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21.1.2019

Vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg.

von Lutz Poetter

Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, im Mai 1945 endete er. Keine andere Epoche des 20. Jahrhunderts hat unsere Welt so stark verändert, soviel Tod, Leid, Verwüstung und Unmenschlichkeit hervorgebracht wie diese knapp sechs Jahre.

Dieser Krieg hat allen beteiligten Völkern unermessliche Verluste zugefügt. 55 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Große Flächen der Städte und Landschaften Europas boten danach ein Bild der Verwüstung. Unschätzbare materielle und kulturelle Werte wurden unwiederbringlich vernichtet. Die Überlebenden trugen die Wunden und Verletzungen an Leib und Seele mit in die Zeit, die noch auf Jahrzehnte "Nachkriegszeit" genannt werden musste. Selbst wir Heutigen erfahren bewusst und unbewusst die Auswirkungen dieser globalen Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts.

Zeitzeugen leben noch

70 Jahre sind ein Menschenalter. Die Zeugen der Kriegszeit werden immer weniger und immer älter. Wer den Krieg als Erwachsener miterlebt hat, ist heute hoch betagt. Wer Kind war damals, ist nun im Rentenalter. Die Mehrheit unserer Bevölkerung kennt die Zeit nicht aus eigener Erfahrung. Die aber die Zeit erlebt haben, für die wird der Krieg niemals vorbei sein: Der Tod an der Front, die zerfetzten Leiber der Gefallenen, das Sterben in den Bombennächten, Not und Elend der Flucht und der Lager sind unauslöschlich eingebrannt in die Erinnerung der Tage und den Albtraum der Nächte.

In den Erzählungen der Zeitzeugen ist es, als wäre das alles erst gestern gewesen. Wir Nachgeborenen können das natürlich kaum begreifen. Ich kam 1952 zur Welt. Da standen die Ruinen noch, aber der Krieg war vorbei seit sieben Jahren. Oft hörte ich die Worte meines Vaters: "Junge, das wirst du niemals verstehen." Er hatte den Krieg erlebt als Kind und Jugendlicher, war mit 15 Jahren noch zur Armee eingezogen worden für den Endkampf um Berlin und hatte nur knapp überlebt.

Auf dem Vormarsch

Der Zweite Weltkrieg ging von Deutschland aus. Adolf Hitler und die Spitzen der NSDAP hatten ihn langfristig vorbereitet. Die Grundideen von Hitlers "Mein Kampf" sollten durch Krieg Wirklichkeit werden: Das "Großdeutsche Reich" entstand durch Vergrößerung des Herrschaftsraums um einen geschlossenen germanisch-deutschen "Rassekern". Gewaltsam wurden schon vor dem Krieg Tschechien und Österreich ans Reich angeschlossen, die Slowakei besetzt.

Überfall auf Polen am 1. September 1939

Erst mit dem Überfall deutscher Soldaten auf Polen herrschte offiziell Krieg. Hitler teilte sich das Land mit Stalin. Wenige Monate später besetzten deutsche Truppen Dänemark und Norwegen. Im Mai 1940 begann der "Westfeldzug": Holland und

Belgien wurden überrannt, Frankreich eingenommen und zum Waffenstillstand gezwungen. Die erste Phase der Kriegsereignisse schien für die nationalsozialistische Expansionspolitik glücklich zu verlaufen. Viele Deutsche bejubelten den Gang der Geschichte unter der Regie ihres Führers und träumten den Traum von einer deutschen Vormachtstellung in der Welt. Hitler konnte sich einstweilen als Herr Mitteleuropas fühlen, mit Italien und Japan hatte Deutschland mächtige Verbündete. Der "größte Feldherr aller Zeiten" suchte nun seine Kriegsziele im Osten und Süden: Griechenland und Jugoslawien wurden erobert, die deutschen Truppen waren siegreich in Nordafrika. Im dritten Kriegsjahr begann der deutsche Ostfeldzug gegen die Sowjetunion: Hitler wollte einen blitzartigen "Vernichtungskrieg gegen den Bolschewismus" führen, um Russland als deutsches Kolonialgebiet mit seinen "östlichen Untermenschen" auszubeuten und zu unterdrücken. Großartige Anfangserfolge brachten die deutschen Truppen fast widerstandslos bis vor die Tore Moskaus.

Nach einem deutschen Luftangriff auf Warschau
Die Schwester wurde durch einen Angriff deutscher Tiefflieger erschossen

Doch dann kam die Krise: Der harte russische Winter brach herein, die Rote Armee schlug heftig zurück. Der Blitzkrieg gegen Russland war gescheitert. Die Katastrophe von Stalingrad und der Untergang der gesamten Sechsten Armee waren ein deutliches Zeichen für die Wende im Kriegsgeschehen.

In dieser ersten Phase war der Krieg weit weg – von Deutschland aus gesehen. Deutsche Soldaten kämpften und starben siegreich an allen Fronten. Der Krieg beherrschte das Leben aller Deutschen, auch die Heimat galt als Front. Aber noch waren die wirklichen Kämpfe weit weg.

Der Rückzug

Das änderte sich, als die Gegner Deutschlands ihre Anstrengungen erhöhten: Die Rote Armee drängte die Wehrmacht im Osten zurück, die Westalliierten – verstärkt durch die USA – fügten ihr im Westen und Süden Niederlagen zu. Bomben fielen ab 1943 auf deutsche Städte, zerstörten Häuser, Fabriken, Kirchen, Schulen, Straßen, Schienen...

Die Front rückte unaufhaltsam näher an Deutschland heran. Damit kehrte der Krieg in sein Ursprungsland zurück und entlarvte den Mythos der Unbezwingbarkeit Deutschlands als Märchen. Die geschlagenen deutschen Soldaten und die aus-gemergelte Zivilbevölkerung im Deutschen Reich hatten wenig Heroisches an sich.

Alltag im Krieg

Wie erlebten die Menschen diese Zeiten des Krieges? Wohl waren Krieg und Tod allgegenwärtig in Deutschland. Auch in der Heimat drehten sich "alle Räder für den Sieg". Während die Männer an der Front kämpfen mussten, verrichteten zuhause Frauen die Arbeit in den Fabriken und auf den Feldern – gemeinsam mit einem Heer von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Nicht alles Leben aber richtete sich nach der Logik des Kampfes. Es gab auch Alltag und Normalität: Menschen arbeiteten und feierten, waren jung und gingen zur Schule, wuchsen heran und schmiedeten Pläne. Menschen lernten sich kennen und lieben, heirateten und bekamen Kinder. Man ging ins Kino und zum Gottesdienst. Es gab Sportveranstaltungen, man hatte Urlaub und verreiste, ging in Rente und starb an Altersschwäche. Jedes normale Glück, jede menschliche Erfüllung zählte wohl doppelt in dieser harten Zeit. Das galt vor allem für die Kriegsweihnachtsfeste 1940-1944.

Kein Sieg, kein Heil

Am Ende zerbrachen alle Illusionen und der Krieg entfesselte seine letzte zerstörerische Kraft auf deutschem Boden. Großdeutschland fiel, die Anführer der germanischen Herrenrasse verschwanden im Nichts. Adolf Hitler nahm sich im Füh-rerbunker das Leben, andere Nazi-Größen taten es ihm gleich. Am Kriegsende sollte es nach ihrem Willen kein Überleben geben für das deutsche Volk, das sich seines großen Führers unwürdig erwiesen hatte. Zum Zeitpunkt der Kapitulation mussten die Überlebenden in unserem Land eine zweifache Demütigung ertragen: Die bedingungslose Kapitulation als Herrschaft der Siegermächte und den Verrat der eigenen gescheiterten Führung. Auch wenn viele Deutsche das Kriegsende herbei sehnten: Die "Stunde Null" 1945 hatte den bitteren Beigeschmack einer doppelten Niederlage.

