ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.7.2019

Zur Theologie des Reformprozesses "Salz der Erde"

Referat des Bischofs Dröge


Zur Theologie des Reformprozesses "Salz der Erde" – Bischof Dr. Markus Dröge auf der Steglitzer Frühjahrkreissynode – Foto: Lutz Poetter

Bei diesem Thema mag sich mancher von Ihnen gefragt haben: Gibt es überhaupt eine Theologie des Reformprozesses? Kann es sie geben?
Ist nicht Theologie das Eine – und die notwendigen Reformen das andere, das leider sehr wenig mit unserem Glauben zu tun hat? Geht es bei der Theologie nicht um die Rede von Gott, von dem ich mir Zuspruch erhoffe, von dem ich Befreiung und Ermutigung erwarte, wenn ich sein Wort höre und mich durch Brot und Wein in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder stärken lasse?
Und habe ich nicht schon zu oft erlebt, dass sich hinter dem Wort "Reform" letztlich doch nur wieder notwendige Sparmaßnahmen verbergen?
Sind also nicht Theologie und Reformprozess wie Feuer und Wasser?
Der Journalist Wolf Lotter hat den Satz formuliert: "Es gibt unzählige Möglichkeiten, einem Leser gleich zu Beginn eines Textes sämtliche Lust am Weiterlesen zu nehmen. Eine bewährte Methode ist es zum Beispiel, ein Wort zu verwenden, dessen schon einmalige Verwendung zu leichtem Sodbrennen führt. Reform zum Beispiel." Und für einen Vortrag mag ja dasselbe gelten.
Ich denke, bei Ihnen ist es nicht so.
Denn Sie sind das Leitungsgremium Ihres Kirchenkreises. Das heißt wir sind heute Morgen eine Gemeinschaft von Menschen, die Verantwortung für unsere Kirche trägt, für das Leben der Gemeinden, aus denen Sie kommen und in denen Sie gerne, alleine oder mit Ihren Familien, leben.
Für die Zukunft dieser Gemeinden haben Sie ein Herz und sind Sie bereit Zeit und Kraft einzusetzen. Und Sie wissen, dass unsere Kirche in keinen einfachen Zeiten lebt und sich auf neue Herausforderungen einstellen muss.
Was also kann und soll eine Theologie des Reformprozesses leisten?

Das Wort Reform kann und darf in unserer Kirche gar keinen schlechten Klang haben.
Denn wir nennen uns ja die "Kirche der Reformation" und sind zudem noch unterwegs zu einem bedeutenden Jubiläum: 500 Jahre Reformation im Jahr 2017!
Martin Luther hat aus der inneren Erneuerung des Glaubens heraus die Reformation der Kirche gestaltet. Und das war eine befreiende Sache: Alte bedrückende Traditionen hat er aufgebrochen.
Er den Finger auf die Punkte gelegt, wo die Kirche als Institution anderen Interessen diente, als der Vermittlung des befreienden Evangeliums – Stichwort "Ablasshandel".
Er hat Kirche wieder neu verstanden als Gemeinschaft der Glaubenden, die miteinander Stärkung von Gott her suchen, und Glaube, Liebe und Hoffnung in dieser Welt bezeugen und leben wollen, und hat deshalb übrigens lieber von Gemeinde als von Kirche gesprochen, lieber von Christenheit oder Gemeinschaft der Glaubenden.
Er hat wieder Freude an der Kirche geweckt, durch die Einrichtung von Bildung für alle – Stichwort Katechismus, Aufbau von Schularbeit mit seinem Freund Melanchthon, Einführung von Gemeindevisitationen als geschwisterlicher, beratender Dienst und vieles mehr.
Auf dieses Erbe können wir zurückgreifen, wenn wir uns heute den Herausforderungen stellen. Und deshalb gehören Theologie und Reformprozess sehr wohl zusammen.
Es geht darum, aus der Kraft des Glaubens an Jesus Christus heraus, unser kirchliches Leben zu gestalten.

