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17.7.2019

Hofprediger Adolf Stoecker

von Lutz Poetter

Der christlich-soziale Kirchenmann, konservative Politiker und antisemitische Agitator starb vor 100 Jahren. In Berlin hat er seine Spuren hinterlassen.

Adolf Stoecker wurde 1835 in der Garnisonstadt Halberstadt im nördlichen Harzvorland geboren. Er wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, sein Vater, ein gelernter Schmied wurde nach seinem Militärdienst Inspektor des örtlichen Zuchthauses. Der Sohn wuchs in der alten Ordnung auf: Militärische Disziplin, Vaterlandsliebe, Begeisterung für die Monarchie prägten seine Erziehung. Die bürgerliche Revolution von 1848 nahm der Jugendliche als Zerrüttung der Ordnungen des gewohnten Lebens wahr. Adolf war ein guter Schüler und gab aus Geldnot Nachhilfeunterricht bei begüterten Familien seiner Heimatstadt. Als 17jähriger hatte er im letzten Schuljahr im Sommer 1853 sein persönliches Erweckungserlebnis: Gott nahm sich seiner an und brachte ihn zum Licht. "So tief bin ich damals in die Lebensmacht des Christentums hineingeführt, dass ich von da ab niemals wieder ernstlich in Zweifel oder Anfechtung des Glaubens gefallen bin." Diese Gewissheit seiner pietistisch-evangelikalen Frömmigkeit begleitete Adolf Stoecker lebenslänglich.

Noch im selben Jahr ging er als Theologiestudent nach Halle. Beim neupietistischen Professor Tholuck suchte und fand er die Disziplin der Glaubensvermittlung. An kritischer wissenschaftlicher Theologie hatte er kein Interesse: "Zweifel kommt vom Teufel. Es gibt Gedanken, die man einfach totschlagen muss," riet er später einem jungen Theologen. Dafür führte der junge Stoecker ein Leben als wilder Korpsstudent. Er wurde Mitbegründer einer schlagenden Verbindung, der Burschenschaft Borussia, ein Meister des Fechtbodens und der Kommerse. Nächtliche Eskapen brachten ihm wegen Ruhestörung eine 14tägige Karzerhaft und die Relegation von der Universität ein. Stoecker wechselte nach Berlin, setzte sein Studium beim pietistisch eingestellten Theologen Nitsch fort. Mit 22 Jahren legte er sein Examen ab. Die nächsten fünf Jahre war der Kandidat Stoecker als Hauslehrer bei von ihm bewunderten Adelsfamilien engagiert, unter anderem bei der Familie Lambsdorff im Balticum.

1863 trat Adolf Stoecker im Alter von 27 Jahren seine erste Pfarrstelle an, in der kleinen Landgemeinde Seggerde in der Altmark. Drei Jahre später wechselte er als Pfarrer in den Industrieort Hamersleben in der Magdeburger Börde. Hier begegnete er erstmalig der akuten Notlage der Arbeiterfamilien und beschäftigte sich intensiv mit der "Sozialen Frage".

1871 wurde Stoecker im Jahr des deutschen Sieges über Frankreich und der Reichsgründung Divisionspfarrer der deutschen Truppen im gerade annektierten Metz. Der frisch vermählte Stoecker erwarb sich in Frankreich einen legendären Ruf als Militärgeistlicher: Seine patriotischen Predigten drangen bis ans Ohr des Kaisers. Wilhelm I. berief ihn 1874 als 4. Hof- und Domprediger nach Berlin. Pfarrer Stoecker war nun ein Teil der höfischen Kreise Berlins und seiner Adelsgesellschaft, die er immer bewundert hatte – wegen ihrer gottgegebenen "Gabe des Herrschens". Das Hofpredigeramt ließ Stoecker viel Freiraum. Daneben engagierte er sich in der "Inneren Mission", er übernahm 1877 die Leitung der neu gegründeten "Berliner Stadtmission". Als Antwort auf die soziale Not der Arbeiterschaft wünschte sich Stoecker eine Sozialreform, die eine Hinwendung der Industriearbeiter zur Kirche und zur Monarchie bewirkte. Seine erbitterten Gegner waren kirchen- und monarchiekritische Sozialdemokraten als echte politische Vetreter der Arbeiterklasse und der in Stoeckers Augen zu liberale Reichskanzler Otto von Bismarck.

Pfarrer Stoecker wollte nun selbst in die Politik eingreifen, dazu gründete er eine neue Partei: Die "Christlich-Soziale Arbeiterpartei". Die Gründung misslang, Arbeiter gab es nicht in Stoeckers politischem Umfeld, die Partei fiel bei den Reichstagswahlen 1878 glatt durch. Stoecker ließ den Zusatz "Arbeiter" weg und fand neue politische Bündnispartner im erzkonservativen kleinbürgerlichen Milieu. Der politische Pfarrer schloss sich der Deutschkonservativen Partei an, wurde für sie Abgeordneter im Preußischen Landtag und Mitglied des Reichstags.

