Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Howlin' Wolf – der Bluesgigant aus dem Delta

von Lutz Poetter

Chester Burnett war ein prominenter Bluesmusiker. Sein Lebensweg führt von den Plantagen des Mississippi-Deltas in die Metropole Chicago, am Ende auch nach Europa. Auf diesem Bluestrail vom ländlichen Süden in den urbanen Norden war er mit vielen anderen Weggefährten unterwegs: Big Joe Williams, Lightnin' Hopkins, Muddy Waters, Memphis Slim, Elmore James. Diese Giganten des schwarzen Blues hatten Vieles gemeinsam. Howlin' Wolf war unter ihnen eine besondere Größe.

Big Foot Chester

Am 10. Juni 1910 wurde dem schwarzen Ehepaar Burnett in White Station ein Sohn geboren. Die Eltern waren Plantagenarbeiter auf einer Farm im südlichen Bundesstaat Mississippi, der Vater zugleich Prediger der schwarzen Baptistengemeinde am Ort. Als Vornamen für ihren Sohn wählten seine Eltern den Namen des 21. Präsidenten der USA. Chester Arthur war im 19. Jahrhundert als Anwalt und Lehrer ein Verteidiger der Sklaven, die aus dem Süden geflohen waren und setzte sich als Politiker für die Abschaffung der Sklaverei ein. Wie seine Eltern sollte der kleine Chester ein guter schwarzer Farmerjunge werden: Anständig, arbeitsam und religiös. Lesen und Schreiben brauchte er dafür nicht zu lernen, aber Manieren, Gehorsam und Fleiß. Doch der junge Chester passte nicht in dieses Schema seiner Eltern, er war einfach zu groß und zu eigensinnig. Der massige Junge wurde von den anderen Kindern auf der Farm "Bullenkalb" und "Riesenfuß" genannt.

Smokestack Lightning

Die Eltern trennten sich, Vater Burnett verließ Frau und Sohn, zog weg und gründete eine neue Familie. Für den kleinen Chester brachen düstere Zeiten an. Seine streng religiöse Mutter Gertrude kam mit ihrem kraftvollen Sohn nicht zurecht. Nachts schlich er sich weg, saß stundenlang an den Bahngleisen und schaute den vorbeifahrenden Dampflokomotiven zu. Funken sprühten aus ihren Schornsteinen in der Dunkelheit. Später würde Chester aus diesem Schauspiel und seiner Sehnsucht nach Weite und Freiheit sein größtes Lied machen: "Smokestack Lightning". Großvater John versuchte den aufsässigen Enkel mit angsteinflößenden Schauergeschichten zu bändigen: "Hörst du da draußen die wilden Wölfe heulen? Sie kommen in der Nacht und holen die unartigen Kinder. Bald werden sie sich auch dich schnappen!" Chester hörte fasziniert zu, er selbst wollte lieber ein wilder Wolf sein als ein artiges Kind. Seine Mutter warf ihn wütend aus dem Haus, weil der Bengel ihr nicht genug arbeitete. Außerdem liebte er die falsche Musik: Statt für ernste Choräle und innige Gospels schwärmte Chester für lotterhaften Countryblues. Sein Star Jimmie Rodgers spielte Gitarre, sang und jodelte. Zur Strafe wurde er zu seinem Onkel Will geschickt, der ihn hart anpackte und böse schikanierte. Mit 13 Jahren riss Chester aus und lief die 140 km bis zum Haus seines Vaters – barfuß.

Get Ready

Bei ihm und seiner neuen Familie angekommen fand Chester erstmalig ein glückliches Heim. Er arbeitete als Farmerjunge und wuchs zu einer imposanten Größe heran: Zwei Meter, 140 kg, Schuhgröße 58. Mit ihm gewachsen war auch seine Begeisterung für den Blues. Abends schlich er sich heimlich an die Musikkneipen seiner Umgebung heran. Drinnen spielte sein Idol Charley Patton, der bekannteste Bluesmusiker im Mississippi-Delta. Draußen im Dunkeln nahm Chester jeden Ton des Blues in sich auf.

