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13.12.2018

Auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin

von Torsten Lüdtke


Ludwig Burger, Dreierschäfken-, und Pyramiden-Verkäufer auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, Holzschnitt um 1865

Pünktlich zum ersten Advent öffnen die Weihnachtsmärkte. Im gesamten Stadtgebiet laden sie – groß oder klein, stimmungsvoll oder lärmig – zum Bummeln ein: Im alten Rixdorf wie am Gendarmenmarkt, an der Gedächtniskirche wie auch am Schloßplatz oder dem Opernpalais.

Vor wenigen Wochen fiel mir ein alter, vergilbter Briefbogen in die Hand., den ein junger Mann – wohl ein Student der Berliner Universität – an seine Eltern im fernen Danzig schrieb. Auf dem eng mit spitzen, altdeutschen Schriftzügen beschriebenen Blatt – einem typischen Weihnachtsbrief der Zeit – erzählt er von seinen Erlebnissen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt vor etwas mehr als 160 Jahren. Doch lassen wir den jungen Mann selbst zu Wort kommen. Der etwas umständliche Stil und die heute fremdartig wirkende Orthographie des Originals sind dabei beibehalten:


H. Hensel, Berliner Weihnachtsmarkt, Zeichnung um 1890

Weihnachtsmarkt

Fahnen zum Kauf!
Pyramiden zu Hauf!
Knarren, schnurrt um!
Waldteufel, brumm!

Herbei zum Kauf! Geschwind heran
beim Strahlenglanz der Kerzen;
Hier kaufen Sie, mein lieber Mann,
Kandierte Zuckerherzen
Mit Namen nach dem Alphabet;
Charlottchen, Doris, Margareth‘,
S‘ ist lauter lockre Ware.
Heran Mamsellschen, frisch herbei!
O, lassen Sie sich raten.
Hier schau‘n Sie Fußvolk, Reiterei,
Off‘ziere wie Soldaten.
Was nach Geschmack auch wählt Ihr Sinn,
S‘ ist alles hübsches, blankes Zinn,
In hohle Form gegossen.
Herbei, herbei doch, junge Herrn!
O, schau‘n Sie hier in Gruppen,
Nach neuestem Schnitt von nah und fern,
Die schönsten Mode-Puppen
Mit allerliebstem Wachsgesicht.
Obgleich so‘n Balg nicht denkt und spricht,
So kann es doch hübsch schreien.
Was suchen Sie, mein schönes Kind?
Vielleicht den schmucken Jäger,
Den Müller, Gärtner, hold gesinnt,
Den flinken Schornsteinfeger?
Hier Haus-Kobold und Hampelmann,
So man am Schnürchen lenken kann,
Zur Auswahl Dutzendweise.
O, schaut der Waren mancherlei!
Hier gold‘ne Wehstandsruten,
Pantoffeln, Körbe noch dabei,
Auch bunt geflocht‘ne Knuten.
Herbei, herbei denn, jung und alt,
Die Zeit der Hochlust schwindet bald:
Kauft frische Weihnachtsware!

Fahnen zum Kauf!
Pyramiden zu Hauf!
Knarren, schnurrt um!
Waldteufel, brumm!

Carl Seidel (1787–1844)


Theodor Hosemann, Kinder verkaufen Pyramiden, Schäfchen und Waldteufel, Holzstich nach Zeichnung, 1869

21.ter Decbr., abends
Liebe Mutter, lieber Vater!
Euch sage ich vielmals herzlichen Dank für das liebe Paquet zu den Festtagen und die vielen guten Dinge, die darin waren. Nun ist auch hier Weihnachten nahe! – O du heilig-schönes Fest, komm' endlich mit Deinem Zauber! – Wehmüthig denke ich an die längst entschwundenen Tage der Kindheit, an Euch und die weit entfernt liegende Heimat wie auch die anderen, so fernen Verwandten – –

Unter solchen Gedanken kann ich nicht weiter schreiben. Ich trete an das kleine Fenster meiner Studirstube, an welchem zu der besonderen Zierde meiner sonst so behaglichen Dachkammer die prächtigsten Eisblumen gedeihen. Tief verschneit, hinter dem eisigen Blüthen-Meer, da liegt die große Stadt Berlin mit ihren geschäftigen Straßen, ihren hohen Thürmen und Kuppeln. Mit einem erwärmten Thalerstück habe ich soeben dem Blick einen Weg durch die kalte Pracht der Eisblumen gebahnt. Über die verwunschenen Giebel und Dächer der Petri-Straße, über die traurigen Trümmer der Kirchenruine auf dem Petri-Platz wandert der Blick an kolossalen, dunklen Massen des Schlosses vorbey hin zum prächtigen Kuppeln des Schinkel'schen Domes. Sacht und langsam senkt sich der Abend über die Dächer der Stadt; im letzten Licht des Tages wirken die großen Kuppeln des Schlosses und des Domes wie die bärenfellnen Kosackenmützen der alten St. Petersburger Garde.

