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22.7.2019

Macht Gott glücklich!?
Theologischer Vortrag im Rahmen der Hauptpodienreihe Gott-Glück-Geld des Evangelischen Kirchentages in Dresden

von Katrin Göring-Eckardt


Foto: www.epd-bild.de


Foto: Kirchentag

Guten Tag, liebe Schwestern und Brüder,
Wie geht es Ihnen? Und: sind Sie eigentlich glücklich? Wenn Sie jetzt ihrer Nachbarin sagen sollten, ob Sie glücklich sind, wer würde da voll Inbrunst und ohne eine Überlegung: "Ja, na klar" sagen! Da wohnt ein Sehnen tief in mir, haben wir gerade gesungen. Es ist eines der Lieder, die wirklich anrühren. Und ich glaube, es hat damit zu tun, dass es nicht das große Glücksgefühl beschreibt, himmelhochjauchzend, Gott lobend und preisend. Es erzählt davon , was glücklich, was frei machen würde, es beschreibt das Ziel: nach Frieden, nach Freiheit und Hoffnung, in Sorge, in Schmerz, ja, auch da noch. Und dann, fast kann man es nicht besser sagen, bitten wir um Einsicht, Beherztheit, um Heilung, um Ganzsein. Und wir bitten vor allem eines: das was uns vielleicht noch fehlt, zum Glück: sei da, sei nahe Gott.

Geht es auch eine Nummer kleiner? Also, ich bin schon mal glücklich, dass Sie da sind, hier in der Halle, dass da mehr als hunderttausend Menschen Kirchentag feiern. Ich hab sogar gejubelt, als mir heute vor eine Woche jemand die Langzeitwetterprognose geschickt hat. Was für ein Glück, dachte ich. Das finden Sie banal, ich auch, aber trotzdem macht es warm im Bauch.

Der Österreicher Arno Geiger hat in seinem wunderbaren Buch über seinen dementen Vater "Der alte König in seinem Exil" diesen großartigen Satz zitiert: "Das Leben ist auch ohne Probleme nicht einfach!" Das stimmt wohl, und wir Deutschen gelten ja auch besonders als Weltmeister im Unglücklichsein. Bis zum Beweis des Gegenteils also sind wir ängstlich, gesetzlich und ganz allgemein relativ spaßfrei, als Protestanten ja ohnehin….Reden wir also erst einmal über Gott und sein Glück. Das lenkt uns ab, für den Moment.

I. GOTT WAR GLÜCKLICH!

Ich versuche also, mir Gott als glücklichen Gott vorzustellen.Kann einer glücklich sein, der so viel Scheitern erlebt? Gott, der Frieden will und die Menschen kriegen es nicht hin, der Gerechtigkeit will und die Menschen schaffen es nicht, der die Schöpfung bewahrt wissen will und die Menschen strengen sich kaum an. Ich versuche, mir Gott als glücklichen Gott vorzustellen.

Gott ist schön, wir sind ja sein Ebenbild, Gott ist reich, er hat uns, die Welt, das All, die Libelle, die Sterne und wohl noch manchen Schatz, den wir nicht kennen können. Gott ist erfolgreich, seit mehr als 2000 Jahren floriert seine Firma alles in allem ziemlich gut. Und Gott bekommt Anerkennung. In den herrlichsten Sätzen wird er angebetet und viele machen sich unendliche Mühe, darin noch besser, noch überzeugender und leidenschaftlicher zu werden. Aber glücklich, das wissen wir aus eigenen Erfahrung, macht schön, reich, erfolgreich nicht.

Ich glaube, als Gott alles hatte, hat er gemacht, was ihm fehlte zu seinem Glück. Er wollte einfach nicht mehr allein sein. Er war glücklich, als er uns hatte, ein Gegenüber, jemanden, den er behüten kann wie seinen Augapfel. Gott hat jemanden, den er lieben kann und loben, dem er helfen kann und das ist sein ganzes Glück.