Und natürlich fängt das nicht erst heute an, und nicht erst mit dem Perspektivprogramm des Jahres 2007: "Salz der Erde".
entdecken, wie lebendig und (im geistlichen Sinne) stark unsere Kirche ist, weil viele Mitarbeitende, ob haupt- oder ehrenamtlich, genau dies Tag für Tag und Woche für Woche – ob mit oder ohne "Salz der Erde" tun: Aus der Kraft des Glaubens heraus sehr kreativ und innovativ das Leben der Gemeinden gestalten.

Und das soll nun mit der neuen Phase des Reformprozesses weiter unterstützt werden. Es sollen Angebote gemacht werden, die guten Ansätze unterstützen, vor allem durch Austausch, durch Angebote der Fortbildung, durch Vernetzung guter Ideen. Als landeskirchliche Ebene sehen wir unsere Aufgabe darin, diese Anregung und Unterstützung zu geben. Bruder Neukirch vom Amt für Kirchliche Dienste wird Ihnen dazu ja noch Praktisches vorstellen.
Dazu gehört nun aber auch die Anregung, sich über die Kraftquellen unseres Glaubens im Sinne der reformatorischen Theologie wieder neu bewusst zu werden.

In drei Schritten will ich versuchen, Ihnen heute eine solche Anregung zu geben:

  1. Das biblische Bild "Salz der Erde"
  2. Bekenntnisse der Hoffnung
  3. Konsequenzen für den Reformprozess

1. Das biblische Bild "Salz der Erde"

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5, 13-16)
Das Bild vom "Salz der Erde" ist ein starkes Bild. Herausfordernd rüttelt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger auf: Selbstbewusst sollen sie ihren Glauben leben. Scharfes Salz in fader Suppe, helles Licht in düsterer Resignation sollen sie sein.
Dieses starke Bildwort, liebe Schwestern und Brüder, haben wir uns in unserer Kirche als unser Bild der Hoffnung ausgewählt. Seit vier Jahren haben wir das Bild einer "Handvoll Salz" auf der Broschüre des Perspektivprogrammes vor Augen.
Das Bildwort vom Salz ist in Matthäus 5 gleich im Anschluss an die Seligpreisungen platziert. Damit erinnert es uns an das, was unserem Glauben Substanz, Kraft und Würze gibt, nämlich ein Leben im Sinn der Seligpreisungen: Frieden und Gerechtigkeit zu suchen, Barmherzigkeit zu üben, Leiden auszuhalten, um des Reiches Gottes willen. Mit der Bergpredigt reißt das Matthäusevangelium einen neuen, universalen Horizont der Hoffnung auf, der sich wie ein Regenbogen über die angefochtene und bedrohte Welt spannt. Der christliche Glaube ist nicht nur etwas für Herz und Seele. Nein, die Substanz des Glaubens soll gleichsam in diese Welt hinein aufgelöst werden, um die Hoffnungslosigkeiten, die sich wie ein Grauschleier über alles legen können, aufzureißen. Wir sollen unser Salz nicht für uns horten, sonst verliert es seine Wirkkraft. Wir sind gerufen, uns in die Welt einzubringen, die Herausforderungen anzunehmen, uns gleichsam‚ würzend auflösen" in unserem Engagement.
Und dies alles nicht aus eigener Kraft, sondern in der Kraft des auferstandenen Jesus Christus, der uns zuspricht: "Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt", der uns aber gleichzeitig tröstlich sagt: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende". (Hier eingefügt: Wie der Auferstandene den deprimierten Jüngern neuen Mut schenkt, ihnen vergibt, Hoffnung schafft …. Die enttäuschten und erfolglosen Jünger, deren Arbeit keine Früchte trägt, die nicht mehr glauben, dass es Sinn macht, noch einen weiteren Versuch zu wagen, erfahren die ganzheitliche Zuwendung des Auferstandenen. - Schauen wir Petrus an. Er hatte Jesus verraten, im Palast des Hohepriesters, als er sich an einem Kohlenfeuer wärmte. Nun lädt Jesus ihn wieder ein zum versöhnenden Mahl - an einem Kohlenfeuer. - Thomas der Zweifler ist dabei, der nie richtig an irgendeine Auferweckung von den Toten glauben konnte. Nun darf er den Auferstandenen sehen. - Nathanael, der aus Kana in Galiläa stammt, unweit von Nazareth, und der vor der ersten Begegnung mit Jesus gesagt hatte: "Was kann denn schon aus Nazareth Gutes kommen?" – Ohne Vorwürfe wird er zum Mahl eingeladen. - Jakobus und Johannes werden genannt, die Jesus zu Menschenfischern berufen hatten, und was war daraus geworden? Erfolg hatten sie keinen gesehen. Auf Jesu Wort hin, hatten sie es noch einmal mit dem Fischfang versucht. Und noch während sie bei der Arbeit sind, bereitet Jesus den Jüngern am Ufer das Mahl. Er wendet sich ihnen persönlich zu, und lässt sie dann in der Mahlgemeinschaft ihre alten Versagensgeschichten aufarbeiten.)

