Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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5.12.2019

Elia am Boden

von Lutz Poetter

Es kam urplötzlich und völlig unerwartet: Der in allen Stürmen des Lebens siegreiche Glaubensheld verlor restlos seine Fassung. Von nackter Angst gepackt, rannte er nur noch um sein Leben. In einer Stadt am Rande der Wüste ließ er seinen einzigen Begleiter zurück, dann jagte es ihn allein weiter. Den ganzen Tag lang lief er immer tiefer hinein in die sandige Einöde, er spürte nichts mehr. Weder die sengende Sonne noch seine blutigen Füße nahm er wahr. Am Abend ließ er sich völlig erschöpft unter einen Wacholderbusch fallen. Unter diesem Busch sollte sein Weg enden. Keinen einzigen Schritt würde er mehr tun. Er fühlte sich ausgebrannt, er hatte genug vom Leben. Alles war sinnlos, er ein Versager. Er würde nur warten, bis es endlich vorbei wäre. Todessehnsucht. Sterben als letzter Ausweg. Schlafen und nie wieder aufwachen müssen.

Die Schilderung liest sich wie die aktuelle Beschreibung eines extremen Burn-out-Syndroms: Eine Führungskraft gerät in eine tiefe Sinnkrise, ein geübter Macher steht plötzlich mit leerem Kopf und hängenden Armen da. Manager, Politiker, Sportler, Ärzte, Lehrer, Pfarrer.... Jede und jeden kann es treffen. Dauernde Überlastung kann irgendwann zum völligen Zusammenbruch führen. Jede Bewegung erstarrt dann in tiefer Depression. Nichts geht mehr, nichts macht mehr Sinn. Völlige Lähmung, seelisch und körperlich. Ein modernes Drama, wir kennen es.

Diese Geschichte aber ist alt. Der Held heißt Elia und lebte im 9. Jahrhundert vor Christus im Nordreich Israel. Ein Prophet wie ein Baum. Ein großer Kämpfer für Jahwe, den Gott der Väter. "Mein Gott ist Jahwe", genau das bedeutet sein Name Elia. Er war als einziger der alten Propheten übrig geblieben. König Ahab von Israel hatte die Tochter des phönizischen Königs von Sidon geheiratet. Isebel brachte ihre eigene Religion und ihre eigenen Priester und Propheten mit an den Königshof. Die neue Königin ließ die alten Propheten verschwinden, bis auf den sagenhaften Elia, dem sie nichts anhaben konnte. In Israel wurde nun auch dem Gott Baal und der Göttin Aschera geopfert. Eine neue Art von Polytheismus breitete sich aus, König Ahab fand das gut, die Zeiten hatten sich anscheinend geändert.

Elia aber schäumte vor Wut: Es gab nur einen wahren Gott für das Volk Israel, Jahwe, den Gott Abrahams, Issaks und Jakobs, den Gott, der das Volk Israel aus Ägypten befreit und mit Mose durch die Wüste und mit Josua in das verheißene Land Kannaan geführt hatte. Die Israeliten sollten Jahwe allein dienen und nicht auch noch fremden Göttern, die Elia abschätzig Götzen nannte. So stand es geschrieben auf den steinernen Tafeln vom Berg Sinai. Jahwe würde seine Macht als wahrer Gott der Geschichte beweisen, Elia wartete sehnsüchtig auf diese Gelegenheit. Er musste lange warten.

Im Land des Königs Ahab herrschte Hungersnot. Es hatte seit 30 Monaten keinen Tropfen mehr geregnet, der Boden war völlig ausgedörrt. Die Ernten waren ausgeblieben, das Volk hungerte. In dieser Situation empfing Elia die Botschaft seines Gottes: Die Zeit war gekommen. Elia ging zu Ahab und prophezeite ihm: "Jahwe, der Gott Israels wird es bald regnen lassen!"

Es wurde ein großes Kräftemessen der Götter, ein himmlischer Wettstreit zwischen Baal und Jahwe. Er fand statt auf dem Berg Karmel, König Ahab und das ganze Volk sollten dabei Augenzeugen sein.Wir finden den Bericht im 1. Buch der Könige. Elia sprach: " Ich bin allein übrig geblieben als Prophet Jahwes, aber die Propheten Baals sind 450 Mann. So gebt uns nun zwei junge Stiere und lasst sie einen Stier wählen und ihn zerstücken und aufs Holz legen, aber kein Feuer daran legen. Dann will ich den andern Stier nehmen und aufs Holz legen und kein Feuer daran legen. Und ihr ruft den Namen eures Gottes an, aber ich will den Namen des Herrn anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaft Gott!"

Das Volk Israel war einverstanden mit diesem Götterwettstreit, stellvertretend ausgetragen durch die Propheten. Die Diener des Baal durften anfangen. Vom Morgen bis zum Mittag umrundeten sie den Opferaltar und flehten ihren Donnergott an, Feuer von Himmel zu schicken. Es passierte nichts, so sehr sie sich auch abmühten. Auch als sie sich in Ekstase gesungen hatten und ihr Blut floss aus rituellen Wunden, rührte sich Baal nicht. Elia hatte nur Spott für sie übrig: "Ihr müsst lauter rufen, vielleicht schläft euer Gott gerade!"

Dann kam Elia an die Reihe. Er rief die Israeliten zu sich an einer anderen Stelle auf dem Berg Karmel. Zuerst baute er den zerstörten Altar für seinen Gott wieder auf. Er errichtete ihn mit zwölf Steinen nach der Zahl der Stämme Israels. Auf den Altar legte er das trockne Brennholz. Dann zerteilte er den geschlachteten Stier und bereitete das Brandopfer auf dem Altar vor. Zuletzt ließ Elia noch zwölf Eimer Wasser darüber schütten. Dann betete der Prophet zu Gott: " Erhöre mich, Herr, erhöre mich, damit das Volk erkennt, dass du, Herr, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!"

Nach dem Bericht der Bibel wurde Elias Gebet erhört. Das Feuer Jahwes kam machtvoll vom Himmel, es verzehrte den Stier, das Brennholz, die Steine, sogar die Erde um den Altar. Die Israeliten fielen zu Boden und huldigten ihrem Gott. Dann befahl Elia der Menge, die Baalspropheten zu ergreifen. Keiner von ihnen entkam, sie alle starben durch Elias Schwert. Danach zogen am Horizont dunkle Wolken auf. Endlich kam der große Regen und beendete die lange Dürre.

Als Königin Isebel vom schrecklichen Ende ihrer Baalspropheten erfuhr, schwor sie furchtbare Rache: Elia sollte genauso sterben wie sie, dafür wollte sie selbst sorgen.

Damit kehren wir zurück an den Anfang unserer Geschichte: Elia am Boden unter dem Wacholder, der Prophet wünschte sich nur noch den Tod. Aber diesmal folgte Gott seiner Bitte nicht. Er schickte vielmehr seinen Boten zum schlafenden Elia. Der rührte ihn an: "Steh auf und iss!" "Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen." Dreimal kam der Engel und brachte Elia die Stärkung. Dann war der ausgebrannte Prophet wieder bei Kräften und konnte laufen ohne Pause. In einem Stück schaffte er den weiten Weg bis zum Gottesberg Horeb. Dort zeigte sich der allmächtige Gott dem Elia in einer einzigartig sanften Erscheinung. Danach durfte der gestandene Gottesmann seinen Nachfolger berufen und abdanken. Gott nahm den Propheten direkt in den Himmel auf.

Man merkt der biblischen Überlieferung ihr hohes Alter an. Wir wundern uns über ihre archaische Vorstellungswelt, die uns Aufgeklärten fremd vorkommt. Was mir gefällt an dieser Geschichte vom Zusammenbruch eines unbezwingbaren Musterpropheten: Gott lässt ihn ausruhen unter dem Wacholder der Erschöpfung. Keine Beschimpfung, keine Moralpredigt, keine Durchhalteparolen. Kein: "Komm jetzt wieder hoch, du Schwächling! Reiss dich zusammen, hier wird nicht schlapp gemacht!" Sondern Gott schickt seinen Boten mit einer Stärkung: "Steh auf und iss!" So eine Ermutigung könnte uns manchmal auch gut tun.

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