Zu seinem 18. Geburtstag schenkte ihm sein Vater eine eigene akustische Gitarre. Charley Patton brachte dem großen Jungen das Spielen bei, er zeigte ihm auch einige seiner Tricks. Der Bluesmeister konnte seine Gitarre in fast jeder Position spielen: Über dem Kopf, auf dem Rücken, zwischen den Beinen. Dazu sang er rau und bellend, eher unartikuliert, aber mit hoher Energie. Der schmale, elegante Bluesstar Patton mochte den jungen Chester offensichtlich, er ahnte wohl, was ihn ihm steckte. Vom Partner seiner Halbschwester Mary lernte Chester das Spielen der Mundharmonika. Aleck "Rice" Miller nannte sich später Sonny Boy Williamson II und galt als Könner der Bluesharp.

Howlin' at the Juke Joint

Chester war mit 20 weder ein virtuoser Gitarrist noch ein exzellenter Harmonikaspieler, aber er hatte genug gelernt, um endlich selber den Blues zu spielen. So trat er abends und am Wochenende in den Musikkneipen der Schwarzen auf: Mit der Gitarre vor der Brust, die Harmonika in einem Halter um den Hals begleitete er sich selbst bei seinem Gesang. Manchmal spielten auch mehrere Bluesmusiker zusammen in diesen "Juke Joints". Er traf die Elite der herumziehenden Delta-Blueser und spielte mit ihnen: Charley Patton, Willi Brown, Robert Johnson. Er hielt sich eng an sein großes Vorbild Charley Patton, lernte aber auch von den anderen Musikern und entwickelte dabei seinen eigenen Stil. So versuchte er, ebenso zu jodeln wie sein Kindheitsstar Jimmie Rodgers. Chesters "Jodeln" hörte sich aber eher wie Wolfsgeheul an. Für ihn klang das gut und passend. Damit hatte er auch seinen Künstlernamen als Bluesmusiker gefunden: "Howlin' Wolf".

Workin' and Playin' the Blues

Tagsüber verdiente er sein Geld in der Landwirtschaft, abends spielte er den Blues. Howlin' Wolf war dabei umsichtig. In den Juke Joints gab es in den 30er Jahren neben der Musik auch Glücksspiel, Schnaps und Sex. Viele Musiker sind diesen Versuchungen erlegen. Die Würfel, der Whisky und die leichten Mädchen waren erst die Quelle ihrer Bluesinspiration und dann ihr Ruin. So wurde Robert Johnson nur 26 Jahre alt. Der König des Deltablues starb an einer Flasche Whisky nach einer Affäre mit einer Schönen aus dem Publikum. Der betrogene Ehemann hatte es ihm tödlich heimgezahlt und Gift in den Whisky gemischt. Chester "Howlin' Wolf" Burnett behielt einen klaren Kopf und ließ sich nicht ablenken von seiner Musik. Er war übrigens einer der ersten Bluesmusiker, die mit einer elektrisch verstärkten Gitarre auftraten.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Plantagenarbeiter zum Militärdienst einberufen. Er diente in Seattle als Funker und Radiomacher.

Nach dem Krieg und seiner Entlassung aus der Armee gründete Howlin' Wolf seine erste eigene Bluesband in West Memphis. Er arbeitete für eine Radiostation und machte Reklame für beides: Die Auftritte seiner Band und die landwirtschaftlichen Geräte für Farmer, die Chester verkaufte.

Sweet Home Chicago

1951 fand ihn der Musikscout Sam Phillips: "Ich hörte ihn und ich sagte mir: Das ist es! Hier ist es, wo die Seele des Menschen niemals stirbt." Phillips machte erste Aufnahmen von der Howlin' Wolf Band. So wurde das tonangebende Plattenlabel für schwarze Musik – Chess Records in Chicago – auf sein Talent aufmerksam. Chester Burnett sollte umziehen in die Metropole des Blues, in der sich viele Bluesmen aus dem Mississippi-Delta sammelten.

Er erinnerte sich so daran: "Ich kam nach Chicago 1952 oder 1953. Ich besaß ein 4.000-Dollar-Auto und hatte nochmal 3.000 Dollar bar in der Tasche. Ich bin wohl der einzige Bluesmann, der wie ein Gentleman aus dem Süden herausfuhr."

