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13.12.2018

Der Nikolausabend

Die Weihnachtsseite von Torsten Lüdtke

"...und schreib’ ja etwas über den Nikolaus!" hörte ich den Chefredakteur noch rufen, als die schwere Holztür des Büros geräuschvoll ins Schloss fiel.

"Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und einen schönen zweiten Advent." sagte die Sekretärin freundlich lächelnd, als ich im Vorzimmer nachdenklich Schal, Mantel und Mütze vom Kleiderständer nahm.

"Ja ja, das wünsche ich Ihnen auch..." erwiderte ich etwas zerstreut, denn der Gedanke, etwas über Nikolaus schreiben zu müssen, verwirrte mich. – Ausgerechnet ich sollte über den Nikolaus schreiben, und schon morgen abend sollte der Beitrag fertig sein!

Jan Steen: Das St.Niklasfest

Während ich noch darüber nachdachte, was ich über die mir seit meinen Kindertagen bekannte Figur und seinen Festtag schreiben könnte, war ich aus dem warmen Hausflur auf den vom Licht einer Gaslaterne nur spärlich beleuchteten Gehsteig getreten. Kälte umfing mich, als ich meinen Heimweg antrat. Der Weg führte mich an den hell beleuchteten Schaufenstern der Einkaufsstraße vorbei. In den Auslagen sah ich – wie konnte es auch anders sein – unzählige Nikoläuse mit weißem Bart und rotem Mantel und Nikolausstiefel in allen Größen, denn schließlich war übermorgen ja Nikolaustag.

Von der verkehrsreichen und geräuschvollen Hauptstraße mit den beleuchteten Geschäften bog ich schließlich in eine stille, silbern schimmernde, verschneite Seitenstraße ab. Der Schnee knirschte unter meinen Schritten; nur noch ein kurzes Stück, und ich wäre endlich zu Hause.

Leise knarrend öffnete ich die Tür und trat ein; im Flur hängte ich müde den Mantel, Schal und Mütze an die Garderobe und überlegte, wie ich die mir gestellte Aufgabe bewältigen könnte. Nach kurzem Überlegen beschloss ich, mir die Arbeit mit Kaffee und etwas Weihnachtsgebäck zu versüßen.

Nachdem ich die Kaffeetasse und den Gebäckteller auf meinen Schreibtisch gestellt hatte, trat ich an das Bücherregal und nahm den vierzehnten Band von Meyers Großem Konversations-Lexikon heraus. Zwischen den Stichworten "Mittewald" und "Ohmgeld" müsste sich auch das Stichwort "Nikolaus" finden lassen. Auf Seite 694 konnte ich dann lesen: "Nikolaus (Nikolaos, griech., "Volkssieger"), der Wundertäter, einer der Hauptheiligen der griechischen, insbesondere der russischen Kirche, stammte der Sage nach aus Patara in Lykien und soll als Bischof von Myra unter Diokletian eingekerkert, später wieder frei geworden und 6. Dez. 345 (352) gestorben sein."

Etwas weiter unten stand noch: "Der beim Nikolausfest (6. Dez.) übliche Brauch, die Kinder zu beschenken, wird auf die Legende zurückgeführt, dass N. einem armen Edelmann nachts Geld zur Aussteuer seiner Töchter ins Haus geworfen habe."

Kurz und trocken benannte das Lexikon die Fakten. Doch empfand ich diese Beschreibung als zu prosaisch; ich musste eine andere Quelle, die mehr Informationen bot, finden. Das Lexikon hatte den Hinweis auf die Legende vom heiligen Nikolaus gegeben und so suchte ich im Regal die Ausgabe des "Passionals", einer Sammlung von Heiligenlegenden, die schon im Bücherschrank meiner Großeltern gestanden hatte.

Vielleicht wäre in dieser Legendensammlung mehr über den heiligen Nikolaus und den alten Brauch, unbemerkt in der Nikolausnacht Geschenke zu verteilen, zu finden. Ganz unten schließlich, in einer dunklen Ecke des Regals entdeckte ich den Band.

