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21.5.2019

Ein Friedensdienst in Norwegen im jüdischen Altenheim Oslo
Auszüge aus einem Projektbericht

von Tessa Olschewski, Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste 2008/09

Mein Freiwilligendienst begann am 1. September in Hirschluch (ein kleiner Ort in der Nähe von Berlin). Dort trafen ca. 150 Freiwillige aus ganz Deutschland aufeinander, die sich am 11. September in die ganze Welt verstreut haben.

Das Seminar war sehr umfangreich. In themenspezifischen Kleingruppen wurden wir intensiv auf unseren Freiwilligendienst vorbereitet. Ich war in der Kleingruppe für die Arbeit mit älteren Menschen und Holocaustüberlebenden.

Anschließend ging es am 11. September mit dem Flugzeug von Berlin aus direkt nach Oslo. Wir neun Norwegen-Freiwilligen wurden herzlich von unserer Ansprechpartnerin und drei Freiwilligen, die schon seit März in Norwegen sind, empfangen. Es begann das länderspezifische Seminar auf einer einsamen Hütte am Oslofjord. Diese einsame Gegend hat einem gleich die typisch norwegische Natur gezeigt, was uns alle sehr beeindruckt hat.

Alle 12 Norwegen-Freiwillige zusammen

Auf der Hütte haben wir uns hauptsächlich mit dem Land Norwegen beschäftigt. Es ging um die Geschichte und um den lang anhaltenden Antisemitismus in Norwegen, besonders zur Besetzungszeit im Nationalsozialismus. Schade ist, dass die meisten gar nicht wissen, dass das Judentum in der Zeit von 1942 – 1945 in Norwegen genauso brutal und hemmungslos zu zerstören versucht wurde, wie in den anderen Teilen Europas zur NS-Zeit. Zum Antisemitismus allgemein in Norwegen kann man sagen, dass den Juden der Aufenthalt in Norwegen erst seit 1841 erlaubt war. Dementsprechend gab es zur Zeit der Okkupation insgesamt nur ca. 2000 Juden in Norwegen. 1/3 der 2000 Juden wurden deportiert und ermordet, der Rest ist nach Schweden geflüchtet. Nur ca. 30 deportierte Juden haben überlebt. Heute gibt es nur noch zwei jüdische Gemeinden in Norwegen, die in Oslo, in der ich arbeite und noch eine zweite in Trondheim.

Der Einstieg in die Arbeit mit den Bewohnern fiel mir nicht schwer, was wahrscheinlich auch größtenteils damit zusammenhing, dass ich von allen die Hilfe bekam, die ich benötigte. Schön war und ist es immer noch, dass Mitarbeiter und Bewohner sehr viel Geduld mit mir haben, was die Kommunikation angeht. Am Anfang auf englisch und mittlerweile auf norwegisch.

Ich hatte erst ein bisschen Bedenken, als deutsche Jugendliche in ein jüdisches Altenheim zu kommen. Man weiß ja nicht, was manche ältere Juden aufgrund ihrer Geschichte für eine Einstellung zu Deutschland haben. Aber auch die Bewohner waren alle sehr erfreut mich kennenzulernen. Vor allem auch, weil seit Jahren mal wieder ein Mädchen als Freiwillige in diesem Altenheim arbeitet. Für die Bewohner ist es schon Routine, dass jedes Jahr ein neuer Freiwilliger aus Deutschland kommt und ein Jahr bleibt. Sie wissen, warum ich in dem Altenheim bin und sind sehr offen zu mir, was mich wirklich freut!

Ich habe auch schon erlebt, dass sich welche bei mir für meine Arbeit bedanken, die ich im Altenheim leiste. Es waren meist Besucher der Bewohner, die ich kennengelernt habe und die wissen wollten, warum ich dort arbeite und was meine Aufgabe ist. Negative Erfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich hier in Norwegen bis jetzt noch nicht gemacht.

Das jüdische Altenheim liegt im Stadtteil von St. Hanshaugen und hängt direkt mit der Synagoge und der jüdischen Gemeinde zusammen. In der jüdischen Gemeinde ist ein jüdischer Kindergarten, in dem auch ein Freiwilliger von ASF arbeitet.

