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20.7.2019

"Carne vale" – "Fleisch, lebe wohl"
Betrachtungen zu Fasching und Karneval

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Foto: Hans-Georg Pflümer@pixelio.de

Wenn in diesen Tagen und Wochen die Menschen im Rheinland und in Süddeutschland in ausgelassener Fröhlichkeit mit Pappnasen und bunten Kostümen durch die Straßen und über die Plätze ziehen, dann hat die Zeit des Faschings und Karnevals wieder weite Teile unseres Landes fest im Griff.

In der norddeutschen Tiefebene schlägt die Begeisterung über das karnevalistischen Treiben auch schon mal in leichte Verstimmung über die freien Tage um. Und dennoch sollte bei aller Distanz nicht außer Acht bleiben, dass Karneval und Fasching im Katholizismus durchaus einen religiösen Hintergrund haben. In dem Wort Fastnacht lässt sich bereits heraushören, dass es etwas mit der Fastenzeit zu tun hat. "Fastnacht" kann man verstehen als "Vorabend der Fastenzeit". Aber eigentlich kommt der Begriff wohl von "fasen", das ist ein altes Wort für "närrisch sein". Erst viel später sprach man von Karneval. Carne vale ist lateinisch und heißt so viel wie: Fleisch, lebe wohl.

Die Fastnacht, die uns die menschliche Narretei vor Augen führt, hatte ihren Platz im Kirchenjahr zwischen dem Dreikönigstag (6. Januar) und der Fastenzeit ab Aschermittwoch. Sie beginnt also nicht am 11. November. Dieser Termin gehört zur Karnevalstradition, die erst im 19. Jahrhundert entstand. Für das Volk bot der Mummenschanz die Gelegenheit, einmal im Jahr über die Stränge zu schlagen und der Obrigkeit mit Masken und Späßen einen Spiegel vorzuhalten. Volkskundler sprechen deshalb auch von einer "Ventilsitte".

Viele Christen sehen das Treiben mit kritischen Augen. Dabei sollte man allerdings historische Irrtümer vermeiden. Fasching geht nicht auf vorchristliche Sitten zurück und hat nichts mit heidnischen Göttern zu tun. Diese Legende wurde vom Nationalsozialismus verbreitet, der gerne altgermanisches Brauchtum im Volk ausgemacht hätte. In Wirklichkeit sind selbst die ältesten Bräuche nur bis ins späte Mittelalter zurückzuverfolgen. Ihr Ursprung liegt vermutlich in den volkstümlichen Mysterienspielen, in denen neben Himmel und Heiligen auch die teuflische Gegenwelt ihren Auftritt hatte. So manches Gewand geht auf ein mittelalterliches Teufelskostüm zurück.

Eine zweite Quelle war die Narrengestalt mittelalterlicher Kunst, mit Eselsohren, Zepter und Schelle. Sie stand für menschliche Dummheit, Stolz und Lieblosigkeit. Denn nach der Bibel (1. Korintherbrief 13) ist, wer die Liebe nicht hat, wie eine tönende Schelle. Der Narr ist also eine Verkörperung von Schwäche und Vergänglichkeit. Die Welt ist sein Narrenschiff, das er in den Untergang steuert. Die Figur des Narren war ursprünglich also keineswegs eine lustige Gestalt, sondern eng mit der theologischen Vorstellung der Sünde verbunden. Die "Narrheit" wurde als Synonym der Sünde schlechthin begriffen. So galten Weltlust, Meineid, Verschwendung, Hoffart, Prahlerei, Kleiderluxus und Betrug als für den Narren charakteristisch. Die Vorstellung des Narren als Gottesleugner geht zurück auf die Worte des 53. Psalms, in dem es heißt: "Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott." Durch die Verknüpfung von Narrheit, Gottesleugnung und Sünde im mittelalterlichen Denken wurde der Narr darüber hinaus zum Sinnbild der menschlichen Vergänglichkeit.

Am Vorabend der Fastenzeit wurden also ab dem 13. Jahrhundert – zumindest sind dies die ersten belegbaren Fakten zum Karneval hierzulande – ordentlich gefeiert, mit großen Festmählern, Trinkgelagen, Tanz und überreichem Essen, denn die Fastenregeln damals waren streng. Und auch das gesamte Leben im Mittelalter war schwer, und für viele war dieses närrische Treiben zur Faschingszeit die einzige Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Papst und Bischöfe standen den Ausschweifungen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Das Treiben hatte aber auch sein Gutes, denn wer so ausgiebig feiern konnte, der ließ sich danach auch bereitwilliger auf die Fastenzeit mit ihren Entbehrungen ein. Für einige Stunden entstand eine völlig verkehrte Welt, die aber umso klarer den Blick für die rechte Ordnung und Lebensweise schärfen konnte. Und so hat der Fasching als "Fest der verkehrten Welt" eine unverrückbare Stellung im christlichen Kalender. Unlösbar ist er mit dem Aschermittwoch und der folgenden Fastenzeit verbunden. Ohne diesen Hintergrund wäre der Fasching gar nicht denkbar.

Mit der Reformation erlitten die Fastnachtsbräuche in den protestantischen Territorien gehörige Dämpfer, da die Reformatoren in dem närrischen Treiben wenig Sinn sahen. So kam es dazu, dass die Fastnachtsbräuche zwar nicht gänzlich abgeschafft, aber immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurden. Nicht selten geschah dies sehr zum Unmut der Bevölkerung. Immer wieder kam es vor, dass Untertanen sich über die Grenzen ins katholische Ausland stehlen wollten, um dort zu feiern. Aus diesem Grund hat der Karneval sich viel stärker in katholischen Gebieten durchgesetzt – wie z.B. im Rheinland.

Auch wenn der Karneval in Berlin nicht über eine Geschichte wie in den Hochburgen verfügt, ist das Spektakel nach der Wiedervereinigung und dem Zuzug vieler Menschen aus dem Rheinland stetig und rapide zum Massenereignis aufgestiegen. Rund eine Million Schaulustige versammeln sich inzwischen jedes Jahr, um die bunten Wagen und unzähligen Fußtruppen zu bestaunen. Neben dem Karneval der Kulturen, dem Christopher Street Day und der Silvesterfeier am Brandenburger Tor hat sich der Berliner Karneval als vierte jährliche Großveranstaltung fest unter Einheimischen und Touristen etabliert. Und dennoch bleibt der "Berliner an sich" gerne eher Zaungast bei dieser Tollerei und kommentiert sie mit seinem eigenen Charme.

Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch in dieser Stadt in hundert Jahren eine Karnevals- und Faschingstradition, die über Pfannkuchen (für die Nicht-Berliner: das ist das Gebäck, das in anderen Landesteilen "Berliner" genannt wird), Luftschlangen und lustige Hüte hinausreicht. Bis dahin wünsche ich Ihnen aber zumindest eine Fröhlichkeit, die für eine paar Tage einmal den Alltag vergessen lässt.
Ihr

Pfarrer Michael Busch