Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.11.2019

Der halbe Stern
Verfolgungsgeschichte und Identitätsproblematik von Personen und Familien teiljüdischer Herkunft

Eine Buchempfehlung von Hildegard Frisius

Die vorliegende Publikation beinhaltet Vorträge und Andachten, die aus Anlass der Tagung vom 06. bis 08. März 2009 in der Evangelischen Akademie auf Schwanenwerder in Berlin unter dem Titel "Sag bloß nicht, dass du jüdisch bist" stattfand, an der etwa 100 betroffene Personen teilnahmen.

Dem Band ist eine DVD beigefügt, auf der das am Eröffnungsabend geführte Gespräch mit einem Zeitzeugen und vier Zeitzeuginnen festgehalten ist.

Die Autoren und Autorinnen sind Historiker, ein Journalist und Politiker, Juristen, Psychologen, Psychotherapeuten, Soziologen und Theologen, die den weit gespannten Themenkatalog vielfach aus eigener Betroffenheit, aber auch aus intensiver Beschäftigung mit den Problemen der Menschen teiljüdischer Herkunft bearbeitet und vorgetragen haben.

Es werden nicht nur die Fragen der Radikalisierung der Verfolgung während des Nationalsozialismus betrachtet, sondern auch die Auswirkungen bis heute.

Menschen teiljüdischer Herkunft, insbesondere, wenn sie getauft waren, wurden sich erst spät ihrer Gefährdung bewusst. Die Taufe, die doch die Aufnahme und die Geborgenheit in die christliche Gemeinde hätte bedeuten sollen, erwies sich als nicht tragfähig. Diese Menschen waren in doppelter Hinsicht schutzlos. Die christlichen Kirchen verweigerten den Gemeindegliedern jüdischer Herkunft ihren Beistand, und die jüdische Gemeinschaft hatte kein Interesse an den Abtrünnigen.

Brüche und Zerrissenheit in den Biographien dieser Menschen, wie auch die Scheu, über erlittenes Unrecht zu sprechen, wirken bis heute nach. Das wird besonders deutlich in dem Zeitzeugengespräch auf der DVD, in dem die jeweils eigene Verarbeitung der Demütigungen zum Ausdruck kommt.

Dazu gehört auch die bis heute fortbestehende Verwendung der Nazi-Terminologie – "Volljude", "Halbjude", "Mischling I. oder II. Grades" –, die zur Diskriminierung und Ausgrenzung aus der "Volksgemeinschaft der Arier" führte.

Den Herausgeberinnen gebührt großer Dank, sowohl für die Veranstaltung als auch für die Drucklegung der Beiträge.

Dem Tagungsband möge ein großes Interesse beschieden sein – in vorderster Linie von Seiten der Kirchen, die sich des Themas bisher eher halbherzig angenommen haben.

(Psychosozial-Verlag 2010, 29,90 €)

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