Das Altenheim besteht aus fünf Etagen und kann insgesamt 22 Bewohner unterbringen. Zur Zeit leben 19 Bewohner in dem Altenheim, drei Männer, 16 Frauen. Dieses Altenheim ist nur für Juden eingerichtet und achtet darauf, dass die jüdischen Regeln und Feiertage eingehalten werden. Die Leitung unterliegt einer Nichtjüdin, die allerdings in Kontakt mit der jüdischen Gemeinde Oslo steht. Die Bewohner werden medizinisch, mit Essen und Programm versorgt. Es ist eine Freiwilligenstelle eingerichtet, weil das Altenheim jungen Deutschen die Möglichkeit der Verständigung mit Opfern des Zweiten Weltkrieges ermöglichen will. Zudem nutzen sie die Unterstützung der Arbeit durch den Freiwilligen und es ist ein sehr schönes Erlebnis für die älteren Menschen, mit jungen Menschen im ständigen Kontakt zu stehen. Das hält sie auch zu einem gewissen Grad wacher und aktiver und macht das Altenheim somit attraktiver. Meine Arbeitsstelle ist nur 15 Gehminuten von mir entfernt, was für mich bedeutet, dass ich frühstens um 8.30 Uhr aufstehen muss. Meine Arbeit beginnt schon auf dem Hinweg, auf dem ich an der Post vorbei muss, um das Postfach für das Altenheim zu leeren. Da die Post um 9.00 Uhr aufmacht, beginnt mein Arbeitstag morgens um 9.00 Uhr und endet am Nachmittag um 15.30 Uhr. Ich arbeite montags bis freitags und an den jüdischen Feiertagen, am Wochenende und an Festtagen habe ich frei. Nachdem ich die Post abgeholt habe, komme ich kurz nach neun im Altenheim an. Da es ab 9.00 Uhr Frühstück gibt, sitzen schon die ersten auf ihrem Platz und essen. Bevor ich selber frühstücken kann, ist es meine Aufgabe, den Bewohnern, die alleine nicht mehr dazu in der Lage sind, beim Zusammenstellen der Frühstücksteller zu helfen. Nach einer Weile kennt man die Bewohner schon ganz gut und weiß, wie sie ihren Kaffee trinken oder was sie auf das Brot haben wollen. Es ist immer ein Buffet aufgebaut, mit viel Obst und Gemüse, Brot, Käse, Müsli und was typisch norwegisches: Grøt. Das ist warm angerichteter Brei aus Haferflocken, was die Bewohner sehr gerne mit allem kombinieren. Nachdem alle Bewohner und auch ich selbst gefrühstückt haben, ist zwei Mal in der Woche meine Aufgabe, mich um den Abwasch zu kümmern und Lebensmittel vom Frühstück wieder wegzuräumen. Ich mag die Arbeit in der Großküche, zumal auch das Küchenpersonal sehr lustig ist. Erwähnenswert ist, dass die Juden nie Milchgerichte und Fleisch zusammen essen. Dementsprechend ist auch die Küche aufgeteilt. Die Küche besteht aus zwei Seiten, der "Milchseite" und der "Fleischseite". Es gibt für jede Seite Besteck, Teller, Töpfe, Abwaschmaschine, Herd und Pfanne. Das kann am Anfang sehr verwirrend sein, weil man wirklich aufpassen muss, dass nichts von der Fleischseite auf die Milchseite oder umgekehrt kommt. Falls das mal passiert, muss der Rabbiner kommen und den Gegenstand erst reinigen, bevor er wieder an seinen richtigen Platz gestellt werden kann.