Groß und altertümlich, in dunkles Leder gebunden, stand das Buch vor mir. Ich nahm es aus dem Regal, öffnete die beiden Messingschließen und begann zu blättern. Meine Finger glitten über die eng bedruckten, nur ab und zu durch einen grotesk wirkenden Holzschnitt gezierten Seiten von starkem, hadernhaltigem Papier. Im sogenannten "Winterteil" wurde ich fündig; hier war die vollständige Legende abgedruckt, die die Wundertaten von "Sankt Nikolaus, dem heiligen Bischofe" für unsere Augen und Ohren wohl etwas ungewöhnlich und ungeschlacht schildern:

Christoph, Rupprecht, Nikolaus

Ich kenn drei gute, deutsche Geselln
Mit großen Händen und Beinen schnelln;
Mit dicken Säcken auf breitem Buckel
Stampfen sie eilig durchs Land mit Gehuckel;
Haben Eis im Bart
Und grimmige Art,
Aber Augen gar milde;
Führn Äpfel und Nüsse und Kuchen im Schilde
Und schleppen und schleppen im Huckepack
Himmeltausendschöne Sachen im Sack.

All drei sind früher Heiden gewesen.
Der erst heißt Christoph: Auserlesen
Hat er in einer eisgrimmigen Nacht
Das Christkindel übers Wildwasser gebracht.
Rupprecht der zweite ist genannt:
Der fuhr voreinsten übers Land
Tief nächten in Gespenstergraus
Als Heidengott. Den Nikolaus,
Als wie der dritte ist geheißen,
Tät man als einen Bischof preisen.

Das ist nun all Legend und Mär.
Ich übernehme nicht Gwähr,
Dass just genau es so gewesen.
Habs nicht gesehn, habs nur gelesen.
Auf Schildereien jedermann
Die dreie freilich sehen kann.
Da ist der Rupprecht dick beschneet
Und derb gestiefelt fürder geht.
Drei Aepfel trägt der Nikolaus,
Sieht väterlich und ernsthaft aus.
Und Christophor im langen Bar
Ist heidenmäßig dick behaart,
Hat einen roten Mantel an
Und ist ansonst ein nackter Mann.

Die dreie nun, dass ihr es wisst,
Verehre ich als Mensch und Christ.
Sie sind so lieb und ungeschlacht
Und ganz aus deutschem Mark gemacht.
Mildherzig rauh, kratzhaarig lind,
Des deutschen Gottes Ingesind.

Die guten Knechte, reichen Herrn!
Sie dienen gern und schenken gern,
Wolln keinen Dank, wolln keinen Lohn,v Sind in sich selbst bedanklohnt schon.

Grüß Gott ihr dreie miteinand
Im lieben weiten deutschen Land!
Christoph, Rupprecht, Nikolaus!
Schüttet eure Säcke aus,
Schüttet sie mit Lachen,
Blickt mit hellen Augen drein
Und lasst wohl gesegnet sein
Eure Siebensachen.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

"Sankt Niklaus ist geboren von der Stadt Patere/ und sein Vater und Mutter waren gar reich und demütig und tugendlich/ und hätten Gott lieb und dieneten ihm mit Fleiß. Da gab Gott ihnen das Kind Nikolaus/ des wurden beide froh/ und gelobeten Gott/ sie wollten das Kindelein wohl ziehen." Wenig später erzählt der Verfasser, wohl ein grobschlächtiger, spätmittelalterlicher Mönch, die Legende, deren Kurzfassung ich bereits im Lexikon gelesen hatte: "In der Zeit war ein Nachbar/ adelig von Geburt und arm an Gut/ der hätt gar schöner Töchter dreie, und hätt ihnen nichts zu geben. Da gedacht er: Ich will sie in das gemeine Leben führen/ so verdienen sie mit ihren Sünden/ dass sie sich nähren. Da das Sankt Niklas vernahm/ da war es ihm gar leid/ und gedacht sich/ wie er das unterstünd. Und nahm einesmals ein Pfund Goldes/ und kam zu des armen Manns Haus und warf es zu dem Fenster hinein. Und da der Mann des Morgens auf stand/ da ward er gar froh/ und danket Gott seiner Gnaden und gab der ältesten Tochter einen Mann. Die ander Nacht kam Sankt Niklas aber und warf ihm aber ein Pfund Goldes in seine Kammer und floh bald heim. Und da der arme Mann das Gold aber fand/ da ward er gar froh und sprach: O Herre, wer ist doch der Mann/ der mir so gütlich tut! Und gab der andern Tochter auch einen Mann. Und der arme Mann wacht an der dritten Nacht/ ob er doch inne würd, wer ihm das Gold gäbe. Da kam Sankt Niklas an der dritten Nacht und bracht noch Goldes als vor und warf es ihm in die Kammer und lief bald hin. Da lief der Mann bald herfür und eilet ihm nach und sprach: Wart mein durch Gott! Und steh eine Weile still! Da floh er vor ihm/ da eilet ihm der arme Mann nach/ bis dass er ihn erlief/ und sprach: Sag mir an durch Gott/ wie heißest du? Da sprach er: Ich heiß Nikolaus. Da wollt ihm der arm Mann zu Füßen sein gefallen. Da wehret er ihm und bat ihn durch Gott/ dass ers niemand ansage/ die Weil er lebe. Das tät er/ und gingen von einander ."

