Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
Franz Kafka erzählt in seinem Roman "Der Prozess" die Legende vom Türhüter: "Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne." Der Eintritt ist möglich, so erfährt der Mann, aber eben nicht jetzt. Dabei steht das Tor zum Gesetz wie immer weit offen und es ist kein Hindernis zu sehen. Doch der Türhüter warnt den Mann, er sei nur der unterste, von Saal zu Saal gebe es mächtigere, bereits der Anblick des dritten Türhüters sei unerträglich.

Der Mann vom Lande hat mit solchen Schwierigkeiten nicht gerechnet: Eigentlich sollte der Zugang zum Gesetz doch jedem immer möglich sein. Er beschließt, vor der Tür abzuwarten, auf einem Schemel neben der Tür. Jahre vergehen. Der Mann wendet allen Besitz und all seine Bitten auf, um dem Türhüter die Erlaubnis zum Eintritt in das Gesetz abzuringen. Der sagt ihm nur, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Über die Jahre des Wartens wird der Mann alt, seine Sehkraft schwindet. Die Dunkelheit um ihn herum nimmt zu, jedoch sieht er nun den Glanz, der aus der Tür des Gesetzes scheint. Vor seinem Tod stellt er dem Türhüter eine letzte Frage: "Alle streben doch nach dem Gesetz, wie kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?" Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist, und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: 'Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.'"

Rätselhaft und verstörend liest sich diese Erzählung aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Um welches Gesetz handelt es sich eigentlich? Was für ein Prozess ist das denn, in den die Hauptfigur K. verwickelt ist? Die Legende vom Türhüter wie Kafkas ganzer Roman "Der Prozess" lädt uns Lesern schmerzhafte Gefühle auf: Hoffnungslose Verstrickung des Einzelnen und seine hilflose Ohnmacht gegenüber den höheren Mächten. Es könnte sein, dass man zur Zeit Jesu im 1. Jahrhundert ähnlich empfand: "Wir einfachen Leute in Israel haben keinen Zugang zum Gesetz, die Thora ist schon lange nicht mehr für uns bestimmt. Die Gebote und Verheißungen Gottes an unsere Väter gelten für uns nicht. Wir sind fremd und ausgestoßen, heillos und hoffnungslos in unserem eigenen Land, heimatlos in unserer eigenen Kultur und Religion." Wer sollte sich kümmern um all diese "verlorenen Schafe"? Die Hirten von Amts wegen hatten offensichtlich anderes zu tun. Der Tempelkult musste aufwändig organisiert werden. Das verlangte die gesamte Aufmerksamkeit der Priesterschaft und der Religionsbeamten. Die kleine Elite der Gerechten und Gelehrten in Jerusalem opferte ihre ganze Kraft für ein reines Leben in frommer Abgeschiedenheit, um alle Gebote möglichst strikt zu erfüllen. Das einfache Volk blieb in Israel seinem elenden Schicksal überlassen, wie eine Herde ohne Hirten. Keine grüne Aue weit und breit. Und niemand in Sicht, der sich kümmern würde, kein Hirte aus königlichem Geblüt, kein echter Sohn aus dem Geschlecht des großen Königs David. Keine Hoffnung also auf Frieden und Gerechtigkeit, auf Heilung und Barmherzigkeit. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht kein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint nichts hell.

Da trat ein Mann auf aus Nazareth in Galiläa, kein Priester, kein Theologe, bloß ein Zimmermannsohn aus dem Volk. Aber ein wirklicher Hirte für die verlorenen Schafe, ein barmherziger Heiler und kräftiger Mutmacher. Er erwies sich als königlicher Nachfahre und getreuer Sohn im Auftrag seines göttlichen Vaters. Er öffnete die angstvoll verschlossenen Herzen der verlorenen Menschen, er lud ein zum großen Fest der Liebe im Reich Gottes. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" Jesus von Nazareth machte die Wege eben und grade, die zu Gottes Reich führen, er schloß die Türen auf und machte alle Tore weit. Die einen liebten und verehrten ihn dafür. Die anderen hassten und verachteten ihn. Jesus berief Jünger zu seinen Begleitern und Gefährten. Diese trugen seine Botschaft weiter und gründeten die ersten christlichen Gemeinden. Die gaben die frohe Botschaft weiter von Generation zu Generation. So gilt es auch für uns heute: Jesus von Nazareth hat vor uns eine Tür aufgetan. Niemand kann sie wieder verschließen.

Lutz Poetter

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