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26.3.2019

Die Kinder vom Berg
Erinnerungen

von Ursula Jaensch-Fischer


Lebensmittelgeschäft Fischer, Berliner Straße (Ostpreußendamm) 104 im April 1944 (Foto: Wolfgang Fischer)

Meine Kindheit und Jugend im Lichterfelde-Süd der Nachkriegszeit liegen fünfzig und mehr Jahre zurück. Und dennoch gibt es einen Anlass dafür, dass ich mich nach so vielen Jahren mit diesem Thema, das auch "Wir Kinder vom Berg, vom Rehhof und von der Unterwiese" heißen könnte, auseinandergesetzt habe: Vor kurzem traf ich meine Freundin Rosie wieder, die ich seit fast 50 Jahren nicht mehr gesehen habe, obwohl wir beide noch immer in Lichterfelde-Süd wohnen. Ihr Sohn, der die Website www.Lichterfelde-Süd.de mitbetreut und diese mit alten Fotos und Erinnerungen aus der Vor- und Nachkriegszeit füttert, hat mich ermutigt, meine Erinnerungen an die frühen Kindheits- und Jugendjahre auf dem "Berg" in Lichterfelde-Süd zu Papier zu bringen.


Die Kinder vom Berg: Christa Sirowatky, Uschi Bähr (die Autorin) und Renate Lubig, 1953 (Foto: Privat)

Dabei muss ich kurz die verwendeten Orte und Begriffe erklären, denn heute gibt es die Bergstraße, wie auch viele der anderen beschriebenen Orte nicht mehr. Im Zuge von städtebaulichen Maßnahmen wurden sie nach und nach eliminiert, weil sie nicht zur "neuen" Baugestaltung passten. Mit dem "Berg" ist eine heute kaum wahrzunehmende Erhebung im Bereich Ostpreußendamm, Dorstener und Schöppinger Straße in der Nähe der Stadtgrenze zu Teltow gemeint, die in früheren Zeiten auch der "Galgenberg" geheißen hat – obwohl dort wohl niemals ein Galgen gestanden hat.

Die "Unterwiese" ist das ehemalige Torfstichgebiet am Teltowkanal, das ebenfalls an der Stadtgrenze zu Teltow liegt; der Name "Rehhof" verweist auf ein Flurstück an der heutigen Dorstener Straße, auf dem sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein kleines Wildgehege befand. Und schließlich ist auch – um 1980 herum – die ganze Bergstraße, mitsamt dem großen alten Haus Bergstraße 1, den beiden Nebengebäuden, dem Hof mit der großen Linde, dem Kohlenschuppen und dem "Draußenklo" verschwunden.

Im Februar 1945 kam ich im Alter von rund vier Jahren als Flüchtlingskind mit meiner Mutter aus dem Warthegau in das völlig zerbombte Berlin. Mein Vater musste an der Oder zurückbleiben, wo er – was wir erst 1951 erfuhren – die Abwehrkämpfe nicht überlebt hat. In Berlin suchten wir die Wohnung meiner Tante Amalie Kollhof auf, die in der Bergstraße 1 in Lichterfelde-Süd wohnte. Die Wohnung meiner Tante bestand aus einem Zimmer, das wir zu viert bewohnten und so herrschte dort bald das Chaos.

Bei den sich häufenden Fliegeralarmen gegen Kriegsende fanden wir als Flüchtlinge in den Luftschutzräumen der Wohnungsbaugesellschaft "Märkische Scholle" in der Dorstener Straße Unterschlupf. Die Kellerräume waren mit kleinen und größeren Kindern und Frauen voll gestopft , die uns aber – als "Zugereiste" – in ihrer Mitte gut aufgenommen haben und so knüpften wir die ersten Kontakte zur großen Kiezgemeinschaft. Im April standen schließlich russische und polnische Truppen vor den Toren Berlins; die deutsche Propaganda hatte in den letzten Kriegswochen die Angst der Bevölkerung geschürt, und so waren vor allem die "Mongolen" gefürchtet. Die Frauen vom Berg hatten mächtige Angst, denn es wurden Frauen vergewaltigt und Häuser geplündert. Gottlob war ich noch zu klein, um das ganze Ausmaß von Leid und Elend zu erfassen.

