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22.5.2019

Aussiedler, Spätaussiedler

von Hilda Markert, Spätaussiedlerin, 12 Jahre in Berlin wohnhaft

Aussiedler, Spätaussiedler ... wer sind sie eigentlich? Woher kommen sie und warum halten sie Deutschland für ihre historische Heimat?

Vor mehr als 250 Jahren verließen viele deutsche Bürger ihre Heimat und zogen nach Russland. Warum? Der Geschichte nach: Die russische Zarin Katharina die Große (selber eine deutsche Prinzessin) hatte mit ihrem Manifest die Menschen eingeladen, versprach ihnen reichlich gutes Land. In diesem Dokument war auch versprochen worden, dass die Einwanderer gesetzlichen Staatsschutz bekommen sollten.

Zugesichert wurden Landbesitz, steuerfreie Jahre, deutsche Sprache und Verwaltung, Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst "auf ewig". Sogar die Reisekosten sollten durch Russland getragen werden. Das war 1763.

Hier möchte ich Ihnen eine Zeittafel anbieten:

1764Gründung der ersten wolga deutschen Kolonie auf der Bergseite vom Wolga-Fluss.
1832Koloniestatut "Neuregelung der Rechte der Kolonisten".
1861Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland.
1871Aufhebung der Privilegien der Kolonisten, die fortan den russischen Bauern gleichgestellt werden.
1874Aufhebung der Befreiung der Deutschen vom Militärdienst.
1881Thronbesteigung Alexanders I., Russifizierungs-Kampagne.
1897Volkszählung ergibt 1,4 Millionen Deutsche im Russischen Reich.

Dazu möchte ich sagen, dass meine Vorfahren (Markerts und Simons) aus Hessen, Darmstadt, auszogen und am 20.07.1767 mit anderen Einwanderern das Dorf Krasnyi Jar gegründet haben.

Das ist die Zeittafel der Geschichte der Russlanddeutschen bis zum 20. Jahrhundert. Aber wir möchten doch etwas Konkretes wissen über das Leben dieser Menschen. Dazu hilft uns ein talentierter Dichter, David Kufeld, mit seinem "Lied vom Küster Deis", gedichtet zum 150-jährigen Jubiläum (29.06.1764 – 29.06.1914) des Gründungstages des ersten wolgadeutschen Dorfes.

Bevor wir einige Teile aus diesem Lied lesen, möchte ich Ihnen noch einen Namen nennen: Emilie Markert, geborene Simon, meine Mutter. Sie konnte diese Dichtung von David Kufeld auswendig, damit konnte das Lied aufgeschrieben und vor dem Verschwinden gerettet werden. Außerdem, dass wir es nicht vergessen: in der Muttersprache schrieb sie für jedes ihrer fünf Kinder ein Heft mit deutschen Liedern, Sprüchen und Gedichten. Jedes Heft mit verschiedenem Inhalt. Mein Heft zum Beispiel enthält ca. 300 Volkslieder, 160 Verse, über 1.000 deutsche Sprichwörter. Das war und bleibt mein höchster Reichtum. Und jetzt lassen wir Herrn Kufeld sprechen.


Katharina die II. Von Russland

"Gottesfürchtige, gescheite, brave botmäßige Leute / gründeten am Jeruslan (ein Nebenfluss der Wolga) / dieses erste deutsche Dörflein, und sie nannten's Neuruslan. Der Ruslaner Väter waren / auch vor hundertfünfzig Jahren / aus Europa emigriert. / Hatten sich laut Manifeste an der Wolga etabliert. / Lange hatten sie zu leiden / von den Horden roher Heiden. / Wild sah's an der Wolga aus: / finst're Wälder, Fiebersümpfe, / weit und breit kein Dorf, kein Haus. / Diebe irrten in den Feldern, / blut'ge Räuber in den Wäldern / in der Steppe der Kirgis. / Pugatschow und andre Feinde, niemand sie gedeihen ließ.
(Pugatschow – Leiter des Aufruhrs gegen Zarin Katharina 1773–1775)
Wölfe heulten nah und ferne, / traurig schimmerten die Sterne / durch die Wolken in der Nacht. / Betend weinten junge Mütter und die Männer hielten Wacht. / Heulend kam der kalte Winter, / es erfroren Wiegenkinder; / Größ're jammerten um Brot. / An den Brüsten ihrer Mütter starben sie vor Hungersnot. / Die enttäuschten armen Brüder / wollten heim nach Deutschland wieder. / Alle wär‘n zurückgekehrt. / Doch, verraten und belogen, ward es ihnen nicht gewährt.