Innerhalb der Deutschkonservativen gehörte Stoecker zum äußerst rechten Flügel, zur "Kreuzzeitungspartei", die im scharfer Opposition zu Bismarck stand. Welche Ziele verfolgte der politisierende Pfarrer? Er wollte das deutsche Volk retten, das er vom Umsturz, vom Unglauben und Liberalismus bedroht glaubte. Einzige Rettung sah er in der Wiederherstellung der alten Ordnung: Monarchie, Vaterland, Militär und Kirche als Säulen und Garanten gelungenen Lebens. Der zersetzende Liberalismus schien Stoecker der Hauptfeind dieser Rettung zu sein. Liberalität hatte ja die Gott, Kaiser und Vaterland verratende Sozialdemokratie erst ermöglicht. Den Vorreiter und Schrittmacher aller zersetzenden liberalen Tendenzen seiner Zeit erkannte Stoecker im modernen Judentum. Ihm stritt er die Bereitschaft zur echten Assimilation an das Deutschtum ab. Stoecker ging geistig im Gleichschritt mit Wilhelm Marr, der 1879 mit seiner Schrift: "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" die angebliche jüdische Fremdherrschaft über die ahnungslosen Deutschen beklagte.

Marr prägte den Begriff "Antisemitismus" als quasi vornehmeres Wort für Judenfeindschaft. Im selben Jahr veröffentlichte der Berliner Professor Heinrich von Treitschke in den Preußischen Monatsheften seinen Beitrag "Unsere Aussichten". Er beklagte die große Macht der jüdischen Elite in Presse, Wirtschaft und Bankwesen bei gleichzeitigem Fehlen jeder Integrationsbereitschaft. Sie trüge damit die Schuld an der ökonomischen und kulturellen Krise Deutschlands: "Die Juden sind unser Unglück." Obwohl Treitschke selbst nicht als Antisemit gelten wollte und andere Universitätsprofessoren ihm deutlich widersprachen: Die Judenfeindschaft gewann mit Heinrich von Treitschke einen prominenten wissenschaftlichen Repräsentanten, der primitive Chauvinismus erhielt durch ihn quasi akademische Würde. Der kaiserliche Hofprediger Adolf Stoecker konnte seinerseits für den theologischen Segen antisemitischer Propaganda sorgen und genoss den Erfolg seiner Agitation: Nicht bei den Arbeitern, aber im kleinbürgerlichen Milieu, bei Handwerkern und Studenten kam der begnadete Prediger gut an.. Auch beim theologischen Nachwuchs fand der Hofprediger interessierte Zuhörer, unter ihnen die späteren evangelischen Bischöfe Wurm, Meiser und Dibelius.

Folgerichtig erlebte der Hofprediger 1880 seine zweite Erweckung: Mit der Gründung der "Berliner Bewegung" gelang ihm der politische Zusammenschluss unterschiedlicher antisemitischer Gruppen. Mit der öffentlich propagierten Judenfeindschaft fand Adolf Stoecker das zentrale Thema seiner politischen und theologischen Wirksamkeit, damit mobilisierte er die Massen.

1883 stieg Pfarrer Stoecker in der kirchlichen Hierarchie auf: Er wurde 2. Hof- und Domprediger. Gleichzeitig geriet er als erzkonservativer, antiliberaler und antisemitischer Politiker immer schärfer in Widerspruch zur Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck.

Stoecker hatte starken Einfluss auf den Kaiserenkel Prinz Wilhelm, der in ihm einen zweiten Martin Luther sah. Stoecker versuchte, Kaiser Wilhelm II. gegen den Reichskanzler einzunehmen. 1889 erzwang Bismarck den Verzicht auf politische Betätigung des Hofpredigers, im folgenden Jahr wurde er vom geliebten Kaiser auch aus seinem kirchlichen Amt als Hof- und Domprediger abberufen.

Stoecker ließ sich allerdings keineswegs bremsen: Er gründete eine neue kirchliche Organisation, den "Evangelisch-Sozialen Kongress", dem sich liberale Theologen wie Friedrich Naumann und Adolf von Harnack anschlossen. Sein Abgeordnetenmandat behielt Stoecker weiterhin, nach Bismarcks Entlassung als Reichskanzler gewann Stoecker erneut Einfluss mit seinen sozialen und antisemitischen Zielen in der Deutschkonservativen Partei. 1896 verließ er seinen Evangelisch-sozialen Kongress, der ihm zu liberal geworden war unter Naumann.

In seinen letzten Lebensjahren war Adolf Stoecker erneut Reichstagsabgeordneter für die Konservativen. Politisch einflusslos geworden schied er 1908 aus dem Reichstag aus. Adolf Stoecker starb am 7. Februar 1909 in Bozen – ein knappes Jahrzehnt bevor die erste Deutsche Republik das erste Kaiserreich ablöste. Antisemitismus, Judenfeindschaft blieben lebendig im deutschen Volk. Ein neuer Adolf betrieb im Dritten Reich die "Endlösung der Judenfrage", womit er Deutschland mitsamt der europäischen Judenheit in die Katastrophe führte.


Adolf Stoecker, Heinrich von Treitschke, Otto von Bismarck