Wir denken ja oft: Hoffentlich werde ich auch geliebt, hoffentlich schenkt mir jemand sein Herz, hoffentlich bin ich attraktiv genug, dass mich jemand lieb hat. Aber es gibt noch etwas ungleich Größeres. Es ist das größte Privileg unter Gottes Sonne, jemanden lieben zu dürfen! Nichts Schöneres unter Gottes Himmel als einen oder eine lieb zu haben, sich Sorgen machen zu dürfen, sie wichtig zu finden, für ihn zu hoffen, zusammen zu beten, auf ihn zu trauen. Einsamkeit – das wissen wir alle – ist die schwere Bürde, die unsere Welt kennt; und diese Bürde kannte wohl auch Gott, als er allein war mit sich selbst, als es noch keine Menschen, keine Grashalme, keine großen Fische im Meer und keine kleinen Klippdachse im Gebirge gab. Ja, man darf sich Gott als einen glücklichen Gott vorstellen, denn er hat eine Schöpfung, die er hegen und pflegen kann, und er hat Menschen, die er lieben und behüten kann.

Gott hat vor lauter Glück die Welt gemacht, die Pflanzen, alle Tiere und auch den Menschen. Im Alten Testament ist immer wieder davon die Rede, wie sehr Gott sein Volk Israel liebt, das er durch das Meer führt mit starkem Arm und durch die Wüste mit Manna und Wasser. Er führt sein Volk in ein neues Land, in dem Milch und Honig fließen.

Und allem Kummer zum Trotz, den die Geschichte des Volkes Israel bei Gott auslöste: Gottes Liebe und sein Glück sind so reich und groß, dass er mit Jesus schließlich direkt in die Welt kommt: "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit", heißt es im Johannesevangelium (1, 14). So wie du und ich lebt er mit und unter den Menschen, kommt ihnen ganz nah und sprengt ihr Unglücklichsein auf. Dorothee Sölle hat das in ihrem Buch "Phantasie und Gehorsam" so beschrieben: "Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Ich denke, dass die Kraft seiner Fantasie aus dem Glück heraus verstanden werden muss. Alle Fantasie ist ins Gelingen verliebt, sie lässt sich etwas einfallen und sprengt immer wieder die Grenzen und befreit die Menschen […] Jesus erscheint in der Schilderung der Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte."

Mit seinem fantasievollen Handeln, neu und überraschend anders zu denken, zu leben und zu handeln, sprengt Jesus alle Verkrustungen, er wollte, dass das Leben gelingt, dass Menschen sich frei entfalten können..

Jesus lebt die Liebe und geht den Weg ganz kompromisslos bis zum bitteren Ende, gegen jeden Trend – bis er ans Kreuz geschlagen wird, weil es immer Menschen gibt, die so viel Glück und Liebe, so viel Freiheit und Güte nicht aushalten, für die das Aufrechterhalten ihrer eigenen Macht wichtiger ist, weil sie glauben, dass man sich so zumindest Anerkennung verdienen kann. Das Kreuz als Zeichen des ewigen Versuchs, Liebe und Glück zu unterbinden, diese Gottesgeschenke nicht ansehen zu müssen.

... Und so einfach und klar bleibt es nicht, mit Gott, uns und dem Glück. Kaum ein Jahrhundert vergeht, das nicht Qual und Grausamkeit, Zerstörung und Brutalität in reichem Ausmaß gesehen hat. Apokalyptische Texte finden regelmäßig Widerhall: "Darum werden ihre Plagen an einem Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden…", heißt es in der Offenbarung des Johannes im 18. Kapitel. Ist der Himmel also glücklich und die Erde unglücklich? Haben wir ein schlechtes Geschäft mit Gott gemacht?

Es war wohl zuerst der jüdische Philosoph Hans Jonas, der diese Frage in eine ungeahnte Tiefe führte. Er fragte nach Gott nach Auschwitz, er wollte Gott nicht loslassen nach Treblinka, er wollte Gott nicht vergessen nach Buchenwald. Aber wie kann das sein: Gottes Liebe und Gottes Allmacht und Gottes Gerechtigkeit, alle diese drei Dimensionen des klassischen Gottesbildes, wie passen die zusammen – nach Auschwitz?

