Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.9.2019

Fundamentalistisches Christentum – ein Himmelfahrtskommando?

von Lutz Poetter

Michelangelo: Die Vertreibung aus dem Garten Eden

"Erlöster müssten mir die Christen aussehen" befand einst Friedrich Nietzsche. In vielen Freikirchen und Kommunitäten, Gemeinschaften der evangelikalen Bibeltreuen und missionarischen Zirkeln scheinen diese Bedingungen erfüllt zu sein: Echte Begeisterung, leuchtendes Bewusstsein der Auserwählung, Gewissheit der Erlösung sind "wiedergeborenen" Christinnen und Christen deutlich anzumerken. Und manch ein gemässigter Christenmensch blickt neidvoll auf die evangelikale Turbulenz angesichts des unspektakulären Gleichmuts in evangelischen Landeskirchen und ihren Ortsgemeinden.

Sancta simplicitas

Was ist das Faszinierende am christlichen Fundamentalismus? Warum fühlen sich gerade auch Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität von evangelikalen Erweckungspredigern angesprochen? Die Bekehrung zu Jesus Christus erscheint als die große Wende im Leben. Alles ist auf einmal einfach, jedes Problem wird endgültig gelöst. Es gibt ein paar spirituelle Gesetze, die dein Leben völlig neu regeln. Du übergibst Dein Leben Jesus und gleitest in Zukunft auf einer Woge des Heils. Jesus reinigt dich von aller Sünde, er gibt deinem Leben Sinn und Erfüllung. Du bist geliebt, hast Freunde, hauptsächlich deine Mitschwestern und -brüder im Glauben...

Auch deine Sicht auf die Dinge wird radikal einfach. Es gibt keine Grautöne, nur Schwarz oder Weiß, Hell oder Dunkel, Gut oder Böse. Und du selbst gehörst ab sofort auf die richtige Seite: Du bist weiß, hell, gut. Du bist Empfänger und Träger der absoluten Wahrheit, erlöst, berufen, auserwählt, gesandt. Um dich herum wimmelt es zwar von Verblendeten, Verdammten, Verworfenen, Unerlösten – eben gemeinen Sündern. Aber du gehörst nun nicht mehr dazu. Zwar bist du auch ein Sünder, aber du bist gerettet.

Biblische Unmittelbarkeit

Dein Lebenselexier, deine Richtschnur, deine Antwort auf alle möglichen Fragen findest du in der Bibel. Sie ist sozusagen für dich geschrieben. Wenn du die Bibel liest, dann erfährst du die Botschaft Gottes an dich persönlich. Was Jesus zu seinen Jüngern sagte, was die Apostel der Urgemeinde verkündete – alles gilt unmittelbar dir. Du lebst in der Imagination der unmittelbaren Gegenwart Jesu von Nazareth heute in deinem Alltag. Die Bibel betrifft dich in deinem Hier und Jetzt. Es gibt keine historische Distanz von 2000 Jahren, keine kulturelle Entfernung von der Antike. Es scheint, als meinte Jesus nur dich, als spräche er zu dir, aber natürlich auf Deutsch. Du bist der biblische Jünger, dein eigener Zirkel ist die biblische Urgemeinde, ihr seid das auserwählte Volk, das wahre Israel. Und du verstehst – zumindest in deiner Einbildung - jedes Wort der Bibel ganz unmittelbar: Mit der Lutherbibel, der King James Version, der Elberfelder oder der Zürcher Übersetzung liest du die Heilige Schrift als Wort Gottes, das du wortwörtlich nehmen kannst.

Kein störender Gedanke daran, dass Jesus im 1. Jahrhundert als Jude unter Juden im Volk Israel lebte und wirkte, dass er Aramäisch und Griechisch sprach und die Erinnerung an ihn in Evangelien und Briefen der Apostel in ihrer antiken Vorstellungswelt auf Griechisch festgehalten wurde und dass Theologen der letzten zwei Jahrtausende um die rechte Auslegung der Bibel gerungen und gestritten haben.

Die Kraft des Gebets

Beten ist für evangelikale Christen etwas anderes als das Mitsprechen liturgischer Formulierungen von Anbetung und Fürbitte im Gottesdienst. Persönliches freies Beten bildet für sie die geistliche Nabelschnur zu Gottes Himmelswelt. Im Gebet öffnet sich der Christ völlig vor Gott und seinem Sohn Jesus. Man bekennt seine Sünden, äußert Sorgen und Ängste, Hoffnungen und Wünsche vor ihnen. Geschieht dies in einer Gruppe, also einer Gebetsgemeinschaft, so bewirkt das gemeinsame Beten höchste Intimität: Man gibt sich gegenseitig tiefe Einblicke ins geheime Seelenleben. Das Alltagserleben wird in der Praxis des Gebets zu einer Kette sogenannter Gebetserhörungen – auch dann, wenn alles andere als das ursprünglich Erbetene eintritt. Gott erhört nämlich Gebete immer, nur meistens anders, als der Beter es sich vorstellt. Dieser soll Demut lernen und alles Geschehen dankbar aus der Hand Gottes nehmen.