Während ich noch tiefer darüber nachsinne, wie die Stadt im Dämmer versinkt, und ich dies alles niederschreibe, fliegt die Thüre auf, und herein tritt mit vom Froste geröthetem, aber fröhlichem Gesichte mein Commilitone, der stud. phil. Julius Müller. Noch athemlos vom Treppen steigen, fragt Müller mich, ob ich ihn zum Weihnachtsmarkt begleiten wolle. – Und ob ich will ! – –

21.ter Decbr., spät am Abend
Soeben kehre ich vom Weihnachtsmarkt zurück! O, wie war das doch herrlich! – Aber nun will ich rasch den begonnenen Brief zu Ende schreiben und Euch alles der Reihe nach erzählen, denn einen solch großen Weihnachtsmarkt gibt es in unserer alten lieben Vaterstadt nicht.

Rasch hatte ich den warmen, gefütterten Mantel angezogen und den neuen englischen Shawl umgelegt. Unten im Hausfluhr habe ich dann die warme pelzverbrämte Mütze aufgesetzt und die feinen ledernen Handschuhe angezogen, für die ich Tante Charlotte von Herzen danke.

Nachdem ich zusammen mit Julius aus der Hausthüre trat, begann es in kleinen Flokken zu schneien, so daß unser Weg zum Weihnachtsmarkt äußerst ideal und idyllisch ausfiel. Von meiner Wohnung bis zum Weihnachtsmarkt sind es nur wenige Schritte. An der schon erwähnten, verschneiten Ruine der Petri-Kirche vorbey waren wir balde am Cöllnischen Fisch-Markt, wo auch das alte cöllnische Rathhaus steht. In seinem winterlichen Kleid hat der breit gelagerte, altmodische Bau mit seinem zu kurz geratenen Thurme doch etwas Gemüthliches. Hier stehen nun auch schon, von beiden Seiten beleuchtet, die ersten Buden des Weihnachtsmarktes, an denen Männer und Weiber, Kinder und Greise, seit gut zwei Wochen ihren Kram feilbieten. Welch' buntes Treiben und Gedränge herrscht hier! Ganz Berlin so glaubt man, – von der höchsten hin bis zur niedrigsten Classe – flanirt dort entlang: Ein bejahrter, weißköpfiger Bürger trug einen vielleicht dreijärigen Knaben auf dem Arm und zeigte dem staunenden Kinde die Herrlichkeiten des Marktes. Eine in einen kostbaren Pelz gehüllte Mutter wies ihrer kleines Töchterchen auf die vielfältigen Auslagen des Spielzeugmachers hin, doch konnte die Tochter ihren Blick kaum vom daneben liegenden Stand und der artig in blaues Kattun gekleideten Puppe wenden. Ob ihr das Christkind diese wohl unter dem Weihnachtsbaum beschert?

Etwas weiter bot ein Zinngiesser gutes und dauerhaftes Zinn-Geschirr wohlfeil an, doch waren es nicht seine Kannen und Teller die reissenden Absatz fanden; ganze Regimenter bunt bemahlter Bleisoldaten – auf der einen Seite Blaue Potsdamer Grenadire, schwarze Leib-Hussaren und westpreussische Ulanen mit schwarz-weissen Lanzen-Wimpeln, auf der anderen französische Chasseurs der vieux Garde und westphälische und polnische Chevaux-légers – waren es, die über den Verkaufstisch marschirten und die cartonsweise in den Taschen und Körben verstaut wurden.

Es mochte wohl gegen sechs Uhr gewesen sein, als ein reich verzierter Wagen mit mehrern Bedienten langsam über das von unzähligen Lichtern erhellte, verschneite Pflaster der Breiten Straße auf uns zurollte. Das sind die Kinder des Kronprinzenpaares, tuschelte und raunte es aus allen Ecken und Winkeln und ein jeder suchte des prächtigen Gefährtes ansichtig zu werden. Julius und ich traten ein wenig zur Seite und kamen schließlich vor den Stufen einer altersgrauen Façade zu stehen. Auf den Stufen, dicht an die massiv mit Eisen beschlagene Thür geschmiegt, saß ein dürftig bekleidetes Mädchen. Das kleine verhärmte Gesicht auf das vergitterte, sandsteineingefaßte Fenster des großen Gebäudes gerichtet, hielt es ein schadhaftes Körbchen in der Linken. Mit der Rechten bot es mir ein sogenanntes "Dreierschäfken" – ein kleines, aus Wollfäden und Kienspanen hergestelltes Schäflein – zum Kaufe an. Angerührt durch den unsagbar armseligen Anblick wie auch die vor Frost zitternde Stimme, gab ich ihr die geforderte Summe und noch einiges dazu; auch schenkte ich ich ihr das lebzeltene Herz, welches ich kurz zuvor für den Heiligen Abend gekauft hatte. Julius lachte über mich und meine Gefühlsseeligkeit. Er meinte, das Geld hätte ich auch besser ausgeben können.