Besonders schlimm war es in den letzten Kriegstagen. Als wir aus den Kellern kamen, lagen neben den Hauseingängen tote deutsche Soldaten – junge Männer, fast noch Kinder –, die im sinnlosen Häuserkampf gefallen waren. Meine Mutter, die mich als knapp Vierjährige auf dem Arm hatte, musste über die vielen Toten hinwegsteigen. Später wurden meine Mutter und andere Frauen von einem russischen Offizier gezwungen, die toten Soldaten in einem Massengrab auf einer Wiese hinter dem Gartenlokal "Bergbaude" (heute: "Birkengarten") zu beerdigen, wo wir später als Kinder spielten, weil wir gar nicht mitbekommen hatten, was dort wirklich geschehen war. Später wurde das Massengrab eingeebnet und die Toten ehrenvoll auf dem Parkfriedhof beerdigt. Am verlängerten Ende der Dorstener Straße, wo sich damals noch Felder befanden, stand noch lange Zeit ein ausgebrannter Panzer in dem wir Kinder natürlich auch spielten, ohne uns etwas dabei zu denken...

In Teltow-Seehof, am Anfang der Lichterfelder Strasse (der heutigen Lichterfelder Allee) gab es die Bäckerei Zinne, die noch in diesen schlechten Zeiten frisches Brot verkaufte.


Lebensmittelgeschäft der Familie Fischer im April 1951. (Foto: Wolfgang Fischer)

Es war köstlich, als Kind so ein warmes Brot in den Händen zu halten, denn oft konnte ich es vor lauter Hunger und Gier nicht erwarten, den frischen Brotgeschmack auf der Zunge zu spüren und bohrte mit meinen kleinen Fingern die Kruste des Brotes an. Unsere Milch holten wir mit der Milchkanne von der Familie Fischer, die zwischen der Dorstener und der Schwelmer Straße ein Lebensmittelgeschäft besaßen. Auch bei uns, in der Bergstraße 1, gab es ein kleines Lebensmittelgeschäft, das der Familie Schulz gehörte und später ein Kurzwarengeschäft wurde.

Die Bergstraße und ihr Umfeld waren für uns Kinder ganz wunderbar. In dem etwas abschüssigen Gelände zur Dorstener Straße hin hatten wir gute Spielmöglichkeiten und auch der gegenüber liegende "Rehhof" der Märkischen Scholle war ein Paradies für uns. Hier gab es Klopfstangen und riesige, eiserne Mülltonnen auf die man klettern konnte. Herrlich war es, auf den Deckeln zu stehen und darauf herum zu hopsen. Das machte einen fürchterlichen Krach, und es war eine höllische Freude, wenn sich die Erwachsenen in den Häusern, die den "Rehhof" begrenzen, über uns ärgerten. Die großen Pappeln waren das schönste Kletterparadies. Hier spielten wir Fußball, Handball und Murmeln, tauschten Dinge oder heckten Streiche aus, der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Am liebsten spielten wir jedoch Räuber und Prinzessin.

Auf der Unterwiese, dem ehemaligen, langsam wieder zuwachsenden Torfstich, gab es eine Wildnis von Bäumen und Büschen, in der wir Kinder uns so richtig austoben konnten. Hier spielten wir Kinder aus der Bergstraße – Jürgen Reiche, Rolf Lindner und ich – gern und oft auch mit den anderen Kindern aus der Gegend zusammen. Unsere Eltern verboten uns natürlich, dort zu spielen – aber alles, was verboten ist, macht natürlich besonderen Spaß; das ist heute noch immer so! – Auf dem Gebiet der Unterwiese stehen heute die Hochhäuser der "Märkischen Scholle" sowie einige flachere Wohnhäuser (Ostpreußendamm 94–100), die 1963/64 errichtet wurden.

