ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Januar 2009

17.1.2019

Jahreslosung 2009

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde!
"Nichts ist unmöglich!" verkündet ein japanischer Autobauer provokativ, doch in diesen harten Zeiten schrumpft sicherlich auch Toyotas Gewinn dramatisch. Der Fahrradhändler meiner Jugend nahm ironisch den Mund noch voller. In seiner Einmannwerkstatt hing ein Schild: "Unmögliches wird sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger."

Fortschritt

Aus beidem spricht emphatischer Erfindergeist: Es lebe die Wissenschaft! Es lebe die Technik! Es geht voran, wir schaffen Neues! Menschliches Streben zielt seit eh und je darauf ab, die Grenzen des Machbaren zu überwinden. Fortschritt heißt: Was lange als unmöglich galt, wird jetzt Realität. Bei uns in Lichterfelde hat Otto Lilienthal erstmalig den Menschheitstraum vom Fliegen verwirklicht.

Inzwischen ist globale Mobilität ein fester Bestandteil unserer Zivilisation – über Land, zu Wasser, in der Luft bewegen wir uns rasend schnell von Kontinent zu Kontinent. Wir überwinden heute innerhalb von Stunden Entfernungen, für die unsere Vorfahren Wochen und Monate brauchten. Und die Mobilität geht längst über unseren eigenen Globus hinaus: Bemannte und unbemannte Raumfahrt orientiert sich extraorbital und will den Planeten Mars erobern. Moderne Astrophysik erkundet mit Radioteleskopen in der Nachfolge von Kopernikus, Galilei und Einstein weit entfernte Galaxien in der Tiefe des Alls und verfolgt uralte Strahlung zurück bis zum legendären Ursprung des Universums, dem Urknall.

Auch im Mikrokosmos sammeln Wissenschaftler unermüdlich neue Erkenntnisse, finden Ingenieure neue Anwendungsgebiete revolutionärer Techniken: Das menschliche Genom ist komplett entschlüsselt, die reproduktive Medizin wächst unaufhaltsam über das experimentelle Vorstadium hinaus. Kernphysiker haben längst "unteilbare" Atome gespalten und fusioniert, sie erzeugen nuklear gigantische Energiemengen und setzen dabei harte Strahlung frei. Die Schätze der Erde werden in einem nie gekannten Ausmaß technologisch erschlossen und industriell genutzt.

Weltweit im Netz

Mikroelektronik, Computer und Internet markieren die nächste Stufe der wissenschaftlich-technischen Revolution und erlauben es Menschen, von jedem Ort der Erde in Echtzeit miteinander Kontakt aufzunehmen und Informationen auszutauschen: Totale virtuelle Mobilität – ohne auch nur einen einzigen Schritt zu gehen. Alles geschieht praktisch gleichzeitig und kann überall beobachtet werden. Ohne Handy, PC und Ipod ist Mensch praktisch gar nicht lebensfähig, weil nicht immer und überall erreichbar, vernetzt, bespielt. Die Nachricht vom Tode Napoleons auf St. Helena brauchte noch volle sechs Wochen, bis sie in Paris eintraf. Heute wäre das eine Sache von Sekunden...

Freiheit und Hybris

Aufklärung half den Menschen, von Göttern und Schicksalsmächten schrittweise unabhängig zu werden, um die Welt und das eigene Leben immer mehr selbst zu gestalten. Ausgang aus Angst und Unmündigkeit, Eintritt in das Reich der Freiheit – Aufklärung war das ehrgeizige Projekt der Emanzipation. Den fortschrittlichen Ideen folgte ihre gesellschaftliche und technische Umsetzung.