Es waren viele Jahrzehnte vergangen, die Menschen hatten sich in dem fremden Land eingelebt, das Leben ging weiter. So beschreibt es David Kufeld: "Gottvertraulicher als heute / waren damals auch die Leute: / lebten sorgenlos und froh. / Schön geweißt war'n ihre Hütten / und gedeckt mit warmem Stroh. Um den andern lieben Morgen / machten sie sich wenig Sorgen: / Säland hatten sie genug. / Jeder pflügte, wo er wollte, / mit dem selbst gemachten Pflug."

Die Menschen versuchten, fest zusammen zu halten, hatten sogar ihre eigene Hymne, die sie "Tusch" nannten.

Der Tusch

"Aus der schönen Schweiz, aus Schweden, / aus den schönsten deutschen Städten / und aus Frankreich emigriert, / haben sich am Wolgastrome uns're Väter etabliert. / Alle wurden Kolonisten: / Jäger, Künstler, Bauern, Fürsten. / Gründeten ein neues Reich. / Schweden, Deutsche und Franzosen / wurden Brüder alle gleich. / Brüder woll'n wir ewig bleiben, / selbst der Tod soll uns nicht scheiden. / Stirbt der Leib, es lebt der Geist! / Fest und treu in allen Zeiten. / Lustig, wenn es lustig heißt! / Ehrlichkeit, die helle Sonne. / Treue Liebe - süße Wonne. / Ewigkeit bleibt uns‘re Kraft. / Ewig heilig unser Wahlspruch: / Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft!"

Jetzt möchte ich die Zeittafel der Geschichte der Russlanddeutschen des 20. Jahrhunderts vorstellen, aus dem Buch "Ritas Leute" von Ulla Lachauer.

1914Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
1917Im Februar die bürgerliche Revolution, Zar Nikolai II dankt ab. Im Oktober die bolschewistische Revolution, Ausrufung der Räterepublik.
1918–1920Blutiger Bürgerkrieg "Weiß" (Zarentreue) gegen "Rot" (Bolsche- wiki).
1921/22Große Hungersnot in Russland - 5 Millionen Hungertote, darunter 183.000 Deutsche.
1924Gründung der "Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" und nationalen Kreise.
1928Zwangskollektivierung.
1929–1931"Liquidierung der Kulaken als Klasse".
Allein 60.000 Kulaken aus der Wolgarepublik werden an die nördliche Dwina, nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Und wieder ist unsere Familie dabei. Die Eltern meiner Mutter mit 11 Kindern und Enkeln, Familie Simon wurde im Norden wohnhaft.
1932/33Zweite große Hungersnot infolge der Kulakenverschleppung. Mehr als 6 Millionen Hungertote der UdSSR, darunter 164.000 Russlanddeutsche.
1936–1938Der "Große Terror" - Stalins "Säuberungen", denen bis zu 20 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Darunter auch mein Vater – Johann Markert. Aber nach einem Jahr kam er zurück (ein Wunder für diese Zeiten).
20. August 1939Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt (Ribbentrop – Molotow) mit geheimen Zusatzabkommen über die Aufteilung Osteuropas.
1. September 1939Beginn des Zweiten Weltkrieges.
22. Juni 1941Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges.
28. August 1941Dekret über die Deportation der im europäischen Teil der UdSSR lebenden Russlanddeutschen in den hohen Norden und hinter den Ural, 800.000 deportiert. Verlust der Bürgerrechte.
1941–48Russlanddeutsche Deportationsopfer (verhungert, erfroren, erschossen, tödlich erkrankt, Arbeitsunfälle): bis zu 400.000 Menschen.

