Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juni 2010

18.11.2019

Praeceptor germaniae und Reformator im Schatten Luthers
Zum 450. Todestag Philipp Melanchtons (Teil 1)

von Torsten Lüdtke

Am 19. April jährte sich der Todestag des Mannes, ohne den Luthers Reformation wohl nur unzulänglich geblieben wäre, zum 450. Male. Aus diesem Grund fand ein großer Gedenkgottesdienst für Philipp Melanchthon in der Schloßkirche zu Wittenberg statt, an dem führende Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft teilnahmen und schließlich wurde auch das Jahr 2010 zum "Melachthon-Jahr" erklärt – und dennoch: Noch immer steht der schmächtige und bescheiden wirkende Humanist und "Praeceptor germaniae" Melanchthon im übermächtigen Schatten Luthers, dessen Weggefährte und Freund er war.

Anläßlich seines 450. Todestages soll daher hier der Lebensweg dieser bedeutenden Gelehrtenpersönlichkeit nachgezeichnet werden.

Am 16. Februar 1497 erblickte Philipp Schwarzerdt – den gräzisierten Namen Melanchthon wird erst der junge Gelehrte von seinem Großoheim Johannes Reuchlin erhalten – in der unweit Karlsruhe liegenden Stadt Bretten als ältestes Kind des Waffenschmieds Georg Schwarzerdt und seiner Frau Barbara das Licht der Welt. Als Handwerker und Rüstmeister des Kurfürsten von der Pfalz hatte es der aus Heidelberg stammende Vater zu Ansehen und Wohlstand geschafft und die neunzehnjährige Tochter des reichen Großkaufherren und angesehenen Amtsschultheißen von Bretten, Johann Reuter und der Elisabeth Reuchlin, einer Schwester des schon erwähnten bekannten Humanisten, geheiratet. Am Marktplatz der damals pfälzischen Stadt Bretten besaß die Familie Reuter ein geräumiges Haus, in dem der kleine Philipp zusammen mit seiner Mutter, den Großeltern und seinen vier jüngeren Geschwistern in gutbürgerlichen Verhältnissen lebte und aufwuchs. Der Vater Georg Schwarzerdt war oft unterwegs, denn als Geschützgießer und Rüstmeister gehörte er zum Gefolge des Pfalzgrafen Philipp des Aufrichtigen (1448–1508). Der in Bretten verwandte Beiname "Schlosser von Heidelberg" deutete nicht nur auf die Herkunft Georg Schwarzerdts, sondern auch auf die häufige Abwesenheit des Vaters. Mit dem Beginn des Landshuter Erbfolgekrieges zwischen der bayrischen und der pfälzischen Linie des Hauses Wittelsbach musste auch Georg Schwarzerdt 1504 ins Feld rücken und kehrte – da er bei Mannheim zusammen mit seinen Begleitern aus einem vergifteten Brunnen getrunken hatte – noch im selben Jahr als kranker Mann nach Hause zurück. Während des vier Jahre andauernden Siechtums wich das als tatkräftig, rechtschaffend und freundlich beschriebene Wesen des Vaters einer tiefen Religiosität, die ihm auch half, sein schweres Schicksal und die Krankheit zu ertragen.

Es war wohl ebenfalls das Kriegsjahr 1504, als Philipp Schwarzerdt in der Stadtschule von Bretten seinen ersten Unterricht im Lesen und Schreiben erhielt. Hier sollten ihm wohl auch die ersten Grundlagen der lateinischen Sprache vermittelt werden, doch führte die Kriegszeit, während der auch Bretten belagert wurde, zur Aufhebung der Schule. Im Hause seines Großvaters sollte der stille und talentierte Junge zusammen mit seinem Bruder Georg und einem Vetter Unterricht durch einen Hauslehrer erhalten, und so wurde dem Großvater Reuter von seinem gelehrten Schwager Reuchlin der aus Pforzheim stammende Grammaticus Johannes Unger als Lehrer vermittelt. Unger war wohl ein ausgezeichneter Pädagoge, der seinen Schüler nicht nur das Wissen vermittelte, sondern sie auch als Persönlichkeiten prägte und sie durch Fragen und Aufgaben zu eigenständigem Denken anzuregen suchte. Noch später wird sich der Gelehrte Melanchthon seiner mit Liebe und Dankbarkeit erinnern und seinen Studenten Unger als das Muster eines guten Lehrers vorstellen. So scheint es nicht ganz unwahrscheinlich zu sein, dass – wie es die Anekdote berichtet – der Schüler Philippus eines schönen Tages mit fahrenden Studenten am Marktbrunnen seiner Heimatstadt disputierend von seinem Großvater angetroffen worden ist.

