Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.12.2019

Krise? Welche Krise?
Gedanken zum Monatsspruch Februar

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Als im Herbst 2008 nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers die internationalen Finanzmärkte kurz vor dem Kollaps standen, da öffneten die Regierungen und Notenbanken der großen Industriestaaten den Geldhahn, um mit einer exzessiven Geld- und Schuldenpolitik die Krise zu bekämpfen. Konjunkturprogramme wurden aufgelegt und die Zinsen sanken auf historische Tiefststände.

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Autor: Wodicka

Diese Maßnahmen zur Rettung der Weltwirtschaft haben in den letzten Monaten tiefe Spuren in den Staatshaushalten hinterlassen und sie werden uns alle wahrscheinlich noch teuer zu stehen kommen.

Und während die reale Wirtschaft immer noch deutliche Schwächezeichen zeigt, knallen in der Finanzwelt wieder die Champagnerkorken. Das Wort Krise haben die Investmentbanker weltweit bereits wieder aus ihrem Vokabular gestrichen. Es wird wieder gezockt. Es wird wieder gefeiert. Und es wird wieder grandios verdient.

Und das alles mit den Milliarden, die Notenbanken und Regierungen in aller Welt in die Märkte pumpten. Vergessen ist die Zeit, da Investmentbanker neben ihren Umzugskartons auf der Straße standen. Es ist fast, als wäre nichts gewesen. Die alte Gier ist wieder da und die alte Hybris auch. "Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Werk verrichtet", sagte der Chef der Investmentbank Goldman Sachs Lloyd Blankfein kürzlich in einem Interview mit der "Sunday Times". Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, steht seinem amerikanischen Kollegen in nichts nach, auch er lässt keinen Fettnapf aus. So propagierte er im Herbst des vergangenen Jahres einen Rettungsfonds für in Not geratene Banken. In diesen Fonds soll nicht nur die Kreditwirtschaft einzahlen, sondern auch der Staat. Die Gesellschaft, so der Chef der Deutschen Bank, werde möglicherweise akzeptieren müssen, "dass der Staat in systemischen Bankenkrisen der Aktionär der letzten Instanz bleibt". Wenn es gut läuft, hat dieser "Aktionär" allerdings nichts zu sagen, dann werden die Gewinne an die Investmentbanker verteilt und der Rest an die echten Aktionäre. Aber wenn es schiefläuft, soll wieder der Staat zahlen.

Offensichtlich stehen wir nicht nur inmitten einer Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch in einer schweren Kulturkrise. Moralische Werte lösen sich auf wie der Wert fauler Wertpapiere in der Krise. Sogar der Wert der menschlichen Beziehung kann einen unvorstellbaren Kursverlust erleiden. Und es gibt offensichtlich eine Armut, die überwiegend Menschen mit gut gefüllten Kassen befällt. Erkennbar ist sie an ihrem zu Markte getragenen Zynismus. Diese Sorte der Armen wird wohl niemals ganz verschwinden.

Aber diese Form der Armut haben die Verfasser unseres Monatsspruchs eher nicht vor Augen.

Es gibt eben auch eine andere Armut: Die hat u.a. mit materiellem Mangel zu tun und die ist längst nicht mehr nur in exotischen Ländern anzutreffen. Diese Armut hat sich tief in unsere westlichen Gesellschaften eingegraben und sie nagt an ihnen. 1994 war die erste Tafelgründung in Berlin, das Vorbild war City Harvest in New York ein paar Jahre früher. Im Jahr 2009 gibt es über 850 Tafeln in der Bundesrepublik (mit 2000 Ausgabestellen), das sind dreimal so viele wie im Jahr 2000, die über eine Million Menschen erreichen und versorgen, mit zehntausenden ehrenamtlichen Helfern. Über die Hälfte sind im Bereich der Kirchen, der Diakonie und Caritas angebunden.

Vor diesem Hintergrund entfaltet der Monatsspruch seine Kraft: "Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande". Allen Kritikern, die hier eine typische biblische Sozialromantik wittern, sei gesagt, das der Text und der Zusammenhang, dem er entnommen ist, komplexer sind, als dass er sich so einfach sozialromantisch verrechnen ließe. Die Verfasser des Deuteronomiums (5. Buch Mose), die die Grundzüge einer "Soziallehre" entworfen haben, standen vor dem Problem, zu entscheiden, worauf sie setzen sollen: auf die Forderung nach Solidarität mit den Armen, oder auf die Utopie, dass die Armut prinzipiell überwunden werde. Sie entschieden sich gegen die Utopie und für die praktischen Hilfsmaßnahmen: "Wenn bei dir ein Armer lebt, irgendeiner deiner Brüder in irgendeinem Ort, in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt, dann sollst du nicht hartherzig sein und du sollst deinem armen Bruder deine Hand nicht verschließen." (5. Mose 15, 7) Die Verfasser dieser Texte wussten, dass sich der Wert eines Gemeinwesens immer am Umgang mit den Schwächsten zeigt.

Dass die Wucht des entfesselten Marktes das Anliegen dieser biblischen Grundlagen noch nicht völlig zerschlagen hat, zeigt sich u.a. auch daran, dass in der gegenwärtigen Diskussion Impulse, die diesen Bibeltext tragen, wieder vermehrt in Parteiprogramme gegossen werden, was dann gern als Linksruck kommentiert wird. Das Problem, dass unsere Moderne, von einem gewaltigen Verlust ideeller und ökonomischer Werte lebt, ist damit aber noch nicht einmal im Ansatz in den Blick genommen. Schon unser Text weiß, dass alle Forderungen der Solidarität vorläufige Notmaßnahmen sind, weil die Welt nicht so ist, wie sie sein soll. Es bedürfte in der gegenwärtigen Situation mehr, nämlich der Aufhebung der Destruktivität in unserem ökonomischen und sozialen System, die sich spiegelt in dem Umstand, dass gewaltige Aufschwünge nur um den Preis gewaltiger Abstürze zu haben sind, Gewinne also nur durch Wertvernichtung zu erzielen sind.

Wie eine solche Ökonomie aussehen könnte, das zu entwerfen allerdings liegt noch vor uns. Die vergangenen 1 ½ Jahre boten dafür eine Chance. Aber erste Opfer der Krise waren die Nachdenklichkeit und der Mut zu einschneidenden Veränderungen.

Pfarrer Michael Busch

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