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20.1.2019

Wunderkind, Virtuose und Wiederentdecker Bachs
Zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy

von Torsten Lüdtke


Felix Mendelssohn Bartholdy

Am 3. Februar 1809 wurde der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy als zweites Kind des Bankiers und Mitinhabers des gleichnamigen Bankhauses, Abraham Mendelssohn (1776 – 1835), und seiner Frau Lea (geb. Salomon, 1777 – 1842) in Hamburg geboren.

Unmittelbar nach der Hochzeit war der Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn mit seiner Frau Lea von Berlin nach Hamburg gezogen, um die dortige Niederlassung des Bankhauses zu leiten. In der Großen Michaelisstraße 14 bezog er mit seiner Frau ein geräumiges und repräsentatives Eckhaus, wo ein Jahr später die Tochter Fanny (1805 – 1847) geboren wurde. Zu der vier Jahre älteren Schwester sollte Felix Mendelssohn Bartholdy zeitlebens eine besonders enge und innige Beziehung pflegen. In Hamburg erblickte auch das dritte Kind der Familie, die Tochter Rebecca (1811 – 1858) das Licht der Welt.

Die wirtschaftliche und politische Situation der ehemals Freien Reichs- und Hansestadt Hamburg hatte sich im Laufe des Jahres 1811 allerdings grundlegend geändert: Von französischen Truppen besetzt und auf Anordnung Napoleons zur Hauptstadt des Departéments des Bouches de l'Elbe erklärt, war Hamburg dem französischen Kaiserreich angegliedert worden. In der – vor allem auf den England-Handel ausgerichteten – Hafenstadt kamen der Warenaustausch und die Geschäftstätigkeit durch die französische Kontinentalsperre nahezu zum Erliegen, so dass die Familie Mendelssohn nur wenige Wochen nach der Geburt der Tochter beschloss, zurück in die preußische Residenzstadt Berlin zu ziehen.

In Berlin wurde dann ein Jahr später das letzte Kind der Familie, der Sohn Paul (1812 – 1872) geboren, der wie Felix und die anderen Geschwister im Geist der Aufklärung und des Christentums erzogen wurden; schließlich wurden am 21. März 1816 Fanny, Felix, Rebecca und Paul durch den Pfarrer der Berliner Jerusalems- und Neuen Kirch-Gemeinde, Johann Jacob Stegemann, evangelisch getauft. Von der sehr musikalischen Mutter erhielten Felix und seine vier Jahre ältere Schwester Fanny den ersten Unterricht im Klavierspiel. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris 1816, dem kulturellen Mittelpunkt Europas, wurden Felix und Fanny in Berlin durch Ludwig Berger im Klavierspiel, von Carl Wilhelm Henning im Violinspiel und von Carl Friedrich Zelter, dem Leiter der Berliner Singakademie, in Komposition unterrichtet.

Am Oktober 1818 trat der neunjährige Felix Mendelssohn Bartholdy zum ersten Male öffentlich in Berlin als Klaviervirtuose auf. Drei Jahre später, ebenfalls im Herbst, begleitete er Zelter auf einer Reise nach Weimar, wo Zelter am 4. Oktober 1821 seinem Freund Goethe den "Wunderknaben" als seinen besten Schüler vorstellte; der Geheime Rat zeigte sich vom musikalischen Können und dem Spiel des Knaben sehr beeindruckt. Auch Carl Maria von Weber, der zur Aufführung seines "Freischütz" ebenfalls 1821 in Berlin weilte, lernte den jungen Virtuosen kennen und äußerte sich sehr anerkennend.


Das Mendelssohn‘sche Haus in der Leipziger Straße in Berlin

Zu den regelmäßig stattfindenden Hauskonzerten der Familie Mendelssohn wurden erstmals 1822 auch Musiker der königlichen Kapelle geladen, die die musizierende Familie unterstützten und auch die Aufführung größerer Werke möglich machten. Während dieser Konzerte wurden auch die ersten größeren eigenständigen Kompositionen Felix Mendelssohn Bartholdys aufgeführt, dabei spielte er gern die Klavier- oder Violinstimme oder dirigierte das kleine Orchester.

Als wichtige Geschäfte Abraham Mendelssohn 1825 nach Paris führten, begleitete ihn sein Sohn dorthin. Felix Mendelssohn Bartholdy konnte in Paris nicht nur das reiche musikalische Leben in der europäischen Metropole der Musik erleben, sondern er konnte auch Kontakte zu bekannten Musikern und Komponisten wie Giacomo Meyerbeer, Gioachino Rossini und Luigi Cherubini knüpfen. Cherubini war es dann auch, der durch sein anerkennendes Urteil den noch zweifelnden Vater Abraham Mendelssohn überzeugte, dass Felix eine bedeutende Karriere als Musiker bevorstehe.

