower, die in Berlin arbeiteten, kamen täglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad über die Grenze in die Stadt. Auch abends kamen die Menschen aus dem Umland nach Lichterfelde – ins Kino "Odeon" oder in die "Palast-Lichtspiele". Unsere Straßenbahn 96 war bereits seit 1950 zwischen Ost und West unterbrochen.

Im August 1961 war ich mit meiner Mutter in die großen Ferien gereist, und wir erfuhren durch eine Leuchtschrift am Stuttgarter Hauptbahnhof vom Mauerbau.

Als wir nach Hause kamen, schien uns unsere Gegend wie ausgestorben. Nur noch die relativ wenigen Bewohner der "Märkischen Scholle" traf man auf der Straße.

Da uns Westberlinern schon seit 1952 der Zugang in die DDR verwehrt war, änderte sich für uns persönlich durch die Schließung der Grenze eigentlich nichts.

Wir konnten nicht mehr wie früher Ausflüge nach Grünau oder in die Müggelberge machen. Aber da wir keine Verwandten und Freunde im Umland hatten, die wir vermissten, traf uns das nicht so hart.

Die beiden Kinos hatten offenbar überwiegend von der Umlandbevölkerung, die nur in Ostgeld bezahlen musste, gelebt. Sie gingen kurz nach der Grenzschließung ein.

Die Straßenbahn wurde bald stillgelegt und durch Busse ersetzt.

Heute bin ich erschrocken, dass ich damals, mit 15 Jahren, die Tragweite und die Folgen dieser menschenverachtenden Trennung so wenig begriffen hatte.

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Horst B., Jg. 1936, Teltow

Ich studierte von 1955–58 an der Ingenieurschule für Bauwesen in Berlin-Neukölln. Nach dem Studium hatte ich ein Stellenangebot in Hamburg. Doch ich blieb in Teltow. War beschäftigt beim Aufbau des Berliner Stadtzentrums beim VEB Berlin-Projekt Mitte. An den Bau einer Mauer habe ich nicht geglaubt. Doch dann galt es, sich einzurichten. Zunächst einmal mit dem zeitraubenden Weg zur Arbeit über Bahnhof Genshagener Heide und dann im weiteren Leben.

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Peter Z., Jg. 1941, damals Greifswald

Ich erhielt den Arbeitsauftrag, mich beim Straßenbau in Michendorf zu melden. Raupen und Bagger wurden zum Bahnhof Teltow transportiert. Wir fuhren mit den Raupen über die Felder nach Ruhlsdorf zu den Kiesgruben und bauten dann die Straße von Stahnsdorf nach Genshagen, damit der Autobusse von Kleinmachnow und Teltow die Fahrgäste zum Ringverkehr nach Genshagen befördern konnten.

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Peter R., Jg. 1940, Teltow

Mit einer katholischen Jugendgruppe waren wir gerade mit unseren Fahrrädern in Dresden. Am Morgen des 13. August 1961 vor dem Gottesdienst informierte uns der Pfarrer über die Ereignisse in Berlin. Sofort starteten wir unsere Heimreise, denn unser Gruppenführer studierte zu dieser Zeit an der FU in Berlin und wollte unbedingt sein Leben und sein Studium dort fortsetzen.

Ich selbst hatte meinen Arbeitsplatz gekündigt und eigentlich ab September einen Studienplatz an einer Ingenieurschule in Westberlin, aber ich blieb bei meinen Eltern in Potsdam. Als streng gläubiger Katholik war ich nie bei den Jungen Pionieren oder Mitglied der FDJ, durfte deshalb auch nicht die zum Abitur führende Erweiterte Oberschule besuchen. Durch diese Distanz zum Staat DDR hatte ich keine Chance auf einen Studienplatz. Allerdings bekam ich ab September wieder meinen alten Arbeitsplatz im bisherigen Betrieb, holte in der Abendschule mein Abitur nach und studierte danach in Leipzig.

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Renate Z., Jg. 1943, Kleinmachnow

Für mich war West-Berlin immer ein Tabu. Mein Stiefvater war im Parteiapparat tätig. Mein Weg nach Ost-Berlin zu Jugendfreunden führte immer außen um Berlin herum – also mit dem Autobus nach Genshagener Heide, von dort aus mit dem "Sputnik" über Berlin-Schönefeld weiter in die Stadt.