2. Bekenntnisse der Hoffnung

Unsere Bekenntnisse mahnen uns, auf der Hoffnungsspur des auferstandenen Christus zu bleiben. Das Augsburger Bekenntnis aus dem Jahr 1530 betont in seinem zentralen Kirchenartikel VII, dass wir dem Auferstandenen in Wort und Sakrament begegnen. Und die Barmer Theologische Erklärung, die in einer Zeit entstanden ist, als die evangelische Kirche in der Gefahr stand, ihre Hoffnung an Jesus Christus vorbei zu suchen, erinnert in ihrer zentralen Kirchenthese III daran, dass wir die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder sind, in der Jesus Christus, der Auferstandene, durch seinen Geist in Wort und Sakrament lebt und wirkt. Das ist der Ansatzpunkt der Hoffnung für die Zukunft unserer Kirche.
Wir kommen gerade vom Osterfest her. Wir haben die neutestamentlichen Auferstehungsgeschichten gehört, von den Jüngerinnen und Jüngern, die zuerst überhaupt nicht verstanden haben, was es bedeutet, dass Jesus auferstanden ist. Die sehr unterschiedlichen Erfahrungen der ersten Zeuginnen und Zeugen lassen sich kaum
Aber die Hoffnung der Kirche beginnt nicht erst in der Reformationszeit oder gar im Kirchenkampf des vergangenen Jahrhunderts. In dem ökumenischen Grundbekenntnis, das zunächst auf dem Konzil von Nizäa (325) formuliert und dann auf dem Konzil von Konstantinopel (381) erweitert worden ist, wird beschrieben, welches Wesen die Gestalt der Kirche, die sich vom auferstandenen Christus prägen lässt, bestimmt und bestimmen soll: Die Kirche Jesu Christi ist die eine, heilige, katholische (im Sinne von allgemein-umfassende) und apostolische Kirche.
Was heißt das?
Wenn wir an die Einheit der Kirche glauben, dann vertrauen wir darauf, dass der auferstandene Christus seinen Geist als Kraft der Versöhnung sendet und damit die Einheit stiftet, die nach Gal. 3, 28 ethnische, soziale und geschlechtliche Gegensätze zu vereinen weiß: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus."
Wenn wir an die Heiligkeit der Kirche glauben, so erwarten wir, dass der Geist des Auferstandenen als Kraft der Rechtfertigung des Sünders wirkt. Diese Kraft ist überall erfahrbar, wo Menschen in Wort und Sakrament, die Befreiung von sich selbst erleben, wo das in sich selbst verkrümmt Herz sich öffnet für Gott und den Nächsten.
Die geglaubte Katholizität der Kirche darf nicht nur räumlich ("katholisch" – allgemein, alles umfassend) verstanden werden. Vom Auferstandenen her ist es die Herrschaft Christi selbst, die "katholisch" ist: sein alles umfassendes kommendes Reich, in dem die Verheißungen erfüllt werden, die Gott an Israel gegeben hat.
Und die Apostolizität ist nicht nur die formale Rückbindung des kirchlichen Tuns an das apostolische Zeugnis. Wer sich auf die Apostel beruft, die sich vom Auferstandenen gesandt wussten, muss sich in gleicher Weise vom Auferstandenen senden lassen. Die Apostolizität der Kirche begründet das Apostolat der Kirche: vom auferstandenen Christus in die Welt gesandt.
Das ist der Grund, der uns geschenkt ist. Wenn wir uns zu dieser Kirche bekennen, bekennen wir uns zum Auferstandenen und seiner Herrschaft. Und weil der Auferstandene eine Zukunft hat, "alle Tage, bis an der Welt Ende" (Matthäus 28,20), hat auch unsere Kirche eine Zukunft, wenn und soweit sie sich an diese Kraftquelle anschließt.

