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13.12.2018

"Coke" aus der Hildburghauser Straße
Die Lichterfelder Coca-Cola-Story

Reiner Kolodziej


© Pete Shacky

"Mach mal Pause, trink Coca Cola."


Foto: Coca Cola

Das habe ich damals gemacht, als zehnjähriger Bengel, Mitte der fünfziger Jahre. Wie das? Es war doch damals ein Luxus, eine dieser kleinen Flaschen mit dem braunen Saft zu bekommen. Und warum brauchte ich eigentlich eine Pause?

Mein Großvater hatte damals ein kleines Fuhrunternehmen. Nach dem Krieg waren es hauptsächlich Schuttfahrten, mit denen Hermann Klein sein Geld verdiente. Schutt gab es ja nun zu dieser Zeit reichlich. Es wurde aufgeschippt und es wurde abgeschippt. Ziele waren die Schuttberge in Marienfelde, Wannsee und auch der Teufelsberg, als der noch gar kein Berg war.

Schon im jüngsten Schulalter durfte ich in den Ferien Opa bei seiner Arbeit begleiten. Helfen brauchte ich anfangs noch nicht, und meine größte Freude war es, wenn ich nach dem Abladen beim Runterfahren den Lenker halten durfte, während Opa sich eine Zigarre anzündete. Als ich etwas älter war, konnte ich auch mitschippen, aber nur beim Abladen, das Aufladen kostete noch zuviel Kraft.

Nun aber zu Coca Cola.

Als die Schuttfahrten weniger wurden, waren es Umzüge und Möbeltransporte, die die Firma Klein hauptsächlich ausführte.


"Die eigene Flotte reichte nicht!" – Coca Cola Lieferwagen um 1957. Blick von der Hochstraße aus – Foto: Otto Braesicke

1956 kam dann aber Coca Cola ins Spiel. Opa wurde beauftragt, diese in Holzkisten gefüllten kleinen Cola­flaschen von der Flaschenabfüllanlage in unserer Hildburghauser Straße an Geschäfte auszuliefern. Opa war wohl ein erster Subunternehmer!

Ich weiß eigentlich nicht, wie das zu Stande kam, ob die eigene Lastwagenflotte noch nicht vervollständigt war oder ob Coca Cola der großen Nachfrage nicht nachkommen konnte.

Egal, es war eine schöne Zeit, und die Cola schmeckte. Ich glaube, ich konnte soviel davon trinken, wie ich wollte.

Einen Dank an Ingrid Kühl, die ihre Aufzeichnungen und Bilder, sowie das gesammelte Archiv von Otto Braesicke zur Verfügung stellte. Nur so konnte dieser Beitrag entstehen.

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Das amerikanischste aller Getränke kam nicht erst mit den GIs nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland. Schon 1929 eröffnete die erste deutsche Niederlassung in Essen an den Krupp-Fabriken, dort, wo man die meisten durstigen Kehlen vermutete.

Der Coca-Cola-Verkauf in Berlin startete 1935 über sieben selbstständige Konzessionäre.

Coca Cola, hergestellt in Berlin, gab es dann ein Jahr später.

Der Eröffnungstag der Olympischen Spiele 1936 war zugleich auch der erste Auslieferungstag der kurz zuvor eröffneten und ersten Coca-Cola-Abfüllanlage in der Hauptstadt. Diese befand sich in einem ehemaligen Brauereigebäude auf dem Gelände an der Hildburghauser Straße 224. Von hier aus wurden nun die Teilnehmer und Besucher der Olympischen Spiele mit Coca Cola beliefert.

Schon drei Jahre später wurde der Verkauf von 200.000 Kisten Coca Cola aus Berlin gemeldet. Das war für damalige Verhältnisse ein herausragendes Ergebnis.

Im Zweiten Weltkrieg dann kam die Abfüllanlage bald zum Stillstand. Der akute Rohstoffmangel, vor allem der fehlende Zucker, legte die Anlage lahm.

Nach der Zerstörung der Anlagen durch Bombentreffer begann direkt nach Kriegsende unverzüglich der Wiederaufbau.

