ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.5.2019

Zur Jahreslosung 2011

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,

seit es Christinnen und Christen gibt wird das Evangelium verkündet und geglaubt. Und es muss bezogen werden auf unsere Wirklichkeit. Was bedeutet die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth? Wie wirkt sie sich aus auf uns Menschen? Wie antworten wir auf dieses weltverändernde Handeln Gottes mit unserem ganzen Leben? Paulus ist der erste Denker der jungen Jesusbewegung, der diesen Neuanfang in der Geschichte der Menschheit systematisch ausformuliert. Sein ausführlicher Brief an die christliche Gemeinde in der Weltmetropole Rom ist das früheste theologische Werk der Christenheit, abgefasst noch vor dem ersten Evangelium unseres Neuen Testaments.


Albrecht Dürer: Der heilige Paulus (um 1514)

Bis heute gilt: Christliches Denken und Handeln ist nur auf den Spuren des Paulus und seiner tiefgründigen Durchdringung des Evangeliums wahrhaftig. An Paulus kommt niemand vorbei. Knechtschaft und Freiheit, Dunkelheit und Licht, Lüge und Wahrheit, Böses und Gutes werden bei Paulus erkennbar im neuen Sein in Christus. Nachfolger und Gegner müssen sich diesem ersten Theologen und Wegbereiter des Christentums stellen.

So lassen wir als einen quasi typischen Gegenspieler paulinischen Denkens einen mittelalterlichen Kirchenfürsten zu Wort kommen. Fürstabt Lucifer dia Bolos schrieb seine Abhandlung gegen das Böse, den "tractatus contra malum" an seinen Schüler Ignatius:

"Lieber Ignatius, schon viele haben vor uns für das Gute gekämpft und sind überwunden worden. Als hoher Fürst unserer Kirche bin ich ein erfahrener Krieger im Kampf um den Sieg. Damit du immer stark bleiben und völlige Klarheit gewinnen mögest, will ich dir sechs Prinzipien gegen das Böse enthüllen, sechs Folgerungen ziehen und sechs Weisungen nennen.

Zum ersten: Dass wir die Guten sind. Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt. Sei dir immer gewiss, dass du auserwählt bist, ein Guter zu sein. Zweifle nie an deiner Berufung, lass dich auch von anderen niemals irre machen. Was du auch tust oder unterlässt, du bist und bleibst ein Guter auf der Seite des Guten. Dein ganzes Wesen ist Gutsein. Deshalb bist du allen Zweifeln und jeder Anfechtung enthoben. Nichts kann dir passieren, wenn du immer an deinem eigenen Gutsein festhältst.

Zum zweiten: Dass das Böse in den anderen ist. Da du der Gute, das Gute schlechthin bist, muss alles Andersartige, Abweichende, Fremde das Böse sein. Jeder, der anders ist als du es bist, der ist böse, falsch und schlecht. Du selbst bist die Richtschnur, der Maßstab allen Gutseins. Deshalb bist du berufen, jedes Anderartige, Abweichende, Fremde als böse anzusehen und es als das, was es ist an den Pranger zu stellen.

Zum dritten: Dass das Böse mitten unter uns ist. Auch in der Gemeinschaft der Guten lauert ständig das Böse. Es tarnt sich geschickt und schleicht sich überall ein. Dann dringt es ein in das Herz der Guten. Der Bruder, der neben dir kniet beim Abendgebet kann schon vom Bösen vergiftet sein. Deshalb musst du immer auf der Hut sein. Das Böse lauert überall. Vertraue niemandem, sei aber immer auf der Hut. Beobachte deine Brüder, achte sorgfältig auf jeden geheimen Zweifel, jede unbeobachtete Regung, die kleinste Schwäche. Jeder deiner Brüder kann dein Feind sein, den das Böse bereits auf seine Seite gezogen hat. Deshalb mach dir heimlich Notizen zu allem, was dir auffällt am Wesen und Wandel deiner Mitbrüder. Vielleicht werden deine Aufzeichnungen dir einmal von großem Nutzen sein. Zum vierten: Dass das Gute verteidigt werden muss. Du bist als Guter berufen, ein Schützer und Bewahrer des Guten zu sein. Denn die Bösen greifen das Gute unablässig an. Um das Gute schützen und verteidigen zu können, musst du die Angreifer und und ihre bösen Pläne kennen. Du musst sie besser kennen als sie selbst sich kennen. Und du musst ihr Böses kennen. Nur dann, wenn du es genau kennst kannst du seine Macht überwinden und das Gute schützen. Also darfst du keine Scheu haben vor dem Bösen. Mach dir alles Schlechte, Gemeine und Böse zu eigen, studiere es genau.

