ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2009

17.7.2019

Zwischen Strenge und Freiheit
Zum 500. Geburtstag von Johannes Calvin

von Torsten Lüdtke

Vor fünfhundert Jahren, am 10. Juli 1509 wurde im nordfranzösischen Noyon der Reformator Jean Calvin geboren. Calvin, dessen Geburtsname eigentlich Cauvin war, war der zweite Sohn des Gérard Cauvin und seiner aus Flandern stammenden Frau Jeanne. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte es der Vater nach juristischen Studien in einer steilen Karriere zu Ansehen und Wohlstand gebracht: Als Generalprotektor war er Berater und Jurist des Domkapitels von Noyon und einer der engsten Mitarbeiter des Bischofs, Charles de Hangest.

Über die Kindheit Calvins ist nur wenig bekannt: Sein Vater wird als herrschsüchtig und stets unzufrieden beschrieben, seine Mutter als schön und fromm geschildert; die Beziehung zur Mutter scheint besonders innig gewesen zu sein: So sind die von Calvin selbst überlieferten prägenden Erlebnisse seiner Kindheit – wenn auch erst Jahre später aufgezeichnet und durch das Bekenntnis zur Reformation gebrochen – Ereignisse, die er zusammen mit seiner Mutter erlebte. So erzählt Calvin von seiner ersten Wallfahrt, die ihn als kleines Kind zusammen mit seiner Mutter zu den Reliquien der hl. Anna, "von der man große Stücke hielt", in die rund fünf Kilometer entfernten Zisterzienser-Abtei von Ourscamp führte, oder das Erlebnis, das er am Tag des hl. Stephanus (Saint Étienne; 26. Dezember) hatte.

Calvins Geburtshaus in Noyon

Wiederum besuchte der Knabe gemeinsam mit seiner Mutter die Kirche, um dort die von den Frauen mit "Hüten und Zier rat" gezierte Figur des Erzmärtyrers zu sehen. – Doch nicht nur die Heiligenstatue war geschmückt, sondern auch die Figuren derjenigen, die ihn steinigten. "Die armen Frauen hielten sie für Gefährten des Heiligen und jeder erhielt seine Kerze. Alles war derart durcheinander und konfus, daß man nicht in der Lage war, die Gebeine eines Märtyrers zu verehren ohne die Gefahr zu laufen, die Knochen irgendeines Straßenräubers oder Spitzbuben oder eines Esels, Hundes oder Pferdes anzubeten." Wohl nicht lange nach dieser Begebenheit - Jean Cauvin war fünf Jahre alt - starb die Mutter, und es sollte nicht lange dauern, bis der Vater – allein mit vier Söhnen – ein weiteres Mal heiratete.

Vom Vater zum Geistlichen bestimmt, besuchte Jean die Lateinschule, das Collège des capettes, in seiner Heimatstadt, wo er Lesen und Schreiben sowie die ersten Gründe der lateinischen Sprache lernt. Im Jahr 1520 verließ Jean das Elternhaus und seine Vaterstadt. Als Spielgefährte der Söhne Joachim und Yves kam er in die Familie des Louis de Hangest-Monmort, einem Verwandten des Bischofs von Noyon. Spielerisch lernte Jean so die Welt des Adels kennen und auch sein Bildungsweg setzte sich fort: Zusammen mit den beiden Söhnen wurde er auf dem Familiensitz von einem Hauslehrer unterrichtet. Ein Jahr später, im Mai 1521, wurde Jean schließlich zur Sicherung seines Lebensunterhaltes vom Bischof und dem Domkapitel von Noyon ein Viertel der Einkünfte eines Kaplans der Domkirche zugestanden.

Im Sommer 1523 brach Jean Cauvin nach Paris auf, wo er am Collège du Marché der Sorbonne das Studium der sieben freien Künste aufnahm. Als Student latinisierte Jean Cauvin seinen Namen und nannte sich nun Ioannis Calvinus. Der angehende Theologe machte gute Fortschritte und so konnte Calvinus 1528 das Studium der freien Künste an der Sorbonne abschließen. Mit dem Beginn des eigentlichen Theologiestudiums am konservativen, scholastisch geprägten Collège Montaigu der Sorbonne wurde Calvinus Kaplan der Gemeinde zu Marthéville und erhielt damit weitere Einkünfte.