Die jüdische Synogoge

Ein besonderer Tag im jüdischen Altenheim ist der Freitag. Der bei Sonnenuntergang beginnende Shabbat ist ein sehr wichtiger religiöser Tag für die Juden. Während des Shabbats darf keine Arbeit geleistet werden, wie zum Beispiel auch Auto fahren, die Mikrowelle oder die Kaffeemaschine benutzen... Normalerweise gibt es jeden Tag um 14.30 Uhr Mittag, nur am Freitag läuft alles ein bisschen anders. Um 13.00 Uhr gibt es Lunsj, eine Kleinigkeit zu essen, wie z.B. Suppe. Nach dem Lunsj ist es meine Aufgabe, die Shabbattafel aufzustellen und zu decken. Fünf Tische werden in eine Reihe gestellt, so dass alle Bewohner zum Kiddush (Segen) zusammen an einem Tisch sitzen. Das Shabbatessen ist immer was ganz Besonderes. Die weißen Tischdecken werden herausgeholt und ich bin dafür verantwortlich, den Tisch zu decken mit Besteck, Tellern, Weingläsern, Servietten, Rosen und Kerzen! Die Rosen habe ich vorher schon bei einem sehr netten kleinen Laden um die Ecke gekauft. Wenn der Tisch fertig gedeckt ist, ist es immer ein sehr schöner Anblick! Zum Festessen gibt es auch immer Fleischgerichte. Außer dienstags gibt es sonst jeden Tag zum Mittag Milchgerichte. Da Fisch nicht zu den Fleischgerichten zählt, gibt es sehr oft Fisch unter der Woche.

Am Freitag ist auch immer die Friseurdame da, die allen Bewohnerinnen die Haare schön macht. Zum Shabbat putzen sich alle heraus und freuen sich auf das Essen nach Sonnenuntergang.

Das Judentum ist sehr interessant, aber auch sehr umfangreich. Daher wird es wohl noch eine Weile dauern, bis ich ganz verstanden habe, was die ganzen Bräuche und Feiertage bedeuten, wie zum Beispiel "Rosh hashana" das jüdische Neujahr, was ich im Oktober schon miterleben durfte, oder "Chanukka", was jedes Jahr im Dezember ist.Die Religion wird von allen Bewohnern unterschiedlich gelebt. Es gibt ein paar, die sehr gläubig sind und auch jede Woche in die Synagoge gehen oder stark auf die Essensregeln achten. Andere hingegen sind nicht sehr religiös, aber trotzdem froh, in einem Altenheim zu leben, in dem das Judentum im Mittelpunkt steht.

Regelmäßige praktische Aufgaben hat Tessa 2x pro Woche bei der Gymnastik, beim gemeinsamen Backen, Filme anschauen, Bingo spielen und Einkaufen für die individuellen Wünsche der Bewohner.

Wenn ich nicht gerade mit diesen Aufgaben zu tun habe, habe ich genug Zeit, mich mit den Bewohnern zu beschäftigen. Ich gehe mit ihnen im nahe gelegenen Park spazieren, besuche sie in ihren Appartments, unterhalte mich viel mit ihnen, lerne dabei norwegisch, spiele Rommé. Dem Projekt ist es auch sehr wichtig, dass ich genug Zeit dafür habe, diesen sozialen Aufgaben nachzugehen, was ich auch sehr schön finde.

Ich genieße die Zeit richtig mit diesen tollen, verschiedenen Persönlichkeiten. Jeder hat seine eigene Geschichte, mit vielen grausamen Erinnerungen. Und es ist für mich was ganz Besonderes mit diesen Menschen arbeiten zu können, denn bald wird die Generation der Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges verstorben sein. Die Jüngsten sind Ende 80 und die Älteste ist schon 101. Wahrscheinlich haben sie aufgrund ihrer Geschichte gelernt zu überleben und sind so stark, dass sie in dem Alter immer noch so fit sind! Hinzu kommt, dass eine unglaubliche Gemeinschaft in diesem Altenheim zwischen den Bewohnern besteht. Auf den ersten Blick wird es einem vielleicht nicht auffallen, aber die noch sehr selbstständigen Bewohner unterstützen die dementen oder die körperlich beschränkten Bewohner in allen Situationen.

Was mich auch immer wieder erstaunt, ist, dass dieses Altenheim sehr international ist. Die Bewohner kommen aus Ungarn, Deutschland, Litauen, Schweden, Dänemark und natürlich Norwegen. Der Hausmeister kommt aus Chile, meine Ansprechpartnerin aus Indien, dann gibt es eine Mitarbeiterin aus Südafrika, zwei aus Finnland und viele haben auch schon für längere Zeit in Israel gelebt. Also hört man tagtäglich viele verschiedene Sprachen. Hebräisch, norwegisch, schwedisch, dänisch, spanisch, englisch, finnisch, ungarisch, jiddisch, deutsch....