Nun stand dem Wunsch Felix Mendelssohn Bartholdys, Musiker zu werden, nichts mehr im Weg. Aber nicht nur auf dem Gebiet der Musik war Felix Mendelssohn außerordentlich begabt, auch im künstlerischen Bereich und in den Sprachen zeichnete er sich durch herausragende Leistungen aus: So hat er, als ein begabter Maler und Zeichner, eine Vielzahl an Zeichnungen und Aquarellen hinterlassen; aber auch eine deutsche Bearbeitung der Komödie "Andria" des Terenz ist unter seinem Namen überliefert.

Noch bevor Felix Mendelssohn Bartholdy die Universität in seiner Heimatstadt Berlin bezog, komponierte er im Alter von 17 ½ Jahren ein kurzes Musikstück, das für seinen weiteren Lebensweg bedeutsam sein sollte: Die Ouvertüre zu Shakespeares Drama "A Midsummer-Night’s Dream", deren Partitur er am 6. August des Jahres 1826 vollendete. Noch 1826 wurde die Ouvertüre in Berlin unter großem Beifall des Publikums aufgeführt.

Ein weiterer Erfolg des jungen Musikers war die Aufführung der zweiaktigen Oper "Die Hochzeit des Gamacho", die auf einer Episode aus Cervantes' "Don Quixote" und einem Libretto von Karl Klingemann basierte, im Berliner Schauspielhaus 1827. Doch wurde das Stück nach nur einer Vorstellung – wohl des mäßigen Librettos wegen – vom Spielplan abgesetzt.

Den bleibenden Dank des musikalischen Berlins erwarb sich Mendelssohn aber mit der Wiederaufführung der nahezu vergessenen "Matthäus-Passion" Johann Sebastian Bachs, von deren Original-Partitur er eine Abschrift besaß und die er gegen den Widerstand seines Lehrers Zelter im März 1829 in der Singakademie dirigierte.

Nur wenige Wochen später trat er – auf Einladung seines Freundes Ignaz Moscheles und nach beendeten Universitätsstudien – eine Reise zur Musiksaison in London an, wo er auch als Komponist und Solist seiner eigenen Werke auftrat. Im Mai 1829 leitete er die Aufführung seiner Ouvertüre zum Sommernachtstraum, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Bei der Wiederholung der Aufführung während eines Konzertes der berühmten Sopranistin Henriette Sonntag am 13. Juli 1829 wurde der junge Komponist mit euphorischen Beifall gefeiert.

Von London aus reiste Felix Mendelssohn Bartholdy in das schottische Hochland, dessen beeindruckende Landschaft er in Zeichnungen und Aquarellen festhielt und die ihn zu weiteren Werken, wie der "Hebriden"-Ouvertüre, der "Schottischen Sonate", der Phantasie über "The Last Rose" und nicht zuletzt der "Schottischen Sinfonie" inspirierte, die er nach seiner Rückkehr in Berlin beendete.

Im Mai 1830 machte sich Felix Mendelssohn Bartholdy zu einer Reise nach Italien auf; dabei führte ihn der Weg über Weimar nach München, schließlich auch über Salzburg und Wien nach Venedig. Tief bewegt zeigte sich der Künstler von dem Eindruck, den die Lagunenstadt auf ihn machte; in einem Brief aus Italien heißt es: "Was ich mir als höchste Lebensfreude, seit ich denken kann, gedacht habe, das ist nun angefangen und ich genieße es." Von Venedig aus reiste er weiter über Florenz nach Rom, wo er Anfang November 1830 anlangte. In Rom schloss sich Mendelssohn der recht großen deutschen Kolonie an, wo er mit zahlreichen Künstlern und Gelehrten verkehrte. Auch beim preußischen Gesandten, Karl Josias (von) Bunsen, einem Nachfolger seines Onkels, war er häufig zu Gast.

Aber auch mit dem Abbate Fortunato Santini, der eine reichhaltige Bibliothek von alten italienischen Musikhandschriften besaß, und die eine wahre Fundgrube für ihn darstellen sollte, sowie mit dem Abbate Guiseppe Baini, dem ersten Kapellmeister der päpstlichen Kapelle unterhielt Mendelssohn Bartholdy in Rom enge Beziehungen. Durch diese intensiven Eindrücke angeregt, entstanden in Rom das erste Heft der "Lieder ohne Worte", der "115. Psalm für Chor und Orchester" und "Einige geistliche Lieder Luthers", sowie "Drei Motetten für weibliche Stimmen", die Mendelssohn Bartholdy für die Nonnen der Kirche Trinità de‘ Monti – oberhalb der Spanischen Treppe auf dem Monte Pincio gelegen – komponierte. Im Rom empfing er schließlich auch die Anregungen zu seiner "italienischen" Symphonie.

Nach einem längeren Ausflug nach Neapel trat Felix Mendelssohn im Juni 1831 die Rückreise über Florenz, Genua, Mailand, die Borromäischen Inseln und die Schweiz an. Im September weilte er zunächst in München, wo er sein erst kurz zuvor vollendetes Klavierkonzert in g-moll aufführte. Der ihm von der Intendanz des Münchner Hoftheaters erteilte Auftrag, eine Oper zu komponieren, kam Mendelssohn Bartholdys Wunsch, sich auch auf musik-dramatischem Gebiet zu versuchen, zwar entgegen, doch blieb dieses Verlangen unbefriedigt, da es kein Libretto gab, das seinen (hohen) Ansprüchen genügt hätte.

Vom Dezember 1831 bis zum April 1832 weilte Felix Mendelssohn Bartholdy in Paris, und obgleich der Aufenthalt für ihn an musikalischen Anregungen und Genüssen reich war und er dort als Komponist wachsende Popularität gewann, konnte er dort nicht recht heimisch werden. Nach einem kurzen Aufenthalt in London kehrte Mendelssohn Bartholdy schließlich im Mai 1832 nach Berlin zurück wo er die Nachricht vom Tode seiner Freunde Goethe und Zelter erhielt. Auf Drängen seines Vaters bewarb sich der gefeierte Virtuose 1833 auf den vakanten Posten des Leiters der Berliner Singakademie, den er trotz seiner Verdienste und der lange währenden und engen Beziehungen nicht erhielt. Aufgebracht und gekränkt über diese Entscheidung – bei der auch antisemitische Gründe eine Rolle gespielt haben mögen -, verließ Mendelssohn Bartholdy seine Heimatstadt und nahm schließlich ein dreijähriges Engagement als Musikdirektor in Düsseldorf an. In Düsseldorf war er nicht nur für das Musiktheater und den Gesangverein, sondern auch für die Kirchenmusiken zuständig. Der Theaterarbeit war Felix Mendelssohn Bartholdy bald überdrüssig, und so wandte er sich mehr und mehr dem Oratorium zu; hier vollendete er auch den größten Teil seines ersten Oratoriums "Paulus".

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Leiter der Musikfestes in Köln nahm Mendelssohn Bartholdy die Stelle des Leiters der Gewandhauskonzerte an. Am 4. Oktober 1835 feierte er mit seinem ersten Konzert im Gewandhaus einen ersten Triumph. Kurz nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Leipzig, am 19. November 1835, starb sein Vater. Der glückliche und harmonische Familienkreis, in dem Felix Mendelssohn Bartholdy bis dahin gelebt hatte, war dadurch tief getroffen. "Ich habe an meinem Vater so ganz und gar gehangen", äußerte er, "dass ich nicht weiß, wie ich mein Leben nun fortsetzen werde, weil ich nicht blos den Vater entbehren muss, sondern auch meinen einzigen ganzen Freund während der letzten Jahre und meinen Lehrer in der Kunst wie im Leben."


Das erste Gewandhaus, Gemälde von Felix Mendelssohn Bartholdy

Das musikalische Leben in Leipzig erlebte unter Felix Mendelssohn Bartholdy – ebenso wie unter dem von ihm bewunderten Bach – einen raschen Aufschwung. Am 20. März 1836 erhält der frischgebackene Gewandhauskapellmeister als Anerkennung seiner Verdienste um die Musik und für seine Tätigkeit die Ehrendoktor-Würde der Universität. Rund ein Jahr später, am 28. März 1837 heiratete Felix Mendelssohn Cécile Jeanrenaud, die Tochter eines reformierten Predigers aus Frankfurt am Main, die er im Jahr zuvor in Frankfurt kennengelernt hatte. Aus der äußerst glücklich verlaufenen Ehe gingen fünf Kinder hervor, die allesamt in Leipzig zur Welt kamen: Carl (1838 – 1897), Marie (1839 – 1897), Paul (1841 – 1880), Felix jun.(1843 – 1851) und Lili (1845 – 1910).