Rigide Moral

Typisches Kennzeichen pietistischer Frömmigkeit ist die selbstverordnete Ernsthaftigkeit möglichst ohne jeden Humor. Freude an geistlichen Dingen ist zwar erlaubt, aber alles, was mit Lust und Spaß zu tun hat ist grundsätzlich verboten. Am schlimmsten ist die sexuelle Lust. Sex ist eigentlich nie zulässig. Die göttliche Liebe heißt Agape, nicht Eros. Fleischliche Liebe soll nur in der Ehe und auch dort möglichst nur zur Zeugung der Kinder praktiziert werden. Gerade Jugendliche mit ihrem erwachenden Sexualttrieb führt diese rigide Sexualmoral in tiefe Verstrickung, denn sowohl vorehelicher Geschlechtsverkehr wie auch die Selbstbefriedigung sind tabu. Sexuelle Wünsche und Träume werden so mit dem Bösen und der Sünde identifiziert: Schon der bloße Gedanke an die Fleischeslust ist unrein. Das fromme Ideal ist ein reines asketisches Leben, bis einem Gott die Richtige oder den Richtigen als Ehepartner zuführt – wohlgemerkt hetero! Aber auch in der Ehe geht es um Zucht und Selbstbeherrschung – keineswegs um das genussvolle Ausleben sexueller Lust.

Mächte und Gewalten

Auch wenn der Alltag evangelikaler Christen eher konservativ geordnet abläuft: Unsichtbar tobt ständig ein erbitterter Kampf der Diener Gottes gegen die Mächte der Finsternis. Der Teufel als Herr der Welt und Gegner Gottes von Anbeginn ruht nicht, die Erlösten dauernd in Anfechtung zu bringen. Unter der scheinbar friedlichen Oberfläche lauern dämonische Abgründe. Sie verschaffen sich Eintritt in die Seele selbst des Frömmsten, böse Triebe und Leidenschaften – Sex! Lust! Fleisch! – sind ihr Einfallstor. Andererseits können ungesühnte Vergehen und heimliche Sünden der Vergangenheit bis zurück zu den Vorvorfahren die Ursache eines dämonischen Befalls, einer okkulten Behaftung sein.

Gnadengaben und Wunder

Dies äußert sich dann im Ausbleiben der sogenanntenTaufe mit dem Heiligen Geist. Ein echter wiedergeborener Christ kann nämlich normalerweise Wunder tun, zum Beispiel kann er durch Handauflegung Kranke heilen. Oder er müsste es eigentlich können. Im ersten Brief an die Korinther ist von vielen Gnadengaben die Rede. Der Enthusiasmus der von Paulus gegründeten Christengemeinde in der griechischen Hafenstadt ist legendär. Man wetteiferte um die Geistesgaben, beispielsweise die Glossolalie, eine ekstatische Rede mit unverständlichen Wörtern. Paulus selbst hielt übrigens viel mehr von klaren, verständlichen Sätzen als von charismatischer Verzückung. Klar ist allerdings für die frommen Eiferer heute: Wenn der Geist Gottes zu Wundern führt, wir aber kein einziges davon hinkriegen, nicht einmal ein armseliges Zungenreden, dann muss etwas faul sein mit unserer Geistbegabung. Richtig: Es sind die dämonischen Mächte, die hier ihr Unwesen treiben. Und das muss hart beendet, das Böse radikal ausgetrieben werden.

Das Heil steht unmittelbar bevor

Andererseits gilt die angebliche Zunahme der Macht des Bösen als ein untrügliches Anzeichen für die baldige Wiederkunft Jesu. So wie er in den Himmel aufgefahren ist vor den Augen seiner Jünger, so soll er eben auch wiederkommen. Evangelikales Christentum schwört auf die wörtlich verstandene Naherwartung einer realen Wiederkunft Jesu Christi auf der Erde. Schon die Jünger Jesu lebten wohl in dieser Illusion und gaben sie an die nächste Generation weiter. Auch nach 2000 Jahren Kirchengeschichte lebt dieses Missverständnis des biblischen Zeugnisses unverdrossen weiter und wird anscheinend von Generation zu Generation vererbt. Dabei freut man sich regelrecht über alle Arten von Katastrophen: Schreckliche Ereignisse in der Natur und in der Gemeinschaft der Völker werden als klare Anzeichen der anbrechenden Endzeit begrüßt. Die Apokalypse – die Offenbarung des Johannes – ist mit symbolträchtigen Horrorszenarien nicht nur das letzte Buch der Bibel, sondern für viele Hobbyeschatologen auch das allerliebste: Die Vollendung naht. Dabei stört es auch nicht, dass die Zahl der Auserwählten relativ klein ist, wenn man sich die zwölf mal zwölf mal tausend als Multiplikation vorstellt. Eigentlich müsste der Himmel längst voll sein bei der großen Schar der Gläubigen seit Abraham....