Als die Nachricht vom Abriegeln der West-Sektoren im Radio kam, war sein Kommentar: "Na endlich!"

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Klaus H., Jg. 1940, Teltow

13. August – also kein Backpulver mehr (für Mutters Kuchen) in der Fahrradlampe vom Markt in Wannsee schmuggeln. Potsdam verlassen? Nein, warum?

Am 15. August versammelte die Betriebsleitung vom Geräte- und Regler-Werke in Teltow alle 18- bis 26-jährigen männlichen Jugendlichen in der Kantine. Sie sollten auf Grund eines Beschlusses der Gewerkschaftsleitung freiwillig mit der Waffe in der Hand die Heimat verteidigen. Niemand konnte ohne Unterschriftsleistung den Saal verlassen. Die Betriebs-Kampfgruppe sicherte Türen und Fenster.

Nachdem der Saal wieder frei war, wollte ich dort meiner Arbeit nachgehen, als es einem Parteimitglied auffiel, dass ich ja nicht zur Veranstaltung anwesend war. So wurde ich jetzt zur Unterschrift aufgefordert. Auf mein Zögern hin hatte ich die Wahl, entweder zu unterschreiben oder im sozialistischen Großbetrieb würde für mich kein Arbeitsplatz mehr sein. Am nächsten Tag sah ich Ingenieure den Hof fegen. Und vor dem Werktor standen Autobusse bereit, die mich und all die anderen "Freiwilligen" zum Wehrkreiskommando nach Potsdam beförderten, wo alle Formalitäten für einen Wehrdienst ab 28. September geregelt wurden.

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Helma Hörath, Jg. 1945, Kleinmachnow

Ich bin Jahrgang 1945, geboren Anfang September, "Friedensware", sagte meine Großmutter. Am 13. August 1961 war ich kurz vor meinem 16. Geburtstag.

Heute im 65. Lebensjahr habe ich noch immer lebhafte Erinnerungen an diesen Augustsonntag. Vor allem an den Morgen. Andere Ereignisses dieses Tages sind nur schemenhaft in meinem Kopf oder völlig vergessen. Beim Schreiben dieser Zeilen und dem erneuten Nachdenken über alles tauchen Fragen auf, zu deren Beantwortung ich die Hilfe meiner Eltern benötigen würde. Aber leider kann ich sie nicht mehr darum bitten.

Am Sonnabend, dem 12. August 1961, gegen Abend waren wir – meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich – von einer vierwöchigen Urlaubsreise zu Freunden in Helsinki zurückgekehrt. Zu Hause erwartete uns meine ältere Schwester. Unsere Oma, die seit dem Tode ihrer Mutter – also meiner Urgroßmutter – bei uns in Kleinmachnow lebte, besuchte an dem Nachmittag Freunde in Westberlin und wollte Sonntagmittag wieder zurück sein.

Ich habe Bilder von der Reise nach Helsinki im Kopf (Bahn, Fähre nach Trelleborg, Weiterfahrt nach Stockholm, Schifffahrt von dort nach Helsinki), weiß aber so gut wie nichts mehr von der Rückfahrt nach Berlin, die auf dem gleichen Wege passierte. Meine Erinnerungen setzen mit dem Klingeln der Polizei ein, die uns am 13. August früh um 6 Uhr aus dem Bett holte. Die beiden Polizisten kontrollierten, ob wir alle – natürlich vor allem wir Finnland-Reisenden – zu Hause anzutreffen waren. Mein Leben lang fand ich das seltsam, da wir ganz normal ausgereist und am Vortag wieder eingereist und dabei natürlich durch alle Pass- und Zollkontrollen gegangen waren. Als die Polizei weg war, schalteten wir das Radio ein und hörten damit zum ersten Mal von der Schließung der Grenze.

