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27.5.2019

Meine Flucht aus Niederschlesien
Erinnerungen

von Erika Kunst


Foto: Bundesarchiv

"Mein Sohn wurde 1943 geboren, einer Zeit, in der die Luftangriffe auf Berlin immer mehr zunahmen. Ich hatte Angst, und so kam es, dass ich das Angebot eines Vetters, der in Schlesien beim Militär war, annahm. Er bot mir an, in seiner Wohnung in der Kleinstadt Lüben eine zeitlang zu leben, denn seine Familie wohnte zu dieser Zeit bei den Schwiegereltern in Thüringen. Mir fiel die Entscheidung leicht, und so fuhr ich mit meinem Sohn der etwa ein dreiviertel Jahr alt war, nach Niederschlesien. Die Gegend gefiel mir: Es gab viel Wald und Beeren, die man sammeln konnte.

Nach einiger Zeit kam jedoch die Frau meines Vetters zurück und ich musste eine andere Wohnmöglichkeit suchen. Etwa 7 km entfernt fand ich ein Zimmer in einem Haus in herrlicher Umgebung direkt am Wald; das Wasser musste ich vom Brunnen holen. Das war schon ungewöhnlich, und deshalb standen im Zimmer Behälter mit Frischwasser. Zum Einkauf musste ich 7 km mit dem Fahrrad fahren. Oft hörte ich, wenn ich vom Einkauf zurückkam, meinen Sohn schon von weitem plärren. Er hatte ausgeschlafen. Schließlich waren ja Kriegszeiten und ich wohnte dort allein mit meinem Kind und ich konnte ihn nicht immer mitnehmen. Natürlich saß er in seinem Fahrradkörbchen oft mit mir zum Einkauf. So vergingen einige Monate recht friedlich und schön für mich.

Doch der Traum fand ein jähes Ende: Die Russen waren auf dem Vormarsch und die Angst wuchs, allein mit einem 1 3/4 jährigem Kind zu sein. Für mich als junge Mutter ein schreckliches Gefühl. Nein, in die Hände der Russen fallen kam für mich nicht in Frage; so entschloss ich mich, meine Koffer zu packen und hoffte, – wie uns von den deutschen Soldaten versprochen wurde – mit ihrer Hilfe von dort weg zu kommen. Das Kriegsgeschehen rückte immer näher und meine Angst wurde immer größer.

Inzwischen war es Winter geworden! Das bedeutete für mich, sich für die Flucht warm anzuziehen: Mehrere Kleidungsstücke übereinander. Damals war es auch noch nicht für Frauen üblich, Hosen zu tragen. Aber es sollte doch warm sein.

Mit dem Fahrrad ging's los. An der Lenkstange rechts und links je eine Tasche. Vorn in einem kleinen Körbchen mein Kind. Obendrein hatte ich noch einen Rucksack auf dem Rücken. Auf dem Gepäckständer ein kleiner Koffer mit Sachen für meinen Sohn. Außerdem zwei Schaffelle und eine kleine Decke für den Jungen. Was mir sehr wichtig erschien, war eine Wäscheleine mitzunehmen. Wie wichtig diese später wurde, werde ich später erzählen. Mit einem so beladenen Fahrrad, einem Kleinkind und vielen Gepäckstücken in der Kälte zu fahren war nicht so leicht. Auf der Chaussee lagen etwa 15 cm Schnee und Automobile und Pferdefuhrwerke hatten Spurrillen in den Schnee gefahren. Keine 300 m war ich gefahren, da lief mir schon der Schweiß den Rücken runter. Die Halbballonreifen des Fahrrades meines Mannes hatten sich als untauglich herausgestellt. Ich war besorgt, wie ich jetzt weiterkommen würde. Auf der Chaussee vor mir fuhr ein Kastenwagen, vor den ein Pferd gespannt war. Nachdem ich das Fuhrwerk eingeholt hatte, stellte ich fest, dass nur ein Mann auf dem Wagen war. Ich sprach ihn an, ob er mich wohl ein Stück mitnehmen könnte. Es klappte. Mein Fahrrad kam hinten in den mit etwas Stroh und Heu beladenen Kastenwagen. Ich stieg auf den Wagen, mein Sohn lag zu meinen Füßen mit den Fellen und Decke eingemummelt. Mit dem Mann kam ich ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er zu seiner Familie wollte. Der Mann trug einen Militärmantel, so dass ich vermutete, er sei ein Deserteur, doch habe ich den Fahrer nicht darauf angesprochen und bin mit ihm den ganzen Tag weiter gefahren. Für meinen Jungen hatte ich vorsorgehalber ein Fläschchen gemacht, doch dies war inzwischen kalt. So bat ich den Fahrer, doch mal anzuhalten. Ich ging in ein Haus und fragte, ob ich das Fläschchen warm machen könnte.

Auf der Straße waren viele Flüchtlinge. Trecks mit Wagen und auch mit Vieh. Am Straßenrand lagen verendete Tiere, auch Pferde.

