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22.7.2019

Praeceptor germaniae und Reformator im Schatten Luthers
Zum 450. Todestag Philipp Melanchtons (Teil 4)

von Torsten Lüdtke

Am 19. April 1529 schließlich protestierten die evangelischen Reichsstände, sechs Fürsten und vierzehn süddeutsche Reichsstädte gegen die Wiedereinsetzung des Wormser Edikts. Sie wandten sich gegen die damit verbundene Verhängung der Reichsacht gegen Luther und seine Anhänger sowie das Verbot der Schriften Luthers und die Unterdrückung des evangelischen Glaubens, indem sie erklärten: "In Sachen der Ehre Gottes und der Seelen Seligkeit kann keine Stimmenmehrheit entscheiden."

Aus Speyer schrieb Melanchthon über die Beratungen, die die Formulierung und Verabschiedung der Protestationsschrift zum Ziele hatten: "Es ist verdrießlich, wenn einige so sehr stürmen, dadurch werden die Sachen schlimmer, da man sie doch besser machen will. Ich verkenne ihre guten Absichten nicht. Aber man sollte mich nur nicht fragen, wenn man über meine Einwendungen unzufrieden ist. Kann ich dafür, wenn ich nicht so hitzig bin? Dabei nimmt man gar nicht auf Zeit und Umstände Rücksicht und nennt mich einen verzagten Mann, wenn ichs tue. Gott wird alles lenken und leiten. Ihm sei die Sache heimgestellt."

Trotz des bitteren Urteils, das er in seinem Briefe fällt, versagte Melanchthon den bedrängten Reichsständen seine Hilfe nicht und arbeitete mit an der Endfassung der Protestation, die Karl V. in Italien überreicht wurde.

Auf Einladung des Landgrafen Philipp von Hessen fand zwischen dem 1. und 4. Oktober 1529 auf dem Marburger Schloss das Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt, von dem sich Philipp die Einigung und Stärkung der protestantischen Sache erhoffte. Auf Luthers Seite waren u.a. auch Philipp Melanchthon und Justus Jonas anwesend. Die Gespräche führten zu keiner Einigung, da sich Luther und Zwingli in ihren Auffassungen vom Wesen des Abendmahles unversöhnlich gegenüberstanden: Für Luther war Christus beim Abendmahl real gegenwärtig, während für Zwingli das Abendmahl lediglich eine Bekenntnishandlung der Gemeinde darstellte. Melanchthon war über den Ausgang des Marburger Religionsgesprächs beunruhigt und bekümmert, obwohl er doch eindeutig Luthers Position bezogen hatte: " Mein Herz ist voll Kümmernissen. Die beiden Männer, Luther und Zwingli, können nicht übereinkommen, welches doch mein sehnlichster Wunsch wäre. […] Da disputieren sie über das Abendmahl, gleich als ob sie in den Himmel gesehen und Jesum gefragt hätten, wie er die Worte: Das ist mein Leib! Verstanden habe. Sie werden es doch hier auf Erden nicht ausmachen".

Nach den Ereignissen auf dem Reichstags zu Speyer hatte Kaiser Karl V. zunächst für den April, dann für den Mai des kommenden Jahres einen weiteren Reichstag festgesetzt, der diesmal in Augsburg stattfinden sollte. Am 4. April brach Johann der Beständige mit 15 Wagen, 223 Pferden und 200 Personen im Gefolge, darunter auch Luther, Melanchthon und Justus Jonas, von Wittenberg auf und erreichte am 2. Mai 1530 den Schauplatz des Reichstages, Augsburg. Luther, noch immer in Acht und Bann, blieb aus Sicherheitsgründen auf der Veste Coburg, wo er durch einen Kurier über die Ereignisse in Augsburg unterrichtet wurde, der ihm auch die Briefe Melanchthons und weiterer Reichstagsteilnehmer aus Augsburg brachte.

In unregelmäßiger Folge trafen nach und nach die anderen Reichsstände in den Mauern Augsburgs ein; doch fehlte bis in den Juni 1530 hinein die Hauptperson, der Kaiser. Am 15. Juni war es schließlich soweit: Karl V. zog mit seinem Gefolge in Augsburg ein und eröffnete mit rund sechswöchiger Verspätung am 20. Juni den Reichstag. Inzwischen hatten sich die verschiedenen Repräsentanten der evangelischen Reichsstände verständigt, die Anerkennung des eigenen evangelischen Bekenntnisses durch die katholische Seite zu betreiben, doch dazu war es notwendig, die grundlegenden Sätze der reformatorischen Lehre zu formulieren. Mit dieser Aufgabe wurde kein geringerer als Philipp Melanchthon betraut, der nach zähen Verhandlungen das als "Confessio Augustana" oder auch als "Augsburgisches Bekenntnis" bekannt gewordene Werk schuf. Als Grundlage der "Confessio Augustana" dienten die von Luther verfassten Schwabacher Artikel, die sich gegen Zwingli wandten und das Programm der lutherischen Reformation darstellten. Melanchthon arbeitete an der lateinischen Fassung stilistisch bis zur letzten Minute und passte den 10. Artikel über das Abendmahl letztendlich in seinem Sinne an. Aber auch die Abgrenzung zu den Riten und Gebräuchen der katholischen Kirche finden sich in vielen Punkten, da sich der Kaiser auf dem Reichstag durch sein Verhalten, insbesondere seinen Versuch, die Protestanten zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession zu zwingen, als wenig kompromissbereit gezeigt hatte.

