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18.7.2019

Gedanken zum Erntedankfest

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Foto: Wodicka – Nutzung für Abonnenten des Gemeindebrief-Magazin für Öffentlichkeitsarbeit in nichtkommerziellen Publikationen

Seit etwa 200 Jahren hat das Erntedankfest seinen bestimmten Platz im kirchlichen Festkalender: jeweils am Sonntag nach dem Michaelstag (29.9.) wird im Gottesdienst mit der Darbringung von Erntefrüchten für die geernteten Erträge und die Lebensmittel des Jahres gedankt.

Einen ähnlichen Brauch kannten schon die alten Israeliten, die jährlich an einem festgesetzten Tag die Erstlingsgarbe der Gerstenernte Gott zum Opfer brachten.

Wer Gott für die Ernte und die Nahrung zum täglichen Leben dankt, macht damit deutlich, dass er zwar Mühe und Arbeit in den Gewinn und die Produktion der Nahrung investieren kann, dass er Wachsen und Gedeihen aber dennoch nicht in der Hand hat und somit letztendlich sein Leben nicht sich selber, sondern Gott verdankt.

Sinn und Ursprung des Erntedankfestes allerdings sind vielen Menschen heute, zumal dort, wo kein unmittelbarer Kontakt zu Acker und Boden vorhanden ist, problematisch geworden: auf der einen Seite erleben die wenigsten Großstädter Säen und Ernten noch aus eigener Anschauung. Treibhäuser und Düngemittel lassen die Obst- und Gemüse-erträge von ungünstiger Witterung unabhängiger werden, und durch das reiche Angebot an Importwaren genießen wir, was andere Menschen gesät und geerntet haben und was ihnen selbst oft auch vorenthalten bleibt.

Ein fruchtbares Feld, günstige Witterung, eine gute Ernte bleiben aber weitestgehend etwas Unverfügbares. Die Grundlagen des Lebens gehören uns nicht, nicht die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken und die Erde, die wir bebauen. Das vergessen wir, weil wir nicht mehr säen und ernten müssen. Das vergessen wir, weil unsere Lebensmittel von überallher kommen. Das vergessen wir in den Gängen der Supermärkte, in den Geschäften und an den Kassen. Dort erfahren wir etwas anderes: dass man alles kaufen kann und der einzige Mangel der Mangel an Geld ist.

"Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?" (Lukas 12,20) So lesen wir es im Gleichnis vom reichen Kornbauern, der immer größere Scheunen baute, um Vorräte zu sammeln.

Dass wir nichts auf Dauer konservieren können, ist eine schlichte Einsicht mit weitreichenden Konsequenzen. Sie würde unter anderem verhindern, was wir gerade als große Krise erleben: dass Menschen riesige Scheunen errichten, in denen ihr Geld Gewinn bringend angelegt werden soll, und dass diese Scheunen eines Tages einfach zusammenbrechen.

Bleibt also die Frage: Ist das Erntedankfest für uns heute noch ein sinnvolles Fest? Für welche Ernte danken wir? Und lässt es sich feiern als kirchliches Fest, als Fest einer christlichen Gemeinde, die sich nach wie vor jeden Sonntag im Gottesdienst zu "Gott, dem Schöpfer" bekennt?

Wenn man den Statistiken vertrauen darf, dann hat das Erntedankfest in der Beliebtheit nicht nur Pfingsten den Rang abgelaufen, sondern auch Ostern und Karfreitag.

Sicher kann dies ein Hinweis für einen Bewusstseinswandel im Umgang mit der Natur und unseren natürlichen Lebensgrundlagen sein. Aber, so sei kritisch gefragt, kann diese zunehmende Beliebtheit des Erntedankfestes aus christlicher Perspektive nicht auch als ein Rückschritt in Richtung eines allgemeinen Fruchtbarkeits- und Erntefestes gesehen werden, an dem der "Mutter Erde" für ihre Gaben gedankt wird, Gott selber aber in den Hintergrund tritt?

Das traditionelle Erntedankfest hat der Theologe Manfred Josuttis einmal ein "unmögliches" Fest genannt, denn es reibt sich nur allzuschnell mit unserer Wirklichkeitserfahrung. Ist eine gute Ernte hierzulande ein Segen, oder vermehrt sie nur die Absatzsorgen der Bauern, wie wir im Augenblick exemplarisch beim Verfall des Milchpreises beobachten können.

Und manchmal reibt sich das Erntedankfest wie wir es in unseren Kirchen feiern, wo sich neben Blumen und Früchten, auch Mehltüten, Kompottgläser und Konserven finden, auch mit den biblischen Texten. Denn diese reden statt von einer reichen Ernte sehr viel häufiger davon, wie wir reich sein können "bei Gott".

Da kann es hilfreich sein, einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen und zu sehen, wie in der jüdischen Tradition das Erntefest begangen wird. Zum Erntefest Sukkot werden kleine Laubhütten errichtet, in denen während der Festtage gewohnt wird. Eine Laubhütte mit einem durchlässigen Dach, das genaue Gegenteil einer Scheune, in der alles gesammelt wird. Keine Sicherheit, kein Schutz vor der Witterung, aber offen zum Himmel. Bereit aufzubrechen, weil wir nicht bleiben können, weil wir Gast sind hier auf Erden.

Wenn wir also in diesem Jahr wieder Erntedank feiern, dann tun wir gut daran unser Denken und Handeln darauf richten, wie wir uns an der Bewahrung der Schöpfung und der Erhaltung des Lebens beteiligen können und darin Gott dem Schöpfer danken.

In diesem Sinne grüßt sie herzlich

Ihr Pfarrer Michael Busch