ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2010

21.1.2019

Aller Ehren wert?
Gedanken zum Rücktritt einer lutherischen Bischöfin

von Lutz Poetter

Die Nachricht schaffte es auf Anhieb auf die Titelseiten der Zeitungen. Gerade führte Deutschland für einen Tag den Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele an in Vancouver, "wir" lagen vorne. Da verkündete die ranghöchste deutsche Protestantin: "Ich trete von allen Ämtern zurück." Plötzlich war die 51jährige Pastorin Margot Käßmann nicht mehr Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, auch ihr Amt als Bischöfin der Hannoverschen evangelisch-lutherischen Landeskirche legte sie nieder. Was war geschehen?

Copyright: Nutzung für Abonnenten des Gemeindebrief - Magazin für Öffentlichkeitsarbeit in nichtkommerziellen Publikationen – Foto: epd

Mit ihrem Rücktritt von allen Ämtern zog Margot Käßmann ihre persönliche Konsequenz aus einer nächtlichen Autofahrt in ihrem Dienstwagen durch Hannover. Sie überfuhr eine rote Ampel und wurde dabei von Polizisten beobachtet. Bei der anschließenden Verkehrskontrolle stellten die Ordnungshüter fest, dass die Fahrerin betrunken war. Eine Blutprobe ergab 1,54 Promille. Bischöfin Käßmann saß demnach völlig fahruntüchtig am Steuer ihres Wagens. Ihr drohen als ertappter Verkehrssünderin eine empfindliche Geldstrafe, mehrere Punkte in Flensburg und der Verlust ihres Führerscheins.

Der Rücktritt der Bischöfin löste in Kirche und Politik Bedauern aus. Der Rat der EKD hatte seiner Vorsitzenden nach der Veröffentlichung ihrer Alkoholfahrt einstimmig sein Vertrauen ausgesprochen. Er hatte ihr so den Rücken gestärkt und sie zur Fortführung ihres ranghöchsten Amtes im deutschen Protestantismus ermuntert.

Dennoch war Margot Käßmann zurückgetreten: "Ich habe einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Ich kann und will nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind." Sie erklärte: "Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte." Sie sei mehr als zehn Jahre lang mit Leib und Seele Bischöfin gewesen und bleibe Pastorin der hannoverschen Landeskirche. Es tue ihr leid, dass sie so viele enttäusche, die sie gebeten hatten, im Amt zu bleiben.

Respekt

Mein erster Gedanke: Hut ab vor dieser Bischöfin! Auch im Scheitern bleibt sie vorbildlich. Sie tritt freiwillig zurück und erspart uns den hässlichen Anblick eines würdelosen Abgangs. Sie ist und bleibt aufrecht und verantwortungsbewusst. Sie steht offen zu ihrem Fehlverhalten, sie beschönigt nichts, deckt nichts zu, sucht keine billigen Ausflüchte, schiebt nicht anderen die Schuld für ihren Fehler in die Schuhe. Sie bleibt wahrhaftig und klebt nicht an ihrem Stuhl als Bischöfin und Ratsvorsitzende. Sie stellt ihre persönliche Berufskarriere hinter die Anforderungen ihres wichtigen öffentlichen Amtes. Margot Käßmann zeigt auf beeindruckende Weise Glaubwürdigkeit und Moralität. Sie wahrt den Einklang von Verkündigung und Handeln.

Damit unterscheidet sie sich wohltuend von etlichen Führungskräften in Politik, Wirtschaft, Banken, Verbänden und Organisationen, die lieber andere für ihre Fehler und Versäumnisse verantwortlich machen und immer nur soviel an eigenem Fehlverhalten eingestehen wie man ihnen gerade nachweisen kann. Verdankt man diesen korrupten Herrschaften die Beschädigung des Vertrauens in Politik und Führung bis hin zu echter Verdrossenheit, so müsste man Margot Käßmann wohl ein Lob aussprechen: Sie dient mit ihrem Rücktritt der Glaubwürdigkeit der evangelischen Kirche und ihrer Führungselite. Auch ihr Rücktritt ist einer Bischöfin und Ratsvorsitzenden würdig: Sie allein musste entscheiden und die Konsequenzen tragen, ob sie zurücktritt oder im Amt bleibt. Sie hat sich entschieden. Viele haben ihren Rücktritt bedauert. Wer dürfte sie dafür kritisieren?