Oder in unserem Gedankengang: Wie kann man sich einen glücklichen Gott nach der Shoa vorstellen? Jonas sagt: Eine der drei Eigenschaften müssen wir Menschen loslassen; entweder ist Gott nicht gerecht, nur voller Liebe und voller Macht; dann kann man verstehen, warum es den Ungerechten und Bösen doch oftmals so gut ergeht in Gottes Welt. Oder Gott ist doch kein liebender Gott, sondern ein abgründiger, verborgener Gott, der zwar machtvoll und gerecht, aber auch strafend und vernichtend ist. Jonas selbst hat eine andere Konsequenz gezogen: Gott ist liebend und gerecht, aber er ist nicht allmächtig. Es gibt keinen allmächtigen Gott, der alles kann und alles durchsetzt, der an den Schalthebeln der Macht sitzt. Sondern es gibt jenen einen Gott, der auf seine Macht verzichtet, – aus Liebe zu seinen Geschöpfen, die er nicht beherrschen, sondern befreien will zum Guten. Deswegen: Es gibt nur das Wort Gottes, es gibt nur die Berührung seines werbenden Geistes, es gibt nur die "Autorität des bittenden Christus" (E. Jüngel), aber es gibt keine Machtdemonstrationen, keine Allmacht, die alles so will, was geschieht. Gott geht ans Kreuz, er geht mit ins Kreuz, er stirbt mit uns und weint mit uns im Unglück, aber er ist kein Peter Pan oder Superwoman, die uns raushauen könnten. Er ist der Gott, der die Macht abgibt, um der Liebe willen.

... Und wie mag es diesem Gott ergehen, wenn er unsere Welt und uns Menschen sieht, von Ewigkeit zu Ewigkeit, wie wir uns bedrängen und quälen, wie wir weinen und sterben, wie wir leiden und streiten, – ewig und immer wieder. Machen wir ihn nicht unglücklich? Vielleicht, vielleicht so unglücklich wie wir Eltern unglücklich sind, wenn unsere Kinder ihren ersten schweren Liebeskummer bestehen müssen. Sie müssen weinen und schluchzen, sind verletzt und empört, sind fassungslos und verwirrt, sind ungerecht und grob, sind verzweifelt und traurig. Und wir begleiten sie, weinen mit, bleiben nahe, trösten mit Worten oder warmer Honigmilch oder Grießbrei, berühren und halten fest, lieben und loben, tun was wir können, – doch den Schmerz, den können wir nicht wegnehmen! Den müssen die Kinder selbst ertragen, durchstehen, aushalten.

"Das Leben ist auch ohne Probleme schwierig genug", hatten wir zu Beginn Arno Geiger zitiert. Das Leben ist aber auch mit Problemen ganz schön schwierig; und es ist eine schwierige Kunst, dennoch glücklich zu sein.

II. GOTT IST GLÜCKLICH

Was meinen Sie: Wann genau hat Gott eigentlich die Musik erschaffen? Mit dem Menschen am sechsten Tag? Oder irgendwann so nebenbei, zwischen Mond und Sternen, neben der Sonne, weil die Sterne doch die Musik des Universums sind, wie die Alten meinten? Oder beim Unterscheiden von Licht und Finsternis, weil die Musik beides spiegelt? Oder ist er vielleicht vom Brüllen des Löwen und Singen der Delphine inspiriert worden?

Ich glaube: Die Musik hat Gott vor allem anderen gemacht. Und er hat sie laut aufgedreht! Sonst wäre die Schöpferei einfach nicht so gut geworden. Wir wären nicht so gut geworden.


