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27.5.2019

Von der Steinstraße bis zum Aegirbad
Erinnerungen von Erika Kunst aus ihrer Jugend vor 80 Jahren

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Vorwort: Erika Kunst kam eines Tages im Frühsommer in mein Druckereibüro in der Parallelstraße und gab mir drei schreibmaschinengeschriebene Seiten in die Hand. Sie fragte, ob ihre Erinnerungen aus Groß-Lichterfelde interessant genug sein könnten, um sie in unserem Gemeindebrief zu veröffentlichen. Nach dem ich ihren Text kurz überflogen hatte, erklärte ich mich bereit, teilte ihr aber mit, dass erst in der nächsten Redaktionssitzung im September darüber entschieden werden könnte.

Mitte August kam sie erneut vorbei und brachte zwei weitere Erinnerungsseiten. Diesmal hatte ich mehr Zeit und wir führten ein längeres Gespräch über das alte Lichterfelde-Ost und die Umgebung.

Erika Kunst ist 88 Jahre alt, ich knapp 63, also die nächste Generation. Da sie 1921 geboren wurde, wie auch meine Mutter, fragte ich sie, welche Lichterfelder Grundschule sie damals besucht hätte. Wäre es die Kastanienschule gewesen, könnte sie sich ja vielleicht an meine Mutter erinnern. Nein, sie ging in die Giesensdorfer Schule. So war dieses Thema wohl erledigt, dachte ich zumindest. Das war es aber keinesfalls, denn Erika Kunst erinnerte sich, dass damals in einem Grundschuljahr die Kastanier zu wenig Schüler hatten, um eine Klasse einzurichten. So wurden zehn Kinder aus dem Einzugsbereich der Kastanien- an die Giesensdorfer Schule versetzt.

Jetzt konnte ich ja doch noch meine Frage stellen. "Kennen sie vielleicht Hilde Klein?" Prompt kam die Antwort: "Ja, die kenne ich noch, die war doch immer mit der Elisabeth Trotz und der Inge – wie hieß die noch – zusammen. Die Mädchen aus der Kastanienschule, die waren eine richtige Klicke."

Als sie dann noch sagte: "Die Hilde ist doch damals nach Amerika ausgewandert", da war mir klar, dass wir über dieselbe Hilde Klein sprachen. Es war schön, ihre Erinnerungen an meine verstorbene Mutter zu hören. Wir plauschten noch eine ganze Weile.

Ich verabschiedete eine nachdenkliche, um weitere Erinnerungen ringende Alt-Lichterfelderin.

Ich freue mich auf ihren nächsten Besuch. Vielleicht fällt ihr noch einiges zu Hilde Klein ein, und vielleicht kommen noch mehr Erinnerungen an das alte Lichterfelde.

Nun aber wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

Reiner Kolodziej

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Ich bin eine Zeitzeugin des alten Lichterfelde- Ost und möchte Ihnen eine Schilderung meiner Heimat vor etwa 80 Jahren geben.

Beginnen möchte ich meine Erinnerungen mit dem Kaiserplatz, im Volksmund der Kaiserkiez. Das war der heutige Saaleckplatz. An der Ecke zur Koloniestraße befand sich eine Eisbahn. Was tollten wir Kinder darauf herum mit unseren Schlittschuhen, den sogenannten "Hackenreißern"! Die Schlittschuhe wurden an den Straßenschuhen mit Hilfe einer Spannschraube befestigt. An den Befestigungsstellen in den Schuhen entstanden so Risse, deswegen Hackenreißer. Der Kaiserkiez war Treffpunkt für die ganze Jugend aus der Umgebung.

Vom Kaiserplatz führte die Steinstraße, die heutige Schütte-Lanz-Straße zu der Parkanlage mit dem Lilienthal-Berg und dem Karpfenteich. Dort befand sich auch das Restaurant "Zum Karpfenteich" eine beliebte Ausflugsstätte für Jung und Alt. Der Pächter zu jener Zeit hieß August Schulz. Er war für uns Kinder ein gefürchteter Mann. Er ließ sich nicht gerne von den Jungs ärgern. Das taten sie, indem mit dem sie Kahn, der ausschließlich zur "Seerettung" im Karpfenteich bestimmt war, hinausgeruderten. Wenn der Pächter auftauchte, türmten die Jungs, ohne den Kahn wieder festzumachen.

