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16.1.2019

"Ohne Reinhard ist nichts mehr wie früher"
Zum Gedenken an den Lichterfelder Künstler Reinhard Bitter *22.5.1943 †4.8.2010

von Pfarrer E-Mail

Die Nachricht von Reinhard Bitters plötzlichem Herztod können wir zuerst nicht fassen: "Muck ist gestorben." Ein Schock trifft seine Familie, seine Freunde und Weggefährten in der Kunst und im Leben. Wenn man Reinhard in den letzten Monaten sieht, dann begegnet einem ein vitaler Mann von 67 Jahren, er sprüht vor Energie. Als bildender Künstler steckt er voller Pläne und Projekte.

Eine spannende Zukunft voller Schaffensdrang liegt vor Reinhard, er hat vieles geplant, schon in die Wege geleitet oder bereits fertig gestellt. Gerade haben Alice und Reinhard Bitter als Ehepaar den gemeinsamen Ruhestand erreicht, das Atelier im Zeisigweg ist frisch renoviert, er würde dort noch besser als bisher ausstellen, arbeiten und planen können. Und bei allen Projekten würde er nach langer Pause auch einmal wieder in der Petruskirche ausstellen – versprochen.

Reinhard Bitters Tod setzt allem Planen und Schaffen ein jähes Ende. Seine unermüdlich inspirierende, zur Darstellung drängende, prägende, erklärende und werbende Kraft ist plötzlich zum Stillstand gekommen.

Am 19. August 2010 haben wir Abschied genommen von Reinhard Bitter im Trauergottesdienst in der Petruskirche. Seine Urne und sein Portrait standen vor dem Altar, seine Bilder und Skulpturen schmückten die Wände des Kirchenschiffs. Die Trauerrede hielt Pfarrer Hans-Hartmut Hüfner als Lichterfelder Freund und Mitglied im Kunstbeirat der Petruskirche. Er schilderte den vielen Trauergästen den Lebensweg von Reinhard Bitter:

"1943 kam er in Landsberg an der Warthe zur Welt und wuchs im elterlichen Haus der Försterfamilie bei Trier auf. Der sechsjährige Reinhard hat sein Elternhaus mit langer Fensterfront und umrandenden Blumenrabatten als Aquarell dargestellt, ein Ort, der Natur und den vielfältigen Farben der Blumen von Anfang an verbunden. Hier hat er wohl früh die Achtsamkeit gelernt, jeden Farbtupfer und jede Bewegung im Gras und im Wald zu erkennen, sein lebenslanges "Und siehe…!" nahm hier seinen behutsamen Anfang und hat ihn für alle, die ihn kannten, spürbar begleitet, mit wie vielen Worten und Bildern, mit welch immer neu erfinderischer Weise konnte und wollte er Achtsamkeit auf Schönheit, Tradition und Brüche wecken, auf Kultur und auch den zerstörerischen, verbrecherischen, alle Vorstellungen überschreitenden Abbruch von Kultur, dessen sich diese Generation, zu der ich mich auch zähle, bewusst wurde und den es auch im erschreckenden Rückblick zu überwinden galt.
Das Studium führte ihn an die Hochschule der Künste in Berlin, sofort und ohne Umschweife, von 1964 bis 69 gehörte er zur "Fietzklasse", 1969 war er bei Prof. Fietz Meisterschüler. Die Liebe führte ihn mit seiner ersten Frau Agnes während des Studiums zusammen. Er kannte sie aus seiner Heimat. Sohn Jan wurde geboren. Das Zuhause war ein sozialistisches Wohnkollektiv, in der Stresemannstraße in Kreuzberg gegründet, mit Baby- und Kinderladen, mit Mittagstisch. Es war eine Zeit des Aufbruchs, alte, verhängnisvolle Schneisen in Leben und Erziehung sollten überwunden werden. Reinhard lebte und protokollierte wie viele andere die Stufen der Veränderung, die einen regelrechten Neuanfang mit Gerechtigkeit und Wahrheit heraufbringen sollten. Reinhard sah seinen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft in der Pädagogik, der er sich mit Eifer und großem Talent widmete. Wichtige Station war das Georg-Büchner-Gymnasium, wo er auch die Position eines Studiendirektors erhielt. Hier lernten sich Alice und Reinhard kennen und heirateten 1980. Es war ein Neubeginn und auch eine schwierige Zeit. Die Tochter wurde erwartet, Reinhard erkrankte. Lia wurde geboren, Reinhard gesundete: Es war für ihn wie eine Wiedergeburt. Nun kam die Überlegung, ob Reinhard seinen Traum des freien Künstlers leben könnte. Alice sorgte für die äußere und innere Sicherheit, die für einen solchen Entschluss nötig ist, aber der Kern dieses Schrittes war tiefe innere Gemeinschaft, gemeinsam diesen Weg zu gehen, der in vieler Hinsicht ständige schöpferische Bewegung, aber auch Verzicht und Opfer bedeutete. Reinhard tauchte ganz und gar und ohne Abstriche in seine Arbeit ein, immer Neues sprudelte hervor, aber erzeugte auch manchmal ein Danebenstehen und nicht jedes 'Und siehe…' war auch immer gleich willkommen oder verstanden. Für sich selbst in allen Fragen von Status und Konsum völlig anspruchslos, zum Teilen bereit, tolerant gegenüber den Menschen, herzlich, offen und strahlend, allerdings auch zu tiefer Traurigkeit und Verzweiflung fähig und berufen, ein Charismatiker der Kunst, der es oft auch unsagbar schwer hatte."

Als Lichterfelder Künstler war Reinhard Bitter über mehr als zwei Jahrzehnte ein Freund und Förderer der Kunstausstellungen in der Petruskirche. Mehrere Einzelausstellungen seiner Werke waren hier zu sehen, an etlichen gemeinschaftlichen Ausstellungsprojekten hat er sich gerne beteiligt, unzählige Male war er zugegen bei Vernissagen befreundeter Künstlerinnen und Künstler. Er wird uns fehlen. Wir sind dankbar, dass wir ihn kennen durften und werden sein Andenken bewahren.

Für den Kunstbeirat der Petruskirche

Pfarrer Lutz Poetter