Im Sommer 1528 erreichte den frisch tonsurierten Kaplan die Aufforderung des Vaters, das Studium der Theologie aufzugeben und mit dem Studium der Rechte zu beginnen. Grund für den plötzlichen Sinneswandel beim Vater war eine ernsthafte Auseinandersetztung zwischen ihm, dem Juristen, und dem Domkapitel von Noyon, die in der Verhängung des kleinen Kirchenbannes gegen Gérard Cauvin endete.

Jean zeigte sich als braver Sohn und entsagte – dem väterlichen Wunsch nachkommend - dem geistlichen Stand. Der Abschied von Paris und dem ungeliebten Collège Montaigu fiel Calvin nicht schwer; sein Ziel ist Orléans, wo er mit dem Studium der Rechte begann, und wo er mit Melchior Volmar einen Lehrer fand, mit dem er sein Leben lang in Kontakt bleiben sollte. Volmar war es auch, der dem wissensdurstigen Studenten empfahl, humanistische Studien zu treiben.

Calvinus eignete sich in kürzester Zeit die Grundlagen der griechischen und hebräischen Sprache an und begann im Selbststudium mit der Lektüre der Klassiker. Die gründliche Kenntnis der antiken Autoren und der Kirchenväter wird später für Calvin große Bedeutung und Nutzen haben.

Johannes hatte seine Studien noch nicht abgeschlossen, als er von Orléans nach Bourges wechselte. Hier erreichte ihn, kurz nach seiner Ernennung zum Licentiaten der Rechte 1531 die Nachricht von der schweren Erkrankung seines Vaters, und so eilte er von Bourges aus in die Picardie. In Noyon angelangt, fand er seinen Vater auf dem Sterbebett liegend vor, umgeben von seinen beiden Stiefschwestern und zweien seiner Brüder. Die von den Geschwistern beim Domkapitel und dem Bischof eingereichten Eingaben und Gnadengesuche auf Aufhebung des Kirchenbannes blieben ungehört; Gérard Cauvin starb, ohne die Sterbesakramente erhalten zu haben, und wurde ohne Totenmesse auf dem Friedhof bestattet. Später schreibt Calvin über diesen Wendepunkt in seinem Leben: "So sehr ich dem Willen des Vaters gehorsam war und versuchte, mich diesem Studium treu zu widmen, so hat Gott schließlich durch den verborgenen Zügel der Vorsehung meinen Weg in eine andere Richtung gelenkt."

Nach dem Tod des Vaters fühlte sich Calvin frei; er kehrt nach Paris zurück. In Paris, wo König Franz I. an der Sorbonne ein neues, humanistisch geprägtes Kolleg als Gegengewicht gegen das konservative Collége de Montaigu gegründet hatte, wollte Calvin seine humanistischen Studien weiterführen. Ein Quartier fand er bei dem reichen Pariser Tuchhändler Étienne de la Forge, der sich zur Reformation Martin Luthers bekannte und auch die Schriften der Wittenberger verbreitete. Im Hause des Händlers trafen sich heimlich die evangelischen Christen von Paris, darunter auch der Prediger am Hofe Franz I., Gérard Roussel, und Calvin, der so die Lehren der Reformation kennenlernt. In diese Zeit fällt auch die Abfassung des ersten, im Sinne des Humanismus geschriebenen Werkes Calvins. Der im April 1532 erschienene Kommentar zu Senecas "De clementia" ("Über die Milde") erhielt das höchste Lob der Humanisten und auch das Lob des großen Erasmus von Rotterdam, doch stürzten ihn die beachtlichen Kosten für den Druck beinahe in den Ruin.

Als im Jahr 1533 König Franz I. für einige Monate nicht in Paris weilte, führte die Schwester des Königs, Margarete von Navarra, die Regierungsgeschäfte. Die gebildete und in den alten und neuen Sprachen geübte Frau stand im Kontakt zu den Humanisten und einige ihrer Aussagen lassen vermuten, daß sie auch dem evangelischen Bekenntnis nahestand.