Am 25. Juni 1530 konnte die deutsche Fassung des Schriftstücks in der Kapitelstube des bischöflichen Palastes durch den Rechtsgelehrtern und sächsischen Kanzler Christian Beyer vorgetragen und anschließend dem Kaiser und den Kurfürsten des Reiches in lateinischer Sprache durch Gregor Brück überreicht werden, der daraufhin mit der "Confutatio pontificia" eine päpstliche Widerlegung präsentierte. Weitere Bekenntnisschriften, wie etwa die "Confessio Tetrapolitana" der Städte Straßburg, Konstanz, Lindau und Memmingen oder die dem Reichstag vorgelegte Bekenntnisschrift Zwinglis "Fidei ratio ad Carolum imperatorem" wurden vom Kaiser nicht anerkannt. Im November 1530 kehrte Melanchthon aus Augsburg nach Wittenberg zurück.

Die Haltung des Kaisers und der katholischen Reichstände führte 1531 letzthin zur Bildung des Schmalkaldischen Bundes der evangelischen Fürsten, den Melanchthon mit Besorgnis sah: "Ist dieses Bündnis nicht gleichsam Aufforderung zum Kriege? Ist es nicht schon heimlich Rüstung gegen die Feinde? Ich bin unschuldig an dem Blute, das vergossen werden wird."

Melanchthon, der durch sein Auftreten und seine Schriften neben Luther eine führende Stellung im Kreise der Reformatoren einnahm, erhielt im Jahr 1535 neben seiner philologischen Professur nun auch einen theologischen Lehrstuhl. Auch auswärtige Mächte suchten Rat bei Melanchthon; so verfasste er im August 1534 ein Gutachten zur Reformation für König Franz I. Von Frankreich und schrieb im August 1535 an König Heinrich VIII. Von England, dem er eine neue Ausgabe der "loci" widmete. Aber auch auf bei Religionsgesprächen und Disputationen war Melachthon nun immer häufiger zu finden. 1536 unternahm Melanchthon eine zweite Reise nach Süddeutschland, die ihn auch nach Frankfurt und Tübingen führte. In Tübingen half Melanchthon dann auch bei der Reorganisation der Universität. In den folgenden Jahren trat Melanchthon immer stärker als Organisator und Berater in den Vordergrund: Als im Jahr 1539 die Reformation in Brandenburg und dem Herzogtum Sachsen eingeführt wurde, wurde Melanchthon um Rat gefragt und auch an der Reform der Universität Leipzig war Melanchthon beteiligt.

1540 spielte Melanchthon bei den Religionsgesprächen in Hagenau, Worms und Regensburg eine führende Rolle, in dem er gegenüber der katholischen Partei den evangelischen Standpunkt deutlich machte, der fest auf den Artikeln der "Confessio Augustana" ruht. Aber auch um den Kontakt zu anderen evangelischen Gruppierungen war Melanchthon bemüht. Vielleich war es der Gedanke, einen Ausgleich zwischen den verschieden Parteien schaffen zu können, der ihn den Kontakt er zu dem französischen Reformator Jean Calvin in Straßburg knüpfen liess.

Das Jahr 1540 bringt für Melanchthon mancherlei Anfechtung. Im März wird die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen ruchbar, die eine schwere Erkrankung Melanchthons nach sich zog. ln Weimar lag Melanchthon, von den Ärzten aufgegeben, auf den Tod und Leben auf dem Krankenlager. Auf Bitten des Kranken und Befehl des Kurfürsten erschien auch Luther am Lager des kranken Freundes, für den er betet und den er durch seinen Zuspruch zu trösten sucht.

Für Luther war es gleichsam ein Wunder, dass Melanchthon genas; doch kaum genesen, widmete sich Melanchthon wieder unzähligen Aufgaben. Die vom Kölner Kurfürsten, dem Erzbischof Hermann von Wied geplante Reformation des Erzbistum Köln 1542-44 und die damit verbundene Umwandlung in ein weltliches Fürstentum brachten Melanchthon neue Arbeit, weitere Anfechtungen und Verdruss. Die entscheidende Änderung jedoch erfuhr Melanchthons Leben mit dem unerwarteten Tod Luthers, des Freundes und Weggefährten am 18. Februar 1546. Nun muss­te Melanchthon die Aufgaben und Funktionen übernehmen, die Luther bisher inne hatte. Von einem Augenblick zum andern stand Melanchthon an der Spitze der evangelischen Kirche und der Wittenberger Universität. In den nun einsetzenden theologischen Streitigkeiten konnte sich Melanchthon nur schwer oder gar nicht behaupten, da er selbst immer wieder Partei nahm und seine eigenen Ideen verfolgte.

Ein letzter Lichtblick waren die Feierlichkeiten, die die Universität Heidelberg zu seinen Ehren im Herbst 1557 veranstaltete, doch überschattete die Nachricht vom Tode der Ehefrau die Ehrung. Wie sein Schüler Camerarius zu berichten weiß, habe Melanchthon mit den Worten reagiert: "Fahr wohl, bald folge ich dir nach."

Rund drei Jahre später, am 19. April 1560, ist Melanchthon in Wittenberg gestorben, wo er in der Schloßkirche seine letzte Ruhestätte fand.

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