Nun zur Geschichte der Bewohner. Man muss sehr vorsichtig damit sein, was man sagt oder fragt. Fragen zur Geschichte habe ich bis jetzt grundsätzlich nicht gestellt, weil ich Angst davor habe, irgendwas in ihnen auszulösen, was sie total aus der Bahn wirft. Ich weiß nur, dass die meisten der Bewohner, die auch in Norwegen aufgewachsen sind, während des Krieges nach Schweden geflüchtet sind.

Eine Bewohnerin, die ursprünglich aus Berlin kommt, hat die ganze NS-Zeit in Deutschland überlebt, indem sie sich mit ihren Eltern in einem Erdloch außerhalb von Berlin versteckt hat. Ihre Mutter hatte einen nichtjüdischen Pass, mit dem sie sich frei bewegen und somit ihren Mann und ihre Tochter in dem Erdloch verpflegen konnte. Trotz ihres jüdischen Passes hat G. sich oft nach Berlin getraut und ist z.B. ins Theater gegangen.

Eine andere Bewohnerin wurde von Ungarn aus nach Auschwitz deportiert, ihre ganze Familie ist in der Gaskammer umgekommen, außer ihr und ihrer Schwester. Sie mussten in einer Fabrik arbeiten. Sie hat sogar ein Buch geschrieben, was ich mir auf jeden Fall durchlesen werde, wenn mein norwegisch besser ist.

Eine dritte Bewohnerin, die schon sehr dement ist, war auch in Auschwitz. Das weiß ich nur von den Mitarbeitern. Daher weiß ich nichts Genaueres über ihre Vergangenheit, nur, dass sie jetzt immer noch ganz verstört ist, wenn die Pflegerinnen sie duschen wollen. Sie weigert sich immer, aber irgendwie scheinen es die Pfleger doch zu schaffen. Merkwürdig für mich zu wissen, dass ich tagtäglich mit einer so lieben Frau zusammen bin, die in Auschwitz war. Vor allem, weil ich im August auf der Gedenkstättenfahrt von ASF in der Gedenkstätte Auschwitz war, wo die Nazis dieses Unmenschliche verbrochen haben. Sie ist eine sehr feine Dame, singt gerne, lacht viel. Sie sitzt zu jeder Mahlzeit neben mir und manchmal kommt sie gar nicht zum Essen, weil sie so viel singt. Hinzu kommt, dass sie sechs Sprachen kann, also bekommt man in allen Sprachen Lieder von ihr zu hören. Eine tolle Frau die ich wirklich bewundere.

Tessa äußert sich sehr positiv über die Arbeit mit alten Menschen überhaupt.

Sätze, die ich am Tag mehrmals von den Bewohnern höre:
"Mange hjertelig tusen takk" ("Vielen herzlichen tausend Dank")
"Du er så søt" ("Du bist so süß")
Nach dem Film "Mammamia": "Jeg har sett aldri så en dårlig film" ("Ich habe noch nie so einen schlechten Film gesehen")
Im Abstand von 5 Minuten nach dem Essen: "Tusen takk for den deilig mat" ("Vielen Dank für das gute Essen")
5 Minuten nach dem Essen: "Har jeg spist?" ("Habe ich gegessen?")

Fazit der ersten vier Monate in Oslo: Wie ihr vielleicht nun aus diesem langen Bericht deuten könnt, geht es mir hier sehr gut und ich bin froh hier zu sein. Ich hoffe für die nächsten Monate, dass ich von ASF und meinem Projekt weiterhin so gute Unterstützung bekomme.

Tessa äußert Ideen für Projekte und Ziele für ihre weitere Arbeit und ihr Leben in Norwegen.

Außerdem hoffe ich, dass ich nach dem Jahr sagen kann, dass es mir etwas für meine persönliche Entwicklung gebracht hat. Zum Beispiel, dass ich dann weiß, was ich in der Zukunft beruflich machen möchte, denn dieses Jahr nutze ich ebenfalls dazu, mir darüber im Klaren zu werden.

Ich danke euch jetzt schon vielmals für dieses tolle Jahr!!! Durch euren Förderbeitrag wurde es mir ermöglicht, und ich bin sehr froh, diesen Schritt getan zu haben.

Damit verabschiede ich mich vorerst von euch und hoffe, es war interessant für euch und ihr freut euch auf den zweiten Projektbericht. Ich hoffe, ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Liebe Grüße aus Oslo,

Tessa

(Kürzungen und kursive Zusammenfassungen von der Redaktion)

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