Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2019

Waltraut Lüdtke *1922 † 2009
Ein Nachruf

von Lutz Poetter

Wally kam am 1. Februar 1922 in Berlin zur Welt. Sie wuchs in Lichterfelde-West auf und besuchte nach der Grundschule das Dürer-Lyzeum, das Mädchen-Gymnasium in der Holbeinstraße. Waltraut wollte erst das Abitur machen, dann Medizin studieren und später Kinderärztin werden. Doch es kam anders. Wally musste ihre Schule verlassen, denn nach Hitlers Rassengesetzen galt sie als "Halbjüdin": Ihr "arischer" Vater hatte eine "jüdische" Frau geheiratet. Zwar wurde Wally als Kind in der evangelischen Kirche getauft und als junges Mädchen konfirmiert und schloss sich kirchlichen Jugendgruppen an. In den Augen der herrschenden Nationalsozialisten galt sie jedoch als Angehörige der "jüdischen Rasse" und damit als "lebensunwert".

Sie, ihre jüngere Schwester und die Eltern haben den Nationalsozialismus überlebt, viele Verwandte sind aber im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden. Diese Lebenserfahrungen ihrer Kindheit und Jugend haben Waltraut zeitlebens belastet, sie konnte auch im Alter kaum darüber sprechen.

In den Nachkriegsjahren heiratete Waltraut und lebte in Nikolassee. Sie brachte drei Töchter zur Welt und zog Mitte der 50er Jahre mit der Familie nach Lichterfelde-Ost. Nach der Trennung von ihrem Mann stand sie allein da, mit Hilfe der Kita Petrusheim zog sie ihre Töchter groß. Sie arbeitete ehrenamtlich im Mütterkreis und stand in gutem Kontakt zur Petrusgemeinde. Im Oktober 1961 begann Waltraut Lüdtkes hauptamtliche Tätigkeit im Gemeindebüro: Erst stundenweise, dann ganztags arbeitete sie als Küsterin im Pfarrhaus Kiesstraße. Sie erlebte in ihrem über 20jährigen Gemeindedienst reichlich Kommen und Gehen im Pfarrhaus und in der Gemeinde. Mit dem Haus- und Kirchwart Günter Lindke im Wechsel hatte sie sonntags Kirchdienst in der Petruskirche. Sie arbeitete mit den Pfarrern Baltzer, Rohde, Scherer, Frickel, Kraatz und Reisert. Die Küsterin Waltraut Lüdtke sah ihre Aufgabe nicht als Büroarbeit, sondern als Dienst an den Menschen. Sie arbeitete mit in den verschiedenen Aufgaben der Gemeinde, sie war für zahllose Gemeindeglieder die erste Anlaufstelle, hörte Menschen in ihrem Kummer, Ärger, Problemen, aber auch in ihrer Freude geduldig an und leitete alles in die richtigen Wege. Dabei half ihr ein außerordentliches Namens- und Personengedächtnis. Sie hat ihre Fähigkeit, auf Menschen einzugehen zum Wohl aller genutzt. Anfang 1982 ging sie als Küsterin in den Ruhestand, blieb aber der Gemeinde verbunden und ehrenamtlich tätig. Hauptamtlich widmete sie sich als Tagesmutter der Sorge für ihre ersten beiden von vier Enkelkindern, an denen sie große Freude hatte.

mit Jugendfreundin Regine Jung

In der Gemeinde war Waltraut von Anfang an dabei bei der Kleiderstube "Hänsel und Gretel", sie wurde als Älteste in den Gemeindekirchenrat gewählt.

Mit ihrer Jugendfreundin Regine Jung war sie als Gründungsmitglied im Verein für häusliche Krankenpflege tätig und arbeitete von Anfang an mit in der Sozialstation Woltmannweg, womit sie sich den Spitznamen "Schwester Wally" erwarb. Ihre Aufgaben im Vorstand des Vereins hat sie erst kurz vor ihrem Tod niedergelegt. Um ihre eigene Person vermied Waltraud Lüdtke jeden Aufwand. Wenn ich ihr zu hohen Geburtstagen gratulierte, dann hielt sie das für vollkommen überflüssig. Sie hat sich auch eine große Trauerfeier verbeten.

Waltraut Lüdtke starb am 19. Dezember 2009, im ersten Gottesdienst des neuen Jahres haben wir ihrer gedacht gemeinsam mit ihrer Familie. Ihre letzte Ruhestätte findet sie auf dem Böhmischen Gottesacker in Rixdorf – in aller Stille, so wie sie es sich wünschte.

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