Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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7.12.2019

Zwei September-Ausflüge mit kleinen Hindernissen
Ein Rückblick

von Gisela Meyer

Am 2. September rollten wir zur Baumkuchenstadt Salzwedel, um uns diese besondere Art der Backkunst anzusehen. Für den Nachmittag war die Besichtigung der Klosterkirche und -ruine in Arendsee geplant. Doch schon kurz nach der Autobahnausfahrt Magdeburg, noch vor Haldensleben, mussten wir einen riesigen Umweg fahren, weil ein schwer verunglückter Lastwagen unsere geplante Route total blockierte, so dass wir weit über eine Stunde Zeit "verloren". Nun war die Frage: Lassen wir die Baumkuchenbäckerei ausfallen oder die Besichtigung der Klosterkirche? Zuerst riefen die "Gourmets": "Extra wegen des Baumkuchens sind wir mitgefahren!" Dann protestierten die "Kulturfreunde": Sie wären nur der Kirche wegen mitgekommen! Dass wir dann doch alle Reiseziele, wenn auch etwas verkürzt, "abarbeiten" konnten, ist den hilfsbereiten Mitarbeitern des Lokals "Deutsches Haus" in Arendsee zu verdanken, die unermüdlich alles an die Verschiebung unserer Termine anpassten und uns sowohl ein vorzügliches Mittagessen servierten als auch nach einer wunderschönen Dampferfahrt noch mit Kaffee und Kuchen verwöhnten.

Viele neue Eindrücke haben wir gewonnen; auch bei der Heimfahrt durch die Altmark, wie zum Beispiel die beeindruckende abendliche Silhouette Tangermündes hoch über der Elbe. Und nicht nur unser Busfahrer hat's letztendlich mit Gelassenheit genommen, dass wir eine Stunde später als geplant in unserem Lichterfelde ankamen.

Am 9. September besuchten wir den jüdischen Friedhof Weißensee. Zur Fahrt, ursprünglich mit der S-Bahn geplant aber aufgrund des unvorhersehbaren eingeschränkten und unplanbaren Zugverkehrs nahmen wir kurzfristig die U-Bahn. Eine junge Frau, Mitglied der jüdischen Gemeinde, führte uns zwei Stunden über den Friedhof. Es war hochinteressant, was wir von ihr über seine Geschichte erfahren konnten. Im Jahr 1880 kaufte die Jüdische Gemeinde das damals noch vor den Toren Berlins gelegen große Areal. Über 115 000 Menschen sind inzwischen hier begraben. Im Archiv des Friedhofs arbeiten mehrere Mitarbeiter, die Menschen aus der ganzen Welt helfen, die Gräber ihrer Angehörigen zu finden.

Direkt am Eingang wurde eine Gedenkstätte für die 6 Millionen ermordeten europäischen Juden mit den Namen der Vernichtungslager angelegt. Die Grabsteine der ganz alten Gräber sind, entsprechend der jüdischen Tradition, relativ schmucklos, ihre Inschriften inzwischen oft nicht mehr zu erkennen.

Grabstein Stefan Heym auf dem Jüdischen Friedhof – Foto: Reiner Kolodziej

Eine Gedenktafel für Herbert Baum, 1942 hingerichteter kommunistischer Widerstandskämpfer, trägt auf der Rückseite die Namen vieler seiner jugendlichen Leidensgenossen. Auch unzählige bekannte Berliner, wie zum Beispiel der Maler Lesser Ury, die Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, der Schriftsteller Stefan Heym, die Kaufhausbesitzer Janndorf und Tietz, fanden hier in Weißensee ihre letzte Ruhe. Obwohl es nicht üblich war, ließen sich auch einige reiche jüdische Berliner richtige Mausoleen wie auf christlichen Friedhöfen bauen. Im "dritten Reich" dienten sie einigen Verfolgten als einzige Schlafstätte.

Besonders eindrucksvoll wirkt das von Walter Gropius gestaltete Grabmal für Rudolf Mendel, der ein Vermögen mit einem bekannten Hustensaft verdient hatte. Ein gesonderter Friedhofsbereich ist der extra abgeteilte Soldatenfriedhof für die Gefallenen des ersten Weltkriegs, der regelmäßig von Bundeswehrsoldaten gepflegt wird, die zusätzlich auch einmal jährlich den gesamten Friedhof von überflüssigem Bewuchs befreien. Die jüngsten Gräber, auf denen viele russland-deutsche Juden beigesetzt sind, haben häufig Blumenschmuck, wie er sonst auf jüdischen Friedhöfen nicht üblich ist, aber geduldet wird, weil man den Angehörigen ihre heimischen Traditionen nicht nehmen möchte.

Natürlich konnten wir in der vorgegebenen Zeit nur einen kleinen Teil des riesigen Friedhofs sehen. Doch schon der war so interessant, dass ich Jedem empfehlen möchte, sich dort einmal einer Führung anzuschließen.

Gisela Meyer

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