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24.5.2019

Die Entdeckung der Langsamkeit

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"Die Entdeckung der Langsamkeit" – diesen Titel trägt ein Roman von Sten Nadolny. Seine Hauptperson ist John Franklin, ein Junge mit einer ganz außergewöhnlichen Behinderung: Er ist langsam! Er denkt langsam, er bewegt sich langsam und er schaut auch langsam.

Die Frage, die sich alle stellten: Was soll aus so einem werden? Aber es wurde etwas aus John: Er ging zur See, wurde Navigator und später Kapitän von Expeditionen. Dort musste man nicht immer schnell sein. Dort lernte er seine besondere Fähigkeit zu schätzen: Er konnte wie kein anderer langsame Bewegungen wahrnehmen; dass was beim schnellen Hinschauen übersehen wurde, das konnte er erkennen. Ob es die Bewegung der Sonnenblumen war, die der Sonne folgten oder die Bewegung des Mondes am Himmel.

Bei einer Fußwanderung mit einer Expeditionsgruppe im Packeis am Polarkreis geschah dann etwas, was keiner verstand: Obwohl sie genau dem Kompass folgten, kamen sie nicht zu ihrem Schiff zurück. Sie hatten sich anscheinend verlaufen, waren im Kreis gelaufen. Während sein Assistent lieber weitergelaufen wäre, nach dem Motto: "Augen zu und durch", ließ John ein Notlager aus Eisplatten bauen und dachte lange nach. Was die anderen ihm auch sagten, Vorschläge, Theorien, Fragen – er nickte nur und überlegte weiter. Er brauchte eine halbe Ewigkeit, um zu einer Entscheidung zu finden.

Schließlich stand er auf: "Das ganze Eisfeld, auf dem wir stehen, dreht sich. Es ist die einzige Lösung. Deshalb gehen wir im Kreis, auch wenn wir nach dem Kompass immer in derselben Richtung marschieren. Bei Wind hätten wir es sofort gemerkt." John berechnete daraus eine neue Marschroute, Stunden später vernahmen sie Stimmen, schließlich wurden Männer mit Seilen sichtbar, und hinter ihnen tauchte das Heck des Schiffes auf.

Dieses Buch ist eine wunderbare Parabel auf das Leben, in dem es oft anders zugeht: Immer schneller, immer billiger, in immer kürzerer Zeit. Längst hat sich dieser betriebswirtschaftliche Pilz in fast allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens breit gemacht. Den besten Anschauungsunterricht wohin extremer Kosten- und Zeitdruck führten, liefert derzeit die Deutsche Bahn AG und wir Berliner dürfen am eigenen Leib am Beispiel der S-Bahn in einem groß angelegten Feldversuch daran teilhaben.

Längst läuft auch das Privatleben vieler Menschen im Turbomodus. Unsere Autos fahren immer schneller, Fertigmenüs aus der Tiefkühltruhe sind in 15 Minuten auf dem Tisch, dank VDSL geht das Internetsurfen noch schneller, die Schulen trichtern unseren Kindern den Stoff in 12 statt 13 Jahren ein ... und doch haben wir hinten und vorne zu wenig Zeit.

In dem Maße, in dem wir Zeit sparen, rinnt sie uns durch die Finger. Ein seltsames Phänomen. Beschleunigung kennzeichnet unsere Welt. Wir hoffen, alles schneller zu machen, Zeit zu gewinnen – und doch geht sie uns genauso beschleunigt wieder verloren. Es sieht nach einem aussichtslosen Kampf aus. Inzwischen ist das sogar bei den Profis der Beschleunigung angekommen: Bei den professionellen Zeitmanagern, die Unternehmenschefs und Leistungsträger beraten. Über Jahre hinaus haben sie ihren Kunden versucht beizubringen, wie sie ihren Terminkalender möglichst effektiv vollstopfen, Dinge möglichst schnell und rationell erledigen. – Der Erfolg war oft mehr als mäßig.

Inzwischen geht es langsam wieder in die andere Richtung: Lothar Seiwert, einer der bekanntesten deutschen Zeitmanagement- Professoren hat einem seiner Bücher den Titel gegeben: "Wenn du es eilig hast, gehe langsam". Es signalisiert einen Paradigmenwechsel im modernen Zeitmanagement: Es geht nicht mehr darum, in immer kürzerer Zeit immer mehr Dinge zu erledigen. Sondern es geht im Zeitmanagement darum, zunächst einmal in aller Ruhe zu bedenken: Was will ich überhaupt erreichen? Welche Ziele setze ich mir? Und daraus ergibt sich, was ich tun muss, und welche Aufgaben auch unwichtig sind, – wo ich "Nein" sagen muss. Und daraus resultiert für den Zeitmanagment-Profi ein Tipp, den fromme Menschen schon längst kennen: Lass dir Zeit, nimm dir täglich eine Stunde, eine stille Zeit, in der du über deine Ziele und den kommenden Tag nachdenkst. Und gönne dir in der Woche einen Ruhetag.

Entschleunigung nennt man das Neudeutsch. Sich Zeit zu nehmen für das, was wichtig ist – nicht alles mitzubekommen, sondern bewusst auszuwählen, was erreichbar ist. Tempo herauszunehmen – so absurd das klingt – kann schon ein erster Schritt zu mehr Gelassenheit und Zeit sein.

Auch von Jesus werden uns solche "Entschleunigungsgeschichten" erzählt, so z.B. im Markusevangelium (Kapitel 6, 46). Kurz nach der Geschichte von der "Speisung der Fünftausend" als die Jünger zur Eile trieben, da tritt er auf die Bremse: "Und als er sie fortgeschickt hatte, ging er hin auf einen Berg, um zu beten." Jesus nimmt Tempo raus. Er nutzt das Gebet als Gelegenheit, um zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen.

Phasen der Langsamkeit sind wichtig, um Dinge zu erkennen, die man mit einem schnellen Blick nicht wahrnehmen kann.

Franz von Sales – Ordensgründe und Mystiker – hat eine interessante Regel aufgestellt: "Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit zum Gebet, außer wenn du viel zu tun hast, dann nimm dir eine ganze Stunde Zeit." Einen Versuch ist es wert!

Pfarrer Michael Busch