Im Winter konnten wir auf dem gefrorenen Karpfenteich Schlittschuhe laufen. Das war für uns Kinder immer ein wahrliches Vergnügen. Ungefährlich war es aber auch nicht, gab es doch oft brüchige Eisstellen.

Der Lilienthal-Berg war rundherum mit Tannen bewachsen. Auf den Wegen gab es Geländer aus geschälten Baumstämmen. Erst Anfang der 30iger Jahre wurde der Berg erneuert und bekam sein heutiges treppenstufiges Gesicht.

Gäste, die zum beliebten Frühkonzert am Pfingstsonntag kamen, ließen sich vom Bahnhof-Groß-Lichterfelde, heute Lichterfelde-Ost, mit Pferdefuhrwerken zum Park kutschieren. Einen Bus gab es damals noch nicht. Zu Fuß brauchte man etwa 30 Minuten. Diesen Fußmarsch wollte man sich nicht antun, denn etwas Kraft wurde ja noch für das eine oder andere Tänzchen vor dem Pavillion gebraucht. Dort oben spielte das Orchester flotte Weisen.

Für uns Kinder kam auch manchmal der "Onkel Pelle", ein berühmter Clown in jener Zeit. Diesen Spitznamen verdankte er der Tatsache, dass sein Körper nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien.

Das Pfingstkonzert kostete Eintritt. So kam es gelegen, das hinten im Park, ziemlich am Ende zur Gummifabrik hin, ein Kaffeehaus stand. Da konnten die Familien ihr mitgebrachtes Kaffeepulver selbst aufbrühen. Kuchen brachte man auch mit. Diese Möglichkeit kam für viele Familien gelegen, zahlte man doch schon Eintrittsgeld am Eingang. Das Geld war auch damals recht knapp. Viele Kinder aus der Gegend durften nur Zaungäste sein, da für ihre Eltern auch diese preiswertere Lösung nicht bezahlbar war. In dem Kaffeehaus so wie auch in dem Restaurant "Zum Karpfenteich", waren an den Decken Flugobjekte von Otto Lilienthal aufgehängt. An so einem Pfingstsonntag waren auf der Steinstraße so viele Menschen unterwegs, als gäbe es eine Völkerwanderung.

Direkt hinter dem Park befand sich ein großes Gelände mit einer Gummifabrik, das entlang der Steinstraße bis zum Lichterfelder Ring reichte. Auf dem Fabrikgelände war ein riesiger Schornstein, der weithin über Lichterfelde sichtbar war, wie heute das Kraftwerk am Barnackufer. Der Schornstein wurde später in den 70iger Jahren abgerissen und auf dem Gelände entstand die heutige Wohnsiedlung.

Rechts auf dem Lichterfelder Ring, etwa hundert Meter entfernt von der Steinstraße stand ein rotes Backsteinhaus. Es war ein schönes bäuerliches Anwesen mit Kleinvieh und Kühen. Es gehörte einer Familie Belling.

Als auch dort in den 70iger Jahren eine Siedlung gebaut werden sollte, gab es Bemühungen das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Leider misslang dieser Versuch. Hinter diesem Anwesen war nur noch Wiese und ein kleiner Wassergraben. Dieser führte bis hin zur Osdorfer Straße.

Zurück in Richtung Steinstraße rechts. Da kommt noch der Bürgipfad. Meine Eltern kauften damals dort Land, denn es gab dort noch große Freiflächen. Um Grundbesitz zu erwerben, brauchte man Geld, aber es war nur wenig vorhanden. Also opferten meine Eltern ihre Trauringe und bezahlten das Land mit Gold. Damals war das noch möglich. Mein Vater erfüllte sich damit seinen gärtnerischen Traum, das Land zu bearbeiten. Ein Gewächshaus und vier Mistbeetkästen wurden angebaut, dann mit Spezialfenstern abgedeckt. Als Untergrund kam zuerst Pferdedung rein und dann Humuserde oben drauf. Das hielt den Samen warm und die ersten Radieschen wuchsen schnell zum Verkauf.

Mistbeetkästen nannte man die Frühbeet-kästen. So war es meinen Eltern möglich mit kleinem Blumenhandel die Wirtschaftskasse aufzubessern.

Die alte Steinstraße (Heute Schütte-Lanz-Straße)

Zurück zur Steinstraße. Es gab keinen gepflasterten Weg. Die Straße war bei schlechtem Wetter nur ein Matsch. Aber im Winter, da war es für uns Kinder das reinste Vergnügen. Von den Pferdefuhrwerken war der Schnee so festgefahren, dass wir mit unseren Hackenreißern über die Straße holpern konnten, denn fahren konnte man das nicht nennen. Es machte eben Spaß. Autos brauchten wir nicht befürchten, denn es gab kaum welche.

Am Ende der Steinstraße waren eine Molkerei und eine Gärtnerei ansässig. Die Molkerei gehörte der Familie Heinrich. Milch wurde in großen Kannen ausgetragen. Gekühlt wurde im eigenen Brunnen, und wenn ein Geburtstag anstand, konnte man dort auch die Schlagsahne holen. Frau Heinrich hatte drei Messbecher zum Abfüllen, einen Einliter- und einen Halbliter- Becher. Für die Schlagsahne gab es auch noch ein Viertelliter-Gefäß.

Die Gärtnerei hieß Weiß. Wir sprachen immer nur von "Weißens", wenn wir dort Blumen kaufen wollten. Die Gärtnerei war sehr groß mit mindestens zehn Gewächshäusern und vielen Frühbeeten. Die vordere Hälfte des Grundstücks war im Besitz der Familie Weiß. Dahinter hatten sie aber noch ein bis zum Jenbacher Weg reichendes Pachtland, erworben von der Stadt Berlin. Dort wurden Stauden aller Art gezüchetet, die später zum Verkauf angeboten wurden.

Die leeren Loren! (Gleich kommen die Kinder)

Der Jenbacher Weg war damals noch unbefestigt, er führt heute zur Rodelbahn. Diese Rodelbahn war damals ein Müllberg, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder lud dort seinen Unrat ab. Man glaubt nicht, was dort so alles zu finden war, Geschirr, Töpfe, Lumpen aller Art. Das Schönste für uns Kinder waren die alten Federbetten. Was hatten wir für einen Spaß damit. Einmal raufgehauen und die Federn flogen durch die Luft. Es regnete Federn zum Schaden unserer Kleidung. Sicher werden Sie sich das vorstellen können.

Auch bei der Entstehung der Rodelbahn, Anfang der 30iger Jahre hatten wir Kinder unseren Spaß. Um den Rodelberg entstehen zu lassen, wurden Arbeitslose eingesetzt, die mit eisernen Loren das benötigte Erdreich herbeifuhren. Es war für sie eine mühsame Arbeit. Waren die Arbeiter zum Feierabend verschwunden, begann ein echtes Abenteuer für uns Kinder. Man kann sich vorstellen, welches Vergnügen es war, mit den leeren Loren den Berg herunter zu fahren. Gefahren darin hat keiner gesehen, es war eben ein tolles Gefühl dort runterzurasen.

An der Rodelbahn war ein kleines Wäldchen mit Laubbäumen und Sträuchern. Nach dem Krieg entstand dort eine Kleingartenkolonie.

Gutshaus Osdorf um 1920

Das letzte Grundstück auf der rechten Seite gehörte einer Familie Haak. Sie hatte ein Gewerbe mit Futtermitteln. Dort konnte man immer altes Brot oder Brötchen zum Verfüttern erhalten. Leider wurde die Familie mit ihrem Haus im Krieg durch Bomben ausgelöscht.

Am Ende der Steinstraße begann der Osdorfer Wald. Der Wald gehörte zum Dorf Osdorf und dort stand auch ein Gutshaus.

Der Wald war immer wie sauber gefegt, weil wir Kinder das trockene Holz gesammelt haben. Unser Sammeln half auch einer armen Familie mit vier Kindern, für die es sehr willkommen war, etwas zusätzliches Brennmaterial zu haben. Uns Kindern machte es einen Riesenspaß zu sammeln und herumzutollen. Weiter im Wald befand sich ein kleiner Tümpel. Er war zwar klein aber von Interesse für uns. Zum Beispiel war die Oberfläche mit Entengrütze bewachsen, ein gefundenes Fressen für Kleinvieh. Damals hatten noch viele Gartenbesitzer Enten und Hühner, um so den Mittagstisch reichhaltiger zu gestalten.

Die Rieselfelder im Winter

Hinter dem Osdorfer Wald begannen die Rieselfelder. Das waren große Felder die mit Abwässern aus der Stadt berieselt wurden. Es gab auch einen Rieselwärter, der die jeweiligen Schieber öffnen oder schließen musste. Wenn es im Winter sehr kalt war, baten wir den Wärter, doch die Schieber zu öffnen, denn dann wurden die Felder überflutet und es gab eine tolle Eislauffläche. Uns störte es nicht, auf Abwässern herum zu laufen, denn jetzt war es doch Eis!!!!

Auf dem gut gedüngten Land um die Rieselfelder herum wuchsen Obstbäume. Das waren gute Sorten, die es heute leider nicht mehr gibt. Die Ernte wurde im Herbst im Gut Osdorf verkauft. Ich glaube, heute würden die Leute diese Äpfel nicht mehr kaufen. Ich weiß noch sehr genau, wie gut sie damals geschmeckt haben.

Rutschbahn im Aegir-Bad am Teltowkanal

Ganz entgegengesetzt, am Teltowkanal zwischen Wismarer Straße und dem Stichkanal, wo heute OBI steht, befand sich ein Schwimmbad, das Aegirbad. Es war eine öffentliche Badeanstalt direkt im Teltowkanal. Vom Bürgipfad bis zur Badeanstalt brauchte ich etwa 15 Minuten mit dem Fahrrad.

Zu dieser Zeit war ich sehr glücklich, ein Fahrrad zu besitzen. Vom Lichterfelder Ring fuhr ich nach Lichterfelde-Süd über die Feldstraße. Diese Straße hatte schon damals das abscheuliche Kopfsteinpflaster, auf dem man nur sehr schwer mit dem Fahrrad vorankommt. So fuhr ich natürlich auf dem Bürgersteig. Aber erwischen durfte ich mich nicht lassen, dann gab es Ärger. Die Polizei war damals sehr streng.

Die junge Hilde Klein (vielleicht im Aegirbad mit dem karbolineumgetränkten Zaun im Hintergrund?!)

Reiner Kolodziej

Zurück zur Badeanstalt. Schon von Weitem machte sich der Geruch von Karbolineum bemerkbar, der die Anstalt umwehte. Zwei große Holzbaracken und mehrere Einzelkabinen waren vorhanden. Die Schwimmvereine waren sehr privilegiert und hatten Extrakabinen. Es gab ein Einmeter- und ein Fünfmeter- Sprungbrett für Schwimmer.

Der Geruch von Karbolineum ist mir noch heute in der Nase. Aber wir Kinder waren glücklich, diese Badeanstalt in der Nähe zu haben. Es gab auch damals schon die Badeanstalt am Hindenburgdamm, das "Spucki". Dort zog es uns aber nicht hin, denn die kalten Betonbecken gefielen uns nicht.

Wenn ich vom Aegirbad erzähle, fallen mir auch die schönen Schwimmfeste vom Schwimmclub ein. Der Schwimmclub "L" Lichterfelde lud dazu ein, damit die Mitglieder ihren Verein stolz präsentieren konnten mit tollen Vorführungen vom Einmeter-, bzw. Fünfmeter- Brett. Aber auch Volksbelustigungen durften dabei nicht fehlen. Das war Stimmung pur!

Gegenüber vom Bad war damals eine kleine Insel. Der Volksmund nannte sie Liebesinsel. Die größeren Schwimmer schwammen rüber. Ich war damals noch zu klein und zu jung, um die Insel einmal zu besichtigen.

Erika Kunst

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