Doch nun zurück zu meinem Gang in das Haus. Es waren fremde Menschen, die hilfsbereit waren, wofür ich ihnen noch heute dankbar bin. Nach der Stärkung ging’s weiter mit dem Wagen, doch wurde es langsam Abend. Also mussten wir eine Unterkunft finden, denn am nächsten Tag wollten wir gemeinsam weiterfahren. Der Fahrer suchte eine Unterkunft für das Pferd und den Wagen. Ich ging in ein Bauernhaus und fragte, ob ich mit dem Kind dort bleiben könnte. Die Bauernfamilie nahm mich und mein Kind auf, obwohl die Räume des Hauses mit Flüchtlingen und Soldaten, die zurück zu ihrer Truppe wollten, aber vom Vormarsch des Feindes überrascht wurden, voll waren. Im Schlafzimmer der Bauern durften ich und das Kind neben dem Ehepaar schlafen. Wenn ich heute daran denke, wie sehr die Menschen in dieser Not zusammengehalten haben, so berührt mich das noch heute. In dem Haus waren viele Soldaten,.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, muss ich daran denken, wie ruhig und geduldig mein Sohn war; er quengelte und weinte nicht. Es kommt mir heute so vor, als hätte er damals schon gewusst, in welcher schwierigen Lage wir uns befanden. Sicherlich konnte er das nicht wissen, aber doch wohl empfinden.

Am nächsten Morgen ging es weiter. Wie verabredet kam der Mann mit dem Kastenwagen und ich stieg mit meinen Utensilien wieder zu ihm auf den Bock. Wir hatten schon eine größere Wegstrecke zurückgelegt, als ich sah, dass sich zwei Frauen über die Straße hinweg etwas zuriefen. Ich konnte ihre Worte gut verstehen, denn das entkräftete Pferd lief sehr langsam. lch konnte hören, dass in einem nahegelegenen Ort, es kann bei Neustadt gewesen sein, Eisenbahnzüge für Flüchtlinge bereit stehen. Natürlich fragte ich, ob ich auch mitfahren könnte, und die Antwort war ja!

Nun musste alles wieder runter von dem Wagen. lm Bahnhof stand ein Güterzug, mit Stroh aufgefüllt, schon bereit; einige Personen saßen auch schon in den Wagen drin. Nun musste mein Gepäck und mein kleiner Sohn untergebracht werden. Erst danach habe ich erfahren, dass der Zug in Richtung Sagan-Sommerfeld fuhr. Es war Winter, Januar 1945, und es wurde schon früh dunkel, so dass ich dachte, dass es egal sei und ich auf jeden Fall mitfahren müsse. Nach einer langen Zeit - wir waren schon mehrere Stunden gefahren – hielt der Zug in einem Bahnhof, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, doch kam mir dort der Gedanke, auszusteigen.

Auf dem Bahnhof patrouillierten "Kettenhunde" (Soldaten der Feldgendarmerie, T.L.) Ich überlegte nicht lange und drückte dem erstbesten Soldaten meinen Jungen in den Arm, denn ich musste ja noch aus dem Gepäckwagen mein Fahrrad holen! Außerdem brauchte ich noch eine Fahrkarte und eine Reisegenehmigung, die ich nicht hatte. Am Schalter des Bahnhofs versuchte ich den Beamten zu überzeugen, dass ich nach Hause nach Berlin will. Ich erhielt die Genehmigung und eine Fahrkarte und mit dieser bin ich dann bis nach Frankfurt/ Oder gekommen. Auf dem Bahnhof dort war die Hölle los – Hunderte Flüchtlinge und Menschen, die ebenfalls nach Hause wollten, denn in Schlesien waren viele Menschen aus dem Westen Deutschlands evakuiert, und viele davon hatten noch mehrere Taschen und Koffer dabei.

Der Personenzug war ebenfalls gerammelt voll. Man konnte kaum den Gang betreten. In einer solchen Situation ist sich jeder selbst der Nächste. Auch ich hatte einiges an Gepäck! Aber ich hatte vorgesorgt, indem ich ja die Wäscheleine bei mir hatte. Nun kam sie zum Einsatz. Am Ende jedes Waggons befand sich zu dieser Zeit ein Bremserhäuschen, an welches ich mein Fahrrad, ein wertvoller und mir sehr wichtiger Besitz, stellte und es schließlich mit der Wäscheleine an dem Bremshebel festband. Es klappte wunderbar. Ich hatte das sichere Gefühl, es wieder mit nach Hause zu bringen.

Mein Ziel war es, wieder in meine Heimat Berlin-Lichterfelde zu kommen. Es war nicht einfach auf mein kleines Kind aufzupassen und auch all mein Gepäck im Auge zu behalten, schließlich war es mein letztes Hab und Gut! Glücklich kam ich am Anhalter Bahnhof in Berlin an. Doch kaum dort angelangt, wurde schon wieder Fliegeralarm gegeben. Schnell musste ich mit all dem Gepäck und dem Kind in den nächsten Schutzraum. Nach der Entwarnung musste ich zusehen, wie ich weiterkomme. Ich überlegte jedoch nicht lange, setzte mich auf das Fahrrad und fuhr nach Hause. Ich war glücklich, meine Eltern wiederzusehen. Nach etwa zwei Wochen in Berlin fuhr ich zu meinem Mann nach Wilhelmshaven.

Die Erlebnisse meiner Flucht aus Niederschlesien mögen heute recht lustig klingen, doch kann ich nur sagen: Es war eine Odyssee. Und ich denke auch, man muss auch mal zur Sprache bringen, wie groß damals die Hilfe von fremden Menschen war."

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