Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.11.2019

"Wir waren dabei"
Zwei Berichte vom Ökumenischen Kirchentag in München

Münchner Rathaus nachts während des Ökumenischen Kirchentags – ©: Andrea Lohberger@pixelio.de

Wir waren fünf Tage auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München, 12. - 16.Mai 2010, – Magda und Michael Fleischer und ich, aus unserer Gemeinde Petrus-Giesensdorf. Wir reisten an zusammen mit "Pilgern" aus unseren Steglitzer katholischen und evangelischen Nachbargemeinden Mater Dolorosa und Bonhoeffer – neun Stunden lang in einem historischen Sonderzug. Die lange Zeit war auch gut zu nutzen, um das 720 Seiten umfangreiche Kirchentagsprogramm zu studieren. "Damit ihr Hoffnung habt" war das Motto des ganzen Kirchentags. "Hoffnung" stand im Mittelpunkt der beiden großen Rahmenveranstaltungen, der Eröffnung mit 100000 auf der Theresienwiese, wo sonst das Oktoberfest stattfindet, mit der Auslegung vom 1. Petrusbrief 1, 3 - 9.13 "lebendige Hoffnung". Bei dem Schlussgottesdienst am Sonntag lauschten weit über 100000 bei leichtem Regen in bester Stimmung der Auslegung von Lukas 1, 46 - 55 "Lobgesang der Maria". Die ganze Veranstaltung war ein riesengroßer Erfolg!

Jeden Morgen von 9,30 -10,3o Uhr versammelten sich Zehntausende zur Bibelarbeit in den Hallen des Messegeländes und anderswo in der Stadt. Es ging um 1. Mose 9, 8-17 "Gottes Bund mit Noah" am Donnerstag, um Römerbrief 8,16-25 "das Offenbarwerden der Hoffnung" am Freitag und um Matthäus 25,31-46 "Christus im Nächsten" am Samstag. Das waren allein ca. 100 Bibelveranstaltungen zur Auswahl. Die Bibelinterpreten waren einerseits evangelische, katholische, anglikanische, griechisch-orthodoxe, jüdische, islamische Theologen und andererseits auch viele Prominente aus Politik und Gesellschaft. Dazu gab es über 90 Gottesdienste, Messen und Gebete in den Münchner Kirchen mit zum Teil ungewöhnlicher Thematik wie die Veranstaltung der "Initiative Kirche von unten" zur aktuellen Bedeutung des 198o in seiner Kirche ermordeten Erzbischofs Oscar Romero von San Salvador mit einem Gottesdienst mit Musik, Gesang und prophetischen Texten der Hoffnung – in spanischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Die Kirche St. Gabriel war brechend voll.

Dann gab es tausende von zentralen Veranstaltungen mit weltlichen Themen jeder Art an Orten überall in der Stadt München. Die Kernfragen, die alle intensiv beschäftigten, werden sofort verständlich an den Titeln der vier Hauptvortragsreihen: "Frieden in der einen Welt", "Wege aus Krisen", "Orientierung in Religion und Gesellschaft" "Hoffnungszeichen Kirche". Von der Mund-Propaganda der Kirchentagsteilnehmer hörten wir immer wieder, dass sich viele auf zwei Großthemen dabei konzentrierten: Beliebt waren Frauenthemen. Ein Titelbeispiel dafür: "Männerfreundlich – frauenfeindlich? Geschlechterrollen in Christentum und Islam". Die Veranstaltungen mit Margot Käßmann waren überlaufen. Ihre Predigt füllte den ganzen Münchner Dom. Beliebt waren auch Themen mit Kritik an Wirtschaft, Gesellschaft und den globalisierten Finanzmärkten.

Zu diesem zweiten Themenkreis hier einige Beispiele mit Beobachtungen und Anmerkungen von wichtigen Veranstaltungen, die ich selbst besucht habe. Da gab es einen Vortrag von Hartmut Futterlieb von Attac, Bad Hersfeld, der bei den Teilnehmern auf großes Interesse stieß: "Nebensache Mensch – Die Religion des Kapitalismus". Der Vortrag erläuterte anschaulich und sehr kritisch "10 Thesen" des Referenten zur "Religion des Kapitalismus". Beispiel: "Alles wird zur Ware, selbst der Mensch und die Natur" (These 7). Der Vortrag kann nachgelesen werden im Internet unter www.chrisoz.de

Beiträge aus dem Publikum dazu waren z.B. "Vieles wird von den Landeskirchen her in den Gemeinden nicht bekannt". Oder: "Wir vermeiden Skandale, aber durch Reformen und Kritik allein – festigen wir da nicht nur das System?"