Hier noch ein Dokument: "Die Verordnungdes Präsidiums des Obersten Rats der UdSSR über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Bezirken des Wolgagebiets wohnen" am 28. August 1941.

"Nach den glaubwürdigen Angaben der von den Militärbehörden erhaltenen Informationen gibt es unter der deutschen Bevölkerung, die in den Bezirken des Wolgagebiets wohnt, Tausende und Zehntausende Diversanten und Spione, die nach dem Signal, das aus Deutschland gegeben wird, eine Explosion in den Bezirken, die von den Wolgadeutschen bewohnt sind, erzeugen sollen. Über das Vorhandensein einer solch großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen gab es keine Hinweise aus der Bevölkerung an die sowjetischen Behörden, also verbirgt die deutsche Bevölkerung des Wolgagebiets in ihrer Umgebung die Feinde des sowjetischen Volkes und der Sowjetmacht. Falls die Diversionsakte geschehen, die nach dem Befehl aus Deutschland von den deutschen Diversanten und von den Spionen unternommen werden, und in der Republik des deutschen Wolgagebiets oder nahe liegenden Bezirken ein Blutvergießen stattfinden wird, muss die Sowjetische Regierung nach dem Kriegsrecht handeln, Strafmaßnahmen gegen die ganze deutsche Bevölkerung des Wolgagebiets zu ergreifen.
Zur Vermeidung solcher unerwünschter Erscheinungen und als Warnung vor ernstem Blutvergießen hat das Präsidium des Obersten Rats der UdSSR als notwendig erkannt, die ganze deutsche Bevölkerung, die in den Bezirken des Wolgagebiets wohnt, in andere Bezirke umzusiedeln, damit die Umgesiedelten mit Grundstücken versorgt werden und ihnen staatliche Hilfe in den neuen Bezirken geleistet wird. In diesem Zusammenhang ist es dem Staatlichen Verteidigungskomitee vorgeschrieben worden, die Übersiedlung aller Deutschen des Wolgagebiets eilig durchzuführen.

Der Vorsitzende des Präsidiums
des Obersten Rats der UdSSR, M. Kalinin
Der Sekretär des Präsidiums
des Obersten Rats der UdSSR, A. Gorkin"

Jahrzehnte nach dem Kriegsende haben Wissenschaftler und Historiker festzustellen versucht, wie alles in Wirklichkeit ausgesehen hat mit diesen Tausenden Spionen und Diversanten. Sie konnten aber noch keinen einzigen Fall der Untreue des deutschen Volkes finden.

Wir wollen aber weiter der Zeittafel folgen.

1942–46Russlanddeutsche Männer zwischen 15 und 55 Jahren und Frauen zwischen 16 und 55 Jahren (ausgenommen Schwangere und Frauen mit Kleinkindern) werden für die "Arbeitsarmee" mobilisiert – Strafarbeitslager mit militärischem Regime.
Ganz wenige kamen zurück, auch mein Vater blieb dort auf ewig. Die Auflösung der Lager zog sich bis 1947/48 hin. Die Gebliebenen, alte Menschen und Kinder mussten sich durch die schweren Kriegs- und Nachkriegszeiten ihr Leben irgendwie erhalten in der Fremde, bei feindlich gesinnten Menschen: Wir waren die Deutschen. Vielen, vielen ist es nicht gelungen. Ein einziges Gedicht sagt uns alles.

