ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.5.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
als Jesus zurückkam, waren alle Jünger eingeschlafen. Die drei Begleiter, die er sich als Unterstützung mitgenommen hatte in den Olivenhain, schlummerten neben ihm auf der Erde, die anderen hatte tiefer Schlaf bei der alten Ölpresse übermannt.

Matthäus schildert in seinem Evangelium den letzten Abend im menschlichen Leben des Jesus von Nazareth. Nach dem gemeinsamen Passahmahl ging Jesus mit seinen Jüngern zum Ölberg: "Setzt euch hin, ich gehe ein Stück weiter, um zu beten!" Er nahm drei seiner Gefährten mit, Petrus, Jakobus und Johannes. Trauer und Verzweiflung überwältigten Jesus: "Meine Seele ist betrübt bis an den Tod, bleibt hier und wachet mit mir!" Im Gebet flehte er Gott an: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Jesus rang mit seinem Schicksal, er sah seinen Leidensweg ans Kreuz am folgenden Tag voraus und fürchtete sich davor. Aber er willigte gehorsam ein in den Willen Gottes. Die Jünger bekamen von der Seelenqual ihres Meisters am Ölberg nichts mit: Sie verschliefen dreimal ihren Einsatz, sie schlummerten dreimal ein, als ihr Herr sie dringend brauchte. Jesus hatte nicht nur unter seinen Gegnern und Feinden zu leiden, auch seine Freunde und Weggefährten ließen ihn im Stich.

Das Trauma von Gethsemane

Ehrliche Überlieferung lässt auch peinliche Einzelheiten nicht aus: In der Urgemeinde wurde dieses völlige Versagen der Jünger nicht verschwiegen. Einige der Apostel waren damals noch am Leben. Sicherlich stieg ihnen immer noch die Schamröte ins Gesicht, wenn sie an die Worte Jesu dachten: "Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?" Sie hatten alles verschlafen in jener Nacht von Gethsemane im Olivenhain. Aber so etwas sollte ihnen nie wieder passieren. Sie wollten sich an die Worte Jesu halten: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!"

Das Kommen des Reiches Gottes

Die frühen Christen lebten in einer intensiven Naherwartung. Hatte nicht der auferstandene Christus ihnen versprochen, dass er wiederkommen würde zum letzten Gericht? Mit dieser Wiederkunft verbanden sie das nahe Ende der Geschichte und das direkte Anbrechen der himmlischen Herrlichkeit. In Ankündigungen und Gleichnissen wurde dieses großartige Finale mit hoher Dringlichkeit geschildert: Der Bräutigam kommt mitten in der Nacht, die Brautjungfrauen brauchen genug Lampenöl, damit sie nicht in der Dunkelheit zurückbleiben müssen. Die Zeichen des Kommenden sind vieldeutig, das Neue kommt schleichend wie ein Dieb in der Nacht oder in einem Inferno kosmischer Katastrophen. Der Teufel würde umhergehen wie ein brüllender Löwe und suchen, wen er verschlingen kann. Es wäre furchtbar, die Ankunft des Reiches zu verpassen, darum mussten sich Christinnen und Christen um höchste Wachsamkeit bemühen.

Die Stunde der Asketen

Diese Naherwartung wurde enttäuscht: Es gab kein abruptes Weltende, sondern den Anfang einer mehrtausendjährigen Kirchengeschichte. Schlaf ist die Erholung des Leibes und der Atem der Seele, niemand kann immer wach bleiben. Ebenso kommt kein Mensch auf Dauer ohne Nahrung aus. Eremiten erprobten eine weitgehende Askese des Körpers, damit sich ihre Seele auf die göttliche Welt ausrichten konnte. Diese asketische Lebensweise wuchs schnell in den ersten Orden und Klöstern. Ordensregeln gliederten die Zeit: Bei Tag und bei Nacht gehorchten die Ordensleute dem Rhythmus von festen Gebetzeiten und den Arbeits- und Ruhezeiten dazwischen. Klöster wurden zu den zentralen Orten christlicher Existenz. Orden waren im Mittelalter mit ihrem Klosterleben auch die Keimzelle des Christentums in unserer märkischen Region.

Mitten in der Gesellschaft

Zur Zeit der Reformation lösten sich die meisten Klöster auf, das Ordensleben verlor seine prägende Bedeutung. Luther war selber ein gelernter Augustinermönch. Er erkannte die Zeichen der Zeit im Umbruch des frühen 16. Jahrhunderts: Glaube, Liebe und Hoffnung gehörten für den Reformator nicht mehr in die Abgeschiedenheit der Klöster und den Sonderraum der Kirchen, sondern mitten hinein ins Leben: In den Alltag und die Häuser der Menschen. Für sie übersetzte Martin die lateinische Bibel ins Deutsche, für sie verfasste er seinen Katechismus, für sie predigte er in der Sprache des Volkes. Die gesellschaftlichen Umwälzungen der Reformationszeit haben alle Institutionen und Kirchen erfasst und verändert. Es war ein langer und harter Weg zur wirklichen Neuzeit. Aufklärung und Befreiung der Menschen aus Zwängen und Unterdrückung kamen nur mühsam voran, es gab immer harte Rückschläge weltlicher und kirchlicher Bevormundung. Im 20. Jahrhundert erlebte Europa einen bis dahin unvorstellbaren Rückfall in die Barbarei: Totalitäre Diktaturen in Deutschland und Russland, Vernichtung von Millionen Menschen im Krieg und in Todeslagern. Und es waren in Nazideutschland nur wenige mutige Männer und Frauen in Kirche und Gesellschaft, die gegen die Gott und Menschen verachtende Diktatur Widerstand leisteten. Aber diese Wenigen hatten die Zeichen der Zeit erkannt.

Das Wächteramt der Kirche

Längst ist das Christentum da, wo es hingehört: In der Mitte unserer demokratischen Gesellschaft. Christinnen und Christen geben in ihrer Gesellschaft Zeugnis vom Evangelium. Jesus Christus ist Gottes Zuspruch und Anspruch. Die Kirche lebt von diesem Wort Gottes in Jesus Christus und sie lebt, solange sie dieses Wort ausrichtet – mitten hinein in unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Wohl ist Jesus von Nazareth eine historische Person am Beginn unserer christlichen Zeitrechnung. Er starb am Kreuz um das Jahr 30. Wir glauben: Gott hat ihn auferweckt und aufgenommen in die himmlische Herrlichkeit. Unser Herr Jesus befreit Menschen und er beruft Menschen. Dies geschieht aktuell. Es geht um Befreiung aus Unterdrückung, Zwang, Schuld und Selbstüberschätzung. Es geht um unseren Umgang mit der Schöpfung und mit unseren Mitmenschen. Und es geht um Berufung in die Nachfolge, ein Leben in Freiheit, Verantwortung und Nächstenliebe. Christsein ist also kein Museumsbesuch. Die Bibel lehrt uns, unsere Augen offen zu halten und die Zeichen der Zeit zu erkennen – in Jerusalem und in Lichterfelde.

Lutz Poetter