Leitbilder als Bekenntniszeichen

Wir sind heute gewohnt, Leitbilder zu formulieren, weil die modernen Methoden der Organisationsentwicklung uns dazu aufrufen. Und das ist auch gut so. Denn wenn uns die Kirche mit ihrer Zukunft am Herzen liegt, dürfen wir uns nicht mit rückständigen Werkzeugen ausstatten. Die besten Methoden sind gerade gut genug. Allerdings müssen wir sie theologisch kritisch sichten und gestalten. Und deshalb bin ich der Auffassung, dass unsere Leitbilder so gezeichnet werden müssen, dass sie den Bekenntnissen unserer Kirche entsprechen. Unsere Leitbilder sind nicht einfach beliebig. Sie sind unsere Bekenntniszeichen. Die Leitbilder, die wir uns geben, drücken aus, was wir glauben. Die Leitbilder sollen ihre Kraft aus dem gewinnen, was der Kirche schon vom ihrem Herrn gegeben ist. Das bedeutet:
Eine Kirche, die an die einigende Kraft des Auferstandenen glaubt, sollte Leitbilder und Ziele entwickeln, die deutlich machen, dass im Glauben an Christus Gegensätze versöhnt werden können. Trotz aller kirchlicher Unterschiede und Konflikte geht es um den einen Leib und den einen Geist. Es geht um die Bereitschaft, sich trotz aller Differenzen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Leitbilder, die wir entwerfen, sollten deshalb erkennbar machen, dass wir eine Kirche sind, die die Versöhnung als Leitvorstellung ernst nimmt.
Eine Kirche, die an die rechtfertigende Kraft des Auferstandenen und deshalb an ihre eigene Heiligkeit glaubt, lässt sich immer neu von ihrem Egoismus befreien. Oder, um es mit den Worten von Barmen II zu sagen: Sie ist befreit "aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen". Unsere Leitbilder und Ziele sollten zum Ausdruck bringen, dass wir eine Kirche sind und sein wollen, die nicht nur an sich selbst und der Bewahrung der Institution interessiert ist, sondern die aus der geschenkten Freiheit lebt und deshalb "Kirche für andere" (Dietrich Bonhoeffer) sein kann. Leitbilder, die wir entwerfen, sollten erkennbar machen, dass wir eine diakonische Kirche sind.
Eine Kirche, die an ihre eigene Katholizität glaubt, weil Christus in Tod und Auferstehung die Verheißungen Israels universal in Kraft gesetzt hat, weiß, dass die biblischen Friedens- und Gerechtigkeitsvisionen alle Menschen mit einbeziehen. Sie wird deshalb "Volkskirche" im besten Sinne sein und auch bleiben, wenn sie kleiner wird. Sie wird immer "die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk" (Barmen VI), also den weiten Horizont gesellschaftlicher Verantwortung vor Augen haben. Leitbilder, die wir entwerfen und Ziele, die wir uns setzen, sollten erkennbar machen, dass wir eine gesellschaftlich verantwortliche Kirche sind und sein wollen.
Und schließlich: Eine Kirche, die ihre eigene Apostolizität glaubt, weil der Auferstandene sie sendet, wird missionarisch sein. "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch". (Joh. 20,21). Wenn wir die geglaubte Apostolizität unserer Kirche ernst nehmen, sollten unsere Leitbilder und Ziele erkennbar machen, dass wir eine missionarische Kirche sind und sein wollen.
Ausgehend von unseren Bekenntnissen entsteht somit das Bild einer Kirche, die sich versöhnend um Einheit bemüht, vom Egoismus befreit diakonisch tätig ist, sich in offener Weise gesellschaftlichen Herausforderungen stellt und missionarisch ist. Mit diesen Leit-Vorstellungen sind natürlich noch keine konkreten Leit-Bilder festgelegt. Es bleibt die Freiheit, eigene Leitbilder zu entwerfen, sich eigene Ziele auf allen Ebenen der Kirche zu setzen. Aber es ist ein Rahmen bestimmt, innerhalb dessen Visionen und Ziele entfaltet werden können, die geistliche Kraft haben, weil sie den Wesenseigenschaften der Kirche Jesu Christi entsprechen.
Unser Leitbild vom "Salz der Erde" bringt die Wesenseigenschaften der Kirche gut zum Ausdruck: Wir wollen eine Kirche sein, die die Glaubenshoffnung missionarisch unter die Leute bringt, orientiert an den Friedens- und Gerechtigkeitsverheißungen der Bergpredigt, eine Kirche, die sich immer wieder davon befreien lässt, nur an sich selbst zu denken und ihre Salzvorräte zu horten und eine Kirche, die sich in alledem von der Versöhnungskraft des Auferstandenen bestimmen und tragen lässt.

