Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

"Frieden riskieren" – zur EKD-Friedensdenkschrift 2007
aus Anlass der Ökumenischen Friedensdekade 2008

von Katrin Rudolph

Die Ökumenische Friedensdekade 2008, die wir am 9. November mit einem Gottesdienst in der Petruskirche beginnen, hat sich das Thema "Frieden riskieren" gesetzt und nimmt damit einen Gedanken der EKD-Friedensdenkschrift von 2007 auf, die zwischen all den kirchlichen Perspektiv- und Strukturpapieren des letzten Jahres etwas verloren ging. Zumindest an der Basis, denn auf der politischen Ebene wurde die Denkschrift sehr wohl wahrgenommen und breit begrüßt.

Anlass und Grund für uns, die Kernsätze der Denkschrift noch einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie zielt auf ein Umdenken in der Frage von Krieg und Frieden und findet dazu vor allem zwei Schlüsselbegriffe: "Gerechter Frieden" und "menschliche Sicherheit". Die christliche Grundlegung dafür steht bereits im Titel der Denkschrift: Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Wer aus dem Frieden Gottes lebt, wird für einen gerechten Frieden in der Welt eintreten.

Ein zentraler Gedanke ist die Umkehrung des lateinischen Sprichworts "si vis pacem para bellum" in "si vis pacem para pacem", also "Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten" – und nicht den Krieg. Dabei setzt sich aus dem Dreiklang Frieden, Recht, Gerechtigkeit die Kurzformel "gerechter Frieden" zusammen. Gerechter Friede grenzt sich sowohl von der Vorstellung eines "gerechten Krieges" als auch eines hinzunehmenden "ungerechten Friedens" ab.

Was bedeutet das konkret? Globale Rahmenbedingungen fordern ein Umdenken. Frieden ist nicht mehr nur eine Angelegenheit zwischen Staaten und Bündnissen, sondern eine Aufgabe der globalen Staatengemeinschaft. Eindämmung von Gewalt ist deshalb nicht nur zwischenstaatlich, sondern auch innerstaatlich geboten. Als zentrale Ursache von gewalttätigen Konflikten benennt die Denkschrift nämlich soziale Ungerechtigkeit, hier ist innerstaatlich und weltweit Eindämmung geboten. An die Stelle von "gerechtem Krieg" muss daher "rechtserhaltende Gewalt" treten, also die Wahrung, Durchsetzung und Fortentwicklung von internationalem Recht in Form von humanitären Interventionen oder friedenserhaltenden Maßnahmen. Frieden und Gerechtigkeit sind dabei nicht zu trennen. Frieden meint nicht nur Abwesenheit von Gewalt, sondern hat Gerechtigkeit als einen elementaren Bestandteil.

SCHRITT FÜR SCHRITT EIN ZEICHEN SETZEN

14.00 Uhr: Beginn vor dem Roten Rathaus
Grußwort des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit Impulse für den Weg von Bischof Dr. Wolfgang Huber, Evang. Kirche, und Georg Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin

Station vor dem Berliner Dom: Szenischer Impuls der Evang. Schule Frohnau

Station vor der St. Hedwigs-Kathedrale: Szenischer Impuls der Kath. Liebfrauenschule

16.30 Uhr: Abschluss vor der Neuen Synagoge / Centrum Judaicum, Oranienburger Straße
Begrüßung durch Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Der zweite Schlüsselbegriff ist das Konzept der "menschlichen Sicherheit". Statt der bisherigen staatszentrierten Definitionen von Sicherheit werden hier die persönlichen Grundbedürfnisse des Einzelnen in den Blick genommen. Diese Ausweitung auf die Sicherheit des Einzelnen löst die Fixierung auf nationale Sicherheit ab. Ethische Begründung dafür ist die unantastbare Menschenwürde jedes Einzelnen. An dieser Stelle hat die Friedensdenkschrift durchaus Kritik erfahren. Dass der Anspruch der menschlichen Sicherheit in alle Bereiche menschlicher Existenz hineinreiche, sahen manche als zu weit gefasste Definition.