Der Teltowkanal zog uns magisch an, obwohl von uns zu dieser Zeit keiner Schwimmunterricht hatte. Wir angelten mit selbstgebastelten Angeln, fingen Frösche, rauchten am Lagerfeuer die von uns Kindern so genannten "Schmackeduzien", die braunen Schilfkolben, die meist im Wasser standen. Es ist immer alles gut gegangen. Nur einmal ist eins der Kinder im Winter beim Schlittschuhlaufen auf dem ehemaligen Torfstich im Eis eingebrochen. Am schönsten war die Unterwiese natürlich im Frühling und im Sommer. Da konnten wir toben und uns von Herzen an der schönen Natur erfreuen. Geld hatten wir ja alle nicht, so haben wir dort unseren Müttern zum Geburtstag oder zum Muttertag die schönsten Blumensträuße gepflückt. Da meine Mutter am 1. Mai Geburtstag hat, konnte ich ihr immer einen riesengroßen Fliederstrauß aus doppeltem, weißem und lilafarbenem Flieder schenken. Diesen herrlichen Duft werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Die dortigen Fliederhecken waren nicht nur schön anzusehen, sondern verströmten einen einzigartigen Duft. Einen Duft, der mich sofort an meine Kindheit erinnert...


Uschi Bähr (Ursula Jaensch-Fischer) mit Freundin Rosi Siebert (Rosemarie Uhr) 1956 (Foto: Privat)

Trotz vieler Entbehrungen hatten wir es gut! Der Autoverkehr war überschaubar, und so konnten wir noch auf der Straße unsere Kreisel tanzen lassen, mit Springseilen hopsen, Rollschuh laufen und auf der Straße wie auf dem Bürgersteig mit Murmeln spielen. Unserer Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Zur Giesensdorfer Grundschule konnten wir laufen, zurück ging es meist am Kanal entlang nach Hause, vorbei am FKK-Gelände, das für uns Kinder im Sommer wegen der nackten Gestalten natürlich mehr als interessant war. Damals hatte man ja noch keusch und züchtig zu sein.

Im Sommer ging es auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad am Kanal entlang zum "Spucki", unserem kleinen Schwimmbad am Hindenburgdamm. Hinter der S-Bahnschranke an der Fürstenstraße, da wo jetzt die Thermometersiedlung steht, haben wir auf den Feldern an der S-Bahn "englisch" geerntet und auch Obst "englisch" eingekauft. "Englisch ernten" oder " englisch einkaufen" bedeutete damals, die Dinge mitzunehmen und nicht bezahlen.

Für mich ist Lichterfelde Süd etwas ganz Besonderes. Ich habe den Bezirk niemals verlassen und bin auch Lichterfelde-Süd immer treu geblieben: Mit 21 Jahren habe ich geheiratet und kurz danach mit meinem Mann eine eigene Wohnung am Ostpreußendamm 99 c bei der "Märkischen Scholle" auf der ehemaligen Unterwiese beziehen können.

"Unser Kiez" Lichterfelde Süd hat sich verändert, doch ist vieles gleich gelieben. Ab und zu sehe ich einige Personen vom Berg oder höre über sieben Ecken von dem "Einen oder der Anderen", da auch viele andere, die ich kenne, ihm treu geblieben sind. Ganz besonders freue ich mich natürlich, dass ich nach so langer Zeit meine Freundin Rosie wiedergefunden habe, der ich dieses Zurückerinnern verdanke. Es war schön, durch ihre Anregung – in Gedanken – noch einmal in die Kindheit und Jugend zurückzugehen und in Erinnerungen "in und um unseren Kiez herum" zu schwelgen.

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