"Brauchen Sie noch einen Kirchentagsschal?" – Foto: www.epd-bild.de

... Wie kann man nur an einen unsichtbaren Gott glauben, an einen, den man doch nicht spürt, der undurchschaubar ist, eigentlich doch nur ein schönes Märchen. Ja klar, das ist die Frage, die die andern stellen, die nicht so fest im Glauben stehen, wie wir. Nein, das ist die Frage, die sich jede von uns irgendwann stellt. Wo ist dieser Gott, an den ich so gern glauben will, wo ist er, in dieser gottlosen, glaubensarmen Zeit, wo hat er sein Versteck? Der Zweifel gehört zu uns, zum Glauben, zum ehrlichen Christsein. Wenn wir zweifeln und die anderen auch, dann ist es gut, dass wir Johann Sebastian Bach haben und seine grandiose Musik. Ich meine, das muss auch dem letzten klar sein, ohne Gott wäre Bach nicht möglich gewesen. Unter seine Partituren hat er geschrieben: "Soli deo gloria – Gott allein zur Ehre" – manchmal sogar ohne seinen eigenen Namen. Heute nennen ihn manche den 5. Evangelisten, – zu Recht. Es gibt den schönen Gedanken, dass die Schöpfung in uns Menschen die Augen aufschlägt. Und manchmal denke ich, dass Gottes Glück in seiner Musik zu hören ist. Bach also ist der musikalische Gottesbeweis. Aber, dass Gott wirklich gute Laune hatte, bei der Sache mit der Schöpfung, das wissen wir wegen der Beatles. Weil es ihm nämlich gefallen hat, diese vier Pilzköpfe zusammen zu bringen, weil die uns so beschwingt und beflügelt haben, weil sie immer wieder kommen und nicht weg zu denken sind. Hat Ihnen eigentlich mal jemand – ganz früher – eine Kassette bespielt, mit Lieblingssongs, oder heute, da brennt man das oder schickt einen Link, aber jedenfalls so, dass es wirklich nur für Sie ausgesucht und bestimmt war. Und haben Sie es geliebt und immer und immer wieder angehört? Bis es nicht mehr ging, aber es hatte sich alles so in die Seele eingesenkt, dass man auch noch Jahre später sagen konnte, dass nach Tom Waits direkt Gianna Nannini kam, was nicht zusammenpasste. Gehört und gehört, beschwingt, aber auch, wenn sonst nichts mehr weiter ging, wenn die Welt aus den Fugen war.

Und die religiösen Menschen haben diese Nähe zwischen Gott und Musik vor lauter Glück immer geahnt. Ekstatische Tänze gehören zur Religion wie das Augenschließen zur Mystik. Nehmen Sie nur David, den charmanten Frauenheld und religiösen Staatengründer.

Als Israel im gelobten Land und in Jerusalem angekommen war, holt König David eines Tages die Lade mit den Schrifttafeln der 10 Gebote in die neue Hauptstadt, in den Tempel nach Jerusalem. Das ist ein großes Freudenfest, an dem David ausgelassen tanzt: "David und alle Israeliten liefen hinter der Bundeslade her. Sie tanzten und lobten den Herrn mit Lauten und Harfen, mit Tamburinen, Rasseln und Zimbeln." Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, tanzte David voller Hingabe neben der Bundeslade her, um den Herrn zu loben. Später sagt er dann zu seiner Frau Michal, die ihn dafür verspottete: "Ich habe dem Herrn zu Ehren getanzt." (aus 2. Samuel 6). Tanzen, das ist doch ein Funke, der von Gottes Glück auf uns Menschen überspringt, uns entzündet und in Bewegung setzt.

... Die Musik jedenfalls mit allem, was sie auslöst, ist Gottes zweitbestes Instrument zum Trost, gleich nach seinem Wort kommt sie zu stehen, und allein weil es diese Musik gibt, muss und kann man sich Gott als einen glücklichen Gott vorstellen, – trotz und in allem Kummer.

Gott ist glücklich, weil er berühren kann mit seiner Musik, weil er uns mit seinem Glück anstecken kann, – auch mitten im Gewusel der Welt.

Manche behaupten ja, wir Evangelischen würden vor lauter Nähe und Liebe und Güte und Vergebung im Gottesbild nur noch einen Gott verkünden, der so nett, so schrecklich lieb ist, er ist sozusagen die personifizierte Harmlosigkeit. Der, der alles in Watte packt, der uns auch nicht weiter stört, der ein paar Werte bereit hält, die wir dann bei den anderen und bei denen da oben einfordern. Ein wirklich netter Gott. Der hat das Kissen mitgenommen, auf dem er schlief, als das Boot in den Sturm geriet ( das Markusevanglium erzählt davon 4,38) und damit macht er alles ganz weich für uns. Der harmlose Gott, der ganz nah ist. Nah, harmlos … – als ob Nähe harmlos wäre! Das behaupten nur Leute, die sich mit Nähe nicht auskennen.

Gott ist nicht irgendwie weit weg und urteilt über mich, sondern ist bei mir, neben mir, in mir, er will nicht urteilen, sondern ansprechen, berühren, die Seele stärken. Und wer berührt wird, wer sich berühren lässt, ist ja auf ganz andere Art wahrgenommen. Wer mich berühren darf, spürt mein Herz schlagen, der weiß, ob ich zittere oder ruhig bin, ob sich meine Wangen heiß und die Hände kalt anfühlen. Wer die Seele berührt, erfährt noch mehr, er kennt das Innerste in allem, was da ist.

Insofern: Gott ist ein berührender Gott, der mir näher kommt als es mir manchmal lieb ist, mitten in meine Seele, mitten in mein Gewissen, mitten in mein Herz. Da weiß ich plötzlich, wo mein Herz ist, da ist dann tatsächlich mein Gott. Und dieser Moment geht mit einem Atemzug auch wieder vorbei. Gottesnähe kann ich spüren, aber ich kann sie nicht festhalten. Glück kann ich erleben, aber eben nicht konservieren, nicht einwecken, nicht vakuumverpackt haltbar machen.

Jesus geht mit dreien seiner Jünger auf einen Berg, um zu beten. Auf einmal wird es um Jesus herum ganz hell, er und seine Umgebung beginnen zu strahlen und sein Gesicht leuchtet ganz weiß. Es erscheinen zwei Gestalten, Mose und Elia und reden mit ihm. Da ist der Himmel auf Erden! Die Jünger erschrecken zuerst, stellen dann aber fest: "Hier ist es wunderbar und gut. Lass uns drei Hütten bauen – eine für dich, eine für Mose und eine für Elia." Aber schon zieht eine große Wolke auf und alles ist bereits wieder zu Ende. Das war wohl so ein Moment des vollkommenen irdischen Glücks. Und wer wollte ihn nicht festhalten und sich im Glücklichsein ein für alle Mal einrichten im Leben? Wie heißt es noch in Goethes Faust: "Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön!". Heute machen wir Fotos davon und wissen doch, den rechten Moment passen wir nicht ab, und das Gefühl lässt sich eben nicht fotografieren und filmen auch nicht, das ist nur in unserer Erinnerung, das Glücksgefühl, das bleibt, das hilft, wenn wir längst wieder unten sind vom Berg, und froh, weil wir wissen, dass es geht: glücklich sein, ganz und gar.

Die Momente tiefen Glücks sind nicht machbar und herstellbar, nicht festzuhalten, sie fliegen, früher oder später, auch wieder davon. Aber es gibt sie, das schon und immerhin.

Und im Glück und Glücklich-sein berührt der Mensch die Unendlichkeit, er berührt eine Sphäre einer Wirklichkeit, die größer ist als er selbst und doch in seinem Bewusstsein Gestalt annimmt.

Deswegen kann man erstaunlicherweise ja auch in schweren Zeiten glücklich sein. Glück hängt weder am materiellen Reichtum noch an problemfreien Lebenszonen. Glück ist ein Kuss der Ewigkeit mitten im Diesseits, ist eine Umarmung mitten im Schmerz, eine große Geste mitten in der Zerstörung:

Selbst in Japan und in Fuku-shima gab es ein Bild jener plötzlichen, ungeplanten, überraschenden Glückserfahrung mitten im Kummer: ein Aufblitzen von Hoffnung, von Freude, von Glück, von Berührung und Nähe.

