Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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14.12.2019

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Psalm 90 Vers 12

von Pfarrer E-Mail

70. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938
Der Menschen gedenken, die ausgegrenzt, verfolgt und getötet wurden.

Gedenkveranstaltung am Vorabend, dem 8. November 2008

18.00 Uhr, Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz: "Aus unserer Mitte gerissen"

Es sprechen Lala Süsskind (Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin), Norbert Kopp (Bezirksbürgermeister Steglitz-Zehlendorf). Es singt Isaac Sheffer (Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.)

18.30 Uhr: Schweigezug zum ehemaligen Jüdischen Blindenheim in der Wrangelstraße (heute Haus Nazareth); "Dem Leiden ein Gesicht geben"
Dort wird der 1941 nach Weißensee verlegten und 1942 ins KZ deportierten Bewohner gedacht.

19.30 Uhr: Ökumenischer Gedenk-Gottesdienst in der Baptistengemeinde, Rothenburgstraße 12a-13
"Unterwegs zum Frieden" Ansprache: Pfarrerin Regine Becker, Ev. Matthäus-Gemeinde

Veranstalter: Steglitzer Ökumene (Evangelische Matthäusgemeinde, Katholische Rosenkranzgemeinde, Baptistengemeinde Steglitz) in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, der Initiative Haus Wolfenstein, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Liebe Gemeinde,
der November ist ein Monat der Gedenktage: Wir erinnern uns an die Reichspogromnacht 1938 am 9. November, wir gedenken der Millionen Opfer von Krieg und Zwangsherrschaft am Volkstrauertag und lesen die Namen unserer Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres am Ewigkeits-Totensonntag.

Memento mori – wir werden uns unserer eigenen Vergänglichkeit bewusst.

Auch wir müssen sterben, wenn unsere Zeit kommt. Wir denken an unsere Verstorbenen und erinnern uns: Sie waren lebendig wie wir. Und wir ahnen: Wir werden sein wie sie – gestorben, begraben, vergangen.

Diese Erkenntnis drückt als schwere Last auf unsere Lebendigkeit. Wir Menschen wissen um die Zeit, wir sind uns bewusst, dass sie vergeht. Tiere und Pflanzen leben im Jetzt und Hier, wir Menschen aber erkennen die Zeit. Tag für Tag vergeht unsere Lebenszeit, nichts Vergangenes kehrt jemals zurück. Alle, die wir lieben, werden uns verlassen – früher oder später. Jeder, der liebt, jede, die ihr Herz an andere Menschen hängt, wird Trauer tragen irgendwann. Und eines Tages werden die, die uns lieben, auch von uns Abschied nehmen müssen. Schon Moses wusste: Nur Gott allein ist ewig, alles Irdische bloß vergänglich. Und wir Menschen sind irdisch, von der Erde genommen müssen wir wieder zu Erde werden. Denn Gott hat uns mit derselben vergänglichen Schönheit und Lebendigkeit geschaffen wie die Pflanzen und die Tiere. Vor dem Angesicht des ewigen Gottes ziehen die Menschengeschlechter dahin wie ein Strom, Jahrtausende sind aus der Sicht der Ewigkeit wie ein einziger Tag, eine kurze Nachtwache. Auch die langen 70 oder 80 Jahre eines Menschenlebens vergehen wie in wenigen Stunden, wie Wüstengras, das da frühe blüht und abends bereits welk wird und verdorrt.

Wir wissen um die Zeit, wir erfahren Vergänglichkeit und Tod. Aber wir glauben nicht daran, je jünger wir sind, desto weniger. Unser Herz fühlt und wünscht es sich anders: Es müsste immer so weitergehen… Ein neuer Tag, an dem die Sonne aufsteigt und wir an unser Werk gehen, die Dinge tun, die uns vertraut sind, umgeben von unseren Lieben, unseren Freunden.