In der Bluesmetropole Chicago im industriellen Norden der USA formierte Howlin' Wolf seine neue Band aus einheimischen und eingereisten Musikern. Manche holte er auch nach aus seiner alten Heimat. Die Musiker spielten gerne für Chester Burnett, live auf der Bühne und im Aufnahmestudio. Der Bandleader war schon über 40, als er die Schule besuchte, um endlich Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

Als seine Bluesstücke die Charts eroberten und er mit dem Verkauf seiner Platten auch finanziellen Erfolg hatte, blieb er bodenständig und zahlte seinen Begleitmusikern faire Gagen. Chester holte seinen Schulabschluss nach und belegte Kurse in Buchhaltung und Geschäftsführung, um seinen Erfolg zu sichern.

Als gemachter Mann fuhr Chester einmal von Chicago den weiten Weg zurück in seinen Heimatort. Er wollte sich mit seiner alten Mutter versöhnen und sie an seinem Erfolg teilhaben zu lassen. Doch Getrude stieß den "gefallenen" Sohn brüsk zurück. Sie wollte weder ihn noch sein Geld annehmen, dass er mit seiner "Teufelsmusik" erspielt hatte.

Wie sämtliche Unterhaltungsmusik kamen in den 50er Jahren auch die Lieder des Wolfs als Singles heraus: Ein Hit auf der A-Seite, eine Zugabe auf der B-Seite: "How Many More Years", "Moanin' At Midnight", "Smokestack Lightning", "I Asked For Water". 1958 erschien die erste Langspielplatte der Howlin' Wolf Band "Moanin' In The Moonlight".

Lady Lillie and the Wolf

Seine wahrhaft überwältigende Wirkung entfaltete Chester Burnett bei Liveauftritten vor großem Publikum. Meistens kam der Wolf unter frenetischem Applaus auf allen Vieren auf die Bühne, die Bluesharp zwischen den Zähnen. Zu voller Größe aufgerichtet spielte er seine E-Gitarre, die in seinen mächtigen Armen wie ein Kinderinstrument wirkte. Fast ehrfürchtig lauschten die Hörer seiner gewaltigen dunklen Stimme und spürten körperlich die animalische Intensität seiner Bühnenpräsenz. Gemeinsam mit dem anderen großen Chicago-Blueser McKinley Morganfield alias "Muddy Waters" war Chester Burnett der Frontmann des urbanen Blues des Nordens. Der strömte aus jeder Pore dieses schwarzen Riesen, sein Publikum raste, nur die Veranstalter begannen, sich Sorgen um ihre Konzerthalle zu machen.

An einem solchen Abend auf der Bühne sah Chester im Publikum die Frau seines Lebens: Lillie, eine gebildete Städterin aus Chicago, Mutter zweier kleiner Töchter aus einer früheren Beziehung. Nichts sprach dafür, dass sie sich mit einem Bluesmusiker aus dem ländlichen Süden einlassen würde. Chester warb um sie und gewann ihre Zuneigung. Beide wurden ein Paar und zogen gemeinsam die Töchter Bettye und Barbara auf. Lillie kümmerte sich mustergültig um die Geschäfte ihres Mannes. Chester und Lillie blieben verliebt in einander bis zum letzten Tag.

Rockin' and Rollin'

Ende der 50er Jahre nahm in den USA das Interesse der breiten Öffentlichkeit am schwarzen Blues rapide ab. Nach Bill Haley's Schlachtruf "Rock Around The Clock" beherrschte der Rock'n Roll die Bühnen und die Dancehalls. Diesen "neuen" Musikstil hatte wohl Little Richard aus dem schwarzen Rhythm and Blues entwickelt, der ebenfalls schwarze Chuck Berry wurde "Mister Rock'n Roll". Schnell jedoch dominierten ihn weiße Musiker wie der "King" Elvis Presley, Carl Perkins, Eddie Cochran, Jerry Lee Lewis, Bill Haley. Nur wenige schwarze Bluesmusiker behielten den Anschluss an die neue Welle. Die meisten schwarzen Bluesbarden fanden nur noch bei einer Minderheit Gehör und gerieten in Vergessenheit. Im Rock'n Roll äußerte sich der Protest der weißen Mittelschichtsjugend. Mit schnellen Autos, schnellen Motorrädern und schneller Tanzmusik opponierten die Teens und Twens in Jeans und Lederjacken gegen das feindselige Spießbürgertum der McCarthy-Ära. Der schwarze Blues der Söhne und Enkel von Sklaven lebte von der Erfahrung der Rassendiskriminierung./p>

