Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

"Krummes Holz, aufrechter Gang"
Helmut Gollwitzer 100

Am 29. Dezember 1908 vor hundert Jahren wurde im fränkischen Pappenheim ein knarziger Querdenker und großer Liebhaber des Lebens geboren: Helmut Gollwitzer.

Sein Leben ist bestimmt durch die Erfahrung des Nationalsozialismus, der russischen Kriegsgefangenschaft und das Engagement für ein friedliches Nachkriegs-Deutschland.

Anlässlich des Gedenktages veröffentlicht der Berliner Wichern-Verlag eine Biografie des die meiste Zeit seines Lebens in Berlin lebenden Theologen.

"In einem Interview für den NDR hat mir Gollwitzer gesagt, er sei nicht mehr als 'ein nüchterner Alltags-Christ'", erzählt Biograf Ralph Ludwig.
Mit viel Liebe und Wissen hat sich der Theologe und Journalist Ludwig in das Leben Gollwitzers vertieft und lässt es Revue passieren. Er schildert, wie Gollwitzer als Pfarrer in Berlin-Dahlem einer der führenden Köpfe der nazi-kritischen "Bekennenden Kirche" wurde. Im Dezember 1943 ging er als Sanitäter in den Krieg; seine Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft fasste er in einem fromm-politischen Buch zusammen, das hunderttausende Deutsche bewegte und prägte: "... und führen, wohin du nicht willst".

Die Erfahrung des Versagens der Kirche in der Nazizeit hat Gollwitzer zu einem streitbaren Mann gemacht. Streitbar gegen die Wiederbewaffnung in den fünfziger Jahren, streitbar als Ostermarschierer, streitbar als symbolischer Hausbesetzer in Berlin-Kreuzberg oder – bereits über siebzig Jahre alt – als Sitzblockierer gegen die Raketenstationierung im schwäbischen Mutlangen. Dass er die Trauerreden für Ulrike Meinhof, Rudi Dutschke und Gustav W. Heinemann hielt, lässt etwas von seiner Größe und Bedeutung erahnen.

Am 17. Oktober 1993 starb Helmut Gollwitzer. Man begrub ihn auf dem Dahlemer Friedhof, in Karohemd und Cordhose, "in seinem alten Räuberzivil. So wartet er darauf, dass Gott und Jesus sein Hoffen erfüllen werden", schloss der Berliner Theologe und langjährige Wegbegleiter Friedrich-Wilhelm Marquardt (†) seine Trauerrede.

Buchtipp: Ralph Ludwig: Der Querdenker. Wie Helmut Gollwitzer Christen für den Frieden gewann, 9,95 Euro, Wichern-Verlag Berlin 2008

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Erinnerungen an HELMUT GOLLWITZER
von seiner Nichte Rohtraut Gollwitzer

Nun sind es schon 15 Jahre her, dass wir uns alle um unseren so plötzlich von uns gegangenen Helmut in der Diele seines Hauses versammelt hatten. Ein Sturz von der Treppe vom oberen Stockwerk hatte ihn ganz plötzlich und schnell davon gehen lassen… Freunde und Verwandte, alle die zum Netz gehörten, das wir in den letzten Jahren sorgend um ihn gespannt hatten, waren da. Ich erinnere noch wie heute meine Gedanken und Gefühle, als sie ihn nach unserer Aussegnung heraus trugen und im Auto davon fuhren: "Jetzt fährt er nach Hause – jetzt kommt er heim!", so klang es in mir.

Auf Helmuts Terrasse (Sommer 1993)

Er war so ein liebenswerter alter Mensch gewesen! Immer dankbar und interessiert, nie grantig oder missgelaunt. Immer erfreut, wenn ich kam. Und so oft ich konnte, fuhr ich von Braunschweig, wo ich lebe, zu ihm nach Berlin. Wir hatten manche gemeinsamen Interessen. Ich war lange im Kirchenvorstand meiner Gemeinde gewesen und er nahm Teil an meinen Erfahrungen.

Dann war ich mehrmals in Israel gewesen und liebte es. Er hatte das Land von Anfang an unterstützt und kritisch begleitet. Bei einem längeren Sommeraufenthalt bei ihm in Berlin lernte ich mein erstes Ivrit (Hebräisch) mit meinem Lehrbuch. Das freute ihn. Beide feierten wir im Frühjahr 1993 den Osloer Friedensvertrag. Oft habe ich mich später gefreut, dass er das noch erlebt hat!

Ebenso auch "die Wende", Gorbatschow! Helmut hatte nicht geglaubt und es nie für möglich gehalten, dass der Kommunismus (Stalinismus) sich wandeln könnte.

Wie sehr ihn seine Erfahrungen als junger Pfarrer in Dahlem im Dritten Reich geprägt und immer begleitet haben, wurde deutlich in einem unserer Gespräche. Ich fragte ihn einmal, ob es etwas in seinem Leben gäbe, das er bereuen würde, das er hätte anders machen wollen. "Ja", sagte er. "Ich bereue heute noch, dass ich in den dunklen Jahren meine jüdischen Mitchristen vom Selbstmord abgehalten habe." Sein Glaube hatte es ihm verboten. Was für ein Schuldbekenntnis! Ich werde das nie vergessen.

In liebender Erinnerung denke ich an ihn und mit ihm auch an alle Freunde, die er so zahlreich um sich geschart hatte. Gott hab' ihn selig!

Rohtraut Gollwitzer, Braunschweig

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