In diese religiös-indifferente Zeit fiel auch die als Skandal aufgefaßte Rektoratsrede von Calvins Freund Nikolaus Kop. Zu Allerheiligen 1533 entwickelte Kop vor den Vertretern der Universität und kirchlichen Würdenträgern die These, daß das althergebrachte Lehrgebäude der Scholastik als Ketzerei, die lutherische Lehre dagegen als rechtgläubig zu bezeichnen sei und offen zum Beistand für die verfolgten Evangelischen aufgerufen wurde.

Unter den Zuhörern kam es zum Tumult, der später eine Anklage gegen Kop und seine Freunde folgte. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, seilte sich Calvin an zusammengebundenen Leinentüchern aus dem Hoffenster ab, während die Häscher schon an der Tür pochten.

Als Weinhändler verkleidet, flüchtete Calvin unter dem Namen Charles d’Espeville nach Angoulême, wo er Unterschlupf bei seinem ehemaligen Mitstudenten Louis du Tillet fand, der dort an der Kathedrale Pfarrer und Domherr war.

In Angoulême entschied sich Calvin – als Frucht seiner humanistischen Studien, der Begegnungen mit den reformatorisch denkenden Persönlichkeiten und vieler Gespräche und tiefen Nachdenkens über das bisher Erlebte – für die Reformation. Hier begegnete er auch dem Luther-Kenner und Humanisten Jacques Lefèvre d’Étaples, genannt Faber Stapulensis, einem Übersetzer der Bibel ins Französische.

In der Abgeschiedenheit des Verstecks reiften auch die von Luthers Rechtfertigungslehre beeinflussten theologischen Anschauungen Calvins, die später in der "Institutio" systematisiert werden würden. Später schrieb er: "Sooft ich mich nämlich in mich vertiefte oder das Herz zu Dir erhob, erfasste mich eine wahnsinnige Angst, von der mich keine Sühnemittelchen und keine Bußwerke heilen konnten. Je näher ich mich betrachtete, um so schärfer trafen Stacheln mein Gewissen. Inzwischen trat eine erheblich hiervon abweichende Form der Lehre ans Licht, die uns zwar nicht vom christlichen Herkommen abbrachte, sondern die uns zu seiner Quelle zurückleitete. Sie gab der Heilslehre wie einer vom Schlamm gereinigten Gestalt die ursprüngliche Gestalt wieder."

Im April 1534 begab sich Calvin in seine Heimatstadt Noyon, wo er in der Folge seines Bruches mit Rom Anfang Mai seine Pfründe offiziell zurückgab. Wieder führte ihn sein Reiseweg über Paris, wo er mit den reformatorisch gesinnte Personen zusammentraf, die er schon von seinem früheren Aufenthalt her kannte. In Paris bat ihn auch der spanische Arzt Michael Servet - ein Gegner der Trinitätslehre – um ein Treffen, doch erschien dieser dann doch nicht. Später wird Calvin über dieses Treffen schreiben: "Ich war bereit, in Paris mein Leben für ihn zu wagen, um ihn, wenn möglich, für unseren Heiland zu gewinnen; aber obwohl er das Opfer, das ich ihm anbot, sah, wollte er keinen Gebrauch davon machen." - Zwanzig Jahre später wird es in Genf zum einem folgenschweren Wiedersehen zwischen Servet und Calvin kommen.

Von Paris aus reiste Calvin nach Süden. In Orléans und Claix machte er bei Freunden Station und im Städtchen Crotelles feierte er – obgleich kein geweihter Priester und auch kein examinierter Theologe – erstmalig einen evangelischen Gottesdienst und teilte hier auch zum ersten Mal das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus.