Nach einer Analyse der gegenwärtigen friedenspolitischen Situation beschreibt die Denkschrift schließlich, was Kirche und einzelne Christen leisten können. Fünf Aspekte der christlichen Friedensverantwortung benennt sie, von denen ich den ersten etwas ausführlicher wiedergeben möchte.

1. Den Frieden vergegenwärtigen und bezeugen

Die Kirche tritt für Frieden in der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Der Frieden Gottes umfasst den ganzen Menschen: seinen Leib, seine sozialen Beziehungen, die Dankbarkeit gegenüber Gott, die sich in Lebensfreude äußert. Dieses Friedenszeugnis finden wir zum Beispiel in der Erwartung eines Friedensfürsten (Jes 9,5); bei der Verheißung des "Friede auf Erden" (Lk 2, 14), in den Seligpreisungen (Mt 5,9), im "Frieden, der die Angst überwindet" (Joh 14,27) oder im Friedensgruß (Joh 20,19).

Im Menschen gibt es eine Sehnsucht nach Frieden, gleichzeitig natürlich auch die Neigung zur Rivalität. Der "Sündenfall" (Gen 3) und der Brudermord Kains (Gen 4) sind Spuren des Scheiterns an Gottes Auftrag, in Frieden zu leben. Dass ausgerechnet die Gottesverehrung bei Kain und Abel Anlass zum ersten Brudermord wurde, sollte uns Religiöse selbstkritisch machen (z.B. in Bezug Kreuzzüge oder Zwangsmissionierungen). "Religion ist der immer unvollkommene menschliche Versuch, auf die Wirklichkeit Gottes zu antworten", sagt die Denkschrift dazu.

Im Gottesdienst vergegenwärtigen wir Gottes Frieden. Im aaronitischen Segen (Num 6, 24-26) sprechen wir uns den Frieden zu. Das Abendmahl kann mit der Vergebung der Sünden, der Erfahrung des Friedens mit Gott und mit der Gemeinschaftserfahrung Konfliktpotentiale überwinden und neue Zukunft eröffnen. In der Fürbitte bitten wir für den irdischen Frieden, und wir finden dabei Rückhalt im Vertrauen auf den Frieden Gottes, "der höher ist als alle Vernunft".

Im Alten Testament wird Gott oft als "Kriegsmann" dargestellt (vgl. Ex 15,3). Die Erzählungen wirken wie eine theologische Überhöhung des Krieges. Dabei wird übersehen, dass in den Geschichten der menschliche Anteil am Kriegserfolg zurückgedrängt und allein Gott zugeschrieben wird. Das Volk Israel verlässt sich ganz auf Gott. Jesaja warnt sogar davor, sich auf eigene militärische Stärke zu verlassen (Jes 7,9). Im Exil entwickelte sich die Hoffnung auf einen universalen messianischen Frieden (Jes 2,1-4, Mi 4). Immer wieder wird Gott im Alten Testament als der erfahren, der seinen vernichtenden Zorn begrenzt (Gen 6,17f), auf Ausübung von Gewalt verzichtet und in seinem Herzen die Güte siegen lässt (Hos 11 und öfter).

