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16.10.2018

"Damals Fremde, heute Freunde"

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Gut besucht war dieser "Abend der Begegnung" am 7. Mai im Gemeindesaal am Ostpreußendamm.

Die "Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde" stellte ehemalige KZ-Häftlinge vor, die in diesem Jahr angereist waren. Was sind das für Menschen, die zwischen 1942 und 1945 als blutjunge Menschen im Lager an der Wismarer Straße interniert waren und jetzt – nach 66 Jahren – als Hochbetagte wieder nach Berlin kommen?


Ehemaliger Häftling Peter Snep aus Amsterdam mit Familie – Foto: Harald Hensel

Vor zehn Jahren, bei der ersten Begegnung im Mai 2001, wandte sich Pfarrer Lutz Poetter an der "Säule der Gefangenen" an die ehemaligen Häftlinge, die damals der ersten Gedenkfeier beiwohnten: "Beim soeben vorausgegangenen Rundgang durch das ehemalige Lagergelände sind die Schreckensbilder vor Euren inneren Augen aufgetaucht, Euch als ehemaligen Lagerhäftlingen gellen sie noch in den Ohren – die Schreie der Vergangenheit. Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen, nicht wiedergutmachen – auch wenn wir das gerne hätten. Der Schaden an Leib und Seele der Opfer bleibt für immer und lässt sich nicht wirklich entschädigen. Zumal die große Mehrheit der Geschädigten längst nicht mehr lebt." Er ging auf das bei Politikern beliebte Sich-Entschuldigen ein und betonte, dass "gerade Christen wissen, dass wir uns Vergebung und Entschuldigung nicht selber gewähren können". Eine Entschuldigung kann nur von Gott und den Opfern der bösen Taten erbeten werden. In diesem Sinne bekannte Pfarrer Poetter dankbar und froh zu sein, dass er hier an dieser Stelle den ehemaligen Häftlingen begegnen darf: "Euer Besuch als ehemalige Lagerhäftlinge hier in Lichterfelde ist ein deutliches Zeichen der Versöhnung".

Wenn ich den für mich persönlich wichtigsten Unterschied zwischen dem ersten Abend der Begegnung damals und dem Abend der Begegnung heute auf einen Punkt bringen soll, dann wäre es: damals kamen Fremde, heute kommen Freunde.

Wir haben damals Menschen eingeladen, die an Lichterfelde schlimme Erinnerungen haben. Wir haben das in der Absicht getan, um ein bisschen etwas gut zu machen – und um die Erinnerung wach zu halten. Diese Erinnerung zu thematisieren, ist für die Gäste oft schmerzlich und uns fällt es schwer, damit unbefangen umzugehen. Überwältigend war und ist für mich aber, dass diese schmerzliche Vergangenheit uns heute nicht mehr trennt, sondern eher verbindet, weil unsere Gäste sich über unser Engagement und unser Interesse freuen – und wir dankbar und froh sind, über ihre Bereitschaft, einen Teil ihres Lebens und ihrer Erinnerungen mit uns zu teilen. Ich merkte, wie dumm es eigentlich gewesen war, unsere Gäste vorher nur abstrakt als Opfer oder Zeitzeugen gesehen zu haben – und damit auszublenden, dass sie Menschen mit individuellen und komplexen Lebensgeschichten sind, die es wert sind, als Ganzes gesehen und gewürdigt zu werden. Inzwischen ist jeder Abend der Begegnung ein Treffen mit Freunden, neuen wie alten. Mein Fazit aus 10 Jahren Initiative KZ Außenlager Lichterfelde? Erinnerungsarbeit ist keine schmerzliche Pflicht. Manchmal kann sie das sein. Aber vor allem ist sie eine bereichernde Tätigkeit, die viel Freude bereitet, ja sogar richtigen, echten Spaß macht. Das hätte ich mir vor 10 Jahren so nicht vorstellen können.

Und es war schön, wie ungezwungen und fröhlich es am "Abend der Begegnung" in unserem Gemeindesaal zuging. Eine Begegnung der besonderen Art.

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