3. Konsequenzen für den Reformprozess

Aus diesem theologischen Ansatz möchte ich einige Konsequenzen für die Fortsetzung des Reformprozesses ziehen: Reformmüdigkeit oder gar ein Reform-Moratorium können wir uns nicht leisten. Jetzt schlapp zu machen, würde heißen, bald doppelt harte Rückschläge hinnehmen zu müssen. Strukturveränderungen bleiben dringend notwendig. Sie dürfen aber nicht alles sein. Der inhaltliche Reformprozess muss weitergehen.

Sich Ziele setzen

Die Ausrichtung auf die Hoffnung, die uns der auferstandene Christus schenkt, macht ein zielorientiertes Handeln notwendig! Dies ist bereits im Bild vom "Salz der Erde" angelegt: Wir müssen entscheiden! Nicht alles will gesalzen sein. Die gute Küche bietet auch eine Fülle anderer Gewürze. Kirche muss nicht flächendeckend "ihr Salz dazugeben". Aber wo kann es unterbleiben? Hier zu entscheiden verlangt nicht nur strategische und taktische Klugheit. Es bedarf auch geistlicher Weisheit. Es ist ein Zeichen der Hoffnung, wenn wir uns ausgewählte Ziele setzen. Gerade weil wir niemals die Fülle des uns von Gott Geschenkten vollständig, an allen Orten und zu allen Zeiten abbilden können, bedarf es klarer, gemeinschaftlich getroffener Entscheidungen, an welchen Orten wir mit welchen Ressourcen tätig werden können. Eine transparente Planung ist Ausdruck der Hoffnung. Wer plant, bekennt sich dazu, dass es Sinn macht, im Blick auf die Zukunft des Auferstandenen, die eigene Zukunft aktiv zu gestalten. Die Ziele sind zweifellos im Einzelnen sehr unterschiedlich zu bestimmen, je nachdem ob eine Landgemeinde oder eine Metropolengemeinde sich ihre Ziele setzt, eine Einrichtung oder ein Kirchenkreis. Gerade dieser Diskussionsprozess muss angeregt werden.

