Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.11.2019

Praeceptor germaniae und Reformator im Schatten Luthers
Zum 450. Todestag Philipp Melanchtons (Teil 3)

von Torsten Lüdtke

Die Unruhen in Wittenberg konnten im März 1522 im letzten Moment durch das Eingreifen Luthers abgewendet werden, doch hinterließen die Ereignisse bei Philipp Melanchthon einen bleibenden Eindruck; dieser Eindruck war so schwerwiegend, dass Melanchthon am liebsten seine theologische Lehrtätigkeit aufgegeben und sich gerne wieder den philologische Studien zugewandt hätte. So behandelten seine Vorlesungen in dieser Zeit die Werke Homers und Hesiods, doch forderte Luther ihn brieflich auf, weiter im Sinne der Reformation zu wirken und mit den biblisch-exegetischen Vorlesungen fortzufahren.

Gemeinsam mit Luther arbeitete Melanchthon im Sommer 1522 an der endgültigen Revision der von Luther auf der Wartburg nahezu fertiggestellten Übersetzung des Neuen Testaments, die Luther auf Anraten Melanchthons im Frühjahr 1522 begonnen hatte. Im September 1522 erschien diese unter der Bezeichnung "Septembertestament" in Wittenberg im Druck, nach wenigen Tagen war die erste Auflage des Werkes, das auch als Zeugnis der fruchtbaren Zusammenarbeit Luthers und Melanchthons gelten kann, vergriffen.

Die Verantwortung für die Sache der Reformation und auch die Leitung der Universität während Luthers Abwesenheit hatten für Melanchthon große Anstrengungen bedeutet und an seinen Kräften gezehrt. So war dem oft kränklichen und von Selbstzweifeln geplagten Melanchthon von seinen Freunden geraten worden, eine Reise in die alte Heimat zu unternehmen, wo seine Mutter und auch seine Geschwister, vor allem sein Bruder Georg, auf einen Besuch des berühmten Sohnes und Bruders warteten. Auch Luther hatte ihm dies Reise mit den Worten: "Reise du, lieber Bruder Philipp, in Gottes Namen. Hat doch unser Herr auch nicht immer gepredigt und gelehrt, sondern ist auch oft unterwegs gewesen. Was ich aber von dir verlange, komm bald wieder zu uns. Ich will dich Tag und Nacht in mein Gebet einschließen. Und damit gehst du!"

Am 18. oder 19. April 1524 brach Melanchthon zusammen mit Freunden und Schülern nach Süddeutschland auf. Der Weg führte die Reisegesellschaft über Leipzig, Eisenach und Fulda nach Frankfurt, wo Melanchthons Schüler Wilhelm Nesen zurückblieb. Im Mai langte Melanchthon in seiner Geburtsstadt Bretten an. Die Anekdote weiß zu berichten, dass Melanchthon ergriffen vom Pferd gestiegen, auf die Kniee gefallen sei und gerufen habe: "O Vaterlandserde! Wie danke ich dir, Herr, dass ich sie wieder betreten darf!"

Während Melanchthon in Bretten blieb, zogen seine Reisegefährten weiter nach Basel, wo sie den berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam aufsuchen wollten. Insgesamt fünf Wochen blieb Melanchthon in Bretten, wo er nicht nur seiner Mutter viel Zeit widmete, die viel von ihm und seiner Familie sowie das neue Bekenntnis wissen wollte, sondern auch seinem Bruder, den er seit den gemeinsamen Studientagen in Tübingen nicht mehr gesehen hatte.

Während des Aufenthalts in Bretten wurde Melanchthon auch die Ehre des Besuchs zweier Professoren der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg zuteil, die dem berühmten Kollegen einen silbernen Becher, das Ehrengeschenk der Universität Heidelberg, überbrachten. Dem Kardinal Campeggi (Campegius) in Stuttgart übersandte Melanchthon die Schrift "Summa doctrinae christianae", in der Melanchthon die alleinige Gültigkeit der Heiligen Schrift und die Ablehnung der römischen Messe und des Zölibats darlegt.

Am 8. Juni heißt es Abschied nehmen von Bretten, der Mutter und dem Bruder, denn auch die Reisegefährten haben ihren Besuch in Basel beendet. Gemeinsam machen sich Melanchthon, Wilhelm Nesen, Joachim Camerarius, Franz Burckhart und Johann Silberborner auf den Rückweg, wo sie im Odenwald die persönliche Bekanntschaft des Landgrafen Philipp von Hessen machten. In einer persönlichen Unterredung sprach Melanchthon mit dem Landgrafen über kirchliche Fragen sowie die Grundlagen evangelische Lehre. Dieses Gespräch wurde zum Ausgangspunkt für die dem Landgrafen gewidmete Schrift "Summa der erneuten evangelischen Lehre" Melanchthons, durch die Philipp von Hessen für die Reformation gewonnen wurde.

