ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.3.2019

Passion
Im Leiden das Opfern besiegen

von Lutz Poetter

© Henk-Jan Kooiman

Die Zeit vor Ostern heißt in der christlichen Kirche Passionszeit. Wir erinnern uns an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Nach den Berichten der Evangelien war dem Zimmermannssohn aus Nazareth klar, dass sein menschliches Leben so zu Ende gehen würde: Erst triumphal gefeiert und frenetisch bejubelt vom Volk als gottgesandter König beim Einzug in Jerusalem würde er schon am nächsten Tag das wütende "Kreuzige ihn!" hören – von derselben Volksmenge und ihren Anführern. Und die Obrigkeit würde ihn gnadenlos verfolgen: Verhaftung, Verhöre, Folter, Demütigungen, Aburteilung und schließlich die öffentliche Hinrichtung. Der sanftmütige gute Hirte musste unschuldig die grausame Strafe eines Gewaltverbrechers erleiden. Die Evangelien berichten auch, dass seine Jünger zornig protestierten, als Jesus ihnen seinen Leidensweg ankündigte. Besonders Petrus wollte alles tun, um seinem Herrn diese Passion zu ersparen. Jesus wies ihn zurecht: "Es muss so sein." Sein Tod am Kreuz gehörte zum göttlichen Plan. Gehorsam gegen seinen himmlischen Vater ging der irdische Sohn seinen Weg bis zum bitteren Ende. Es fiel Jesus nicht leicht, er sehnte sich nicht nach dem Leiden und er war nicht lebensmüde. Dennoch wich er dem Leiden nicht aus. Er opferte sein Leben für die Menschen. Er starb, damit wir leben.

Opfer

Archaische Kulte stellen das Opfer in den Mittelpunkt. Es ist wohl das älteste Erbe aller menschlichen Religionen, der Anfang aller organisierten Gottesverehrung. Opfer sollen die Gottheiten besänftigen. Aber sie zeigen auch den unendlichen Abstand der menschlichen Kreatur von ihrem überirdischen Schöpfer. Vor der Größe und Güte Gottes sind alle Menschen winzig und todeswürdig. Kein fehlbarer Mensch kann vor Gottes Angesicht bestehen. Stellvertretend für die ganze Gemeinschaft wurden einzelne Mitglieder als Opfer ausgewählt und vor der Gottheit im Akt der Hingabe getötet: Königssöhne, Jungfrauen, erstgeborene Kinder… Später in der Menschheitsgeschichte wurden Menschenopfer durch Tieropfer ersetzt. Das Blut des Opferlamms trat an die Stelle des Menschenblutes. Opfer sind Ausdruck des schlechten Gewissens vor der göttlichen Instanz. Die Opfergabe soll dieses schlechte Gewissen beruhigen, also die Gottheit besänftigen und gnädig stimmen. Dieser psychologische Mechanismus funktioniert allerdings nur kurzzeitig. Deshalb müssen Opfer ständig wiederholt werden. Der institutionalisierte Opferkult in der Verwaltung durch die Priester entlarvt sich bald selber: Die Geste bleibt falsch, der Opfernde ein Betrüger. Er opfert zwar ein Stück von sich und seiner Habe, sich selbst aber enthält er der Gottheit vor, der er eigentlich sein Leben schuldet. Gottesverehrung im Opfer ist also nur vorgetäuscht, das böse Gewissen bleibt. Israels Propheten kritisieren vor allem diese verlogene Opferpraxis im Tempel. Wahrer Gottesdienst und wirkliche Hinwendung zu Gott sehen anders aus: Gehorsam gegen seine Gebote im Tun des Gerechten.

Christus – das Opferlamm

Scheinbar ist auch die Passion Jesu nicht abzulösen von diesem archaischen Muster der Opferung. In der frühchristlichen Überlieferung des Neuen Testaments wird die Heilstat des Erlösers im Vokabular der Opferpraxis im Tempelkult beschrieben. Jesus von Nazareth stirbt am Kreuz, während die Passahlämmer im Tempelbezirk geschlachtet werden. Am Abend zuvor hat er mit seinem Freunden das Mal gefeiert: "Das Brot ist mein Leib, der für euch gegeben wird…" Jesus setzt diesen Ritus damit nicht fort, sondern er bereitet ihm ein Ende. Sein Tod am Kreuz ist das endgültige Opfer, das alle weiteren überflüssig macht. Jesus stirbt den Opfertod ein für alle Mal. Gott selbst hat sich diesen Sohn auserwählt, der Gehorsam Jesu ist die Rettung für alle Menschen.

Das Ende aller Opfer?

Was soll diese Rückschau in archaische und antike Religionspraxis? Opfer sind längst überwunden, haben keinen Platz in unseren modernen und aufgeklärten europäischen Zivilisationen, schon gar nicht bei uns in Deutschland. Aber leider liegt die Barbarei gerade einmal ein Menschenalter zurück und heißt Nationalsozialismus.

Krieg und Vernichtung in Gefängnissen und Lagern waren die beiden Seiten nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Der ganze Krieg war ein Verbrechen: Überfall und Unterwerfung der Nachbarvölker, Ausbeutung und Vernichtung vieler Völker im Namen eines wahnsinnigen Weltherrschaftsanspruches der Deutschen. Die Nazi-Propaganda pflanzte über dem real Unmenschlichen das Banner des vermeintlich Guten auf. Der Dämon lauerte gerade hinter dieser Larve des Hehren, Heldenmütigen, Sieghaften. Glorreiche Worte begleiteten die schändlichen Taten: Volk und Vaterland, Heimat und Rasse, Blut und Boden, Zucht und Ordnung, Führer und Vorsehung, unerschütterlicher Glaube an den Endsieg des Deutschtums über die Welt der Feinde – scheinbar allerhöchste Werte! Der Kampf gegen den Bolschewismus, das Weltjudentum, den Pazifismus war positiv gemeint. Und selbst die Unterjochung der "Untermenschen", Ausmerzung der "Volksfeinde", Eroberung des Ostraumes und die "Endlösung der Judenfrage" galten als höchste Ideale, für die es sich lohnte zu kämpfen bis zum letzten Blutstropfen und jedes Opfer zu bringen – fremde und eigene. Der von Hitler befohlene Untergang der 6. Armee in Stalingrad und der "Totale Krieg" offenbarten es vollends: Das faschistische Weltbild gipfelte in einem gigantischen Opfermythos, der viele Völker und zuletzt auch das eigene Volk auf dem Altar der Unmenschlichkeit opfern sollte.

Adolf Hitler war immer Gegner des Christentums – besser als die Deutschen Christen, die sich ihm anbiederten, wusste der "größte Führer aller Zeiten": Es kann niemals ein "arisches Christentum" geben. Der leidende Gottessohn in seiner Passion ist das menschliche Abbild der Leidenschaft Gottes für die unerlöste Menschheit. Jesus Christus ist absolut kein Göttersohn für Diktatoren.

Pfarrer Lutz Poetter