Es müsste ewig so weitergehen und alle müssten dableiben, am Leben bleiben und es genießen mit uns. Mit zunehmendem Alter lernen wir widerwillig, Abschied zu nehmen von unseren Lieben, Freunden, Nachbarn und Kollegen. Jeder Tod erschüttert uns aufs Neue, wir stehen oft fassungslos an den Särgen und Gräbern unserer Angehörigen und Freunde. Und wir hoffen und beten, dass wir noch nicht dran seien mit dem Sterben, dass uns noch Lebenszeit bleiben möge, wenigstens ein paar gute Jahre noch…

Erst wenn wir schwach werden im Alter, oder wenn in Krankheit unsere Lebenskraft erschöpft ist, wenn Schmerzen und Dunkelheit zunehmen, dann sehnen wir uns selbst nach ewiger Ruhe und immerwährendem Schlaf. Dann sind wir bereit zum Abschied. Aber selbst dann fällt es vielen von uns schwer, loszulassen, sie kämpfen bis zum Ende um jeden Atemzug, jeden Herzschlag.

Was wird aus uns, wenn wir nicht mehr sind? Nach menschlicher Erfahrung bleibt nichts von uns übrig. Ein Blick auf die Geschichte der Menschheit zeigt es: Alle, die vor uns waren, sind vergangen. Wir bewegen uns auf den Gräbern unserer Vorfahren. Zahllose Reiche und Kulturen kamen – und verschwanden wieder. Pharaonen hinterließen der Nachwelt Pyramiden mit ihren Gräbern, Tempel und Königspaläste überdauerten die Jahrtausende. Die Geschichtsbücher halten nur die Namen der Großen und Mächtigen fest: Herrscher, Religionsstifter, Heerführer, Eroberer, Erfinder, Priester, Dichter und Philosophen werden so im kollektiven Gedächtnis der Menschheit aufbewahrt. Aber ihre Herrschaft, ihre Schätze, ihre Heere und ihre Eroberungen sind längst untergegangen, sie sind mit ihnen versunken in der Erde. Und wer erinnert sich noch an die vielen Namenlosen, die Handwerker der großen Bauwerke, die unzähligen Fußsoldaten der großen Feldzüge, die einfachen Leute, die als Sklaven und Bauern ihr Leben fristeten? Sie alle sind vollkommen vergessen. Was wird aus uns einfachen Leuten? Wir leben in der Erinnerung unserer Kinder und Enkel, wir bleiben im Gedächtnis derer, die uns gekannt haben. Sind wir endgültig verschwunden, wenn auch die nicht mehr leben, die sich an uns erinnern? Nicht einmal unsere Gräber und Friedhöfe bleiben, selbst sie sind nur Ruhestätten auf Zeit.

Nach menschlichem Ermessen bleibt also nichts von uns: Alles besteht und vergeht in der Zeit. Wir sind zeitlich, vergänglich, sterblich. Alles, was unsere Augen sehen ist dem Tod unterworfen. Denn nur mit den Augen des Glaubens können wir in Gottes ewiges Reich schauen, wohin sich unser Herz sehnt. Dort wollen wir für immer geborgen sein in Seiner ewigen Liebe und Barmherzigkeit, jenseits unserer irdischen Erfahrung.

Diese Erkenntnis macht uns traurig und nachdenklich. Worin könnte ihre Klugheit bestehen?

Vielleicht entdecken wir die Kostbarkeit unseres vergänglichen Lebens: Jeder Tag ist einmalig, unwiederbringlich. So heißt es für uns: Carpe diem – nutze den Tag. Unser Leben ist kurz, zu kurz, um es etwa mit Geiz, Hass und Streit zu vertun. Raffen und Klagen bieten ebenfalls keine Chancen auf ein erfülltes Leben. Es bleibt uns in Wirklichkeit nicht anderes übrig, als dieses kostbare, einzigartige, vergängliche Leben dankbar als Geschenk Gottes zu leben, mit all unserer Liebe, mit all unserem Glauben, mit all unserer Kraft. Und vielleicht macht das uns klug. Der Dichter Uwe Böschemeyer hat es einmal so ausgedrückt:

Was ich vor allem fürchte? Dass ich in den letzten Abendstunden meines Lebens einmal sagen müsste: Ich habe mein Leben nicht wirklich gewollt. Ich habe mein Leben nicht wirklich gesucht. Ich habe mein Leben nicht wirklich geliebt. Ich habe mein Leben nicht wirklich angenommen. Ich habe zuviel ungelebtes Leben zurück gelassen.

Gedenktage können uns helfen, den Wert unseres menschlichen Lebens wirklich zu schätzen.

Pfarrer Lutz Poetter

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