Mißmuthig zog ich weiter, weil ich mich über die dumme Bemerkung von Julius, aber auch über meine eigene Gutmüthigkeit ärgerte.– Weil ich vermuthlich recht finster und grimmig dreinschaute, zog ich wohl unweigerlich auch die Blicke der Vorübergehenden auf mich, doch weckte mich aus diesem widrigen Verfassung ein courioser wie comischer Zwischenfall, der auch die Blicke aller Passanten auf sich zog und mich unweigerlich zum Lachen brachte. Doch muß ich dazu eine kurze Erklärung voranschicken: Auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen Knaben sogenannte "Walddeibel" oder Waldteufel, primitive Musikinstrumente, die einen brummenden Laut von sich geben. Fünf oder sechs Knaben, jeder mit einem Walddeibel, hatten sich unmerklich einem verliebten Pärchen, die auf dem Weihnachtsmarkt zu Hauf zu sehen sind, genähert und dieses umkreist. Plötzlich begannen die Jungens mit ihren Walddeibeln einen ohrenbetäubenden Lärm zu veranstalten, so daß das vierliebte Paar erschrocken auffuhr. Von allen Seiten war ein fröhliches Lachen zu hören und amüsirt schüttelten die Passanten ihre Köpfe. Indessen wäre das Pärchen am liebsten mit hochrothem Kopfe im Erdboden versunken.

Schließlich langten wir an einem Stand mit dem herrlichsten Obst an. Die schönsten Früchte, die man sich nur vorstellen kann, lagen in der Auslage: Schöne Aepfel, reife Birnen, süsse Pfirsiche und Apricosen. Doch war das Obst keineswegs echt, sondern recht künstlich aus Wachs geformt. In der kleinen Bude daneben kaufte ich eine Tüte mit Thorner Kathrinchen und einen recht großen Nicolaus von Pfefferkuchen.

An einem der letzten Verkaufsstände in der Breiten Straße, kurz vor dem Schloßplatz, erstand ich noch für einen Silbergroschen eine große, mit grünen Buxbaumguirlanden und Goldpapier verzirte Pyramide sowie einige Kerzen. – Ja, zu gerne hätte ich auch einen richtigen Tannenbaum gehabt, so wie wie ihn früher zu Hause hatten oder wie er von den verschiedenen Händlern an den verschiedenen Ecken des Marktes angepriesen wird, doch hätte ein solcher Baum nicht für meine Börse und meine bescheidene Behausung gepasst.

So endete unser Bummel über den Weihnachtsmarkt am Schloß-Platz gegenüber dem hell und festlich illuminirten Schlosse. Wie gerne wäre ich noch – vorbei am Opernhause und an der Universität, wo über Weihnachten keine Vorlesungen sind – die Linden entlang, bis zum Pariser Platz und dem Brandenburger Thor gewandelt, doch hinderten mich meine Einkäufe daran. Doch denke ich, diesen Spazirgang nach dem verschneiten Thiergarten, der wie ein überzuckerter Märchen-Wald anmutet, am morgigen Tage zu thun; auch werde ich meine Schlittschuhe mitnehmen, um dort auf einem der vielen Seen Eis zu laufen.

Viel gäbe es noch zu erzählen, doch nun muß ich schließen, denn es ist schon nach eilf Uhr. Gehabt Euch wohl, grüsst mir die Großmama und meine liebe Sophie, der ich nicht genug für die gestickten Börse danken kann. Euch allen wüsche ich ein gesegnetes Christfest und ein gutes neues Jahr. Bleibt bis zu unserm Wiedersehen im Frühjahr gesund, das wünscht Euch allen –

Euer dankbarer Sohn Curt.
Herrn
Hermann George de Lostent
Jopengasse 1
Dantzig.

Mit diesen Zeilen endet der alte Brief. Leider erfahren wir nicht mehr, ob der Verfasser am nächsten Tag "nach dem verschneiten Thiergarten, der wie ein überzuckerter Märchen-Wald anmutet" gegangen und ob er dort Schlittschuh gelaufen ist.

Mit seinen Schilderungen ist jedoch ein Stück altes Berlin sichtbar und lebendig geworden; gleichsam sind wir mit ihm über den Alt-Berliner Weihnachtsmarkt und durch die weihnachtliche Atmosphäre des alten Berlin gebummelt. Trotz aller bestehenden Unterschiede – es gibt keine Kutschen mehr, keine preußische Monarchie und auch kein Schloß – mutet doch die Beschreibung der Weihnachtsstimmung und des Weihnachtsmarkte nicht so verschieden an, wie man zunächst meint. Aber auch viele Waren, die damals dort verkauft werden – wie etwa Süßigkeiten, Spielzeug oder auch Weihnachtsschmuck – finden sich auch heute noch in den Verkaufsbuden. Vielleicht denken wir ja daran bei unserem nächsten Gang über den Weihnachtsmarkt...

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