Im Herbst 1508 sollte sich jedoch die Situation der Familie Schwarzerdt grundlegend ändern. Am 16. Oktober starb der Großvater Reuter – und am 27. Oktober 1508 schließlich, noch nicht fünfzigjährig, der Vater Georg Schwarzerdt, der in den Jahren seiner Krankheit maßgeblichen Anteil an der Erziehung der Söhne Philipp und Georg gehabt hat. Wenige Tage vor dessen Tod muss Philipp von ihm Abschied nehmen. Dabei, so berichtet Melanchthon selbst, deutete der Vater auf die großen Veränderungen in der Welt, die zu fürchten seien. "Ich habe viele große Dinge in der Welt erlebt, aber es stehen noch größere bevor. Gott möge dich leiten und regieren." – Das sind die letzten Worte des Vaters, bevor Philipp zusammen mit seinem Bruder Georg zunächst nach Speyer, dann nach Pforzheim in das Haus ihrer Großmutter Elisabeth Reuter gebracht und an die sich Melanchthon sein ganzes Leben lang erinnern wird.

Elisabeth Reuter hatte nach dem Tod des Gatten und des Schwiegersohnes das große Hauswesen und die Handlung verlassen und war in ihre Geburtsstadt Pforzheim zurückgekehrt. Hier nun sollten Philipp Schwarzerdt, sein Bruder Georg und der Vetter Hans Reuter die berühmte Lateinschule besuchen, in der auch schon ihr Großonkel Reuchlin die Schulbank gedrückte hatte. Der Schule stand als Rektor der Humanist Georg Simler vor, der nicht nur die Ausbildung der Knaben in der lateinischen Sprache und Dichtung vorantrieb, sondern sie auch mit den Grundlagen der griechischen Sprache und der aristotelischen Philosophie vertraut machte.

Rasch macht Philipp Schwarzerdt Fortschritte: Die griechische Sprache und Grammatik lernt er rasch, und auch im Lateinischen ist er bald in der Lage, Versdichtungen und kurze Schauspiele zu verfassen. Nach einer solchen Aufführung setzte ihm der berühmte Großoheim Reuchlin anerkennend seinen Doktorhut auf. Aber auch sonst hat der in Stuttgart und in Tübingen lebende Reuchlin seinen Großneffen in seinen Studien gefördert und ihm dazu auch mehrere Bücher aus seiner Bibliothek geschenkt. So widmete Reuchlin Philipp eine griechischen Grammatik aus seinem Besitz mit folgenden Worten: "Hanc grammaticam grecam dono dedit Johannes Reuchlin phorcensis LL. Doctoris Philippo Melanchthoni Bretthemensi Anno domini MDIX idis Martiis" ("Diese griechische Grammatik hat zum Geschenk gemacht Johannes Reuchlin aus Pforzheim, beider Rechte Doktor, dem Philipp Melanchthon aus Bretten, im Jahre des Herrn 1509 an den Iden des März.")

Mit diesem Geschenk am 15. März 1509 verlieh Reuchlin seinem Großneffen – nach dem Brauch der Humanisten – den Namen "Melanchthon", eine griechische Umsetzung des Geburtsnamens Schwarzerdt.