Der Morgen des nächsten Tages brach an, als ich, noch immer am Schreibtisch sitzend, erwachte. Aufgeschlagen vor mir lag noch immer das große alte Buch, aber daneben lag ein fein und säuberlich beschriebenes Papier, auf dem die alte Legende von Nikolaus nacherzählt und weitere bedeutsame und merkwürdige Einzelheiten aus der Geschichte und dem Brauchtum aufgezeichnet waren.

So las ich, dass der Heilige Nikolaus als Patron der Kaufleute und Seefahrer sowie als Schutzheiliger der Hanse eine besondere Verehrung im Ostseeraum, und in Mittel- und Osteuropa erfuhr. In den reichen Hansestädten des Nord- und Ostseeraumes lagen dann wohl auch die Anfänge des Nikolausfestes. So wurde im Hochmittelalter in Utrecht der Heilige Nikloaus dadurch geehrt, dass zu seinem Namenstage die Armen nach der Kirche ein Geldstück als Opfergabe erhielten. Später wurden dann auch die Schuhe armer Kindern von Patriziern oder Bruderschaften mit einem oder mehreren Geldstücken gefüllt. Nach und nach entwickelte sich so der Gedenktag des heiligen Nikolaus zum volkstümlichen Sinterklaas-Fest, wie es heute noch vor allem in den Niederlanden und Belgien, aber auch am Niederrhein gefeiert werden würde.

Rätselhaft war mir, als ich weiterlas, wie der Bezug zu dem um 1665 entstandene Bild "Het Sint-Niclaasfeest" des niederländischen Malers Jan Steen in den Text gekommen war; zeigt doch das relativ unbekannte Genrebild aus dem goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei eine Familienszene, wie sie sich in einer jeden katholischen Familie der damaligen Niederlande am Morgen des Nikolaustages abgespielt haben könnte: Die braven Kinder haben Pfefferkuchen, Gebildbrote und Spekulatius, aber auch Äpfel, Nüsse und Spielsachen erhalten, während ein anders, wohl unartiges Kind nichts von Sankt Nikolaus in seine Schuhe gelegt bekam. Dieser, im Mittelpunkt des Bildes stehende Knabe, sieht weinend auf die Gaben seiner Geschwister und Spielgefährten.

Im letzten Absatz schließlich fand ich schließlich geschrieben, dass der amerikanische Santa Claus, wie auch der deutsche Weihnachtsmann lediglich Wandlungen der ursprünglichen Nikolausfigur seien. So gehe der amerikanische Santa Claus wahrscheinlich auf niederländischer Einwanderer zurück, die wohl in Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York, das Sint-Niclaasfeest mit den aus der alten Heimat mitgebrachten Bräuchen festlich begangen hätten.

Staunend und kopfschüttelnd blickte ich immer wieder auf das Blatt und was dort geschrieben stand, denn ich konnte es beinahe nicht glauben: Der Artikel war fertig! – Hatte Sankt Nikolaus mir über Nacht etwa geholfen..?

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