Over the Ocean

Anfang der 60er Jahre gab es einen neuen Impuls auf der anderen Seite des Atlantik. Junge weiße Musiker der Beatgeneration um die 20 entdeckten mit dem Rock'n Roll für sich auch den originären Blues des Mississippi-Deltas und der Bluesmetropolen Chicago und Los Angeles. Man stöberte nach alten Platten und versuchte die Songs nachzuspielen. Der Londoner Student Mick Jagger traf seinen alten Schulfreund Keith Richards wieder: "Weißt du eigentlich, dass ich sämtliche Chuck-Berry-Platten habe?" Kurz darauf gründeten sie mit Brian Jones die "Rolling Stones". Der Musiktransfer geschah hauptsächlich über die Schallplatten. So eigneten sich auch Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmi Page den schwarzen Blues an: vom Plattenspieler in den Bandkeller. Auf dem Plattenteller drehten sich die Vinylscheiben von Robert Johnson, Muddy Waters, Elmore James, T-Bone Walker, B. B. King, Louisiana Red, Lightning Hopkins, Memphis Slim, John Lee Hooker und natürlich Howlin' Wolf. Auf der Bühne leisteten weiße Bandleader wie Alexis Corner und John Mayall Pionierarbeit für die Adaption des schwarzen Blues. Viele junge Nachwuchsblueser aus dem alten Europa sind durch ihre Schule gegangen. Die jungen Rockstars verdienten eine Menge Geld mit den Coverversionen der alten Bluesstandards. Irgenwann kamen sie auf die Idee, nicht nur ihre Schallplatten, sondern die afroamerikanischen Bluesmen selbst mal nach Europa zu holen.

In Deutschland rief das Veranstalterduo Lippmann & Rau 1962 das "American Folk Blues Festival" ins Leben, um den Europäern gute Bluesmusiker aus den USA näher zu bringen.

1964 kam auch Chester Burnett mit auf Europatournee, am 17. Oktober 1964 trat er im Berliner Sportpalast auf: "Dust My Broom". Dadurch kamen die Bluesoriginale wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. 1967 formierte sich die "Super Super Bluesband" zur Aufnahme eines Albums: Howlin' Wolf, Muddy Waters und Bo Didley.

Berühmt wurden auch die " London Howlin' Wolf Sessions" 1970. Chester hatte aus Chicago zwei vertraute Musikerkollegen mitgebracht, seinen langjährigen Leadgitarristen Hubert Sumlin und den jungen Bluesharpspieler Jeff Carp. In London wartete die Elite der Rockmusiker begierig darauf, mit dem Altmeister zusammen seine Lieder zu spielen: Eric Clapton, Steve Winwood, Ian Stewart, Bill Wyman, Charlie Watts. Der Bluesriese Chester Burnett war nach einem Herzinfarkt allerdings schwer angeschlagen. Ein Jahr später wurde er bei einem Autounfall aus dem Wagen geschleudert und erlitt unheilbare Nierenverletzungen. Er musste seine Livekonzerte einschränken, seine Stimme wurde müde. Im Herbst 1975 gab Howlin' Wolf sein letztes Konzert zusammen mit B. B. King in Chicago. Er starb am 10. Januar 1976 mit 65 Jahren.

Chester Burnett liegt auf dem Oak Ridge Cemetery in Hillside begraben. Sein großer Grabstein ist ein Geschenk von Eric Clapton. Darauf eingraviert sind eine Gitarre und eine Mundharmonika.

Vier Jahre später wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen. Seine Musik lebt weiter, auch in der Petruskirche in Lichterfelde.

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