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23.3.2019

Gedanken zum Monatsspruch

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Nur wenigen wird der Name Jewgeni Wutschetitsch etwas sagen. Er war ein sowjetischer Bildhauer, der monumentale Bronzeplastiken erschuf und u.a. am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park beteiligt war. Ein führender Vertreter des sozialistischen Realismus.

1959 schenkte die Sowjetunion den Vereinten Nationen eine berühmte Skulptur von ihm, die einen Schmied zeigt, der ein Schwert zu einer Pflugschar breitzuschlagen versucht. Sie sollte den Friedenswillen der Sowjetunion bekunden und steht seitdem in New York.

Damals ahnte niemand, dass dieses monströs in Bronze gegossene Bibelwort für Millionen Menschen ein Wegweiser in die Freiheit werden sollte. "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen", hatten die Propheten Jesaja (2,4) und Micha (4,3) gut 700 Jahre vor Christus ihrem vom Krieg gequälten Volk vor Augen und ins Herz geschrieben.

Als sich in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Rüstungsspirale zwischen den Machtblöcken immer schneller drehte, war es der Thüringer Jugendpfarrer Harald Bretschneider, der dieses Prophetenwort ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rückte. In einer kirchlichen Werkstatt ließ er 120.000 Exemplare des muskulösen Russen auf Stoff drucken. Als Umschrift fügte er nur das Herzstück des Prophetenwortes bei: "Schwerter zu Pflugscharen". Der bedruckte Stoff wurde als Lesezeichen in Umlauf gebracht und sollte bald für erheblichen Aufruhr sorgen.

Tausende Jugendliche hatten sich das Lesezeichen auf den Ärmel genäht. Das Zeichen wurde verboten und von den Jacken gerissen. Bald wurden die, die es trugen, verhaftet, verhört und bedroht, mussten ihre Schulen verlassen, waren Repressalien ausgeliefert. Das Wort überquerte schon damals Grenzen, diente auch der Friedensbewegung im Westen als Zeichen und die, die es trugen wurden, als Spinner und realitätsferne Träumer diffamiert. Aber das Wort ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Es hinterließ Spuren. Zuerst auf den Jacken, auch dann noch, als es entfernt werden musste.

Solche Hoffnungsbilder, wie sie Jesaja hier beschreibt, haben Menschen immer wieder unter die Arme gegriffen, ihnen Kraft zum Durchhalten, gleichzeitig aber auch Mut zum Verändern gegeben, zum Handeln auch in ganz eng gesteckten Grenzen. Wer solche Hoffnungsbilder nicht hat, erstickt an der Gegenwart.

Der Dramatiker Henrik Ibsen hat in seinem Schauspiel "Peer Gynt" einmal sehr eindrucksvoll beschrieben, was das bedeuten kann. In der Person des Peer schildert er einen Menschen, der in seinem Leben alles Mögliche erreichen wollte – immer auf sein Können und seine eigene Kraft vertrauend. Am Schluss ist Peer ein alter Mann geworden. Es geht ans Sterben, und er sitzt im Staub und fragt sich und fragt die anderen: Wo komme ich jetzt hin? Was ist mein Leben gewesen? Was bleibt? Er fragt und fragt, aber niemand gibt ihm eine Antwort. Nur eine alte Frau wirft ihm eine Zwiebel hin. Peer sitzt am Boden und reißt eine Zwiebelschale nach der anderen ab und spricht zu sich selbst in der Rückerinnerung: diese Phase vorbei, wie diese Zwiebelschale, die nächste Station meines Lebens: vorüber und immer so weiter, bis alle Zwiebelschalen zerstreut am Boden liegen und die Zwiebel alle ist. Da gehen Peer die Augen auf, denn eine Zwiebel hat keinen Kern; und der Kern fehlte in der Frucht seines Lebens.

Wir brauchen Hoffnungsbilder, die unser Handeln leiten, die uns trotz so vieler Grenzen einen Horizont geben. Wir brauchen einen solchen Kern, damit am Ende nicht unser Leben hohl und leer geblieben ist. Wir sind wohl oft weit entfernt vom Frieden. Konflikte, Streit zu bewältigen, ist keine einfache Sache, aber schließlich bleibt doch dieser Ruf: Lasst euch die Träume nicht nehmen, die Träume eures Lebens und eure Wünsche nach einer friedlicheren Welt, in der es keine Armeen mehr gibt. Ein Prophetenwort hatte nach zweieinhalbtausend Jahren die Kraft Grenzen einzureißen und Waffenarsenale abzuräumen. Vor unseren ungläubigen Augen erfüllte Gott seine Verheißung. Er tat es nicht ohne die Kraft, den Mut und die Phantasie lebendiger Menschen. Die Bibel lässt aber keinen Zweifel, dass für sie alles daran hängt, dass es Gott ist, der aus dem goldenen Traum die Wirklichkeit macht. Die an IHN glauben, glauben daran, dass ER Frieden und Heil für seine Schöpfung will.

Michael Busch