Wir saßen am Tisch und hörten die Nachrichten. Ich war wie erstarrt und dachte: Jetzt kommt Krieg. Wie gesagt, ich war Friedensware, hatte nichts bewusst vom II. Weltkrieg miterlebt, also nur im Bauch meiner Mutter, die mir über ihren Körper ganz sicher ihre Angst bei der Flucht und vor den Bombenangriffen vermittelt hatte. Den ganzen Tag über konnte ich nichts anderes denken als: Jetzt kommt Krieg. Jetzt kommt Krieg.

Nach dem Frühstück überlegte meine Mutter, wie sie unsere Oma bei den Freunden in Westberlin telefonisch erreichen könnte. Jemanden außerhalb der DDR telefonisch zu sprechen, war immer sehr schwierig, aber an dem Tag abenteuerlich. Wir konnten diese Telefonnummern nicht direkt anwählen, sondern mussten eine Telefonverbindung über eine Vermittlung anmelden. Die Nummer dieser Vermittlung war meist besetzt, aber am 13. August immer. Einer von uns hing stets am Telefon. Irgendwann gelang es dann wirklich, das Telefongespräch anzumelden. Dann warteten wir stundenlang und traute uns nicht, uns außerhalb des Hauses und weit vom Telefon aufzuhalten. Bis zum Abend kam die Verbindung nicht zustande. Damit war uns klar, dass wir uns diesen Versuch eigentlich hätten schenken können.

Gegen 21 Uhr tauchte dann zu unser aller Freude unsere Oma auf. Wieder saßen wir alle am Tisch und hörten uns ihren Bericht an. Nachdem es ihr nicht geglückt war, an den bisher offiziellen Übergängen wie Zehlendorf-Düppel in unsere Welt zurückzuwechseln, war sie mit der S-Bahn zur Friedrichstraße gefahren. Aber natürlich war auch dort alles zu. Sie wieder zurück nach Düppel. Mit den Freunden war sie die Grenze zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow abgelaufen, um eine Stelle zu finden, die eventuell nicht bewacht war. In der Dämmerung war sie dann irgendwo an der Stammbahn hinter dem Friedhof durch den ausgerollten Stacheldraht gekrochen. Wir waren überglücklich, wieder alle zusammen zu sein.

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Wolfgang W. Jg. 1936, Kleinmachnow

Ab 12. August hatte unsere Familie den ersten, allseits heiß begehrten Urlaubsplatz in Binz an der Ostsee. Am Sonntag herrschte auf einmal große Aufregung am Strand. Viele Urlauber reisten eilig ab.

Ich arbeitete damals als Drucker im Mosse Haus, das grenzt unmittelbar an einen Westsektor. Beim Gang auf die Toilette wurden wir von einem Grenzpolizisten begleitet. Westkontakte waren untersagt. Gute Fachkräfte wurden durch den Springer-Verlag abgeworben. Meine tägliche Anfahrt zum Arbeitsplatz glich schon im Juli/August einem Abenteuer. Ich setzte mich schon kurz nach 4 Uhr morgens in Bewegung, um dann vielleicht um 9 Uhr meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Zweieinhalb Stunden Fahrzeit plante ich jeweils ein. Für die Heimfahrt war man ebenso auf Zurufe anderer Reisender angewiesen. Immer wieder waren andere Grenzübergänge geschlossen. Einmal war der Grenzübergang Düppel geschlossen, dann Lichterfelde. Dann führte der Weg aus Berlin über Saarmund und dann mit dem Autobus nach Kleinmachnow.

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Regine H., Jg. 1949, damals Pasewalk

Mein Vater war Volkspolizist und kam nach mehreren Tagen Dienst erst am 15. August nach Hause. Viel später erfuhr ich von seiner geheimen Aufgabe: alle Bäckermeister der Umgebung wurden aufgefordert, Höchstmengen an Brot zu backen, die dann mit Lkws nach Berlin transportiert wurden. Dass sie zur Versorgung der Grenzsoldaten gebraucht wurden, blieb vorerst geheim.

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Erwin H., Jg. 1945, Potsdam

Im Juli 1961 hatte ich bei der Deutschen Post einen Ferienjob als Postbote. Von dem erarbeiteten Geld wollte ich mir in Berlin-Wannsee eine Jeans kaufen. Doch das Geld kam erst nach dem 13. August.

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