Nicht unter diesem Namen, sondern als "Philippus Schwarzerdt de Bretheim" wurde er am 14. Oktober 1509 in die Matrikel der 1386 gegründeten Heidelberger Universität aufgenommen. Noch nicht ganz dreizehn Jahre alt, wurde aus dem Schüler Philipp Schwarzerdt der Student Melanchthon, der während der nächsten drei Jahre seine Sprach- und Literaturkenntnisse weiter vervollständigte. Im Hause des Professors für Theologie, Pallas Spangel, fand Philipp Melanchthon freundliche Aufnahme und Förderung, so dass er schon bald aufgrund seiner Kenntnisse und wegen seines freundlichen und bescheidenen Wesens die Anerkennung von Studenten und Professoren besaß. Im Juni 1511 konnte Melanchthon die Prüfung zum Baccalaureus Artium mit Erfolg ablegen und nur ein Jahr später wollte der eifrige Student, der den Söhnen des Grafen von Löwenstein Unterricht gab, die Magisterwürde erwerben, doch wurde er – wegen seines jungen Alters – abgewiesen.

Melanchthon verließ Heidelberg und wechselte an die andere bedeutende, ebenfalls am Neckar liegende Universität Tübingen. In Tübingen herrschte ein anderes Klima; ein freier humanistischer Geist zeichnete die Hochschule aus, und auch sein ehemaliger Lehrer aus Pforzheim, Georg Simler, lehrte hier. Am 17. September 1512 wurde Melanchthon in Tübingen immatrikuliert, wo er sich auch bald einem humanistischen Zirkel, den Sodales Neccarani [Neckargenossen], anschloß. In Tübingen fand Melanchthon das, was ihm Ihn Heidelberg versagt blieb: Hier wurde er am 25. Januar 1514 Magister Artium und Conventor der Burse.

Neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität fand Melanchthon aber auch Zugang zu anderen Wissensgebieten, so beschäftigte er sich auch mit Medizin, den Rechtswissenschaften, der Astronomie und auch der Astrologie. Über das Studium der Schriften Erasmus' von Rotterdam und der von ihm herausgegebenen Septuaginta sowie durch die Lektüre der Kirchenväter erschloß sich der junge Gelehrte auch die Grundlagen der Theologie und kam wohl auch zu der Einsicht, dass das Christentum der Bibel ein anderes als sein müsse.

In der Tübinger Zeit erscheinen auch die ersten eigenen Veröffentlichungen Melanchthons im Druck. Sein erstes Werk stellte eine Ausgabe des römischen Komödiendichters Terenz dar, die 1516 mit einer Einleitung über die Geschichte der antiken Komödie erschien.

Aus seinen Vorlesungen heraus entstanden die "Institutiones Grammaticae Graecae", eine griechische Grammatik. Melanchthon wanderte, um diese Grammatik zu vollenden, im Frühjahr 1518 in das elsässischen Hagenau, wo das Buch noch 1518 gedruckt erschien. Bis 1544 erlebte dieses Werk allein neunzehn Auflagen.

Während der sogenannten "Reuchlin-Fehde", die sich um die Bedeutung jüdischer Lehrtexte für das Christentum entspann, schlägt sich Melanchthon auf die Seite seines Förderers und Verwandten, ohne jedoch die publizistische Wirksamkeit eines Hutten oder der in seinem Umkreis erschienenen Dunkelmännerbriefe zu erlangen.

Der anderen großen Kontroverse, die sich bald danach, im Herbst 1517 abzeichnete – der Veröffentlichung der 95 Thesen durch den Wittenberger Professor und Augustinermönch Martin Luther – stand Melanchthon zunächst indifferent gegenüber. Die Disputation Luthers mit den Oberen des Augustiner-Eremiten-Ordens über seine Thesen in Heidelberg am 26. April 1518 machte jedoch Eindruck auf den jungen Gelehrten, der – nun dem reformatorischen Gedankengut Luthers gegenüber aufgeschlossen – nicht ahnte, dass er bald selbst im Zentrum der Reformation wirken sollte.

Fortsetzung im nächsten "Schlüssel".

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern