ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.5.2019

Schöpfung und Evolution

von Lutz Poetter

Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren erschien sein bahnbrechendes Hauptwerk "Die Entstehung der Arten".

Seine Beobachtungen und Erkenntnisse sind längst Allgemeingut geworden: Das Leben auf dem Planeten Erde hat sich im Laufe von Jahrmillionen vom Einzeller bis zu den kompliziertesten Lebensformen entwickelt. Auch die Spezies Mensch ist aus der Evolution hervorgegangen, Urmenschen und Affen sind nahe Verwandte. Im Prozess der Evolution entscheidet die Anpassung über Leben und Sterben. Nur die Arten überleben, die sich optimal an veränderliche Umwelteinflüsse angepasst haben. Scheinbar steht diese wissenschaftliche Sichtweise der Entstehung des Lebens auf der Erde im radikalen Gegensatz zur traditionellen kirchlichen Ansicht, die sich auf den biblischen Schöpfungsbericht beruft. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde...", so beginnt das Buch Genesis. Die Erschaffung der Welt und die Anfertigung des ersten Menschenpaares im Garten Eden vor 6000 Jahren passten nicht zur Evolutionstheorie.

Darwin als Ketzer

Der junge Charles Darwin selbst war sich bewusst, dass er für seine Erkenntnisse und Veröffentlichungen wenig Beifall ernten würde in seiner Anglikanischen Kirche. Und diese Church of England kannte er ziemlich gut. In den Fußstapfen von Großvater und Vater sollte der junge Charles im Anschluss an die Schule Medizin studieren und Arzt werden. Die Naturwissenschaften faszinierten den jungen Studenten, alles Medizinische jedoch lag ihm nicht. Daraufhin folgte er dem Wunsch seines Vaters, in Cambridge Theologie zu studieren , um dann anglikanischer Pfarrer zu werden. Darwin legte das theologische Examen ab – und folgte der Einladung zu einer wissenschaftlichen Weltreise: An Bord des Segelschiffs "Eagle" war er fünf Jahre in Südamerika unterwegs. Auf dieser Reise erlebte er seine wahre Berufung als Naturforscher. Seine Forschungen und Beobachtungen als Geologe, Botaniker und Zoologe wurden die Grundlage seiner bahnbrechenden Evolutionstheorie, die er nach seiner Reise Stück für Stück entwickelte. Doch Darwin zögerte fast zwanzig Jahre, seine Erkenntnisse auch zu veröffentlichen. Als er es tat, zog er sich den heftigen Widerspruch der meisten Theologen seiner Zeit zu, die wissenschaftlich noch im Mittelalter lebten. Sie sahen in Darwin einen Feind der biblischen Schöpfungslehre, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt.

Kreationisten contra Darwin

Auch in unserem Jahrhundert verteufeln fundamentalistische Christen – und übrigens auch Muslime – die Evolutionstheorie Darwins. Sie nennen sich bibeltreue Kreationisten und Anhänger des "Intellegent Design" und setzen durch, dass der biblische Schöpfungsbericht quasi als alternative Theorie der Weltentstehung an Schulen und Universitäten gelehrt wird. In den USA glaubt ein großer Prozentsatz der Bevölkerung den Fundamentalisten mehr als den Wissenschaftlern Darwin und Co. Die Anglikanische Kirche hat ihren Fehler inzwischen eingestanden und Darwin rehabilitiert, auch in Deutschland können aufgeklärte Christen aller Konfessionen inzwischen gut mit den revolutionären Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften leben.

Magisches Denken

Für die Fundamentalisten ist die Bibel ein "heiliges Buch". Sie glauben an die Verbalinspiration: Gott selber hätte den Text der Heiligen Schrift sozusagen diktiert, die Menschen hätten nur dem göttlichen Diktat ihre Handschrift geliehen. Damit wäre der Bibeltext buchstabengeteu göttliche Wahrheit. Jede biblische Aussage wäre quasi über jeden Zweifel und jeden irdischen Deutungsversuch erhaben und müsste wortwörtlich als historisch und dokumentarisch absolut authentisch gelten.

Diese transzendente Qualität der Heiligen Schrift ist ein Mythos. Die wissenschaftliche Erforschung der Bücher des Alten und Neuen Testaments des 19. und 20. Jahrhunderts mit den Methoden der historisch-kritischen Exegese hat den wahren Charakter der Bibel zum Vorschein gebracht. Das Buch der Bücher ist eine Sammlung von Glaubenszeugnissen des Volkes Israel und der frühen Christenheit. Die Bibel ist ein durch und durch menschliches Werk aus der Erfahrung gelebten Glaubens und unbeugsamer Hoffnung. Sie überliefert eine im Glauben gegründete subjektive Sicht auf die Herkunft und die Geschicke des Volkes Israel. Viele der in der Bibel gesammelten Geschichten haben ein hohes Alter und sind lange mündlich überliefert worden, bevor Priester sie aufschrieben und so vor dem Vergessen bewahrten.

Darwin: Die Entstehung der Arten

Mythen – die andere Wirklichkeit

Die Erzählungen der Bibel entstammen verschiedenen Gattungen. Die biblische Schöpfungsgeschichte zum Beispiel gehört zur Gattung der antiken Ursprungsmythen von der Erschaffung der Welt, den sogenannten Kosmogonien. Alle Völker erzählen solche sagenhaften Ursprungsgeschichten. Mal erschuf eine Gottheit die Welt aus einem Ur-Ei, mal erlegt ein göttlicher Held die Urschlange und formt aus ihrem Leib die Erde. Andere Mythen handeln von einem dämonischen Demiurgen, der die Schöpfung als eine Art kosmisches Spielzeug erfand und bald die Lust daran verlor. Die griechische Mythologie erzählt von der urzeitlichen Vermählung von Uranos und Gaia, Himmel und Erde, der Sohn Chronos = Zeit wird geboren...

Schöpfergott Jahwe

Die biblische Schöpfungsgeschichte der Genesis hat einen besonderen Zielpunkt: Jahwe, der eine Gott Israels ist zugleich auch der Schöpfer des Himmels und der Erde, dem einen Gott verdankt sich alles Sein. Gleichzeitig hält der Bericht die Erinnerung an ältere kanaanäische Kosmogonien fest, die von den Chaosmächten erzählen: Urflut und Tohuwabohu wurden planvoll geordnet. Diese Ursprungsmythen können und wollen keine vorwissenschaftlichen Erklärungen sein und dürfen auch nicht als quasi exakte Entstehungsgeschichte der Welt missverstanden werden. Um es einfach auszudrücken: Es war nicht so, wie der Mythos es beschreibt, und die antiken Menschen wussten das.

Unser Begriff der historischen Wahrheit, dem moderne Geschichtsschreibung und exakte wissenschaftliche Dokumentation sich verpflichtet fühlt, war den Menschen der Antike fremd. Sie suchten nicht nach objektiven Fakten, sondern schufen dramatische Kunstwerke. In der Tat ist der Mythos dem Drama, der Kunst näher als der frühen Geschichtsschreibung. Und die Menschen der Antike lebten, glaubten und feierten im Mythos eine starke Form der Wirklichkeit, die mit der banalen Alltagsrealität wenig gemein hat. Jedes Königsgeschlecht stammte direkt von den Göttern ab, jeder Herrscher erklärte sich zur transzendenten Jungfrauengeburt und würde nach seinem Tode als Stern am Firmament auferstehen. Zwar kannte jeder im Volk Vater und Mutter des Potentaten, aber das tat seiner Göttlichkeit keinen Abbruch. Sogar noch die eher praktisch veranlagten römischen Kaiser wollten nicht auf diese mythische Würde verzichten. Nur Juden und Christen im römischen Reich hielten das für Gotteslästerung.

Heilsgeschichte contra Profangeschichte

Auch in der Geschichtsschreibung des Volkes Israel finden sich überall mythische Passagen. So ist nach dem biblischen Bericht das gesamte Volk der zwölf Stämme aus Ägypten ausgezogen unter Moses Führung. Historisch hat sich der Zwölfstämmeverband wohl erst in Kanaan-Palästina gebildet, längst nicht alle Israeliten sind also Nachkommen der ägyptischen Auswanderer. Dennoch gehört jeder, der das Passamahl feiert mit zum Volk, das Gott aus dem Land des Pharao befreite. Schon der biblische Bericht ist an vielen Stellen mehrdeutig. Die Schilderung des Zuges durch das Schilfmeer gibt es in zwei Versionen: Einmal teilt Mose mit seinem Stab das Wasser, einmal bläst ein starker Wind das Meer beiseite. Der Redaktor wollte sich nicht zwischen beiden Versionen entscheiden und verwob sie beide kunstvoll in seinem Bericht.

Jesus von Nazareth als der Christus

Auch die vier Evangelien des Neuen Testaments sind keineswegs historisch exakte Biografien über Jesus von Nazareth und sein Wirken. Das wird schon daran deutlich, dass jeder der vier Evangelisten ein eigenes Werk vorlegt, das eine bestimmte Sichtweise zeigt. Schon früh waren aufmerksamen Leser der Evangelien "Widersprüche" in den Berichten aufgefallen, es stellte sich dann die Frage nach dem sogenannten "historischen Jesus". In den subjektiven Glaubenszeugnissen sollte der objektive Kern gefunden werden: Wer war Jesus von Nazareth wirklich, was hat er selber gelehrt und getan, wie hat er sich selber gesehen und seine Mission? Die Evangelien aber sind an dieser Reduktion nicht interessiert. Für die frühen Christen ist Jesus von Nazareth der Christus des Glaubens. In ihm hat Gott den Menschen seine Liebe offenbart und die Todesmacht besiegt. Glaube übersteigt die Realität. Ostern und das Fest der Auferstehung sind etwas ganz anderes als die irreale Wiederbelebung eines Leichnams.

Darwin hat die Biologie aufgeklärt. Aufklärung hat aber auch in der Theologie stattgefunden – zum Glück.

Pfarrer Lutz Poetter