Am 15. Juni 1524 erreichten die Reisenden schließlich Wittenberg; doch wurde ihre Rückkehr von einem tragischen Ereignis überschattet: Beim Übergang über die Elbe ertrank Wilhelm Nesen. Melanchthon ging der Verlust des Reisegenossen und Freundes sehr nahe. In die Zeit unmittelbar nach der Reise fiel auch das ehrenvolle Angebot der Reichsstadt Nürnberg, dort das höhere Schulwesen zu organisieren. Mit Melanchthon, der bereits in seiner Wittenberger Antrittsrede die Verbesserung und Reform des Schulwesens und der Universität benannt hatte, hoffte der mächtige Rat der wohl bedeutendsten Stadt im Heiligen Römischen Reich einen ausgewiesenen Fachmann zu gewinnen, doch lehnte Melanchthon, auch aus Anhänglichkeit an Wittenberg und den Landesherren, den Ruf ab.

Auch Luther erkannte zunehmend – wohl unter dem Einfluß Melanchthons – die Bedeutung des (höheren) Schulwesens und einer gründlichen Ausbildung der Jugend in den Sprachen und Wissenschaften; so erschien 1524 Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten sollen". In den deutschen Städten fielen die Gedanken dieser Schrift auf fruchtbaren Boden; sie wurde zum Ausgangspunkt der Gründung neuer Schulen, deren Organisator Melanchthon werden sollte. Viele dieser neugegründeten Schulen konnte Melanchthon einweihen und er erhielt den Titel "praeceptor germaniae", eines Lehrers Deutschlands.

Das kommende Jahr brachte den deutschen Landen Umwälzung und Unruhe; im Süden und der Mitte des heutigen Deutschlands kam es 1525, ausgelöst durch Missernten, hohe Abgaben und den Einfluss der reformatorischen Schriften zum gewaltsamen Aufständen der Bauern, die blutig niedergeschlagen wurden. Auf Wunsch seines früheren Landesherren, des Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und der Bauern sollte Melanchthon zwischen den Parteien vermitteln, doch lehnte Melanchthon ab und verfasste stattdessen ein Gutachten zu den Forderungen der Bauern. Ähnlich wie Luther nahm Melanchthon seine Position auf Seiten der Fürsten; als Sohn eines wohlhabenden, dem fürstlichen Hof verpflichteten Handwerkers blieben ihm die Forderungen der Bauern fremd.

Am 5. Mai 1525 starb der Landesherr Melanchthons und Gründer der Universität Wittenberg, der Kurfürst Friedrich der Weise ohne Erben in Lochau. Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder Johann, der wegen seines beharrlichen Wesens und des Eintretens für die Reformation den Beinamen "der Beständige" erhielt. Aufgrund des Regierungswechsels und des Speyrer Reichstagsabschieds von 1526, der die Bildung evangelischer Landeskirchen gestattete, fanden 1527 in Kursachsen Kirchen- und Schulvisitationen statt. Melanchthon gehörte zu den Visitatoren, die die sächsischen Gemeinden besuchten. Nach Abschluß der Visitation wurde Melanchthon vom Kurfürsten beauftragt, das sogenannte "Visitationsbüchlein" zu verfassen. Über sein Werk, das im selben Jahre noch sechs weitere Auflagen erlebte, schreibt Melanchthon: "Bei diesem Buch bin ich vorzüglich darauf ausgegangen, daß nur das Nötigste und Wichtigste in den Kirchen gelehrt und alle Streitigkeiten übergangen werden möchten, die zu einem christlchen Leben wenig beitragen."

Im Frühjahr 1529 reiste Melanchthon gemeinsam mit Johann dem Beständigen nach Speyer, wo vom 15. März bis zum 22. April der Reichstag stattfand. Melanchthon, dessen diplomatisches Geschick dem Kurfürsten nicht verborgen geblieben war, sollte ihm als Ratgeber zur Seite stehen. Auf dem Reichstag kam es, bedingt durch die unnachgiebige Haltung Kaiser Karls V. zum offenen Konflikt zwischen den evangelischen und katholischen Reichsständen. Bereits vor Eröffnung des Reichstages hatte Karl die Beschlüsse des Reichstages von 1526 für aufgehoben erklärt und die Bestimmungen des Wormser Ediktes wieder eingesetzt. Das Wormser Edikt bestimmte die Reichsacht gegen den mit dem Kirchenbann belegten Martin Luther und seine Anhänger sowie das Verbot der Verbreitung und Lektüre der Schriften Luthers.

Der vierte und letzte Teil folgt im nächsten Schlüssel.

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