Das Neue Testament kennt viele Wege zur Ausbreitung des Friedens: Verzicht auf Vergeltung (Röm 12,19), Vergebung, die Neuanfang ermöglicht (Eph 4,32), Zurückstellen eigener Interessen (Phil 2,3f), Ertragen von Unrecht gegen die eigene Person um des Friedens der Gemeinschaft willen (1Kor 6,7) oder das Gebot der Feindesliebe (Mt 5,4). Wohl richtet sich der Missionsauftrag an alle Völker (Mt 28). Ob sich der Glaube aber erschließt, ist Sache des Geistes, also unverfügbar, und schließt jede Ausübung von Zwang und Gewalt im Namen Gottes aus. Heilige Kriege sind indiskutabel. Wir Christen dürfen im interreligiösen Gespräch die eigene Vergangenheit nicht vergessen. Angesichts des kulturellen und religiösen Pluralismus in der globalen Welt sind verstärkte Bemühungen um einen Dialog zwischen den Religionen unverzichtbar. Alle Religionen, auch die Nichtmonotheistischen, sind einzubeziehen. Jeder ernsthafte Dialog muss von Gleichberechtigung, gegenseitigem Respekt, Wahrhaftigkeit und Empathie geleitet sein. Eine klare Grenzziehungen zieht die Denkschrift dabei bei Gottesdiensten und Gebeten! Wegen der Unterschiede im Gottesverständnis und aus Gründen der Achtung anderer religiöser Überzeugungen können wir nicht miteinander, sondern nur nebeneinander oder nacheinander beten! Wir sollen und dürfen eine gewaltfreie Streitkultur entwickeln, und brauchen nicht nur das Anderssein des Anderen akzeptieren.

2. Für den Frieden bilden und erziehen

Die ev. Kirche ist eine Bildungsinstitution, wobei mit Bildung ein nicht auf das Kognitive begrenzter Prozess des Wissenserwerbs, sondern ein ganzheitliches Geschehen der Persönlichkeitsbildung gemeint ist, also Herzensbildung. Konkrete erzieherische Vermittlung von Werten und Normen, die sich aus dem christlichen Glauben ergeben, vermitteln wir im Elterhaus und Religionsunterricht. Am Beispiel der Dekade zur Überwindung der Gewalt wird deutlich, dass Bildung und Erziehung für den Frieden eine Aufgabe ist, die auf ökumenischer Ebene wahrgenommen werden muss.

3. Das Gewissen schützen und beraten

In reformatorischer Tradition erkennt die ev. Kirche dem Gewissen des Einzelnen eine zentrale Bedeutung für das christliche Leben und damit für die ethische Verantwortung und Urteilsbildung zu. Das Gewissen ist Hüter der persönlichen Identität und Integrität. Gegen das eigene Gewissen handeln ist immer verkehrt. Darum darf niemand zu etwas gezwungen werden – das ist die unmittelbare Konsequenz der unantastbaren Würde jedes Menschen. Die christliche Freiheit des Gewissens bewährt sich in der aktiven Liebe zum Nächsten und im Dienst am Mitmenschen. Daraus erwächst uns der Auftrag, nach Kräften den Frieden zu fördern und auszubreiten. Es kann sogar heißen, Schutz von Recht und Leben durch den Gebrauch von Gegengewalt zu gewährleisten (Röm 13,1-7).

Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung folgt aus der allgemeinen Gewissensfreiheit. Dies sollte auch in der EU verbindlich gewährleistet werden, fordert die Denkschrift, und sie verweist auf die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer. Auch an die wichtige Rolle der Militärseelsorge denkt sie und an ihre gestiegenen Anforderungen.

Nach dem 4. Aspekt, Für Frieden und Versöhnung arbeiten, mit weiteren konkreten Schritten, die ich hier überspringen muss, kommt die Denkschrift auf die 5. Forderung: Vom gerechten Frieden her denken.

Als Christen haben wir besondere Möglichkeiten, denn wir können von der Verheißung von Frieden und Gerechtigkeit her denken. Die Denkschrift verweist explizit auf Ps 85,11, wo davon die Rede ist, dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Dieser Dimensionen des gerechten Friedens wollen wir auch im Gottesdienst am 9. November in der Petruskirche nachgehen, denn der 85. Psalm wird Grundlage der Predigt sein. Seien Sie herzlich willkommen!

www.ekd.de/download/ekd_friedensdenkschrift.pdf

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