Charismatische Führer als evangelikale Autorität

Freikirchler kennen angeblich keine Dogmen, keine starren Formen im Gottesdienst und im Gemeindeleben. Sie fühlen sich als biblische Schafe und die echten Nachfahren der Jerusalemer Urgemeinde: Ein Hirte und eine Herde. Alle haben alles gemeinsam, alle dienen einander mit ihren Gaben und Fähigkeiten. Es gibt keine Hierarchien, Spontaneität und Freiheit prägen das Glaubensleben. Man darf sich eben nur keine Meinungsverschiedenheiten oder gar Abweichungen erlauben. Bezweifelst du nämlich die Autorität eines Predigers, Gemeindeleiters oder gar eines charismatischen Führers, dann ist es aus mit Spontaneität und Freiheit. Du bekommst die ganze dogmatische Härte der irdischen Hirten und ihrer bissigen Hütehunde zu spüren.

Teuflischer Zweifel

Selbst der geringste Zweifel ist erzgefährlich. Im Mittelalter wurden Zweifler und Wissbegierige als Ketzer verbrannt. Galilei musste widerrufen, um sein nacktes Leben zu retten: Seine astronomischen Beobachtungen standen nach Meinung der Inquisition im Widerspruch zu Worten der Bibel. Der Pietismus der Neuzeit setzt diese geistige Feindschaft fort gegen Aufklärung und Emanzipation, gegen Wissenschaft und Fortschritt. Schlimmster Sündenfall ist den selbsternannten Bibeltreuen die moderne Theologie und speziell die wissenschaftliche Exegese der biblischen Schriften im Verständnis antiker Weltanschauung und vergleichender Religionswissenschaft. Die Ausbildung des Nachwuchses geschieht deshalb nicht auf Universitäten, sondern auf eigenen rechtgläubigen Bibelschulen und Seminaren. Forschender menschlicher Intellekt, kritisches Hinterfragen vermeintlicher Sicherheiten galten und gelten den Fundamentalisten als prinzipiell widergöttlich. Hatte nicht schon die teuflische Schlange im Paradies Adam und Eva verfängliche Fragen gestellt und geschickt Zweifel gesät? Charles Darwins Evolution, Karl Marx‘ Gesellschaftstheorie, Sigmund Freuds Psychoanalyse und Albert Einsteins Relativitätstheorie müssen allesamt falsch sein, stellen sie doch ein wortwörtliches Verständnis der Bibel in Frage. Grund zur Ablehnung für Wiedergeborene, die sich gerne Kreationisten nennen und den biblischen Schöpfungsbericht für bare Münze nehmen.

Befreiung als Verlust

Für viele junge Christen ist die dogmatische Lebensphase eine wichtige Stufe in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Schmerzhaft ist allerdings der Abschied von diesem dogmatisch festgefügten Weltbild. Oft ist es die größere Lebenserfahrung gepaart mit einem stärkeren Gebrauch des Verstandes, die zu mehr Toleranz, zu mehr Offenheit und tieferen Einsichten in die vielfältige Wirklichkeit führt. Persönlich wird dieser Wachstumsprozess als tiefe, verunsichernde Glaubenskrise, als Bruch erlebt: Die alten eindimensionalen Sicherheiten entpuppen sich als hinfällig, ohne dass gleich neue Sicherheiten an ihre Stelle treten können. Zudem fällt der junge Christ in dieser Relativierung seiner bisherigen Überzeugungen aus der Solidarität seiner bisherigen Glaubensgemeinschaft heraus. Erst betet man intensiv für ihn, dass Gott ihn wieder auf den rechten Weg führen möge, dann sortiert man ihn als Abtrünnigen aus und meidet den Kontakt mit ihm. Dieser Verlust der vertrauten Beziehungen verstärkt den seelischen Schmerz und die Verunsicherung. Wohl dem, der in dieser Krise Gleichgesinnte findet und mit ihnen neue Glaubenserfahrungen machen kann!

Christentum ohne Fundamentalismus

Mitten in dieser Krise reift ein neues, undogmatisches Christentums: Mit Jesus dem Christus lässt sich nun mal kein Devotionalienhandel mit absoluten Sicherheiten eröffnen.

Weder mit dem Christus, der in die göttliche Sphäre der höchsten Werte aufgefahren ist, noch mit dem Christus, der wiederkommen soll am Ende der Zeiten.

Pfarrer Lutz Poetter

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