ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2010

23.5.2019

Ein Dorf steht auf der Bühne
Oberammergauer Passionsspiele 2010

von E-Mail


Jesus vor Pilatus; Photo: Passionsspiele Oberammergau 2010 / Foto: Brigitte Maria Mayer

Im Jahr 1632 kroch die Pest über die Ammergauer Alpen und raffte 84 Einwohner Oberammergaus dahin. Das war mitten im Dreißigjährigen Krieg. Die Gemeinde fühlte sich von Gott verlassen und dem Ende nah. Was tut der fromme Mensch, wenn es ernst wird und der Tod vor der Tür steht? Er betet und legt ein Gelübde ab. So taten es die Gemeindevorsteher und beschlossen 1633: Sollte der Herr sie von der Seuche verschonen, werde das Dorf zum Dank alle zehn Jahre "das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" zur Aufführung bringen. Ihr Ansinnen fand Gehör, denn seit diesem Tag, so will es die Überlieferung, starb kein Einwohner mehr an der Pest – und die dankbaren Oberammergauer veranstalteten im Folgejahr 1634 erstmals ein Passionsspiel.

200 Jahre später verlegte man das Spiel auf die Passionswiese, eine Holzbühne wurde immer ein wenig mehr ausgebaut, Kulissen erweitert, die Bühnentechnik perfektioniert, ein Zuschauerraum erbaut, bis das Theater 1929 seine heutige Form erhielt und 2008 eine fahrbare Dachkonstruktion aus Stahl und Kunststoff über die Freilichtbühne montiert wurde. Bis heute haben sie sich beinahe lückenlos an die Zehn-Jahres-Tradition gehalten. In diesem Jahr nun spielen sie die Passion zum 41. Mal.

Foto: Michael Busch

Was sich in O-gau, wie die Einheimischen kurz sagen, in der Zeit vom 15. Mai bis 3. Oktober abspielt, ist in vielerlei Hinsicht gigantisch. 5000 Besucher kommen zu jedem Spieltag, ebenso viele Einwohner hat der Ort, 2400 von ihnen wirken mit beim Spiel, als Schauspieler, Musiker, Kostümbildner oder in irgendeiner anderen Funktion auf oder hinter der Bühne; daneben sind noch Tauben, ein Esel, zehn Schafe, zehn Ziegen, zwei Kamele und ein Pferd dabei. Mitspielen darf nur wer in Oberammergau geboren wurde oder seit zwanzig Jahren dort lebt.

100 Prozent Auslastung werden es wohl heuer nicht, in Amerika stockt der Markt wegen der Krise. Aber am Ende werden es wohl dennoch ca. 500.000 Besucher sein. Schon wer sich dem Ort nährt und auf die großen Parkleitsystemschilder blickt, die man sonst nur von Messebesuchen in Großstädten oder Fußballweltmeisterschaften kennt, der ahnt, was da auf einen zukommt. An jedem neuen Tag kommen Reisebusse in großer Stückzahl, sie spucken Besucher aus aller Welt in den Ort, alles wuselt in den schmalen Gassen durcheinander: Südamerikaner, Engländer, Skandinavier, italienische Schönheiten, die sich in bewährter Manier mit riesigen Sonnenbrillen bebrillt vor den unzähligen Herrgotts-Schnitzereien fotografieren und vor allem Amerikaner. Und dann jedes Mal wieder ein Schauspiel für sich: die Japaner. Sie kommen von der Wieskirche oder dem Schloss Neuschwanstein oder Linderhof, Sonnenschirm in der Hand, Kamera um den Hals; Multi-Kulti im tiefsten Oberbayern.

In den Gassen und den Läden regiert das Geschäft. Goldgräberzeiten – und hier wird alles verhökert, was nur im Entferntesten mit der Passion zu tun hat, von der jodelnden Kaffeetasse bis zum Gekreuzigten in allen Variationen. Und die Kirchen-und Religionskritischen Zeitgenossen haben es ja eh schon immer gewusst: schlimmer als der Rest der Welt, dieses Christenvolk oder das was sich dazu zählt.