Den Sommer nach der Vermählung verbrachte das junge Paar in Frankfurt und am Rhein, bis Felix Mendelssohn Bartholdy einem Ruf nach Birmingham nachkam, wo am 20. September 1837 währen des Birmingham Festival das Oratorium "Paulus" aufgeführt wurde. Nach der Rückkehr nach Leipzig beginnt für den Komponisten eine außerordentlich erfolgreiche und produktive Zeit.

Nach einer bereits im vorhergegangenen Jahre mit vielem Glück geleiteten großen Aufführung von Händels "Israel in Egypt" folgte nun der "Messias". Vom Grundsatz "wenigstens ein Stück auf dem Programm zu haben, wodurch man möglicher Weise einen Fortschritt nachweisen könne" geleitet, versuchte Mendelssohn Bartholdy, in einer Reihe sogenannter "historischer Concerte" den Entwickelungsgang der Tonkunst von Bach bis in die Gegenwart "durch einzelne hervorragende und charakteristische Werke" darzustellen.

1841 verlieh ihm der sächsische König den Titel eines Kapellmeisters, und im April 1841 führte Mendelssohn Bartholdy Bachs "Matthäus-Passion" erstmals nach dem Tode Bachs wieder in Leipzig auf und beschloss damit gleichsam auch sein Wirken in Leipzig, um im Juli dem Ruf des preußischen Königs zu folgen und als Kapellmeister nach Berlin zu wechseln.

In Berlin sollte Felix Mendelssohn Bartholdy bei der Reform der Königlichen Akademie der Künste mitwirken und den Domchor leiten, doch zerschlugen sich die hochfliegenden Pläne des Königs, Berlin zur Kunsthauptstadt im deutschsprachigen Raum zu machen. Auch wenn Mendelssohn Bartholdy im Herbst 1842 zum Preußischen Generalmusikdirektor ernannt wurde, ließ er sich nicht davon abhalten, andere musikalische Verpflichtungen einzugehen; so reiste er – zusammen mit seiner Frau – erneut nach England, wo er u. a. auch seine "Schottische Sinfonie" dirigierte und auch in Leizig trat er wieder bei den Gewandhauskonzerten auf.

Doch entstanden für den preußischen König anspruchsvolle musikalische Werke, so die Bühnenmusiken zu "Antigone", zu "Oedipus Coloneus" und zu "Athalie". Die zum Ouvertüre zu "Ein Sommernachtstraum" wurde auf Wunsch und Anregung des Königs zur opernhaft ausgeführten Schauspielmusik erweitert. Die wiederholten Ehrungen durch den "Künstler auf dem Thron" – 1842 erhielt Mendelssohn Bartholdy den hohen preußischen Verdienstorden "Pour le mérite" – konnten den Generalmusikdirektor nicht in Berlin halten.

Im September 1845 kehrte Mendelssohn an seine alte Stelle am Gewandhaus zurück; bereits zwei Jahre zuvor hatte er in den Räumen des Gewandhauses das "Leipziger Conservatorium" – die erste Musikhochschule auf deutschem Boden – gegründet und war im selben Jahr zum Ehrenbürger der Stadt Leipzig ernannt worden. Seine Konzerttätigkeit am Gewandhaus, wie auch seine Lehrtätigkeit am Konservatorium nahm Mendelssohn sehr ernst; daneben widmete er sich der Arbeit an seinem zweiten großen Oratorium, dem "Elias", der am 26. August 1846 beim Birmingham Festival uraufgeführt wurde. Doch war durch die unermüdliche Arbeit und die anstrengenden Reisen der Gesundheitszustand des Künstlers sehr angegriffen. Im Frühjahr 1847 reiste Mendelssohn ein letztes Mal nach England, um die Aufführung des Oratoriums "Elias" persönlich in der Londoner Exeter Hall, in Manchester und in Birmingham zu leiten.

Während der England-Reise war seine Schwester Fanny am 14. Mai in Berlin gestorben. Die Nachricht vom Tod der Schwester wirkte wie ein Schock auf den sensiblen Künstler; nach und nach zog sich Mendelssohn Bartholdy aus dem öffentlichen Leben zurück. "Ein großes Capitel ist nun eben aus" – so schrieb er – "und von dem nächsten ist weder die Ueberschrift, noch das erste Wort bis jetzt da. Aber Gott wird es schon recht machen; das passt an den Anfang und Schluss von allen Capiteln." Ein Kuraufenthalt in der Schweiz während der Sommermonate konnte ihm indessen keine Linderung bringen.

Am 28. Oktober erlitt Felix Mendelssohn Bartholdy einen Schlaganfall, an dessen Folgen er auch am 4. November 1847 in Leipzig gestorben ist. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Dreifaltigkeits-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg.