8. Mai – fragen, wissen, denken, gedenken!
von Harald Hensel
"Mein Opa war Kriegsgefangener, also ein Opfer. Oder doch ein Täter?", diese Frage stellte sich - und uns - die Schülerin Tina Walther in einer bewegenden Rede bei der Gedenkfeier der Initiative "KZ-Außenlager Lichterfelde" am 8. Mai.
In Anwesenheit einiger ehemaliger Häftlinge gedachten zahlreiche Anwohner und Gäste der Opfer des NS-Systems, die hier in unserem Wohngebiet von 1942 bis 1945 von der SS inhaftiert waren, geschunden und getötet wurden.
Die Schülerin berichtete von ihrem Großvater, der "natürlich" in der deutschen Wehrmacht an der Ostfront kämpfte, in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet und sechs Jahre in Sibirien im Lager gelitten hat. Diese Erfahrung muss traumatisieren, darf aber nicht – so Tina Walther am Beispiel ihrer Familie – dazu führen, die individuellen Erlebnisse isoliert zu betrachten und angesichts eigenen Leidens die auslösenden Faktoren, die Ursachen zu verkennen. So beklagenswert Opfer von Luftangriffen, Vertreibung und Vergewaltigung sind, sie lassen sich nicht gegen die NS-Verbrechen aufrechnen!
Wenn eine Schülerin an der "Säule der Gefangenen" einigen ehemaligen KZ-Häftlingen das Versprechen der Jugend abgibt, alles Menschenmögliche zu tun, um eine Wiederholung des Unrechts zu verhindern, dann beeindruckt und berührt das. Tina Walther mahnte Zivilcourage im Alltag an. Ich finde, Zivilcourage hat sie bewiesen indem die Enkelin mit ihrem Großvater sprach, seine Rolle und Verantwortung hinterfragte. Die junge Generation kann ihrer Verantwortung nur gerecht werden, wenn sie weiß, was geschehen ist, auch hier in Lichterfelde wo quasi "unter unser aller Augen" Menschen gequält wurden. Und es macht mich froh, wenn Mareije und Anne, zwei Schülerinnen aus Amsterdam, ihren Großvater, der bei uns in Lichterfelde inhaftiert war, bei der Kranzniederlegung am 8. Mai 2010 an der Gedenksäule begleiten. Fragen und zuhören ist gut.
Fotos: Harald Hensel
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