In einer kleinen Sequenz sah man in jenen schrecklichen Tagen des Atom-GAUs mitten in dem durch Erbeben und Tsunami zerstörten Nordostjapan zwei Männer, die Holz gesammelt und ein Feuer unter einer zerbeulten Badewanne entfacht hatten. Sie haben das Wasser erhitzt und nahmen dann – inmitten all der Zerstörung, Katastrophe, Aussichtslosigkeit – trotz all dem genüsslich ein Bad. Ein starkes Bild: ein Hoffnungsschimmer inmitten der Verwüstung, eine Portion Glück mitten im Unglück, vielleicht gar ein kleines Aufblitzen des Reiches Gottes in einer brutalen Wirklichkeit.

Gott kann glücklich sein, weil es sie gibt, seine Schöpfung, weil auch, wenn alles zerstört ist, die große Idee davon bleibt. Weil er das gemacht hat, sieben schwere Tage lang, kann er glücklich sein, trotz Rückschlägen und Verzweiflung, glücklich, wenn man unten ankommt, im Tal, obwohl wir keine Glücksmomenthütte bauen konnten, aber eben eine Kathedrale in unserem Herzen, in der wir sammeln, was uns glücklich macht. So wie Gott: Und Gott geht es wohl so wie in dem alten Lied (eines der wenigen Gesangbuchlieder übrigens, bei denen eine Frau wenigstens die Melodie geschrieben hat):

Freut euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud. O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut. Und in der letzten Strophe heißt es: "Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein, o was muss in seinem Herzen erst für Wonne sein" (EG 510). Ja, Gott muss glücklich sein, auch mitten in der Zerstörung, weil es einen Funken Hoffnung gibt, vielleicht auf Einsicht, vielleicht auf neu Werden, vielleicht auf Beherztheit, vielleicht darauf, dass sich seine Geschöpfe berühren lassen und seine Zärtlichkeit weiter geben, an das, was seine Schöpfung ist.

Nun haben wir über Gott geredet und sein Glück und das, was daraus geworden ist. Wir haben ein paar Momente ausgemacht, an denen wir einen Zipfel seines Glücksgewandes zu fassen bekommen. Aber so ganz umfassend, angesichts unseres deutsch-protestantischen Glückshaderns, angesichts unserer Fragen und Zweifel, der Verantwortung, der Krisen und Katastrophen, kann es wirklich sein, dass Gott glücklich macht, also uns glücklich macht?

III. GOTT MACHT GLÜCKLICH

Die moderne Glücksforschung bestätigt eine uralte Einsicht: Da wird nach Lebenszufriedenheit, persönlichem Wohlbefinden und Lebenserwartung gefragt. Und es zeigt sich, dass Glück und Zufriedenheit nur sehr bedingt davon abhängig sind, wie viel ein Mensch hat und verdient und konsumiert.

Vor über 1.500 Jahren hat das Augustinus erfahren. Er war durch viele Stürme des Lebens gegangen und hatte einige Zeit in purem Luxus gelebt – glücklich ist er dadurch aber nicht geworden. Für ihn liegt der Anfang allen Glücks in einer engen Beziehung zu Gott. Augustinus hat es auf den Punkt und auf eine einfache Formel gebracht: "Dilige et quod vis fac", zu Deutsch: "Liebe, und tu, was du willst".

Tu, was du willst, sei frei also. Sei erwachsen, könnte man vielleicht sagen. Dein Gott ist es ja auch.

... Als Christinnen und Christen haben wir eine Vorgabe, eine Richtschnur. Wir können Verantwortung übernehmen, nein, nicht weil wir Gutmenschen sind, sondern gute Bürgerinnen und Bürgern in Gottes Welt. Unser Glücklichsein hat etwas mit Gott zu tun hat, nicht mit materiellem Wachstum oder äußerlichen Erfolgen. Mit ihm, dem Schöpfer, haben wir die Möglichkeit, Dankbarkeit als Grundmelodie unseres Lebens zu empfinden, im ganz Großen und im ganz Kleinen. Sonne am Morgen gegen die Wettervorhersage, die Einladung zu einer Pause, weil du sie allein gar nicht gemacht hättest. Oder Frieda, 1 Jahr, die zwanzig Minuten lang eine Pusteblume nach der anderen pflückte und – das hatte ihr jemand genauso beigebracht, ganz dicke Backen machte, um mit aller Kraft zu pusten. Natürlich macht Gott glücklich, nicht einfach weil er sich die Pusteblumen ausgedacht hat, sondern weil er uns Augen und Herzen gegeben hat, das Glück zu sehen. Gott ist der Urgrund allen Glücks, nicht meine Leistung. Nicht "Jeder ist seines Glückes Schmied" – das sagen nur die Durchsetzungsstarken und Erfolgreichen. Gott ist meines Glückes Schmied, – das dürfen wir sagen.