Der Krieg brach vor 70 Jahren aus, er endete vor 64 Jahren. Die Zeiten haben sich seitdem gründlich geändert, die Zerstörungen von damals sind kaum noch zu erkennen. Das vereinigte demokratische Deutschland heute in der Mitte Europas hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem nationalsozialistischen "Großdeutschen Reich". Und die meisten Deutschen haben keine persönliche Erfahrung mit Krieg und Nazi-Diktatur – und können sich beides zum Glück auch wirklich nicht vorstellen. Um so wichtiger bleibt die Mahnung: Vergesst niemals das Unheil, das von Deutschland im Dritten Reich ausging!

Hitlers Gegner

Im Rückblick auf diese dunkle Vergangenheit Deutschlands stellt sich die Frage nach den Gegenkräften. Es können doch unmöglich alle Deutschen mehr oder weniger freiwillig Handlanger des Nationalsozialismus gewesen sein. Wo gab es im deutschen Volk Kritik, Gegnerschaft und Widerstand gegen den "Führer"?

Zuerst kommen sicherlich die Offiziere um Graf Schenk von Stauffenberg in den Blick. Seit Stalingrad beobachteten hochrangige Militärs der deutschen Wehrmacht mit Sorge Hitlers Opferstratgie: Vor allem an der Ostfront ließen zahllose deutsche Soldaten in aussichtlosen Gefechten ihr Leben. Die Niederlage rückte täglich näher, der "unerschütterliche Glaube an den Endsieg" war eine Fiktion der Nazipropaganda.

Häftlinge im KZ Buchenwald

Um es mit dem Historiker Sebastian Haffner zu sagen: Hitler hatte seine ursprünglichen militärischen Ziele längst aufgegeben. Es ging ihm nur noch um die möglichst vollständige Ausrottung der europäischen Juden in den Konzentrationslagern und Gaskammern. Um diese "Endlösung der Judenfrage" zu verwirklichen, musste die Front möglichst lange den übermächtigen Gegnern standhalten. Der militärische Widerstand gegen Adolf Hitler führte zur Planung des Attentats auf den Diktator und obersten Heerführer. Nach Hitlers Tod wollte man díe Kämpfe sofort einstellen und mit den allierten Gegnern Friedensverhandlungen führen. Als Jahrestag des gescheiterten Hitlerattentats ist der 20. Juli ein wichtiger deutscher Gedenktag.

Dann aber erinnern wir uns auch an mutige Männer der Kirche, die sich dem Zwang zu einer braunen Reichskirche entgegenstellten. "Ein Volk, ein Reich, ein Glaube" – auch die Kirchen sollten gleichgeschaltet werden nach dem Führerprinzip der Nazis. Die Deutschen Christen hängten Hakenkreuzfahnen in den Altarraum. Von der Bibel sollte nur das übrigbleiben, was sich mit dem "Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse" vereinbaren ließ. Arisches Christentum verherrlichte Führer, Volk, Blut und Boden mit quasireligiösen Weihen und merzte alles "Jüdische" aus der christlichen Überlieferung aus. Selbst Jesus von Nazareth durfte kein geborener Jude mehr sein, sondern wurde zum Sohn eines germanischen Söldners umfunktioniert. Dafür mussten alle Pfarrer einen Treueeid auf Adolf Hitler schwören. Aus dem Widerstand gegen die nationalsozialistische Reichskirche erwuchs die Bekennende Kirche. Ihre Gründungsurkunde ist die Barmer theologische Erklärung von 1934, sie trägt die Handschrift des Schweizer Theologen Karl Barth. Ein Jahr zuvor hatte der Dahlemer Pastor Martin Niemöller den Pfarrernotbund gegründet. Auch Helmut Gollwitzer und Dietrich Bonhoeffer widerstanden als Pfarrer in der Hauptstadt der Nazi-Ideologie und sympathisierten mit den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944.

Pfarrer Gollwitzer wurde zum Lazarettdienst an der Ostfront einberufen, Pastor Bonhoeffer wurde verhaftet und schließlich in den letzten Kriegstagen im KZ Flossenbürg hingerichtet. Uns Heutigen bleibt das theologische Vermächtnis der Bekennenden Kirche aus ihrem Kampf gegen die menschenverachtende Diktatur und Tyrannei des Dritten Reiches. Zum Glück ist auch dieser Widerstand ein Teil unserer deutschen Geschichte.

Pfarrer Lutz Poetter

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