Im Oktober 1534 wendete sich jedoch für die evangelische Bewegung in Frankreich das Blatt. Überall in Paris wurden Flugblätter mit dem Titel "Wahrhaftige Artikel über den abscheulichen, großen und unerträglichen Mißbrauch der päpstlichen Messe" entdeckt. Der Zorn des Königs war grenzenlos; in seiner Wut ordnete Franz die gnadenlose Verfolgung der evangelischen Christen an. Bald darauf brannten überall Scheiterhaufen, auf denen die Anhänger der Reformation, darunter auch Calvins Freund und Gastgeber, der Tuchhändler Étienne de la Forge, verbrannt wurden. Calvin musste Frankreich verlassen. Auf der Flucht vor der Inquisition gelangte Calvin 1535 unter dem Pseudonym Martianus Lucianus (Lucianus ist ein Anagramm zu Calvinus) zusammen mit Louis du Tillet zunächst in das deutsche Straßburg, wo sie vom Reformator der Stadt, Martin Bucer, herzlich empfangen wurden. Von Straßburg aus, das Calvin nicht sicher genug erschien, flüchtete Calvin in das evangelische Basel, wo er auch Nikolaus Kop wiedertraf. In Basel knüpfte Calvin Kontake zu den dort lebenden Humanisten Heinrich Bullinger, Guillaume Farel und Simon Grynäus.

Bei Grynäus, einem der herausragenden Griechischlehrer der damaligen Zeit, nahm Calvin Unterricht in der griechischen und hebräischen Sprache; in Dankbarkeit widmete Calvin seinem Lehrer drei Jahre später seinen Römerbrief-Kommentar. In Guillaume Farel schließlich fand Calvin einen Freund und langjährigen Weggefährten.

In Basel konnte er auch das Verhältnis zu seinem Vetter Pierre-Robert Olivetan auffrischen, der die gesamte Bibel ins Französische übersetzt hatte. Mit seiner Einladung, eine Vorrede zur Übersetzung der Heiligen Schrift zu verfassen, regte Olivetan Calvin zu seiner ersten theologischen Veröffentlichung an.

Von der Verfolgung seiner Glaubensgenossen in Frankreich war Calvin tiefbewegt; die Greuel der Inquisitionsgerichte nötigten ihn zur Arbeit. Calvin wollte darlegen, dass seine Brüder und Schwestern im Glauben keine Ketzer und Aufwiegler seien, sondern aufrichtige Erneuerer des biblischen Glaubens und der wahren Kirche. So entstand Calvins Hauptwerk, die Institutio Christianae religionis ("Unterweisung in der christlichen Religion"). Mit der stilistisch und inhaltlich großartigen Widmung an den französischen König Franz I. schloss Calvin seine Arbeit an der "Institutio" am 23. August 1535 ab. Zweifelhaft ist jedoch, ob Franz I. die Widmung oder das Buch selbst gelesen hat. Im März 1536 erschien die erste Auflage der "Institutio" beim Baseler Buchdrucker Thomas Platter, lediglich sechs kurze Kapitel umfassend. Bis 1559 wird Calvin die "Institutio" fortlaufend erweitern, die zu einem gewaltigen Lehrwerk des christlichen Glaubens im reformatorischen Sinne heranwächst und später auch ins Französische und andere Sprachen übersetzt wird.

Im Winter 1535 auf 1536 suchte Calvin Schutz am Hofe der gebildeten Herzogin Renata von Ferrara, einer Schwägerin des französischen Königs, die seine humanistischen und reformatorischen Bestrebungen unterstützte. Mit ihr blieb Calvin dauerhaft freundschaftlich im Briefwechsel verbunden. Aber auch aus Ferrara musste Calvin fliehen, und so hielt er sich – inzwischen ein berühmter Mann – im Mai 1536 wieder in Basel auf, wo ihn auch die Botschaft erreichte, dass die Verfolgung der evangelischen Christen durch König Franz I. in Frankreich beendet sei. Ein letztes Mal reiste Calvin in seine Vaterstadt Noyon, wo er noch verbliebene Erbschaftsangelegenheiten ordnete und schließlich gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Antoine und seiner Stiefschwester Marie die Rückreise antrat. Der kürzeste Weg von Noyon nach Straßburg hätte die Reisenden durch Savoyen geführt, wo ihnen der Weg durch Kriegshandlungen verlegt war. Calvin entschloss sich, um den kriegerischen Auseinandersetzungen zu entgehen, die Reiseroute über Genf zu führen. Doch es sollte anders kommen: Guillaume Farel, Reformator und Prediger in Genf, hielt die Reisenden auf und beschwor Calvin, sich zusammen mit ihm für die Sache der Reformation einzusetzen: "Da spannte dann Farel in dem verzehrenden Eifer um die Ausbreitung des Evangeliums, der ihn immer auszeichnete, alle seine Kräfte an, mich zurückzuhalten. Als er erfuhr, ich gäbe mich in der Stille privaten Studien hin, und als er sah, daß er mit Bitten nichts ausrichte, brach er in die Verwünschung aus, Gott möge mit seinem Fluch über meiner Muße sein".