Ein Bettelkind in Sibirien

Es trippelt und stolpert bei Schnee und Wind / auf sibirischen Straßen ein deutsches Kind. / Die Eltern, die nahm man ihm weg mit Gewalt, / und Oma ist krank und der Ofen ist kalt. / Drei Tage kein Brot im ganzen Haus, / so trieb es der Hunger zum Betteln hinaus. / Fremd ist ihm die Sprache im wildfremden Ort, / es kennt nur ein einziges russisches Wort. / Statt Brot sagt es "Chleb", streckt sein Händchen vor, / doch friert es vergebens vor manch fremdem Tor. / "Zum Betteln such dir einen anderen Ort," / – man stößt es und jagt es mit Drohungen fort. / Ihm schwindelt vor Hunger, die Kraft geht ihm aus, / der Abendwind treibt es zum Dorfe hinaus. / Die Nacht ist stockfinster und heftig der Wind, / sibirische Straßen gefahrdrohend sind! / Der Sturm rast vorüber, die Wolken zieh'n ab, / am Wegrand erstarrt liegt ein Kind ohne Grab, / sein flehendes Händchen zum Himmel gestreckt, / vom schneeweißen Leichentuch gnädig bedeckt.

Folgen wir weiter der Zeittafel.

1942–55"Sondersiedlung" für die Russlanddeutschen und einige andere unzuverlässige" Sowjetvölker. Die "Sondersiedler" dürfen unter Androhung von Höchststrafen den ihnen zugewiesenen Ort nicht verlassen und unterliegen einer monatlichen Meldepflicht.
8. Mai 1945Bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches.
1947Laut sowjetischer Volkszählung 1,2 Millionen Russlanddeutsche.
1948Dekret des Obersten Sowjets legt die Verbannung der Deutschen "auf ewig" fest.
1955Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, eröffnet eine deutsche Botschaft in Moskau, erwirkt Enlassung derletzten deutschen Kriegsgefangenen und Aufhebung der "Sondersiedlungen".
1959Deutsch-sowjetische Übereinkunft über Familienzusammenführung.
1964Rehabilitierung der Russlanddeutschen, sie dürfen jedoch weiterhin nicht in ihre Heimatgebiete zurück.
1970Moskauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, Ansteigen der Aussiedlerzahlen.
1987Neues Passgesetz, das die Ausreise erleichtert.
1989Gründung der Unionsgesellschaft der Russlanddeutschen -- "Wiedergeburt".
Ab 1987Massenauswanderung der Russlanddeutschen. Bis Ende 2008 mehr als 2,6 Millionen.

Nach der Verschleppung aus der Heimat versuchten die Menschen ihr Leid durch Lieder und Gedichte auszudrücken. Zum Beispiel:

Heimat, Heimat, teure Heimat, du geliebtes Wolgaland.
Dort, wo uns‘re Greise starben, wo auch uns're Wiege stand.

Aber bald war es vorbei, nicht nur mit den Liedern, sondern auch mit der Sprache. Alles verboten. Aber die meisten Deutschen konnten nicht russisch sprechen. Das musste erst gelernt werden, aber es war gar nicht so einfach. Die russische Sprache ist ziemlich schwer zu lernen. Das Leben ging weiter, jetzt konnten wir perfekt die russische Sprache, aber mit Deutsch war es, leider, fast aus. Es hatten viele Gründe dazu geführt:

Die Zusiedler konnten außerhalb der privaten vier Wände nicht gefahrlos deutsch reden.
Die Eltern mussten weg in die Arbeitsarmee.
Die älteren Menschen starben.
Die am Leben gebliebenen Kinder kamen in Waisenhäuser.
Jahrzehnte lang kein deutsches Wort, kein deutsches Buch.

Später kam eine Lockerung, aber für viele war es doch schon zu spät. Jetzt müssen wir aufs Neue die Muttersprache lernen. Hoffentlich das letzte Mal. Ich wünsche meinen lieben Geschwistern viel Erfolg beim Sprache lernen und im Leben!