1948 wurde die Anlage wieder in Betrieb genommen – nicht aber um das deutsche Volk mit der braunen Limonade zu versorgen, sondern um die "Coke" verwöhnten GIs mit dem Lieblingsgetränk ihrer Heimat zu verwöhnen. In den folgenden Jahren gab es dann auch wieder "Cola" für die Deutschen und damit einen rasanten Ausbau und Neubau der Anlagen in der Hildburghauser Straße.

1957 wurde mit dem Bau eines neuen Verwaltungs- und Produktionsgebäude begonnen.

Die alten Gebäude der ehemaligen Brauerei mussten weichen.

Die Produktionszahlen stiegen in den folgenden Jahren rasant. Als 1960 die Schultheiss Brauerei AG die Abfüllanlage übernahm, wurden jährlich bereits 1,3 Millionen Kisten Coca Cola (zu je 24 Flaschen) abgefüllt und vertrieben.

1961 war es dann der Regisseur Billy Wilder, der mit seiner Filmkomödie "Eins, Zwei, Drei" auf die Abfüllanlage in der Hildburghauser Straße aufmerksam machte.


Schauspieler James Cagney als Coca-Cola-Boss im Verwaltungsgebäude Hildburghauser Straße – © Pete Shacky

Der Film, der kurz vor dem Mauerbau begonnen wurde, und dessen Handlung die Coca-Cola-Erschließung hinter dem Eisernen Vorhang zum Inhalt hatte, zeigte Außenaufnahmen des Verwaltungsgebäudes und den Schauspieler Horst Buchholz, wie er mit einem Motorrad von der Hildburghauser Straße abfährt.

Wegen dieses politischen Hintergrunds fand der Kinofilm beim Publikum und auch bei Teilen der Kritik zunächst weder in den USA noch in Deutschland Zuspruch. Das breite Publikum zeigte aufgrund der Aktualität des Kalten Krieges kein Interesse an einer satirischen Darstellung der Thematik. So bezeichnete ihn zum Beispiel die BZ damals als den "scheußlichsten Film über Berlin".

Im Laufe der Zeit änderte sich dies jedoch. Als er 1985 in Frankreich und Deutschland wiederaufgeführt wurde, entwickelte er sich insbesondere in West-Berlin zum Publikumshit. Heute wird der Film von der Kritik meist positiv beurteilt und gilt als einer der besten Filme über die Zeit des Kalten Krieges.


Altes Produktions- und Verwaltungsgebäude in den 50er Jahren – Foto: Otto Braesicke


Neues Produktions- und Verwaltungsgebäude, 1958 fertiggestellt. (Zustand von 2003) – © Pete Shacky

Das Geschäft mit der Limonade expandierte weiter. Es wurde nicht nur Coca Cola produziert, auch Marken wie Fanta, Sprite, Mezzo-Mix liefen über die Abfüllanlage.

1969 kaufte Schultheiss das angrenzende Grundstück der ehemaligen Gewächshausfirma Böttcher und Eschenhorn dazu und neue Lagerhallen wurden gebaut. Neue Ein- und Ausfahrten entstanden, was die Anwohner in der Hochstraße begrüßten

Der LKW-Lärm reduzierte sich zwar, aber der Alltagslärm einer so großen Anlage war weiterhin eine Belastung.

So waren auch die Anwohner der Hochstraße nicht gerade traurig, als 1994 die letzte Kiste Coca Cola vom Band lief und die Produktion nach Hohenschönhausen verlagert wurde.

Noch einmal wurde das inzwischen in die Jahre gekommene Gebäude Kulisse für eine Komödie. Wolfgang Beckers "Good Bye Lenin" machte davon Gebrauch.

Nun, im Jahre 2010, nach 16 Jahren der Verwilderung, kehrt erneut Leben in das denkmalgeschützte Gebäude.

Jetzt werden aber keine Flaschen mehr vom Band laufen, sondern Autos. Diese werden eigentlich auch nicht vom Band laufen sondern repariert. Eine KFZ Reparaturwerkstatt wird im Januar 2011 die Türen öffnen.

Der Denkmalschutz besteht aber weiterhin für die Mosaikfassade und dem Treppenhaus mit dem besonderen Metallgeländer.

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