Für Genf arbeitete Calvin eine Gemeindeordnung mit strenger Kirchenzucht aus, die aber auf heftige Widerstände im Rat stieß. Weil Calvin und Farel 1538 der gesamten Gemeinde das Abendmahl aus Protest gegen den Genfer Rat, der in die Kirchenverfassung eingegriffen hatte, versagten, wurden die beiden Theologen aus Genf verwiesen. Calvin begab sich wieder nach Straßburg, wo er als Professor für biblische Theologie und Seelsorger der Gemeinde der französischen Flüchtlinge wirkte. Durch den Kontakt zu Martin Bucer wurde Calvin in der Ausprägung seiner Theologie bestärkt, unter den Eindrücken aus der Straßburger Zeit enstanden unter anderem die Prädestinationslehre, das Abendmahlsverständnis und die Vierämterlehre.

Im August 1539 suchte Calvin ein Bote aus Bern im Exil mit Briefen auf. Genf solle zum Katholizismus zurückehren, so der Inhalt eines Briefes, den der Kardinal Jacob Sadolet an den Rat der Stadt Genf geschrieben hatte. Die Besorgnis des Berner Rates und der protestantischen Partei der Stadt Genf konnte Calvin dem anderen Brief entnehmen, aus dem deutlich wurde, dass die Genfer dem Ersuchen Jacob Sadolets, des ehemaligen Bischof von Genf, wohl nachgeben könnten. Calvin entsprach dem Wunsch des Boten aus Bern und erklärte sich bereit, eine Entgegnung an den Bischof zu schreiben. Innerhalb von sechs Tagen verfasst Calvin mit der "Antwort an Kardinal Sadolet" ein ausführliches Schreiben, in dem er leidenschaftlich und kraftvoll formuliert und die theologischen Argumente Sadolets durch Gegenargumente zu entkräften sucht. Sadolet und die Zeitgenossen beeindruckte die Erwiderung Calvins und so wandten sich im Jahr 1540 die Ratsherren von Genf offiziell an Calvin mit der Bitte zurückzukehren. Calvin zögerte, doch zwei Tage später entschied er sich für die Rückkehr nach Genf. Der Rat sagte ihm zu, seine Kirchenordnung einzuführen und die strenge Kirchenzucht zu halten. Noch im gleichen Jahr arbeitete Calvin eine neue kirchliche Ordnung aus: den "Genfer Katechismus".

Bis 1555 blieb die Lehre Calvins umstritten; erst der Augsburger Religionsfrieden führte zur vollständigen Anerkennung des Calvinismus als religiösenm Bekenntnis. Mit der Endfassung der "Instutiones" und der Gründung der bei der Kirche St. Pierre gelegenen Genfer Akademie im Jahre 1559 erfuhr der Calvinismus eine weitere Stärkung zu seiner weiteren Ausbreitung. 1559 erhielt Calvin schließlich auch das Genfer Bürgerrecht.

Als 1562 in Frankreich die blutigen Hugenottenkriege begannen, vollendete Calvin den auf den biblischen Psalmen basierenden Genfer Psalter. Nach langer Krankheit ist Johannes Calvin am 27. Mai 1564 in Genf gestorben; auf dem Cimetière des Rois ist er begraben.

zum Seitenanfang

Anläßlich des 500. Geburtstages Calvins gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, Ausstellungen und Neuerscheinungen, von denen hier einige erwähnt werden sollen:

Das Deutsche Historische Museum (DHM) zeigt die sehenswerte Ausstellung mit dem Titel "Calvinismus – Die Reformierten in Deutschland und Europa"; dabei sind nicht nur Bekenntnisschriften und schriftliche Zeugnisse des Calvinismus ausgestellt, sondern es finden sich auch viele weitere Exponate, die in alle Lebensbereiche des konfessionellen Zeitalters (1517 - 1648) hineinreichen und die gesamteuropäische Dimension des Phänomens "Calvinismus" deutlich machen. So zeigen die Gemälde, die Gegenstände aus der Alltags- und Festkultur und auch die Waffen und kriegerischen Zeugnisse viel von dem Stolz und dem Wohlstand, aber auch von Sorgen und Gefährdungen ihrer calvinistischen Besitzer. Die Ausstellung im Pei-Bau des DHM ist bis zum 19. Juli 2009 täglich von 10-18 Uhr geöffnet.