Da gab es eine Veranstaltung mit dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx und Wirtschaftsexperten im Alten Münchner Rathaus: "Welchen Beitrag leistet die Wirtschaft zu Gerechtigkeit und Integration?" Das Publikum war sehr aktiv dabei und beschäftigte die "Anwälte des Publikums" mit über 80 schriftlichen Kurzanfragen meist kritischer Art wie: "Gewinn einerseits - Entlassung von Leiharbeitern andererseits? Junge Leute sind arm, mit Hungerlöhnen, in prekären Arbeitsverhältnissen. Führt der "Freie Markt" nicht zu Unfreiheit?" Oder: "Setzt Soziale Marktwirtschaft hier bei uns nicht Ungerechtigkeit in anderen Ländern voraus?" Die Referenten argumentierten zum Teil ähnlich kritisch: "Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard) hieß damals nicht dasselbe wie heute "Chancen für alle". Outsourcen und Arbeitsverdichtung heute sind nicht etwa "Soziale Marktwirtschaft"! "Chancen für alle" als Programm reicht nicht, man müsste wenigstens von "Fairen Chancen für alle" sprechen, dass man nicht sagen kann: Ihr habt Chancen, ihr habt sie bloß nicht genutzt!"

Es gab eine Veranstaltung zur globalen Partnerschaft: "Reichtum verpflichtet – Armut auch". Da wurde die EU kritisiert als größter Agrarexporteur der Welt mit gigantischen Subventionen, die mit ihrer Konkurrenz die Länder der Dritten Welt wie z.B. Ecuador, Kamerun und Nigeria um ihre "Ernährungssouveränität" bringen: Da sei eine fundamentale Wende nötig!

Da diskutierte man in der Münchner TU über: "Niemand isst für sich allein: Warum immer mehr Menschen hungern". Diskutiert wurde dabei z.B., ob wir hierzulande zu viel Fleisch essen. Liegt ein großer Verantwortungsanteil bei uns? "Es gibt agrarische Überproduktion weltweit und trotzdem Hunger! Wie ist das zu erklären?"

"Neue Kriege" sind heute meist keine herkömmlichen Kriege, sondern innerer Zerfall von Staaten durch den ständigen Kampf um edle Hölzer, Öl, Gas, Diamanten, Metalle" – so der bekannte Friedensforscher Dieter Senghaas.

Gefragt wurde: Was also können Christen und Gläubige anderer Religionen tun? Antworten, die zu hören waren: "Wir müssen für mehr Transparenz sorgen". "Unsere erste moralische Pflicht ist: unterlassen , was andere schädigt!" "Es gibt genug Projekte. Wir haben keinen Mangel an Konzepten: Wir brauchen den politischen Willen zur Umsetzung. Wir brauchen politische Zielsetzung. Wir brauchen Bündnisse." "Mehr junge Menschen müssen in die Prozesse des Wandels einbezogen werden." "Die Verbreitung von Kenntnissen, die bereits da sind, fehlt." "Was heute ist, das kann nicht richtig sein!"

Bei dem Thema "Die UN-Behindertenkonvention – reif für die Schule?" ging es darum, wie diese neue Konvention, die inzwischen vom deutschen Bundestag ratifiziert wurde, radikales Umdenken verlangt und die Grundrechte für alle Behinderten einfordert, mit eigenen Wahlentscheidungen und selbstverständlicher Teilhabe von Anfang an, "on an equal basis with others", – was diese Konvention für die kirchliche Praxis bedeutet. Gefordert ist eine Integration (modisch: Inklusion), in der Begegnung zwischen allen Menschen wirklich stattfinden kann. Folgt daraus der Abbau der Sonderwelten in vielen Bereichen der Diakonie? Bei dieser Diskussion war auch der bekannte Künstler Guildo Horn dabei, von Beruf Sozial-Pädagoge, der kritisierte, wie Behinderte oft in den Medien dargestellt werden. Fernsehanstalten müssten mehr Platz geben für die Darstellung von Behinderten, und nicht nur als Hilfeempfänger! "Wir wollen voneinander lernen! Dann wird die Welt viel bunter – für uns alle!" Zu hören war auch: "Man sollte sich nicht hinter den Finanzzwängen verstecken: Da sind neue Chancen, die wir noch gar nicht sehen. Vieles ist gar nicht bekannt. Die Fachleute müssen aus dem getrennten Denken herauskommen. Wir wollen Menschen und Gruppen zusammenbringen aus geschlossenen Welten, mit Austausch aller Lehrer und Plattformen für Austauschprogramme."

Soweit diese Auswahl von ganz ernsten Themen. Aber auf dem Kirchentag gab es auch jede Menge Heiteres in zahlreichen kulturellen Veranstaltungen überall in der Stadt, auf vielen Straßen und Plätzen, auf Bühnen mit Kabarett, Musical, Theater, Konzerten und in Ausstellungen. Das Kirchentagsprogramm umfasste allein über 300 Seiten mit kulturellen Events vielerlei Art. Davon war natürlich für den Einzelnen nur wenig zu schaffen. Den jungen Leuten in unserem Sonderzug sah man bei der Rückfahrt an, wie sie versucht hatten, davon möglichst viel mitzubekommen. Sie lagen fast alle schlafend und k.o. in ihren Abteilen!

Zu erwähnen sind noch die vielen Lieder, die gemeinsam gesungen wurden. Es gab für jeden ein Extra-Liederheft von 195 Seiten mit dem Titel: "Gemeinsam weitergehen. Lieder und Gesänge zur Ökumene". "Damit ihr Hoffnung habt" war auch hier durchgehender Inhalt. Zum Schluss daraus zwei Beispiele. Ein Kanontext lautet: "Güte und Barmherzigkeit, das sind Gottes Gaben, gestern, heute, allezeit, damit wir Hoffnung haben" (S. 27). Ein Liedtext lautet: "Sanftmut den Männern!/ Großmut den Frauen!/ Liebe uns allen,/ weil wir sie brauchen./ Flügel den Lahmen!/Lieder den Stummen!/Träume uns allen,/weil wir sie brauchen./Ehrfurcht den Starken!/ Lieder den Stummen!/Frieden uns allen,/ weil wir ihn brauchen (S.73).

Eleonore Fink

Bericht vom Segnungsgottesdienst auf dem Ökumenischen Kirchentag in München

Pfarrkirche St. Johann Baptist München-Haidhausen

Eine Gruppe vom Ökumenischen Arbeitskreis, zu der mein Mann und ich gehörten, hatte die Andreasgemeinde in München-Fürstenried als Gastgeber. Mit dem Arbeitskreis dort gestalteten wir einen Segnungs- und Salbungsgottesdienst.

Am 13. Mai trafen wir uns vormittags zur Vorbereitung. Die leitenden Verantwortlichen erzählten uns die Vorgeschichte und ihre Erfahrungen von Gottesdiensten, in denen jeder, der das wünscht, persönlich gesalbt und gesegnet wird. Schon diese konkrete Einführung war ein bewegendes Erlebnis. Wir wurden gesegnet und gaben zu zweit den Segen weiter. Bei der "Probe" waren einige von uns aufgeregt und unsicher, aber am Abend in der St. Johanneskirche erlebten wir das Wunder, dass nicht wir die "Macher" sind. Was hat sich ereignet? Beim Schreiben merke ich, wie schwierig es ist, in Worte zu fassen, was da geschehen ist. Es mag ungewöhnlich klingen oder zu fromm, aber wir sind sicher: dort hat der Heilige Geist gewirkt. In den Gesprächen danach hörten wir, wie erfüllt jeder war und deutlich spürte, dass wir etwas weitergeben konnten, was nicht von uns "gemacht" war. Wir erlebten Gottes Gegenwart und sein Wirken in allem, was wir an diesem Abend hörten und sahen. Es gibt noch viel zu erzählen, aber dieser Segnungs- und Salbungsgottesdienst war für meinen Mann und mich das ergreifende Erlebnis auf diesem Kirchentag.

Magdalena Wölfle-Fleischer

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