Zum fünften: Dass das Gute das Böse ausrotten muss. Das Böse hat keine Gnade verdient, darum musst du es ausrotten. Jedes Fremde, Andersartige, Abweichende muss ausgelöscht werden. Wichtiger als das Gute zu tun ist es, das Böse auszurotten. Selbst wenn es um Gnade und Barmherzigkeit bettelt, darfst du dich vom Bösen nicht erweichen lassen. Du musst stark sein, du musst hart bleiben. Vor allem darfst du keine Schwäche zulassen durch deine Gefühle. Bezwinge jede Regung in dir, die dich zur Milde, zum Nachgeben, zum Verzeihen leiten möchte. Barmherzigkeit ist die gefährlichste Versuchung des Kämpfers, nie darfst du ihr nachgeben!

Zum sechsten: Dass das Böse nicht durch das Gute überwunden werden kann. Zwar lehrt der heilige Paulus in seiner Epistola ad Romanos, wir sollten das Böse mit Gutem überwinden. Wir aber wissen, dass dies zum Scheitern verurteilt ist. Auch lehrt der Apostel: "Tue das Gute, meide das Böse, suche den Frieden und jage ihm nach!" Wir aber stehen im Krieg mit dem Bösen. Deshalb sage ich dir: Du bist das Gute, suche und vernichte das Böse. Du bist ein Krieger, darum töte alle Bösen!

Ich grüße dich, mein bester Schüler Ignatius, du Erleuchteter. Möge deine Erleuchtung immer mehr zunehmen. Ich bereite nun das größte Werk unserer Kirche vor, die Heilige Inquisition. Wenn es soweit ist, dann werde ich dich rufen und du sollst an meiner Seite arbeiten und kämpfen. Lucifer."

Sicherlich ist es allen Lesern sofort aufgefallen: Diesen Brief habe ich mir selber ausgedacht. Der angebliche "tractatus contra malum" ist reine Fiktion. Und einen Fürstabt Lucifer dia Bolos hat es nie gegeben. Der Fürst der Hölle kann niemals ein leitendes Amt in unserer Kirche haben. Satanische Ideen und höllische Prinzipien und Praktiken findet man allerdings massenhaft. Denn sehr wohl gab es in der Geschichte unserer Kirche die fürchterliche und unheilige Inquisition, entstanden aus Fanatismus und Intoleranz. Es gab die unbarmherzige Verfolgung Andersgläubiger als Ketzer und Hexen mit Folter und Scheiterhaufen. Wir kennen wutschnaubende Judenpogrome, blutige Religionskriege, grausame Zwangsmissionierungen unterworfener Völker und Stämme auf allen Kontinenten. Die Liste der Gräueltaten im Namen des wahren Gottes, der wahren Kirche, des wahren Glaubens, der wahren Zivilisation ist entsetzlich lang und leider keine Fiktion, sondern bittere geschichtliche Wirklichkeit.

So lohnt es sich, die Worte Jesu von Nazareth und die Lehre der Apostel ernst zu nehmen. Gerade auch die Worte des Apostels Paulus. Mögen sie uns die Augen öffnen und uns bereit machen für das wahre Gute!

Pfarrer Lutz Poetter