In der von Uwe Birnstein herausgegebenen Reihe "wichern porträts" erschien am Beginn des Jahres mit "Der Reformator. Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte" ein weiteres Bändchen. Birnstein, der bei diesem Band nicht nur Herausgeber sondern auch Autor ist, will in dem historischen Portrait "den Lebensweg Calvins" nachzeichnen und in sein "Glauben und Denken" einführen. In neun Kapiteln, die den Stationen des Lebensweges Calvins folgen, wird die vielschichtige Persönlichkeit des Reformators sensibel und verständlich dargestellt. Bezüge zu den Werken Calvins und ausgewählte Zitate aus den theologischen und autobiographischen Schriften lassen – lebendig und aufschlußreich - einen tiefen Einblick in das Glauben und Denken Calvins zu, der an vielen Stellen zum Weiterlesen einlädt, doch leider fehlen dabei für den interessierten Leser die genauen Quellen- und Stellenangaben. Die Übersetzung der Quellentexte ist ebenfalls nicht immer befriedigend, so ist sie an einigen Stellen sehr modern und trifft nicht den "Ton der Zeit". Zwar findet sich am Ende des Buches eine Bibliographie, doch bleiben diese Angaben ein mehr genereller Hinweis auf die neuere Literatur zum Thema. Trotz dieses Mangels - der wohl nur für den Historiker oder Theologen ein wirklicher Mangel ist - liest sich das Buch flüssig und bietet einen guten Überblick über das Leben des Reformators aus Genf.

Nicht zuletzt muß auch die CD "Calvin. Genfer Psalter" des Vocalconsort Berlin aus der "edition chrismon" erwähnt werden. Unter der Leitung von Klaus-Martin Bresgott wartet das Vocalconsort mit verschiedenen Bearbeitungen und Vertonungen der " Genfer Psalmen" auf, die Kostproben aus der gesamten Überlieferungsbreite des 1562 erstmals erschienen "Genfer Psalters" bringen. Die 150 "Pseaumes" in französischer Sprache, Nachdichtungen der biblischen Psalmen von Clément Marot und Théodore de Bèze, wurden zunächst mit populären Melodien verbunden. erst später setzten sich künstlerische Vertonungen wie von César Franck oder Claude Goudimel – einem Zeitgenossen Calvins – durch; eine Auswahl solcher Werke ist auf der CD zu hören. Von Goudimel finden sich – wohl als Beispiel für die zeitgenössische Musik Calvins gedacht – vier Chorsätze zu vier Stimmen. Ebenfalls mit vier fünfstimmig gesetzten Psalmenbearbeitungen ist dem Kantor der Amsterdamer Ouden Kerk, der bekannte Niederländer Sweelinck (1562-1621) vertreten. Sein heute wenig bekannter Schüler, der Danziger Organist und Kapellmeister des polnischen Königs, Paul Siefert, dagegen ist nur mit einem Werk vertreten, das aber wohl zu den interessanteren Neuentdeckungen gehört. Von Siefert, der die Psalmen in der deutschen Übersetzung des Königsberger Juristen Ambrosius Lobwasser vertonte, ist der für zwei vierstimmige Chöre gesetzte 128. Psalm auf der CD enthalten. Das gros der aufgenommenen Stücke – wohl wenig verwunderlich im Mendelssohn-Jubiläumsjahr – gilt schließlich Vertonungen der Psalmen durch Felix Mendelssohn-Bartholdy. Begleitet und aufgelockert werden die verschiedenen Chorsätze durch zeitgenössische Kammermusik, die ebenso wie diese mit äußerster Präzision ganz im Sinne der historischen Aufführungspraxis dargeboten werden. Ein informatives und gut gestaltetes Begleitheft liegt der gelungenen CD-Produktion bei.