Gott macht glücklich, weil er seinen Sohn schickt, weil Jesus fragt, was der Mensch wirklich braucht für sein Glück an Nahrung für seinen Leib. Indem er zum Teilen von dem ermuntert, was da ist, – und alle werden satt, es bleibt sogar noch ganz viel übrig, wie die Bibel zu berichten weiß und zwar Brote und Fische, körbeweise. Er schaut, was der Mensch braucht, an Nahrung für die Seele. Der Blinde von Jericho, der endlich, endlich vorgelassen wird zu Jesus, bekommt diese eine wunderbare Frage: "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Und der Blinde antwortet: "Rabbuni, dass ich wieder sehen kann!" Dass ich dich wieder sehen kann, dich und deinen Vater, dich und die Quelle des Glücks, dass ich mich wieder einsehen kann und die Wahrheit meines Lebens. Was willst du, das ich dir tun soll? Was kann ich für dich tun? Nein, nicht diese Floskel, die sie einem beibringen, wenn man eine Schulung für effektives Telefonieren bekommt. Sondern die echte Frage: Womit würde es dir jetzt gut gehen oder besser, weil das dringend nötig ist. Diese Frage, ehrlich gestellt zu bekommen, ohne Hintergedanken, nicht nur, weil man Schnupfen hat und Tee braucht, sondern einfach so, mitten am Tag, weil da eine ist oder einer, der sich tatsächlich genau dafür interessiert. Weil da einer ist, der dir selbst den Gedanken gönnt, einen Moment darüber nachzudenken, was dir wohl genau jetzt gut tun würde. Was willst du, das ich dir tun soll? Nicht Erwartungen oder Forderungen sind das, was glücklich macht, sondern eben geben und schenken. Ich meine übrigens nicht die für uns Normalos Unerreichbaren, die alles wegschenken und sich der guten Sache, der Sache Gottes, den Armen der Welt verschreiben. Ich meine das sich Verschenken, das Abgeben, sich Öffnen und die Hand ausstrecken, dem Anderen in die Augen sehen, Ihn erkennen oder sie und zugleich den Spiegel des eigenen Glücks betrachten, in diesen anderen Augen.

Gott lässt uns staunen über die Wunder seiner Schöpfung und er lässt uns nicht allein. Er berührt uns und lässt uns seine Schöpfungsmusik hören, manchmal, zwischendurch, überraschend. Und er schenkt uns Menschen, die uns und unser Glück begleiten, mit denen wir es teilen können. Er schont uns nicht vor den Abgründen des Lebens, aber er hilft uns über sie hinweg, er geht mit, was für ein Glück!


Foto: www.epd-bild.de

"Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich", heißt es in Psalm 23 oder in Psalm 91:

"Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt."

Das sind wunderbare Zusagen von unserem Gott! Und Jesus fasst sie zusammen, wenn er sagt: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht."

Aus Gottes Armen kann ich nicht fallen, was auch passiert. Er macht uns frei vom Rausch des immer Mehr und immer Schneller und führt uns zu einem Leben in Fülle. Da wird dann auch unser Herz sein, meins und deins, das Herz mit der Kathedrale voller Glücksmomente. Ich hoffe, Sie sammeln weiter.

Natürlich macht Gott glücklich, sonst wären Sie ja nicht hier her gekommen. Und ich auch nicht.

Katrin Göring-Eckardt
Kirchentagspräsidentin des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2011 in Dresden