Immer hatte dieser Impuls auch eine dämonische Seite – die menschliche Hybris, das verderbliche Bemühen, als menschlicher Schöpfer selbst Gott zu sein. Alle Mythen der Menschheit erzählen von dieser Selbstüberschätzung und ihrer göttlichen Ahndung: Die Turmbauer zu Babel scheiterten, weil sie sich verwirrt nicht mehr verständigen konnten; der Titan Prometheus wurde für den Diebstahl des himmlischen Feuers zugunsten der Menschheit hart von Zeus bestraft; Ikarus kam im Flug der Sonne zu nah, sein Fluggerät schmolz und er endete mit dem Todessturz ins Meer... Neuzeitliche Mythen zur Dämonie des Fortschritts nennen ihre Protagonisten Dr. Faustus, Dr. Frankenstein, Dr. Jekyll und Mister Hyde.

Wem nützt der Fortschritt, wen macht er reich – und wen macht er arm? Inzwischen wissen wir aus bitterer Erfahrung: Nicht alles technisch Machbare ist auch wünschenswert und segensreich. Diese Wahrheit gilt nicht nur im Blick auf immer perfektere Waffensysteme. Auch unsere Umwelt trägt unübersehbar die Spuren fortschrittlicher Misshandlung.

Reichtum und Armut

Die Menschheitskluft zwischen arm und reich wird größer, nicht kleiner. Und es könnte sein, dass selbst wir trotz großartiger technischer Ausstattung und medialem Reichtum innerlich arm und kläglich aussehen. Bereits Jesus warnte seine Zeitgenossen vor einem Reichtum, der die Seele verkümmern lässt. Der Evangelist Lukas schilderte einen reichen jungen Mann auf der Suche nach Vollkommenheit. Ein Israelit aus bestem Hause, untadelig, immer treu den Geboten des Mose folgend, Träger schönster Erwartungen einer großartigen Karriere. Dieser stand einst vor dem wandernden Zimmermannssohn aus Nazareth. Jesus hat den Armen die neue Welt Gottes gepredigt, die verlorenen Schafe Israels gesucht und gefunden, tausende Hungrige mit fünf Broten und zwei Fischen gesättigt, den kümmerlichen Cent der armen Witwe vor der großzügigen Spende des Wohlhabenden gelobt, Heil und Heilung gespendet in der Sicht auf Gottes neue unerwartete Möglichkeiten. "Es fehlt dir noch eins: Verkaufe alles, was du hast,und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!" Die Begegnung der beiden war wohl ihr einziges Treffen. Der reiche junge Mann kam nicht mit, er wurde kein Begleiter dieses Jesus. Er konnte nicht loslassen. Gerade sein schöner Reichtum machte ihn unabkömmlich, unbeweglich... Auf fatale Weise machte der Reichtum ihn – arm. Er ging traurig weg von Jesus statt fröhlich mit ihm mit.

Die Jünger hörten Jesus sagen: "Wie schwer kommen die Reichen ins Reich Gottes! Es ist wohl leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr – die kleine Pforte neben dem Haupttor – passt, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt." "Aber wer kann denn dann selig werden?" Jesus fand eine Möglichkeit im Unmöglichen: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."

Unmögliches?

Vielleicht gilt diese unmögliche Möglichkeit ja auch für uns – uns Reiche im Südwesten Berlins. In den Augen der wirklich Armen sind wir sicherlich wirklich reich, auch wenn wir selbst uns als eher normal empfinden – in Lichterfelde, in der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf. Passen unsere Kamele durch das Nadelöhr? Haben wir eine Chance, hinein zu kommen in das Reich Gottes? Sind wir bereit für die Nachfolge auf dem Weg Jesu? Laut Lukas gehören die Reichen nicht zu Jesus. Wohl aber gab es reiche Männer und Frauen, die für Jesus und seine Begleiter gesorgt haben. Auch in den frühen Gemeinden fanden sich Wohlhabende, die verantwortlich und freigiebig mit ihrem Vermögen umgingen. Da ist heute Erfindergeist gefragt, um die unglaublichen Möglichkeiten Gottes in unserem Leben zu entdecken. Ohne Inspiration geht es nicht. So schließen wir uns mal vorsichtig Toyota an: "Nichts ist unmöglich!?" Und hoffen wir mit meinem alten Zweiradmeister: "Wunder geschehen, aber sie dauern etwas länger."

Lutz Poetter