Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2019

Gedanken zum Monatsspruch

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Sein Markenzeichen war nicht das geschliffene diplomatische Wort. Er war keiner, der den Herrschenden nach dem Mund redete. Er zeichnete sich vielmehr durch eine Offenheit aus, die bis an die Grenzen des Erträglichen ging.

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Er war kein Intellektueller, keiner der als besoldeter Priester oder beamteter Heilsprophet an einem der königlichen Heiligtümer oder Wallfahrtsorte sein Geld verdiente. Er konnte sich weder auf ein Amt noch eine Weihe berufen, sondern nur auf Gottes Wort.

Sein Name war Amos und er war Prophet, das heißt im Hebräischen der Gerufene, und er war allzu oft "ein Rufer in der Wüste". Amos war ein Mann aus dem einfachen Volk, ein Kleinbauer, ein Viehhirte und Feigenzüchter. Er lebte lange vor unserer Zeit im 8. Jh. v. Chr. im damals geteilten Israel, im Nordreich mit der Hauptstadt Samaria.

Er war einer jener Männer, die als Propheten in der Vollmacht Gottes aufstanden und dem Volk in oftmals beängstigender Weise Verfehlung und Schuld vor Augen führten und die Konsequenzen dieses Fehlverhaltens eindrücklich aufzeigten.

Die Zeit des Amos war in der bewegten Geschichte des kleinen Israel eine Zeit der wirtschaftlichen und politischen Stabilität und Blüte. Es herrschten Frieden und Wohlstand. Es gab prachtvolle Paläste, Luxus und Reichtum. Dieser Reichtum war allerdings höchst ungleichmäßig verteilt. Als Begleiterscheinung des wirtschaftlichen Fortschritts war ein Auseinandertreiben der sozialen Gruppen zu beklagen. Der Abstand zwischen wenigen Reichen und vielen Armen vergrößerte sich immer mehr. Das Bewusstsein der sozialen Verantwortung der Reichen gegenüber den Armen nahm hingegen immer mehr ab. Unterdrückung, Ausbeutung und korrupte Rechtsprechung waren keine Seltenheit. Wie bedrückend aktuell das beim heutigen Lesen erscheint.

In diese Situation hinein ergeht die Verkündigung des Amos, der diese Missstände anprangert und die Menschen mit dem Willen Gottes konfrontiert. Viele Freunde hat sich Amos mit seinem Auftreten zumindest unter den wohlhabenden und einflussreichen Kreisen des Landes sicher nicht gemacht.

Sein Auftreten, seine Art zu reden, seine Angriffe gegen die Oberschicht, sie schockierten und verletzten. So beschimpfte er die Damen der vornehmen Gesellschaft als "fette Kühe"; und den führenden Beamten, den Ministern und Großgrundbesitzern wirft er ihre hemmungslose Verschwendungssucht vor.

Er wollte Aufmerksamkeit erregen, Ohren öffnen und miserable Zustände verändern.

Die Triebfeder dafür war nicht etwa sein eigenes revolutionäres Selbstverständnis – dann würden wir Amos und die Botschaft der gesamten Prophetie in Israel missverstehen. Amos kommt vielmehr von der Gewissheit her: Gott hat eingegriffen und er wird eingreifen.

Seine scharfen Angriffe gegen die Herrschenden begründete er mit dem Gotteswort vom kommenden Gericht, das Exil und Verbannung bedeutet für diejenigen, die auf Kosten der Armen leben, sie unterdrücken und keinerlei Interesse an der Verbesserung der Verhältnisse haben.

Amos zeigt auf: Gott gefällt es ganz und gar nicht, dass man den kleinen Leuten Gewalt antut, die Armen schindet, während sich die Reichen ihrer verschwenderischen Genusssucht hingeben.

Aber der Monatsspruch macht auch deutlich: das Unheil ist kein unabwendbares Schicksal. Man kann etwas dagegen tun. Das Unheil ist Folge menschlichen Fehlverhaltens. Ein Umdenken ist möglich, denn Menschen sind entscheidungsfähig. Darum ruft der Prophet dreimal dringlich auf: "Sucht mich und bleibt am Leben!… Sucht Gott und bleibt am Leben… Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr am Leben bleibt!" (V.4.6.14).

Kritiker wie Amos wurden oft mundtot gemacht, ins Gefängnis gesteckt oder sogar umgebracht und ihre Botschaft verworfen. Die kritischen Worte des Amos aber sind in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen worden, obwohl sie der Oberschicht sehr unangenehm waren. Diese unbestechliche Sicht auf die Herrschenden gehört zum biblischen Vermächtnis und es ist ein großer Schatz, dass sie bewahrt wurde.

Amos weist auf den Kern des Glaubens hin: Recht und Gerechtigkeit, und seine Worte klingen auch nach über zwei Jahrtausenden mit unverminderter Kraft. Für die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft im Ganzen kann Amos auch in diesen Zeiten höchst aktuell sein.

Er war ein unbequemer Mahner seiner Zeit. Die Kirche und auch die Gesellschaft brauchen solche Mahner als Anwälte für Recht und Gerechtigkeit und sie brauchen Menschen, die ihre Finger auf die Wunden dieser Gesellschaft legen. Und sie brauchen solche "sperrigen" Gestalten, die deutlich machen, dass Gottes Weg mit seinen Menschen noch nicht zu Ende ist.

Pfarrer Michael Busch

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