Nach Qualität fragen

Ein wesentliches Anliegen der Reformprozesse ist es, nach der Qualität dessen zu fragen, was wir tun. Qualität im Sinne der Wesensmerkmale der Kirche heißt "geistliche Profilierung". Was wir planen und tun, soll erkennbar versöhnend wirken, soll den Menschen die Rechtfertigung zusprechen, sie zum Dienst am Nächsten befreien und sie auf diese Weise heiligen, soll den Glauben an Gottes Verheißungen stark machen und zur Mission motivieren. Auch was eine qualitätsvolle, profilierte Arbeit ausmacht, ist unter unterschiedlichen Bedingungen sehr verschieden zu bestimmen. Das Gespräch darüber mit dem Austausch von Erfahrungen kann aber nur von Gewinn sein.

Reform als gemeinschaftliches Handeln

Mit den bisherigen Reformpapieren haben die kirchenleitenden Ebenen verantwortungsbewusst ihre Rolle wahrgenommen. Die Impulse wurden vielfach aufgenommen. Nun aber kommt es darauf an, die mittlere Ebene und die Gemeinden zu unterstützen. Wir brauchen Hilfestellungen für die Regionen, Kirchenkreise und Gemeinden, wenn sie eigenständig Leitbilder und Ziele entwickeln. Kirchliche Ämter, Werke und Einrichtungen können ihre Programme auf diese Unterstützungsleistung ausrichten. Dass manche Kleinstgemeinden gar nicht mehr in der Lage sind, sich selbstständig Ziele zu setzen, wird dazu führen, verstärkt über sinnvolle regionale Zusammenarbeit nachzudenken. Reform ist gemeinschaftliches Handeln!

Ermutigung zur Außenorientierung

"Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit" ist von Beginn an eines der wesentlichen Anliegen des Reformprozesses "Kirche der Freiheit" gewesen (S. 8). Es gibt viele gute Ansätze: Kirchengemeinden arbeiten mit kommunalen Ortsgemeinden zusammen, um die Dorfkirchen zu renovieren, wagen sich im interreligiösen Dialog auf Neuland vor, kooperieren mit Schulen bei den Ganztagesangeboten, bieten Glaubenskurse an; die Evangelische Arbeits-gemeinschaft für Erwachsenenbildung arbeitet mit Brandenburger Initiativen und einer Volkshochschule zusammen, um Angebote für Pilgerwege und vieles mehr zu etablieren, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Alle bisherigen Bemühungen, ein neues Verständnis von Mission zu entwickeln, kreative Projekte zu unterstützen, die sich neuen Milieugruppen öffnen, Sprachfähigkeit in Glaubensfragen zu fördern soll der Reformprozess nun unterstützen.

Sich gemeinsam auf den Weg machen

Das Konzept "Salz der Erde – Reform ist möglich" enthält keine neuen Zielvorgaben. Ziele haben wir genug. Woran es mangelt, ist die Überprüfung dieser Ziele auf Realisierbarkeit und die nachhaltige Umsetzung realistischer Ziele. Es geht deshalb auf dieser Synode nicht um ein fertiges Konzept, sondern darum, einen Kommunikationsprozess zu starten, bei dem weitergehende Projekte erst entwickelt werden. Für diesen Kommunikations- und Unterstützungsprozess brauchen wir – das haben die bisherigen Erfahrungen seit dem Erscheinen von "Salz der Erde" eindeutig gezeigt – ein Reformbüro. Nur mit einem solchen institutionellen "Motor" wird es gelingen, die anspruchsvolle Vernetzungs- und Unterstützungsarbeit zu gestalten. Insofern geht es auf dieser Synode darum, einen neuen Startpunkt zu setzen.

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