Kein Pardon?!

Natürlich maße auch ich mir nicht an, über die persönliche Entscheidung dieser beeindruckenden Frau zu richten. Allerdings verweist ihre Entscheidung auf ethische Prinzipien und moralische Maßstäbe, die weit über die causa Käßmann hinaus Bedeutung haben.

In einer zweiten Überlegung tauchen bei mir etliche Fragen auf, auch zum konkreten Fall.

War es wirklich klug und notwendig, als Bischöfin zurück zu treten nach einer nächtlichen Alkoholfahrt, bei der zum Glück niemand zu Schaden gekommen ist? Hätte sie nicht im Amt bleiben können und sollen? Gab es wirklich eine objektive Notwendigkeit zum Rücktritt, oder hat dieser eher persönliche Gründe? Hat der Fall auch etwas mit ihrem Frausein zu tun, wäre ein männlicher Ratsvorsitzender eher im Amt geblieben? Wären Druck und Belastung für sie zu groß geworden nach ihrem Fehlverhalten im Straßenverkehr? Schon vor Jahren musste Margot Käßmann wütende Angriffe von evangelikalen Christen aushalten, als sie sich von ihrem Ehemann scheiden ließ. Eine geschiedene Bischöfin galt vielen in der Kirche als untragbar. Damals trat sie nicht zurück. Wäre nun eine ertappte Verkehrssünderin im Bischofsamt tatsächlich noch untragbarer? Warum kann sich Margot Käßmann ihr ziviles Fehlverhalten nicht auch selber vergeben, wenn unser bürgerliches Rechtssystem eine Sühne für ihre Straftat vorsieht und Kollegen in der Führungsspitze der Kirche ihr weiterhin vertrauen? Geht es in erster Linie um ihre öffentliche Reputation in Politik und Gesellschaft? Gibt es nicht etwas Wichtigeres zur Begründung der Autorität einer Bischöfin oder dem Verlust dieser Autorität als eine Autofahrt im Rausch? Macht sie sich die Sache nicht zu einfach, wenn sie sich der Auseinandersetzung entzieht und kampflos zurücktritt?

Demut? Hybris?

Margot Käßmann hat einen Fehler gemacht. Vor aller Öffentlichkeit stand sie plötzlich als Verkehrssünderin da. Ihr Amt und ihre Autorität hielt sie nun für beschädigt, ihre Freiheit zu Kritik und Mahnung eingeschränkt. Diese Einschätzung dürfte in unserer von Medien beherrschten Öffentlichkeit leider zutreffen. Ich stutze trotzdem. Kann man nur dann ein wichtiges Amt haben und Autorität in der Kirche beanspruchen, wenn man absolut keine Fehler macht? Muss man persönlich makellos und untadelig sein, damit man politische Fehlentscheidungen wie den militärischen Einsatz in Afghanistan und das Schwinden der Solidarität in Deutschland kritisieren darf?

Margot Käßmann hat einen Fehler gemacht. Nun glaubte sie zurücktreten zu müssen. Zuvor war sie mehr als ein Jahrzehnt Bischöfin – mit Leib und Seele. War sie dabei etwa eine Heilige? Sollte dieser faux-pas in der Februarnacht tatsächlich ihr erster und bisher einziger Fehler gewesen sein? Hat sie in all den Jahren an der Spitze ihrer Landeskirche und vorher als ordinierte Pastorin niemals etwas falsch gemacht, hat sie nie versagt und nie persönliche Schuld auf sich geladen?

