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26.3.2019

Praeceptor germaniae und Reformator im Schatten Luthers
Zum 450. Todestag Philipp Melanchtons (Teil 2)

von Torsten Lüdtke

Die Leukorea, die noch junge Universität zu Wittenberg, war 1518 über die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hinaus bekannt; hier lehrte der Mann, der mit seinen Thesen den Papst herausgefordert hatte. Der Ruf und das große Ansehen, das die Hochschule schon vor Luthers Thesenanschlag genoss, sollte nun noch durch einen Lehrer der griechischen Sprache und Literatur weiter vermehrt werden; auf die Empfehlung seines Großoheims Reuchlin hin berief im Frühjahr 1518 der Landesherr und Gründer der Universität, Friedrich der Weise, den einundzwanzigjährigen Melanchthon als Professor nach Wittenberg.

Zur Annahme des Rufes ermunterte Reuchlin seinen Neffen wohl – wenn man der anekdotenhaften Überlieferung Glauben schenken kann – mit Worten aus dem Alten Testament, die fast prophetisch zu nennen sind: " Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Freudschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen und du sollst ein Segen sein" (1. Mose 12, 12).

Melanchthon verließ Tübingen, verabschiedete sich in Pforzheim und Bretten von seiner Familie und trat von Stuttgart aus, wo er noch einige Zeit bei Reuchlin verweilt hatte, zu Pferde die weite und nicht ungefährliche Reise nach Sachsen an. Entlang der großen Handelswege, vorbei an den Reichsstädten Augsburg und Nürnberg sowie der Messestadt Leipzig, reiste Melanchthon an seine neue Wirkungsstätte, die an der Elbe gelegene Residenz- und Universitätsstadt Wittenberg, wo er am 25. August 1518 eintraf und die während der nächsten 42 Jahre seine Heimat werden sollte. Nur vier Tage später, am 29. August, hielt der schmächtige, mit der Zunge etwas anstoßende Magister in der Wittenberger Schlosskirche, die als Aula der Universität diente, vor Professoren und Studenten seine Antrittsrede, die er dem Thema " De corrigendis adolescentium studiis" (Über die Änderung der Studien der [akademischen] Jugend) widmete. In seiner Rede, die mit Anspielungen sowie hebräischen, griechischen und lateinischen Zitaten gespickt war, vertrat der junge Gelehrte den Standpunkt, dass nur aus dem Verständnis und der Kenntnis der alten Sprachen und aus dem Studium der Quellen eine, vom Formalismus der spätmittelalterlichen Scholastik abgewandte, systematische Wissenschaft und Theologie erwachsen könne.

Das von Melanchthon entwickelte Programm beeindruckte seine Zuhörer. So schrieb Luther, der dem jungen Kollegen begeistert die Hand gedrückt hatte, bewundernd an Spalatin: "Melanchthon hat eine so gelehrte und feine Rede gehalten und damit einen solchen Beifall und solche Bewunderung gefunden, dass du ihn uns nicht weiter zu empfehlen brauchst. Wir haben schnell die vorgefasste Meinung aufgegeben und von seiner äußeren Erscheinung abgesehen und lassen dem erlauchten Fürsten durch dich Dank sagen. Ich begehre keines anderen Lehrers im Griechischen, solange uns dieser Mann erhalten bleibt."

Luther sollte in der Folge Schüler Melanchthons werden, so wie dieser durch den Reformator in die Grundlagen der Theologie eingeführt wurde. Über die Vorlesungen Melanchthons schreibt Luther, das später enge Verhältnis und die Freundschaft schon andeutend: "Ich danke es meinem guten Philipp, dass er uns Griechisch lehrt. Ich bin älter als er . Allein das hindert mich nicht, von ihm zu lernen. Ich sage es frei heraus, er versteht mehr als ich, dessen ich mich auch nicht schäme. Darum ich auch gar viel von dem jungen Manne halte und werde nichts auf ihn kommen lassen."

Seit Anfang des Jahres 1519 beschäftigte sich Melanchthon eingehend mit Theologie. Diese Kenntnisse waren Melanchthon im Sommer 1519 sehr hilfreich, als er Luther zur Leipziger Disputation begleitete, schließlich hatte er den Auftritt Luthers vor Kaiser und Reich im Oktober 1518 mit Spannung und auch Sorge verfolgt. Während der Disputation auf der Leipziger Pleißenburg, der Melanchthon nach eigenem Urteil nur als "müßiger Zuschauer" beiwohnte, konnte er Luther wie auch Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, mehrmals mit Wort und Rat beistehen, so dass Eck im Zorn ausgerufen habe: "Schweige Philippus, kümmere dich um deine Studien und störe mich nicht."

Die während der Leipziger Disputation geäußerte Herausforderung Ecks nahm Melanchthon an. In einer würdig gehaltenen Entgegnung an Eck entkräftete er die Vorwürfe und formulierte er die Grundsätze evangelischer Schriftauslegung. Bald danach, am 19. September 1519 wurde Melanchthon – zusammen mit Johannes Agricola – zum Baccalaureus biblicus promoviert. In der Disputation erregten seine Thesen Aufsehen, weil sie das Schriftprinzip betonten und – auch im reformatorischen Sinne – eine Abkehr von der kirchlichen Dogmatik forderten. Melanchthon war es nun auch gestattet, Vorlesungen über die biblischen Bücher zu halten.

Für Melanchthon begann nun eine Zeit umfassender Wirksamkeit; er hielt philologische, philosophische und biblische Vorlesungen. Daneben verfasste er verschiedene kleinere Schriften.

Mit zwei Schriften, mit denen Melanchthon für Luther eintrat, schlug er sich nun ganz auf die Seite Luthers und der Reformation: Unter dem Pseudonym Didymus Faventinus verfasste er eine an den päpstlichen Theologen und Dominikaner Thomas Rhadinus adressierte "Didymi Faventini adv. Thomam Placentinum pro Luthero oratio" (Verteidigungsrede für Luther), unter seinem eigenen Namen die gegen die Gelehrten der Pariser Sorbonne gerichtete Apologie ("Apologia pro Luthero adversus furiosum Parisiensium theologastrorum decretum") zugunsten Luthers und seiner Thesen.

Während dieser Zeit, in der Melanchthon immer deutlicher für die Reformation eintrat, wurden auch die Versuche seiner Gegner, ihn aus dem Umkreis Luthers und aus Wittenberg zu entfernen, immer nachdrücklicher. Seine Freunde und Genossen drängten Melanchthon dazu, sich zu verheiraten, allein Melanchthon selbst konnte sich nicht dazu entschließen. Er schrieb darüber: "Man bittet mich, mich zu vermählen und hält das für eine Verbesserung meiner Umstände. Wüsste ich, dass ich dadurch nicht in meinen Arbeiten und Studieren gestört würde, so könnte ich mich leicht dazu entschließen. Vor der Hand aber wird es unterbleiben."

1520 lernte er schließlich, auf Vermittlung Luthers und einiger Freunde, die Tochter eines Wittenberger Bürgermeisters, Katharina Krapp, kennen, die er am 25. November 1520 heiratete. Diesen Schritt hat Melanchthon nie bereut, denn Katharina war – seinen eigenen Worten nach – eine Frau, wie er "sie nur von Gott erbitten konnte"; so war sie im Umgang mit ihrem Mann und ihrer Familie gütig und wohlwollend, sowie freigiebig gegenüber Notleidenden und Gästen. Nahezu 37 Jahre dauerte die Ehe von Katharina und Philipp Melanchthon, die mit vier Kindern, zwei Töchtern und zwei Söhnen, gesegnet war.

Die beiden darauffolgenden Jahre – 1521 und 1522 – sollten dann letztlich zu den entscheidenden Jahren der Reformation werden. Im Frühjahr 1521 wurde unter dem jungen Kaiser Karl V. aus dem Hause Habsburg in Worms ein Reichstag abgehalten, auf dem der in Augsburg begonnene Ketzerprozess der römischen Kurie gegen Luther weiter- und zuendegeführt werden sollte. Als Luther die Reise zum Reichstag antrat – für die ihm vom Kaiser freies Geleit zugesichert wurde – legte er die Sorge für die Wittenberger Studien und die Reformation in die Hände Melanchthons: "Komme ich nicht wieder und morden mich meine Feinde zu Worms, wie es leicht geschehen kann, so beschwöre ich dich, lieber Bruder, lass nicht ab zu lehren und bei der Wahrheit zu beharren. Arbeite unterdessen zugleich für mich, weil ich nicht hier sein kann. Du kannst es noch besser machen. Darum ist auch nicht viel Schade um mich, bleibst du doch da. An dir hat der Herr einen gelehrteren Streiter." Die ihm übertragenen Aufgaben nahm Melanchthon sehr ernst, auch wenn er dabei einige Male an seine eigenen Grenzen stoßen sollte, denn Luther, über den die Reichsacht ausgesprochen wurde, kehrte nicht so schnell – wie von Melanchthon gewünscht und gehofft – nach Wittenberg zurück sondern wurde, auf Befehl Friedrichs des Weisen, auf die Wartburg gebracht.

Im Herbst 1521 versuchte indessen Karlstadt, ein Weggefährte und Freund Luthers in Wittenberg die gewaltsame Umwälzung des gesamten Kirchenwesens. Mit Melanchthons "Loci communes", den Hauptbegriffen der evangelischen Glaubenslehre, erschien im Dezember 1521 in Wittenberg die erste, auf der Basis der Evangelien und der paulischen Briefe erarbeitete Bekenntnisschrift des evangelischen Glaubens, die sich auch gegen Karlstadt wandte. An der Jahreswende des Jahres 1521 zu 1522 traten mit den Zwickauer Propheten dann Männer in Wittenberg auf den Plan, die nicht nur eine Umwälzung der geistlichen Sphäre forderten. Melanchthon der diesem Treiben zwar entgegentrat, erkannte bald, dass er den Schwarmgeistern nicht gewachsen war, und sandte, um Luthers Beistand bittend, eine Botschaft zur Wartburg. Im März erschien Luther – noch immer gebannt – in Wittenberg, wo er binnen weniger Tage die Ordnung wiederherstellte. Während diesem, nur wenige Tagen währenden Aufenthalt in Wittenberg hat Luther wohl auch von Melanchthon die Anregung erhalten, das Neue Testament aus dem Griechischen in die deutsche Sprache zu übersetzen.

Der dritte und letzte Teil folgt im September-Schlüssel.

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