Und auch wer es lieber beschaulich mag in dieser zauberhaften Landschaft mit Lüftlmalerei, blumengeschmückten Holzbalkonen, barocken Kirchentürmchen, mit ganzjähriger Christkindlmarkt-Romantik und Leberkäs-Gemütlichkeit, wendet sich voll Grauen ab.

Und dennoch, trotz aller kommerziellen und geschmacklichen Kolateralschäden, lohnt näheres Hinsehen: Die Passion ist mehr als oberbayerische Folklore mit Lederhose und Gamsbart krachlederner Hinterwäldler oder kitschiges Bauerntheater.

Zunächst einmal entfaltet die Tatsache, dass über so einen langen Zeitraum ein ganzes Dorf an einem Strang zieht, eine ganz eigene Kraft. Alle verschreiben sich einem Ziel, es ist Ehren- und Herzenssache bei der Passion dabei zu sein, Tages,- Urlaubs,- Ferien,- und Berufsplanungen werden auf die Passion abgestimmt. Und als wäre das Mittelalter im 21. Jahrhundert noch lebendig, unterwerfen sie sich seltsamen Regeln wie dem "Haar- und Barterlass".

Wer in Oberammergau aufwächst, gerät schon als Kind in die Passion für die Passion, fürs Theater, für die Musik, fürs Spiel. Die Passion ist das einende Band der Oberammergauer, weil fast jeder Oberammergauer schon mal auf der Bühne stand, mancher zum achten Mal in achtzig Jahren. Vielleicht ist auch das ein Geheimnis des Erfolgs: Das Stück ist traditionsbewusst und gleichzeitig in stetigem Wandel, getragen von der leidenschaftlichen Auseinandersetzung der Dorfbewohner. Und weil fünf Monate lang das halbe Dorf auf der Bühne steht, wird jede Änderung an der bewährten Inszenierung mit großem Aufwand beratschlagt, begutachtet, beredet, und am Ende bringt manchmal nur ein Bürgerentscheid Klärung. Oberammergau ist ein Dorf, das will noch was, das ringt mit sich, da wird es persönlich, da wird gehasst, geliebt, gelitten, jeder kulturkämpft mit, da wird gebalgt wegen jeder Textänderung, da gibt es Neid und Enttäuschung, Traditionalisten gegen Modernisten. Und irgendwie rauft man sich am Ende doch wieder zusammen.

Und an der Spitze des Ganzen als Spielleiter der Stückl Christian, Oberammergauer Gastwirtssohn, Holzbildhauer, Intendant des Münchner Volkstheaters. 1990 wurde er mit 27 Jahren zum jüngsten Spielleiter aller Zeiten berufen. Die 2010 Passion ist seine dritte und mit ihm hat sich das Spiel radikal professionalisiert. Er ist ein Theater – Besessener, urbayerisch, mit durchdringender Stimme und er weiß offensichtlich Menschen zu begeistern. Er ist mit den Hauptdarstellern nach Israel gefahren, hat das Gespräch mit Rabbinern und christlichen Theologen gesucht, hat konsequent Antijudaismen aus dem Stück entfernt und Szenen aus der Bergpredigt eingearbeitet.

Wer das Stück sieht, kann sich der Faszination schwer entziehen, auch wenn jeder etwas anderes sucht. Es ist irgendwie eine Stimmung zwischen Woodstock und Bayreuth. In den fünfeinhalb Stunden, die dem Zuschauer eine gewisse Kondition abverlangten, wächst auch das Publikum, als Spiegelbild zum Dorf auf der Bühne, für kurze Zeit zusammen. Man leiht untereinander Decken, verschenkt Schokolade und Bonbons, kommt ins Gespräch.

Die letzte Szene ist besonders schön, weil sie berührt und nicht im üblichen Auferstehungskitsch erstickt und weil sie – gewollt oder ungewollt – eine tiefe Symbolik in sich trägt: Der auferstandene Jesus verlässt die Bühne – und alle folgen ihm. Das Dorf trat auf. Das Dorf tritt ab. Was zurück bleibt, ist das brennende Feuer. Herrschaftszeiten, diese Oberammergauer!

Pfarrer Michael Busch