Und noch einmal zu dieser nächtlichen Fahrt im Auto durch Hannover: Worin besteht ihr eigentliches Vergehen – dass sie betrunken am Steuer war oder dass die Polizei sie dabei erwischt hat? Wäre sie auch dann zurückgetreten als Bischöfin, wenn diese Alkoholfahrt nicht herausgekommen wäre und nur sie selbst und der Allwissende im Himmel von diesem Vergehen gewusst hätten? Ich ziehe eine unerwartete Konsequenz beim gründlicheren Nachdenken: Schlimmer als die Autofahrt unter Alkohol kommt mir die Selbstüberschätzung dieser einflussreichen Pastorin vor, eben dieser eine Fehler würde eine so grundlegend neue Situation schaffen, dass ihr nur noch der Rücktritt übrig bliebe. Diese angemaßte Makellosigkeit, dieses Messen am unerreichbaren Ideal heiliger Tugend offenbart einen viel schlimmeren Lapsus unserer lutherischen Bischöfin als das Überfahren einer roten Ampel.

Wir leben von der Vergebung – bloß ein frommer Spruch?

Alle Ämter in unserer Kirche sind allein durch das Evangelium legitimiert und haben von diesem ihre Autorität. Sola scriptura, sola fide – das reformatorische Bibel- und Glaubensprinzip gilt auch für die Organisation und Leitung unserer evangelischen Kirchen.

Im Zentrum der biblischen Botschaft steht die Rechtfertigung der Sünder allein aus der Gnade Gottes. Kein Mensch ist von sich aus vor Gott makellos und rein. Petrus, den Felsenjünger beschreibt das Neue Testament als maßlosen Selbstüberschätzer und feigen Verleugner. Jesus berief ihn zum ersten Bischof der Urgemeinde in Jerusalem, obwohl Petrus versagt und gefehlt hat. Auch später verleugnete Petrus seine christliche Erfahrung mit den Heidenchristen und wurde von Paulus für sein Einknicken zur Rechenschaft gezogen. Unser Reformator Martin Luther war sich schon als junger Mönch seiner fehlbaren menschlichen Natur schmerzlich bewusst. Auch wenn Christus uns Sünder erlöst und gerechtgemacht hat, so bleiben wir immer beides – simul iustus et peccator. Martin Luther wusste als Kopf der evangelischen Bewegung, dass das Blut unzähliger ermordeter Bauern an seinen Händen klebte. Im Alter ahnte er auch, dass er mit seiner Feindschaft gegenüber den Juden schwere Schuld auf sich geladen hat. Die Kirchengeschichte dokumentiert zahllose Oberhirten, die selber in die Irre gegangen sind und andere in die Irre geführt haben. Makellosigkeit findet sich nur im Reich der Legende.

Fehler über Fehler

Warum beschäftigt mich das Schicksal der Bischöfin so sehr? Ich bin einfacher Pfarrer und Hannover ist weit weg. Es geht mir wohl ums protestantische Prinzip.

Ich selbst mache laufend Fehler, versäume manche Aufgaben, bleibe vielen Menschen etwas schuldig. Ich habe meine Macken und Lücken. Als Pfarrer in Lichterfelde war ich in fast 25 Jahren an keinem einzigen Tag makellos und werde es auch niemals sein. Ich kenne allerdings auch niemanden im Stadium der Perfektion unter meinen Kolleginnen und Kollegen in anderen Gemeinden. Trotzdem bin ich fest entschlossen, mit Leib und Seele als Pfarrer im Amt dieser Gemeinde zu bleiben – mit all meinen Fehlern, trotz all meiner Versäumnisse. Margot Käßmann hat alle ihre hohen Ämter niedergelegt nach ihrem Verkehrsdelikt. Sie bleibt ja Pastorin und wird sich hoffentlich bald wieder in einem hohen Leitungsamt nützlich machen. Als Pastorin darf man anscheinend die Fehler machen, die man sich als Bischöfin nicht verzeihen kann. Vielleicht aber war genau das ihr Kardinalfehler: Nicht Bischöfin und Ratsvorsitzende zu bleiben als Margot Käßmann mit ihren Schwächen und Macken und ihre Autorität gerade nicht auf ihre vorgebliche makellose Tugendhaftigkeit zu gründen. Gerade so könnte sie als Bischöfin in der Nachfolge Jesu von Nazareth Gottes vergebende Liebe zu uns fehlbaren Menschen bezeugen. Gott liebt uns – mit allen unseren Fehlern. Er liebt auch Bischöfinnen, die nachts bei Rot über die Ampel fahren.

Pfarrer Lutz Poetter